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Musik macht Österreich
GEDENKJAHR 2005 Der Zweite Weltkrieg war noch nicht zu Ende, da verschrieb sich Österreich schon wieder dem Schönen. Aus gutem Grund: Mithilfe der Musik ließ sich das Land nicht nur trösten, sondern bastelte auch erfolgreich am Opfermythos – und wurde dabei von den selbst verbreiteten Klischees eingeholt. CARSTEN FASTNER

Falter 21   Originaltext aus Falter 21/05 vom 25.05.2005

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Am Vormittag des 27. April 1945 meldet der amerikanische Sender für Wien, dass Reichsmarschall Hermann Göring gerüchteweise um seinen Rücktritt ersucht, Hitler die Demission jedoch abgelehnt habe. Am Nachmittag desselben Tages, um 16 Uhr, findet, aufgrund der Zerstörungen des traditionellen Musikvereins, im Großen Saal des Konzerthauses der erste Auftritt der Wiener Philharmoniker im befreiten Wien statt. Beide Ereignisse hat der Diplomat Josef Schöner miterlebt und in seinem „Wiener Tagebuch 1944/45“ (Böhlau, 1992) kommentiert. Görings (vermeintlicher) Abgang, notiert er hellsichtig, komme „wohl zu spät, um ihn zu retten oder gar zu einer Rolle im künftigen Deutschland zu verhelfen“. Vom Philharmonischen, das Schöner „von Amts wegen“ besuchte, berichtet er zunächst das genaue Programm: „Zuerst die ,Unvollendete‘ von Schubert, dann die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 von Beethoven, am Schluss die V. Sinfonie von Tschaikowski.“
  Ein Programm mit klarer Programmatik, wie Schöner, präziser Beobachter und kenntnisreicher Bildungsbürger, sofort erkennt: „Huldigung an den unsterblichen Geist Wiens, an die große klassische Zeit Wiener Musik und an den musikalischen Genius Russlands.“ Der Heimweg vom Konzerthaus führt ihn dann am brennenden Heinrichshof gegenüber der Staatsoper vorbei, in dem seine Familie ein Kaffeehaus betrieben hatte. „Wir verlieren nun die letzten Überreste (...) Der Brand muss offensichtlich gelegt worden sein – der Werwolf geht um!“
  Man muss sich das vorstellen: Im Berliner Führerbunker sitzt Hitler noch drei Tage bis zu seinem Selbstmord ab, in der zerstörten ehemaligen „Reichskulturhauptstadt“ Wien terrorisiert die Nazi-Freischärlerhorde „Werwolf“ Bevölkerung und Befreier mit Sabotageakten, ein paar Kilometer westlich von Wien ist der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende, und Schöner hofft in seinem Tagebuch noch, „dass unseren Alpengebieten die heroische Rolle als letzte Bastion Hitlers erspart bleiben wird“ – und während all dessen bringt das Paradeorchester des Landes, das sich bis vor kurzem noch bereitwillig in den Dienst des NS-Regimes gestellt hatte, eine „Huldigung an den musikalischen Genius Russlands“ dar.
  Und mehr als das: Hier wird bereits eifrig und sehr bewusst an einem österreichischen Mythos gearbeitet. Es gehe, so das Neue Österreich in seiner Ankündigung des Konzerts vom selben Tag, um die Dokumentation, dass die Nazidespoten „uns auch in siebenjähriger Unterdrückung eines nicht rauben konnten, die österreichische Seele, die zutiefst in unserer geliebten Musik Gestalt geworden ist. Kaum ein Volk der Welt hat sich dem Schönen mit einer solchen Innigkeit verschrieben wie die Österreicher.“ In diesem zutiefst österreichischen Bewusstsein, das Beethoven ja ohnehin längst eingemeindet hatte, war Hitler ganze zwei Wochen nach der Befreiung Wiens schon wieder ausgebürgert. Das war mehr als nur tröstlich. Darauf ließ sich aufbauen.
  Das Philharmonikerkonzert stand nur am Beginn der erstaunlich raschen Etablierung eines erstaunlich umfangreichen Konzertbetriebs; auch die unzerstört gebliebenen Bühnen der Hauptstadt wurden schon Anfang Mai wieder bespielt: das Raimundtheater, das damals noch „Deutsche“ Volkstheater, die Josefstadt; das Ensemble der Staatsoper musste vorerst in die Volksoper übersiedeln, jenes des Burgtheaters ins Ronacher. Mag das Bemühen um einen möglichst bruchlosen kulturellen Anschluss an die Zeit vor dem „Anschluss“ der Bevölkerung anfangs noch das Gefühl von Halt und Kontinuität in schwierigen Zeiten vermittelt haben, so prägte die Restauration des „alten Glanzes“ doch auf Jahre hinaus das Kulturleben des Landes. Und es ist keine Frage, dass damit auch höchst erfolgreich die dem Opfermythos dienliche Abgrenzung von Deutschland verfolgt wurde. Wenn Musik als Ausdruck von Menschlichkeit verstanden wird und sich Österreich unter Anrufung von Haydn, Mozart und Beethoven als Musikland par excellence vorstellt, dann lässt sich auch insinuieren, dass die NS-Gräuel der vergangenen sieben Jahre dem österreichischen Wesen grundsätzlich zuwider liefen und also allein deutscher Barbarei zu verdanken seien.
