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| Bin kein Guglhupffreund |
| PRÄSIDENTHeinz Fischer über die neue Würde seines Amtes, österreichische Täter, die Reflexe in den Kärntner Köpfen und seine Kindheit unter Nazis und Russen. GERALD JOHN und EVA WEISSENBERGER |
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| Thomas Klestil sprach nur mit ausgewählten Journalisten: oft und gerne mit News, hin und wieder mit dem Kurier oder der Austria Presse Agentur – allerdings versuchten die Sekretäre des Präsidenten dann, den Redakteuren vorher die genehmen Fragen zuzustecken. Und selbstverständlich, so sah man es in einer Arte-Dokumentation, wurde Krone-Chef Hans Dichand in der Hofburg empfangen. Heinz Fischer versprach, es seinem verstorbenen Vorgänger in dieser Hinsicht nicht gleichtun zu wollen. In meinen vierzig Jahren in der Politik ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen, jedem Interviews zu geben, sagte er, damals noch Zweiter Nationalratspräsident, in einem Falter-Interview vor zwei Jahren. Von dieser Gewohnheit werde ich nicht abrücken. Er hat Wort gehalten. Bundespräsident Fischer amtiert nun seit knapp einem Jahr. Vergangenen Donnerstag empfing er den Falter an jenem barocken Tisch in seinem Büro, an dem Klestil und Dichand so filmreif Guglhupf geschmaust hatten, zum Interview. Allerdings nicht, ohne auf die Vorsichtsmaßnahmen bei Hofe hinzuweisen. Unter der Tischkante befinden sich zwei Druckknöpfe: Betätigt der Präsident den grünen, bringt seine Sekretärin Kaffee. Wählt er den roten, kommt die Polizei. Also, warnte Fischer im Scherz, seid’s vorsichtig mit den Fragen! Falter: Herr Bundespräsident, haben Sie Krone-Chef Hans Dichand an diesem Tisch schon einen Guglhupf kredenzt? Heinz Fischer: Ich habe mit Herrn Hans Dichand schon gesprochen, selbstverständlich. Aber ich bin kein Guglhupf-Freund. Wie haben Sie Österreich im vergangenen Jahr sonst noch verändert? Ich will das Amt des Bundespräsidenten weder unterschätzen noch überschätzen und bin mir daher bewusst, dass ich die Lebenssituation eines Arbeiters in Kapfenberg oder eines Bergbauern in Osttirol nicht beeinflusst habe. Verändert habe ich vielleicht Amtsstil und die Amtsauffassung, sodass das Amt des Bundespräsidenten jetzt außer Streit steht. Möglicherweise kann ich die Meinungsbildung bei wichtigen europäischen, historischen, gesellschaftlichen und sozialen Fragen beeinflussen, ohne dass mir deshalb Einmischung in die Tagespolitik vorgeworfen wird. Wo kann man Ihren Einfluss konkret sehen? Vielleicht habe ich mit dem Satz Man muss wissen, worauf man stolz sein kann und wofür man sich schämen muss zu einer differenzierteren Sichtweise der tatsächlichen Abläufe in der Geschichte unseres Landes beigetragen. Vielleicht kann man als ein zweites Beispiel anführen, dass die Neutralität heute mehr respektiert wird als noch vor einem Jahr. In Sonntagsreden möglicherweise, aber gerade erst hat das Parlament die EU-Verfassung ratifiziert. Die EU-Verfassung fügt der Neutralität keinen Schaden zu. Die Neutralität wird heute auch von Regierungsseite akzeptiert, während es lange Zeit so ausgesehen hat, als wollte man sie in irgendeinem Tabernakel der Geschichte entsorgen. Im Wahlkampf wurde mit allen möglichen Versprechungen um jede weibliche Stimme gekämpft. Was haben Sie seitdem für die Frauen getan? Als Bundespräsident habe ich keine Gesetze vorgelegt. Aber ich habe mich natürlich für Gleichberechtigung und Anerkennung der Frauen eingesetzt. Ich habe Wert darauf gelegt, dass bei der staatlichen Republikfeier nicht nur der Bundespräsident, der Bundeskanzler und der Vorsitzende der Landeshauptleutekonferenz sprachen, sondern auch eine weibliche