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| Mit Leiberl und Seele |
| MODE Wer nach guten T-Shirts abseits des Modemainstreams sucht, hat mittlerweile eine große Auswahl an Designern und Labels – zum Beispiel diese fünf jungen Wiener Leiberllabels. THOMAS PRLIC´ (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos) |
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| Melanie de Goederen hatte sie irgendwann einfach satt. Die Leiberln mit den viel zu kurzen Ärmeln und die nervigen Bauchfreien, bei denen es vorne und hinten ständig zieht. Noch dazu fand die 33-Jährige bei Shirts ständig irgendwelche Details, die ihr nicht passten. Ich hätte immer gerne jemanden gehabt, der das ändert, erzählt de Goederen, die die Angelegenheit schließlich selbst in die Hand nahm, das Modekolleg Hetzendorf absolvierte und ihr eigenes T-Shirt-Label Buntwäsche gründete. Für ihre Leiberlproduktion hat sie sich ein Modulsystem ausgedacht, mit dem sie jedes Shirt einzeln und maßgeschneidert fertigt. Dabei können die Kunden aus nicht weniger als 19.828.800 möglichen Designs wählen. Es muss nicht immer das 08/15-Billigleiberl sein. Wer für den Sommer abseits vom Modemainstream nach passender Oberbekleidung sucht, hat in Wien mittlerweile eine Auswahl an jungen Modemachern. Gerade in den letzten Jahren sind hier eine Menge neuer Labels entstanden, die mit ganz unterschiedlichen Ansätzen T-Shirts entwerfen, produzieren und auch international erfolgreich verkaufen. Buntwäsche hat Melanie de Goederen vor einem Jahr gegründet. Vom Nähen bis zum Bedrucken erledigt sie sämtliche Arbeitsschritte selbst. Die hohe Anzahl theoretisch möglicher Designs ergibt sich aus den hochgerechneten Kombinationen der Schnitte, Stofffarben, Ärmellängen, Motive, Motivpositionen und -farben. Auf der Website des Labels kann man sich mit einem Baukastensystem das Leibchen seiner Wahl zusammenbasteln. Anfangs arbeitete de Goederen noch daheim, seit einiger Zeit schneidert sie nun in ihrem Ottakringer Ladenlokal. Schwierig sei zu Beginn gewesen, überhaupt den richtigen Stoffanbieter zu finden. Für ihre Produktion benötigt sie nur eine verhältnismäßig kleine Menge Stoff, der dafür in vielen verschiedenen Farben verfügbar und gleichzeitig jederzeit nachbestellbar sein soll. Jetzt kooperierte sie mit einem Vorarlberger Hersteller. Derzeit hat de Goederen fünf verschiedene Motivserien im Angebot, Miriam und Dora nennt sich beispielsweise eine Reihe von witzigen Kritzelzeichnungen, die ihre Töchter gemacht haben, Mayday wiederum sind Symbole mit Verhaltensanweisungen bei Flugzeugabstürzen. Auch für Milan Simic war Unzufriedenheit mit dem bestehenden Angebot die Initialzündung für die Gründung seiner Firma Merchzilla. Der Musiker war bei seiner HipHop-Band Schönheitsfehler auch fürs Grafikdesign und die Bandleiberl zuständig. Weil die Druckereien aber immer viel zu große Mindestmengen verlangten und Sonderwünschen nicht gerade offen gegenüberstanden, beschloss Simic, die Leibchen einfach komplett selbst zu machen. Als studierter Designer besaß Simic ohnehin das grafische Know-how und über Drucktechnik wusste er auch einiges. Von der Band Heinz bekam er vor drei Jahren schließlich den ersten Fremdauftrag. Seither ist Merchzilla kontinuierlich gewachsen, das kleine Unternehmen hat mittlerweile acht Mitarbeiter, die für viele Kunden aus dem Musikbereich, für Agenturen, Designer und andere Firmen T-Shirts bedrucken. Wichtigstes Prinzip des Shirts on demand-Konzepts ist dabei, dass Merchzilla auch Kleinstserien produziert, bei Bedarf fertigt man sogar Einzelstücke an. Um die Kosten im Rahmen zu halten, verzichtet Simic aufs Lager und bestellt lieber täglich Nachschub. Die Lieferanten musste ich erst zu den kleinen Stückzahlen erziehen, erzählt der Merchzilla-Chef. Er beansprucht für sich, schon mal Aufträge von Kunden abzulehnen, die nicht zur Firmenphilosophie passen, und designt nach wie vor auch Dinge selbst. Neben den gewöhnlichen Aufträgen produziert Merchzilla immer wieder für soziale Zwecke. Nach der Flutkatastrophe in Südostasien fertigte man etwa fürs Rote Kreuz Solidarity for South Asia-Leiberln an. Die bekannten Shirts für die Flüchtlingshelferin Ute Bock stammen ebenfalls aus der Merchzilla-Werkstatt. Neben einem Webshop vertreibt die Firma ihre Produkte mittlerweile auch in einem Retail Store. In der Gumpendorfer Straße teilt sich Merchzilla einen Laden mit dem BMX- und Skatershop Rock an Roll. Ein Shirt muss sitzen, der Person passen und zur Person passen, erklärt Simic seine Shirtphilosophie. Und: Ein Shirt ist einfach verdammt praktisch, es kann aber auch verdammt sexy sein. Bei den Leiberln von Mandarina Brausewetter kommt noch ein politischer Aspekt dazu. Die gebürtige