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| Haberer |
| AIDS HIV und Aids sind aus den Schlagzeilen verschwunden, doch nicht die Vorurteile über sie. Die Lebensumstände von Menschen mit HIV oder Aids sind kaum bekannt, Organisationen wie der Buddy Verein kämpfen gegen soziales Aids an und kümmern sich um Betroffene. Sie sind auf das Geld des Life Ball angewiesen. CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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| Georgina busselt Werner, drückt ihn fest an sich. Die zwei sitzen in einem Teehaus in der City gemeinsam auf einer Biedermeierbank, trinken heiße Schokolade und Kaffee und lassen sichs gut gehen. Ein seltsames Paar, die ältere Dame mit Seidenblumen in der weißen Lockenpracht, großen Klunkern am Hals und bunt lackierten Fingernägeln und der kräftige Mann mit Jeansjacke an ihrer Seite. Wir haben eine unglaublich schöne Zeit, versichern sie glaubwürdig. Einer von beiden ist HIV-positiv, einer ist Buddy. Wer mit HIV oder der ausgebrochenen Krankheit Aids lebt, erfährt hierzulande noch immer Diskriminierung und Einsamkeit. Das Thema ist tabu, für viele sind die Betroffenen selber schuld an ihrem Schicksal. Über Krebs oder Herzinfarkt zu sprechen ist kein Problem, wer das Virus hat, schweigt lieber. Oder er sucht sich einen Buddy, zu deutsch: Kumpel, wienerisch Haberer. Der kümmert sich vorurteilsfrei um Menschen mit HIV oder Aids, besucht sie oder geht mit ihnen ins Kino. Ein Buddy wertet nicht, er hilft und stärkt – vor allem emotional. Neben den Buddys gibts auch noch die sogenannten Helferzellen. Sie besuchen Klienten im Spital, begleiten sie zu Behörden oder Untersuchungen oder füttern bei Abwesenheit die Katze. 35 Ehrenamtliche, davon 21 Buddys, aus allen Berufen und Schichten, Männer wie Frauen, engagieren sich im Buddy Verein gegen das soziale Aids. Erste Buddys gabs in Wien 1986, im Rahmen der Aids Hilfe wurde das Projekt 1988 nach kalifornischem Vorbild gegründet und ist seit 1991 ein Verein ohne öffentliche finanzielle Unterstützung. Geld für Büromiete, Infrastruktur, Verwaltung und die Betreuung der Ehrenamtlichen stammt – zum größten Teil – aus den Einnahmen des Life Ball, von Sponsoren und Mitgliedern. Wir haben Klienten, für die ist der Buddy das Stabilste, was sie je in ihrem Leben gehabt haben, sagt Nina Arzberger, Psychotherapeutin, Koordinatorin beim Verein und Mitbegründerin. Waren in der Anfangszeit der Wiener Buddy-Arbeit die meisten Klienten Schwule, die aus Angst vor Diskriminierung in der Szene Hilfe suchten, betreut man mittlerweile viele Menschen mit Drogengeschichte und HIV-positive Frauen ohne Community, ohne Familie oder andere soziale Netzwerke. Betroffene müssen sich selbst melden, wenn sie Hilfe brauchen, zwangsbeglückt wird niemand. Das sei, erzählt Arzberger, meist nicht leicht für die Klienten. Die schieben den Anruf bei der Hotline oft monatelang vor sich her, denken so schlecht gehts mir doch gar nicht. Bei einem Erstgespräch checkt man die Bedürfnisse, Interessen und Gemeinsamkeiten mit möglichen Buddys, der Verein vermittelt ein erstes Kennenlernen, wenn es dem Duo nach drei Monaten gelungen ist, eine Basis aufzubauen, geht das Verhältnis in die Verlängerung, nach einem Jahr feiert man Jahrestag. Am 12. Februar 2004 haben sie einander das erste Mal getroffen. Georgina Mourelatos, 62, Energetikerin und Dame von Welt, weiß das Datum auswendig, wie man Geburtstage kennt oder den Hochzeitstag. Das war eine göttliche Fügung, sagt Werner. Der 41-Jährige hatte schon zuvor einmal einen Buddy, aber irgendwie funktionierte es zwischen den beiden nicht. Der war mir zu passiv, den habe ich eher motivieren müssen. Diesmal wünschte sich Werner eine Frau zum Buddy – und bekam Georgina. Als sie Geburtstag hatte, malte er ihr ein Bild, kochte die beste Spaghettisauce der Welt und sagte: Du bist die Quelle und hast einen Springbrunnen aus mir gemacht. Georgina ist heute noch gerührt, wenn sie daran denkt. Früher, in seinem Leben vor HIV, hatte Werner einen kaufmännischen Beruf. Jetzt ist er pensioniert und macht das, was er schon immer machen wollte: malen, die Matura nachholen, vielleicht