Stimme zu Wort kam. Ich habe auch in meiner Fernsehansprache zur Gründung der Republik ausdrücklich die Leistung der Frauen beim Wiederaufbau hervorgestrichen und unter anderem die Wiedereinführung des Käthe-Leichter-Preises erreicht. In Ihren Reden zum Gedenkjahr haben Sie gerne und ausführlich über Ihre Liebe zu Österreich gesprochen. Was können Sie an diesem Land partout nicht ausstehen? Es gibt Menschen, die Dinge sagen, die ich nicht akzeptieren kann. Es gibt Ereignisse, es gibt Positionen, die ich nicht ausstehen kann. Aber das Land als solches kann nichts dafür. Die Republik Österreich ist ein Staat, zu dem ich mich uneingeschränkt bekenne. Irgendetwas muss Ihnen doch auf die Nerven gehen? Das Wetter, die Grantler, Jörg Haider? Ich habe gute Nerven. Schlechtes Wetter verdirbt mir nicht die Laune, weil auch Schnee und Regen notwendig sind. Wie wäre es damit: Aufstände gegen zweisprachige Ortstafeln,. Wehrmachtsdeserteure sind sozialrechtlich noch immer benachteiligt. Warum sind saubere Lösungen sechzig Jahre nach Kriegsende nicht möglich? Was die Wehrmachtsdeserteure betrifft: Mein Bekenntnis zu Oberstleutnant Robert Bernardis hat zu einem Denkmal und zu Beratungen im Parlament geführt ... ... die bisher an der sozialrechtlichen Benachteiligung nichts geändert haben. Die Beratungen sind noch nicht beendet. Das Parlament hat ja noch Gelegenheit, die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Und zum Thema Ortstafeln: Es wäre höchste Zeit, den Staatsvertrag zu erfüllen. Ein Erkenntnis des Verfassungsgerichts muss Berücksichtigung finden. Es ist aber auch wichtig, dass die Tafeln letzten Endes im Konsens aufgestellt werden. Mit dem Hinweis auf Konsens kann man jedes Minderheitenrecht wegdiskutieren. Welche Reflexe sitzen da so tief in den Kärntner Köpfen? Ich war unlängst in Kärnten und habe mit Leuten aus diesen Ortschaften gesprochen. Die sagen, sie hätten Angst, dass hier quasi slowenisches Territorium gekennzeichnet würde, was im schlimmsten Fall Gebietsansprüche zur Folge haben könnte. Ich halte diese Argumentation für eindeutig falsch und unbegründet, aber ich kann nicht übersehen, dass es Menschen gibt, die so denken. Wir brauchen eine friedliche Lösung, sonst müssen wir neben jede Ortstafel zwei Gendarmen stellen. Und dann hätten wir Spannungen und Hass in manchen Dörfern. Laut Umfragen meinen 44 Prozent der Österreicher, der Nationalsozialismus hätte sowohl Gutes als auch Schlechtes gebracht. 42 Prozent sind der Meinung, Juden würden die Erinnerung an den Holocaust zu ihren eigenen Zwecken ausnützen. Was läuft da falsch? Ich hab meine Zweifel, ob die Österreicher wirklich so denken. Ich glaube, dass mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung die NS-Zeit als eine katastrophale Periode der Diktatur, des Krieges, der Menschenrechtsverletzungen und der Konzentrationslager identifizieren. Das sieht Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, wohl so ähnlich. Vielleicht war die Fragestellung der Umfrage unklar. Vielleicht muss ein Präsident aber auch immer sein Volk verteidigen. Das wäre ja nichts Schlechtes. Ich bin der Überzeugung, dass die Österreicher zwischen NS-Zeit und Demokratie genau unterscheiden können. Das haben sie oft bewiesen. Wir sollten selbstkritisch, aber nicht masochistisch sein. Sie haben in Ihren Reden zum Gedenkjahr über den Stolz auf den Staatsvertrag, aber auch über die Schande von Mauthausen gesprochen. Die Mittäterschaft von Österreichern an Naziverbrechen klammerten Sie aber weitgehend aus. Warum? Weil das bereits der ehemalige Kanzler Franz Vranitzky und andere mit aller Klarheit gesagt haben. Auch ich habe diese Tatsache schon oft ausgesprochen, in