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| Entkorkt und ausgetrunken |
| ZEITGESCHICHTE Nicht nur die große Staatsvertragsschau im Belvedere, eine ganze Palette von Ausstellungen nimmt sich der österreichischen Geschichte der Jahre 1938 bis 1955 an. Staatstragendes Wiederaufbaupathos und Eine-Nation-findet-zu-sich-selbst-Ideologie sind den Ausstellungsmachern von heute dabei weitgehend fremd. ERICH KLEIN |
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| Der Abwurf der Bomben hätte 17 Sekunden früher erfolgen sollen. Drau leicht beschädigt, Mur, Salzach, March schwer beschädigt; Schäden am Knie wie am Gewand. Die in der Kartei des Wiener Denkmalamtes minutiös verzeichneten Schäden am Brunnen mit den Allegorien österreichischer Flüsse unter der Albertinarampe sind vergleichsweise harmlos. Selber schuld Die Ausstellung der Kartause Mauerbach behandelt die Schicksale von Denkmälern zwischen 1945 und 1955, eine dort gezeigte Karte besteht fast nur aus roten und schwarzen Punkten und Sternen, die über den Wiener Stadtplan verstreut sind: die Bombentreffer des Zweiten Weltkriegs. In den 53 zwischen März 1944 und März 1945 erfolgten Bombenangriffen wurden 6000 Gebäude zerstört, 270.000 Wiener hatten ihre Wohnungen verloren; durch 120.000 Tonnen Bomben der Alliierten kamen in Österreich 20.000 Zivilisten ums Leben, 50.000 wurden verletzt. Auch wenn Wien im Vergleich zu Wiener Neustadt, wo am Kriegsende von 4000 Gebäuden ganze 17 Häuser unversehrt geblieben waren, noch gut davongekommen war, so entpuppte sich die Annahme, dass die Alliierten die schon von den Nazis höchst geförderte Kulturhauptstadt des Dritten Reiches wegen ihres kulturellen Erbes verschonen würden, als bloßes Wunschdenken. Nicht einmal das nationale Heiligtum, der Stephansdom, blieb verschont. Trotz umfassender Schutzmaßnahmen, deren erste bezeichnenderweise schon 1939 erfolgte, war das Dach des Domes nach mehrfachen amerikanischen und russischen Treffern in der Nacht vom 11. auf den 12. April, am vorletzten Tag des Krieges in Wien, in Flammen aufgegangen. Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass amerikanische Bomben den Brand verursacht hatten, heute nimmt man an, dass Plünderer in Domnähe Feuer gelegt hatten, um ihre Spuren zu verwischen, und der Funkenflug dann auf das Gebälk übergegriffen hatte. Die Pummerin war am Boden nicht nur zerschellt, Teile zerschmolzen zu einem unförmigen Klumpen, der kurioserweise in etwa die Umrisse Österreichs hatte. Auch daran war man also selber schuld. Wer triumphierend in Paris und in die Sowjetunion einmarschiert, sollte sich nicht wundern, wenn später Franzosen und Russen in der eigenen Hauptstadt auftauchen. Not, heißt es, lehre beten – sie lehrt auch denken. Die österreichische Opferbilanz des Zweiten Weltkriegs besagt: 1,2 Millionen Österreicher wurden als Soldaten eingezogen, davon sind 247.000 gefallen, eine halbe Million geriet in Kriegsgefangenschaft; 120.000 österreichische Juden wurden vertrieben, 65.000 in Konzentrationslagern und Gefängnissen ermordet; 60.000 Österreicher wurden Opfer politischer Verfolgung. Sechzig Jahre nach Kriegsende besteht weitgehender Konsens darüber, dass Österreich nicht nur – wie in der sogenannten Moskauer Deklaration aus dem Jahr 1943 attestiert – erstes Opfer der Hitler’schen Aggression war, sondern zahlreiche Österreicher in der Zeit zwischen 1938 und 1945 auch als mehr als willige Helfer des Naziregimes Schuld auf sich geladen haben: eine Schuld, auf welche die Alliierten in ihrer Absicht, Österreich zu befreien, ohnedies auch schon hingewiesen hatten. Am Vorabend