Bulgarin entwirft unter dem Labelnamen The Hot Dogs T-Shirts im Graffitilook mit politischen Motiven und Slogans. Neben einem Militärhubschrauber steht dann der Spruch Dich schickt der Himmel, oder ein Kind schmiegt sich an eine Bombe, darüber ist zu lesen Love is in the air. Brausewetters erste Leibchen entstanden kurz vor Ausbruch des Irakkrieges. Die Motive und Slogans seien bewusst plakativ gehalten und sollten auch als persönliche Aussage verstanden werden, erklärt die gelernte Grafikdesignerin. Wenn man ein Leiberl kauft, wird man sowieso zum Werbeträger gemacht, bewusst oder unbewusst, meint Brausewetter. Dann trag ich lieber gleich ein Statement, das zu mir passt. Auch wenn sie keine explizite politische Message tragen, standen Shirts immer schon für den Ausdruck einer gewissen Lebenseinstellung oder für eine bestimmte Szenezugehörigkeit. Während in den Fünfzigerjahren der junge Marlon Brando im Unterleiberl noch den wilden Revoluzzer symbolisierte, sind Shirts heute längst normaler Bestandteil der Alltagskultur. T-Shirts sind heute eine Oberfläche, auf der man sehr schnell eine Message transportieren kann – welche auch immer das dann ist, sagt der Modemacher Markus Hausleitner. Selbst die bei jungen Frauen beliebten Glitter-Girlieshirts könne man als Ausdruck ihrer Zeit politisch interpretieren, meint der Designer. Das Outfit symbolisiere dabei Verniedlichung. Für Hausleitner ist Mode generell politisch konnotiert, weil es das Erste ist, was man von einem Menschen wahrnimmt. Hausleitner studierte an der Angewandten Mode und bekam bereits verschiedene Preise für seine Kollektionen. Für seine Abschlussarbeit zum Thema Shirts und Jugendkultur konstruierte er Originalschnitte von den Zwanzigerjahren bis zur Techno- und Ravekultur der Neunziger nach, wobei in die Rückenelemente sämtlicher Stücke T-Shirts eingearbeitet waren. Mich interessiert besonders die Brücke zwischen Kunst, Musik und dem gesellschaftlichen Einfluss, sagt Hausleitner, der zum Falter-Termin extra sein Lieblingsleiberl angezogen hat – ein rund zehn Jahre altes Shirt der englischen Punkband X-Ray Spex. Das war einfach schon bei jeder wichtigen Gelegenheit mit dabei. Es ist ein Reisebegleiter und ein Glücksbringer. Leiberl mit Geschichte sind beim Label Retrofame überhaupt essenzieller Teil des Konzepts. Die Wiener Firma begann vor ein paar Jahren, Secondhand-Shirts aus Beständen der amerikanischen Heilsarmee zu importieren, zu re-labeln, und mit einer erfundenen Geschichte über den vermeintlichen Vorbesitzer wieder zu verkaufen. Heute vertreibt Retrofame seine Shirts in ganz Europa, den USA und Australien. Wobei Labelmitbegründer Michael Herzog die Ware lieber als vintage denn als retro bezeichnet. Schließlich seien die Shirts ja tatsächlich alt, und nicht fake-alt wie die Retroleiberl mit zum Beispiel Siebzigerjahrereklame drauf, wie man sie derzeit überall bekommt. Das Label produziert mitterweile auch eigene Kollektionen. Bei der Taylored-Reihe lässt man alte Leiberln umschneidern, die Reissued-Serie ist komplett neu designt und thematisch an zeitgeschichtliche Themen aus Politik, Kultur und Musik angelehnt. Einmal hat man beispielsweise die Black-Panther-Bewegung aus den USA der Sechzigerjahre motivisch recycled. Mit 45 Euro pro Leiberl ist Retrofame alles andere als ein Billiganbieter, dafür hat man auch nichts mit kleinen Stückzahlen am Hut. Während die Vintage-Shirts alles Einzelstücke sind, ließ man für eine Reissued-Kollektion mit mexikanischen Motiven vergangenes Jahr 25.000 Stück produzieren. Und da fängt’s erst an, sagt Herzog. In dem Markt, in dem wir uns bewegen, muss man eigentlich 100.000 Stück verkaufen. Wobei man als Designer nicht unbedingt in der Zeitgeschichte kramen muss, um auf politische Motive zu kommen. Der Buntwäsche-Frau Melanie de Goederen lieferte beispielsweise die FPÖ-Spaltung die Idee für ein neues Druckmotiv. Weil sie sich ein zur Hälfte blau- und zur anderen Hälfte orangefarbenes Leiberl nicht durch die Assoziation mit den Parteifarben von FPÖ und BZÖ madig machen lassen wollte, verpasste sie dem Shirt eine simple, aber pointierte Message. Die farbigen Leiberlhälften zieren jetzt zwei kurze Worte: weder und noch. Buntwäsche 16., Haberlgasse 71, Besuch gegen Voranmeldung, Tel. 0699/19 44 07 89, Bestellung unter www.buntwaesche.at Markus Hausleitner www.marklebon.org Merchzilla Retail Store: 6., Gumpendorfer Straße 118, Do, Fr, Sa 12–18 Uhr, www.merchzilla.com The Hot Dogs dzt. erhältlich bei: 7., Gloom, Neubaugasse 75 bzw. 7., Disaster Clothing, Kirchengasse 19, www.thehotdogs.org Retrofame 1., Bartensteingasse 4., Tel. 743 64 97, Mo–Do 9–18, Fr 9–15 Uhr, www.retrofame.com |
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