Österreich wie in Israel. Österreicher gehörten nicht nur zu den Opfern, sondern auch zu den schlimmsten Tätern der NS-Zeit, das steht außer Diskussion. Es gab nicht nur Rosa Jochmann, sondern auch Adolf Eichmann. Ganz dürfte sich diese Ansicht aber noch nicht durchgesetzt haben. Haben Sie bei den Gedenkfeiern nicht die Gelegenheit zu einem Geschichtsunterricht für ein Millionenpublikum verpasst? Um Geschichtsunterricht habe ich mich sehr bemüht. Ich habe auf die dunklen und hellen Stunden unserer Geschichte hingewiesen, auf das Anschlussjahr, auf den Jubel am Heldenplatz und auf diejenigen, die geweint haben, verhaftet wurden oder das Land verlassen mussten. Ich habe die Befreiung durch die alliierten Soldaten angesprochen, die Moskauer Deklaration und die Tatsache, dass 1945 der Grundstein für das österreichische Haus gelegt wurde, das mit dem Staatsvertrag 1955 dann fertig war. Aber ich hatte nun einmal nicht unbegrenzt Zeit, alle historischen Wurzeln offen zu legen. Meine Ansprache im Fernsehen etwa dauerte gerade einmal fünf Minuten. Mit dem Satz Viele Österreicher trugen Mitverantwortung für die Verbrechen der Nazis wäre es getan gewesen. Diese Tatsache kann ja kein vernünftiger Mensch mehr bezweifeln. Vielleicht hätten Sie andere Akzente gesetzt, wenn Sie die Reden gehalten hätten. Aber der Vorwurf, dass Sie nicht alles gesagt haben, was man bei einer solchen Gelegenheit sagen könnte, hätte auch Sie getroffen. Sie wurden ein Jahr nach dem Anschluss geboren. Wie erinnern Sie sich an die Nazizeit? Meine Erinnerungen an den Krieg setzen erst mit den Bombenangriffen auf Wien ein. Das Warnsignal im Rundfunk, den so genannten Kuckuck, habe ich noch in den Ohren. Beim ersten Fliegeralarm in der Nacht ist meine Mutter in Panik geraten. Schweißüberströmt hat sie mich, der ich damals fünf war, in die Ärmel eines Pullovers steigen lassen, den sie mit meiner Hose verwechselt hat. Halb bekleidet sind wir dann in den Luftschutzkeller gelaufen. Von da an hat sie jeden Abend eisern kontrolliert, dass die Kleidungsstücke griffbereit neben dem Bett gelegen sind. Fasziniert haben mich die von den Fliegern abgeworfenen Staniolstreifen, um die Fliegerabwehr zu irritieren. Wir Kinder haben die gesammelt. Als die Front näher gekommen ist, übersiedelten wir zuerst nach Pamhagen und dann nach Loich, einen kleinen Ort an der Mariazeller-Bahn. Bombenangriffe gab es dort keine, aber die Deutschen haben durch dieses Tal Gefangene aus Lagern im Osten getrieben. Das waren endlose Züge ausgemergelter Gestalten. Meine Mutter hat uns dann immer hineingerufen und gesagt: Das ist nichts für euch. Fühlte sich Ihre Familie bei Kriegsende befreit? Selbstverständlich. Meine Eltern waren überglücklich. Mein Vater hatte sich während der letzten zwei, drei Monate des Krieges ja versteckt. Untereinander haben meine Eltern sehr oft Esperanto gesprochen, damit wir Kinder im Dorf nichts Heikles ausplauderten. Nach Kriegsende sind wir dann relativ abenteuerlich mit einem kleinen Lkw nach Hietzing in die Jagdschloßgasse, in das Haus meiner Tante zurückgekehrt. Dort waren Russen einquartiert; es waren intelligente und gebildete Soldaten, die eine Armeezeitung gemacht haben. Chaotisch war es dennoch. Sie haben die Türstöcke herausgerissen, um ihre Maschinen in die Wohnung zu kriegen. Aber zu uns Kindern waren die russischen Soldaten sehr nett. Haben Sie die Staatsvertragsfeiern 1955 miterlebt? Mein Vater war als Staatssekretär im Belvedere dabei. Ich hingegen habe mir das Ganze nur von der Ferne angeschaut. Die Begeisterung der Bevölkerung hat mich dabei schon angesteckt. Hat Außenminister Leopold Figl am Balkon nun Österreich ist frei gerufen oder nicht? Das kann ich jetzt