studieren. Vor 15 Jahren, als er seine Diagnose bekam, gab man ihm noch zwei Jahre, mittlerweile bekommt er eine Kombinationstherapie und hat sich auf seine eigene Art mit dem Virus arrangiert: Ich habe einen Freundschaftspakt mit meinem Virus geschlossen. Er darf in meinem Körper leben, denn wenn er mich umbringt, wird er auch selbst sterben. Durch die Medikamente sinkt die Anzahl der Viren in seinem Körper manchmal unter die Nachweisbarkeitsgrenze, durch die Nebenwirkungen geht es Werner manchmal schlecht. Wer als Buddy oder Helferzelle arbeitet, soll auch etwas zurückbekommen, sagt Projektkoordinatorin Arzberger und meint damit gute Gefühle und neue Erkenntnisse. Wenn ich nichts für mich nehmen kann, wird Freiwilligenarbeit gleich so aufopfernd, so grenzenlos. Im Verein legt man großen Wert darauf, dass die Ehrenamtlichen ein ausgefülltes Alltagsleben haben. Wir suchen Leute, die sich für Menschen mit HIV engagieren wollen, keine mit blindem Helfersyndrom. Da reagieren wir allergisch. Bei Neueinsteigern versucht Arzberger herauszufinden, welchen persönlichen Bezug sie zu der Arbeit haben. Viele haben durch die Krankheit Freunde oder Angehörige verloren. Jungen Bewerbern legt sie nahe, sich im Helferzellen-Projekt zu engagieren, bei dem die emotionale Bindung an die Klienten weniger ausgeprägt ist – Menschen Anfang zwanzig sind oft überfordert, wenn sie jemanden begleiten, der doppelt so alt ist. Wir wollen wissen, wie die Leute HIV sehen, ob sie darüber reflektieren können. Man müsse lernen, die unterschiedlichsten Facetten der Realität zu akzeptieren, dazu gehörten auch möglicherweise unbekannte Lebenswelten und -formen. Wir sind keine Drogenberatungsstelle, die die Leute clean bekommen will, das ist manchmal halt schwer auszuhalten. Darum gehört zum freiwilligen Buddy-Job, alle zwei Wochen an einer Supervision teilzunehmen, bei der die Buddys in der Gruppe über ihr Tun reflektieren und mögliche Probleme lösen können. Diese Gruppenreflexion ist kein Luxus, sondern wichtiger Aspekt sozialer Arbeit. Es habe noch kein Treffen gegeben, bei denen es Unstimmigkeiten zwischen den beiden gab, erzählen Georgina und Werner: Sie reden stundenlang über alles, von Spiritualität bis zum Waschmittelkauf. Oder sie schweigen und hören Musik. Sie lachen viel, vor allem über sich selbst, und weinen auch manchmal miteinander. Das ungleiche Paar trifft sich einmal die Woche, man geht spazieren, ins Kaffeehaus oder ist kulturell unterwegs. Die beiden haben einen genauen Plan, und was sie sich vorgenommen haben, ziehen sie auch meistens durch – vom Teppichkauf bis zum Ausflug auf den Wilhelminenberg. Da haben wir uns in die Wiese gelegt, und der Werner hat einfach zwei Stunden geschlafen, erzählt Georgina. Ihr ganzes Leben sei sie auf der Seite der Schwächeren und Ausgegrenzten gestanden. Ich habe so viel Energie, die muss ich verteilen, sonst würde ich platzen. Ihre erste Klientin sei wie eine Tochter für sie gewesen. Sie hat die Amerikanerin bis zum Tod begleitet. Respekt, Toleranz, Liebe und Wertschätzung, das sind die Werte, die für sie zählen, auch im Umgang mit HIV-positiven Menschen. Die Leute sind immer noch zu wenig aufgeklärt, schimpft sie und erzählt, wie einige Bekannte reagierten, als sie vor acht Jahren begann, sich beim Buddy Verein zu engagieren. Da können wir dir ja gar kein Busserl mehr geben, wenn du Aidskranke umarmst, hätten die gesagt. Georgina hat sich vom ihnen verabschiedet. Ohne Busserl. Wenn unser Zusammensein eines Tages aufhören sollte, wünsch ich mir länger keinen neuen Buddy und dann wieder einen Mann, sagt Werner. Eine Frau hätte es nämlich sehr schwer, mit Georgina zu konkurrieren. Die hat für ihren Schützling ein Fotoalbum angelegt. Auf der Seite eins das Bild vom ersten Treffen in der Rosa Lila Villa, dann folgen viele andere. Wir wollen die schönen Momente einfangen, sagt Georgina. Immer wenns ganz besonders stimmig ist, sag ich: ‚Werner, ich muss ein Foto machen. Das Album hat noch genug Platz und viele leere Seiten. Buddy Verein, Spendenkonto: WSK 440.341, BLZ 44960, Infos: www.buddy-verein.org |
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