der Staatsvertragsunterzeichnung war die entsprechende Klausel eliminiert worden – Österreich war doch nur Opfer. Alle dem Jubiläum des Staatsvertrags gewidmeten Ausstellungen gehen von der Hinterfragung dieser Geschichtslüge der Zweiten Republik aus. Gerät F Im Zentrum der vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum EU-Beitritt vor zehn Jahren reichenden Staatsvertragsausstellung Neues Österreich steht der Weg in den Abgrund: Die Erste Republik, als Deutschösterreich mit der endemischen Krankheit des Anschlusses schon geboren, wächst mit den eskalierenden Konflikten zwischen Austromarxismus und politischem Katholizismus, dem Austrofaschismus, auf, unter tatkräftiger Mitwirkung österreichischer Nazis wird das Land 1938 eingegliedert. Hitler vermeldet vor der Geschichte unter allgemeinem Jubel auf dem Heldenplatz den Anschluss seiner Heimat ans Dritte Reich. Kaiser Karl, der letzte Habsburger, ist nur als Handpuppe präsent, dafür gibt es einen unbekannten Egger-Lienz; der Justizpalastbrand, zahlreiche Fotos des von Nazis ermordeten Heldenkanzlers Dollfuß im Jahr 1934 – die von höchst kritischen und in der Mehrzahl auch gut lesbaren Texten begleitete Schau vermeidet jede falsche Geschichtsteleologie, die so tut, als liefe alles auf Österreich 2 hin: Brüche und bis heute teilweise ungelöste Konflikte werden ebenso thematisiert, wie die Schrecken der Zeit inszeniert werden. Das spektakulärste Objekt der Ausstellung ist das Gerät F, ein Schafott, wie es zwischen Dezember 1938 und April 1945 im Wiener Landesgericht zur Exekution von mindestens 1200 Personen verwendet wurde. Das 36 Kilogramm schwere Messer entwickelt aus einer Fallhöhe von einem Meter eine Schlagkraft von 500 Kilogramm. Das simple Holzgestell verändert den Eindruck des Betrachters auf drastische Weise: Er befindet sich nicht mehr in einer durch Fotos oder eine Vitrine geschützten Distanz zur Geschichte, sondern steht gleichsam unmittelbar am Richtplatz: Der Kopf des Hingerichteten ist in diesen verzinkten Kübel gefallen, der wie ein Melkeimer aussieht. Auf diese Weise wurden Widerstandskämpfer wie der Gersthofer Kaplan Heinrich Maier oder der Augustinerchorherr Scholz im Wiener Landesgericht ermordet. Dass sie für Österreich starben, wie es in den Sechzigerjahren patriotisch hieß, würde heute niemand mehr sagen – dass dieser Teil der Staatsvertragsausstellung den in den letzten beiden Jahrzehnten dominanten Holocaustdiskurs durch den Widerstandsdiskurs sehr bewusst ergänzt, steht hingegen außer Zweifel. Nicht zuletzt deshalb wirkt die 280 Meter lange, die ganze Ausstellung durchlaufende rot-weiß-rote Fahnenbahn, die zwischen 1938 und 1945 unterbrochen ist, hier einigermaßen skurril. Beweisen die Ausstellungsgestalter mit der kasperltheaterartigen Darstellung der Männer der Geschichte (deren Köpfe aus Sektkorken geschnitzt sind) einigen Witz, so taten sie mit dem irgendwie feministisch gemeinten Gegengewicht einen weniger glücklichen Griff: Im Gegensatz zur Bundeshymne, die nur von der Heimat großer Söhne weiß, Ilse Aichinger, Herta Kräftner, Christine Lavant und Christine Busta sowie Elfriede Jelinek plus Ingeborg Bachmann als große Töchter der zweiten Republik zu präsentieren, ist bestenfalls gut gemeint. Denn dass die mit geradezu schwachsinnigen Bildunterschriften versehenen Dichterinnen als Konterpart zu den Klimt’schen Musen aus der Österreichischen Galerie tatsächlich ein repräsentatives Bild zeitgenössischer Frauen ergeben, darf man bezweifeln. Zum arisierten Bild der Adele Bloch-Bauer würde der auf die österreichische Nachkriegsgesellschaft gemünzte Ausdruck der Bachmann Unter Mördern und Irren abgewandelt zu Unter Mördern und Räubern passen. Erbsenspende, Marshallplan An den Anfang der Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik und die durch den Eisernen Vorhang erzwungene Überwindung der traditionellen Brückenfunktion zwischen Ost und West kehrt die ästhetisch gelungenste Ausstellung dieses Gedenkjahres zurück – Österreich baut auf, zu sehen im Technischen Museum. Im Frühjahr 1945 war nicht nur die Infrastruktur des Landes zerstört, es herrschte auch akuter Hunger. 