nicht bestätigen. Ich hätte es mir zwar eingebildet, aber vielleicht nur deshalb, weil ich dauernd lese, dass er den Satz gesagt habe. Draußen hätte man das vermutlich auch gar nicht verstanden, Figl hatte ja keinen Lautsprecher dabei. Ich stand ohnehin zu weit weg, weil ich mein Fahrrad nicht allein lassen wollte, mich damit aber auch nicht durch die Massen drängen konnte. Themenwechsel. Es heißt, Sie hätten den Wechsel von Blau zu Orange in der Regierung nur unter der Bedingung akzeptiert, dass keine Minister ausgetauscht werden. Stimmt das? Ich habe vom Bundeskanzler die Information bekommen, dass an der Zusammensetzung der Regierung nicht gerüttelt werde. Das hielt ich für wesentlich. Weil auch das Regierungsprogramm nicht geändert wurde und die Mehrheit im Nationalrat gegeben war, war ich überzeugt, dass ich als Bundespräsident nicht eingreifen musste. Sind Sie erleichtert, dass Sie Jörg Haider nicht als Regierungsmitglied angeloben mussten? Weiter! Halten Sie Haider für eine konstruktive Persönlichkeit? Also, diese Formulierung habe ich noch nie verwendet. Die Regierung bastelt an einem neuen Asylrecht. Laut dem Entwurf könnten sich Hilfsorganisationen wie Caritas und Diakonie strafbar machen, wenn sie sich um illegale Zuwanderer kümmern. Müssen Sie da nicht eingreifen? Das Gesetz darf nur so formuliert werden, dass die Caritas und andere NGOs nicht kriminalisiert werden, wenn sie sich um Flüchtlinge kümmern. Ich warte mit einer präzisen Beurteilung ab, bis es fertig ist. Innenministerin Liese Prokop hat mir aber versichert, dass sie einen Text verabschieden will, der vor dem Verfassungsgerichtshof hält. Zu den Schattenseiten des Präsidentendaseins: Bei der Eishockey-WM mussten Sie auf der Ehrenbühne neben dem jubelnden slowakischen Premier sitzen und gute Miene zum schlechten Spiel der Österreicher gegen die Slowakei (1:8) machen. Will man da nicht einfach lauthals fluchen? Nein. Das andere besser spielen, ist kein Grund zum Fluchen. Ich war ja auch mit meinem deutschen Kollegen Horst Köhler beim Fußball-Länderspiel gegen Deutschland, das wir auch verloren haben. Trotzdem habe ich bei einem schönen Tor der Gegner geklatscht. Wissen Sie, wofür ich mich geniere? Wenn im Stadion bei der Hymne der gegnerischen Mannschaft gepfiffen wird. Das ist mir wirklich unangenehm, da würde ich gerne allen ins Gewissen reden. Schattenseiten müsste man woanders suchen. Wo denn? Ein Präsident kann nicht wirklich privat unterwegs sein. Ich hätte zum Beispiel Lust, wieder einmal mit meiner Frau übers Wochenende nach Venedig zu fahren. Aber dann fällt mir ein, dass an der Grenze das italienische Protokoll warten würde. Da bleibe ich lieber in Österreich. Das Privatleben von Finanzminister Karl-Heinz Grasser sorgt für Schlagzeilen. Brechen die Medien hier ein Tabu? Oder ist Grasser selber schuld? Ich habe schon lange zu keinem Thema aus so voller Überzeugung gesagt: Kein Kommentar. Sie haben sich im Präsidentschaftswahlkampf vor einem Jahr mit Ihrer Familie abbilden lassen – etwa auf einer Bergtour. Riefen die Politiker Geister, die sie jetzt nicht mehr loswerden? Das glaube ich nicht. Das Bergfoto steht da drüben auf meinem Schreibtisch. Ich bin stolz darauf. Warum nicht? Das ist kein Blick durchs Schlüsselloch, außerdem gehe ich wirklich gerne Bergwandern. Man muss einfach wissen, was man zulässt. Sie werden von mir kein Foto in der Badehose finden. Ihr Vorgänger Thomas Klestil wurde ständig parodiert. Sie blieben bislang ungeschoren. Sind Sie zu unlustig? Ich hebe mir die Lustigkeit für das letzte Amtsjahr auf. Damit erspare ich mir, fünf Jahre lang Dauergast im Kabarett zu sein. |
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