1945 starb jedes sechste Kind noch im ersten Lebensjahr. Die in der Bevölkerung eher verachtete Notversorgung mit Lebensmitteln durch die Rote Armee, die sogenannte Erbsenspende, wurde erst durch die UNRAA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) abgelöst. Bis zum März 1946 lieferten die USA 800.000 Tonnen Nahrungsmittel, allgemein als Care-Paket bekannt. Dann folgte die im großen Stil angelegte Wiederaufbauhilfe des Marshallplans: eine Milliarde Dollar bis 1953. Realer Hintergrund der Stahl- und Papierindustrie, gleichermaßen aber auch Landwirtschaft und Tourismus betreffenden Erfolgsgeschichte: Das in vier Besatzungszonen aufgeteilte, 1947 von Hungerrevolten und 1950 von der Gefahr eines kommunistischen Putsches (wie real auch immer) bedrohte Land legte damit den Grundstein seiner wirtschaftlichen Erneuerung. Die gleichzeitige Ausbeutung der lokalen Ölvorkommen durch die Sowjets machte Österreich zum Durchlaufposten amerikanischer Gelder. Jedenfalls erlaubte die von der sowjettreuen KPÖ ausschließlich als Instrument des US-Imperialismus verstandene Marshallhilfe nicht nur die Fertigstellung gigantischer österreichischer Prestigeprojekte wie den Bau des Kraftwerks Kaprun, sie war überhaupt die entscheidende Weichenstellung zu einer tiefgehenden Amerikanisierung des Landes. Dass die mit dem Marshallplan unmittelbar befasste junge Ministerialbeamtin Margarethe Ottilinger 1947 von den Sowjets verschleppt und wegen Spionage für die Amerikaner zum Tod verurteilt wurde, stellt nicht nur ein tragisches Einzelschicksal der Besatzungszeit dar: Ihre spätere Karriere nach achtjähriger Lagerhaft in Sibirien macht Ottilingers Biografie zu einer weniger romantischen als die im Belvedere vorgeführten Frauenleben. Bilder ihrer Rückkehr aus Russland nach Österreich sind wie zahlreiche andere des Alltags der jungen Republik in der Nationalbibliothek zu sehen. Im Belvedere hätten sie möglicherweise die Russen gestört. Stimme des Jubels Wem es angesichts des Holocaust die Rede nicht verschlägt, dem ist nicht zu helfen: Darüber ist alles bekannt. Zwar kann man die in Elfriede Jelineks Kindern der Toten oder in Christoph Ransmayers Morbus Kitahara unternommenen Versuche, mit der katastrophalen Vergangenheit des Landes zurande zu kommen, als zynisch bezeichnen – an den realen Zynismus der Zweiten Republik im Umgang mit ihren Juden reichen sie nicht heran. Die Ausstellung des Jüdischen Museums Wien über Die Zweite Republik und ihre Juden (so der Untertitel) hat die niederträchtige Schattenseite der Zweiten Republik zum Thema: Jetzt ist er bös, der Tennenbaum. Da verspricht zum Beispiel Kanzler Leopold Figl, der selbst die Erfahrung des Konzentrationslagers gemacht hat, am Vormittag Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde, sich für die Restitution des von den Nazis geraubten Gutes einzusetzen, am selben Tag ist er im Rahmen einer Ministerratssitzung damit einverstanden, die Sache in die Länge zu ziehen, wie SPÖ-Innenminister Helmer anregte. Mit antisemitischen Äußerungen wissen seit 1945 ausnahmslos alle österreichischen Parteien zu glänzen, gilt es doch, die ehemaligen Nationalsozialisten – 700.000 an der Zahl – als Wähler zu gewinnen. Die selbstbewusst und dabei auch in vielen Dingen mit viel Witz agierende Ausstellung ist mehr als sehenswert. Die zahlreichen Bilder von displaced persons etwa, die sich in der beachtlichen Zahl von mehr als eineinhalb Millionen in Österreich befanden, sind hier erstmals zu sehen. Das schönste Objekt der Ausstellung ist ein von einer jüdischen Hilfsorganisation übergebener Trauhimmel, dessen hebräische Inschrift lautet: Stimme der Freude / Stimme des Jubels / Stimme des Bräutigams / Stimme der Braut. Jeans, Jazz, Sinalco Unter dem Titel Die Sinalco-Epoche setzt das Wien Museum seine Ausstellungen zur Westanbindung Österreichs fort: Essen, Trinken, Konsumieren nach 1945. Der Marshallplan als Transmissionsriemen amerikanischen Wohlstandstransfers nach Europa hatte nicht nur dem zur Bekämpfung des Hungers notwendigen Natural- und Schleichhandel ein Ende bereitet: Care-Paket und die heute schon einigermaßen vergammelt wirkenden Corned-Beef-Dosen fanden bald ein Ende. Einbauküchen, Küchenmaschinen, Kühlschränke, die Luxusartikel für jedermann und jedefrau trieben auch die beabsichtigte Amerikanisierung des Lebens voran: Jazz, Jeans, Rock ’n’ Roll – am coolsten ist, wer Sinalco trinkt. Einfache Geister begnügen sich mit Austro-Cola. Als Zugeständnis an den Staatsvertrag ist eine von wem auch immer geleerte Flasche Dürnsteiner Katzensprung zu sehen. Besucht man das Wien Museum noch vor Ausstellungseröffnung, blickt man weniger auf auratische Ausstellungsobjekte, sondern einfach auf Sachen (der in allen Ausstellungen dieses Jahres vertretene Kinderwagen symbolisiert schlicht die Zukunft). Angesichts der orangen Aida-Stühle, wie man sie heute auch noch außerhalb des Museums findet, stellt sich die Frage nach dem Anfang und dem Ende von Geschichte. Am besten denkt man darüber in der Aida-Filiale an der Ecke Operngasse/Opernring nach. Der Heinrichshof zur Rechten des Cafés wurde vor sechzig Jahren weggebombt, ein anderes Gebäude wieder aufgebaut: Weil am 12. März 1945 aufgrund des schlechten Wetters auch schlechte Sicht herrschte, erfolgte in einem in 8000 Meter Höhe fliegenden amerikanischen Bomber der Knopfdruck zu spät – statt der Raffinerie Floridsdorf wurde neben dem Philipps- und dem Heinrichshof die Wiener Staatsoper zerstört. AUSSTELLUNGEN Österreich im und nach dem Krieg Aus Trümmern wiedererstanden: Denkmalschicksale 1945 bis 1955 bis 30. Oktober in der Kartause Mauerbach (3001 Mauerbach, Kartäuserplatz 2) Österreich baut auf bis 2. Oktober im Technischen Museum (14., Mariahilfer Straße 212) Jetzt ist er bös, der Tennenbaum – Die 2. Republik und ihre Juden bis 4. Juli im Jüdischen Museum (1., Dorotheergasse 11) Zerstörung und Wiederaufbau von St. Stephan bis 16. Juli im Erzbischöflichen Dom- und Diözesanmuseum (1., Stephansplatz 6) Die junge Republik. Alltagsbilder aus Österreich 1945–1955 bis 31. Oktober in der Nationalbibliothek (1., Josefsplatz 1, Prunksaal) Off Limits – Amerikanische Besatzungssoldaten in Wien 1945–1955 bis 3. Juni in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek (1., Rathaus, Stiege 4, 1. Stock, Tür 328) Die Sinalco-Epoche – Essen, Trinken, Konsumieren nach 1945 vom 12. Mai bis 25. September im Wien Museum (4., Karlsplatz) Das Neue Österreich. Die Ausstellung zum Staatsvertragsjubiläum 1955/2005 vom 16. Mai bis 1. November im Oberen Belvedere (3., Prinz-Eugen-Straße 27) Informationen zu den Begleitprogrammen: www.oesterreich2005.at |
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