  Dass diese Rolle in besonderem Maße der Musik zukam, ist kein Zufall, galt sie doch, gerade in ihrer „höchsten, durch die Kunst veredelten Form“ als a priori unpolitisch; die Ausblendung ihrer objektiven politischen Konnotationen hatte bereits Tradition. Die ästhetischen Folgen dieses Identifikationsangebotes waren fatal. In all den schönen Träumereien vom verblassten Ruhm verpasste der Kulturbetrieb, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die eigene Gegenwart. Während sich in Darmstadt, Baden-Baden und Köln eine Avantgarde formierte, die neue Wege nach dem als unumkehrbar empfundenen Bruch mit der Vergangenheit suchte, ging es in Wien um Restauration. Noch nicht einmal das Nachholen verpasster internationaler Entwicklungen wurde hier ernsthaft verfolgt, von Innovation ganz zu schweigen.
  Nur scheinbar paradoxerweise trafen sich in diesem Punkt die österreichischen Interessen mit jenen der sowjetischen Besatzer. Kulturoffiziere wie Miron Lewitas förderten unbürokratisch die Wiederaufnahme des hochkulturellen Lebens in Wien. Was hätte es für ein besseres Zeichen rascher Normalisierung geben können? Sie war den Sowjets sogar einige Großzügigkeit in inhaltlichen und personellen Fragen wert. Anders als in den besetzten Ländern des späteren Ostblocks gab es im befreiten Österreich keine Versuche, sozialistisch-realistische Kunstvorstellungen durchzusetzen. Im Gegenteil: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit huldigten die Sowjets dem Walzerkönig Johann Strauß, in ihren Augen offenbar der ranghöchste Stellvertreter Wiener Kultur.
  Auch über manche fragwürdige Biografie wurde zunächst bereitwillig hinweggesehen, wie sich in der Auswahl des künstlerischen Personals der Anfangszeit unschwer feststellen lässt. Das erste Philharmonische vom 27. April etwa fand unter der Leitung von Clemens Krauss statt. Die Bestellung des NS-belasteten Dirigenten sei „anscheinend eine Notlösung in Ermangelung eines anderen bekannten Dirigenten“, schreibt Josef Schöner. Und tatsächlich liest sich die Liste jener Kollegen, die in den kommenden Monaten die Wiener Orchester leiten sollten, wie ein beliebiger Auszug aus dem Telefonbuch: Robert Fanta, Karl Hudez, H.C. Jaeger, Franz Königshofer, Josef Laska, Wilhelm Loibner, Rudolf Moralt – mehr als zweite Reihe hatte die Stadt nach sieben Jahren nationalsozialistischer Kulturpolitik nicht aufzubieten.
  Vom Publikum wurde Krauss mit verhaltenem Applaus und vereinzeltem Zischen empfangen. Man hatte den Skandal nicht vergessen, als der damalige Wiener Staatsoperndirektor 1934 seine politische Gesinnung deklarierte und „unter gemeinen Beschimpfungen der Bundesregierung nach Berlin wechselte“, wie Josef Schöner berichtet. Man hat ihm dennoch bald vergeben: Nach kurzzeitigem Auftrittsverbot und Entnazifizierung konnte Krauss die Philharmoniker bis zu seinem Tod 1953 noch oft dirigieren – und sogar die von ihm 1939 begründete Tradition des Wiener Neujahrskonzertes fortführen.
  Dass die weiche Wiener Seele wohl weniger von Krauss’ Nazivergangenheit gekränkt war als von seinem Abgang aus Wien, zeigte sich im selben Konzert: nicht nur im begeisterten Empfang für das einschlägig belastete – und sich fortan nur zäh der Entnazifizierung stellende – Orchester. Auch als der Schauspieler Paul Hörbiger, vom „Anschluss“-Befürworter zum Widerstandskämpfer der letzten Stunde mutiert, in seiner Loge erkannt wurde, feierte ihn das Publikum mit minutenlangen Ovationen. „Bei ihm gehen die Herzen auf!“, notiert Schöner ergriffen.

Eine Ausstellung in der Wiener Musikuniversität dokumentiert derzeit zahlreiche Versuche der „Rekonstruktion des Österreichischen durch die Musik“. Die insgesamt zwölf Kuratoren der umfassend recherchierten Schau, darunter Barbara Boisits, Lynne Heller und Cornelia Szabó-Knotik, fanden Beispiele für die Inszenierung als harmloses kunst- und genussfreudiges Völkchen nicht nur aus dem Bereich der Hoch-, sondern auch der Alltags- und Volkskultur.
  Im Spielfilm „Die Welt dreht sich verkehrt“ (A, 1946) etwa macht sich Hans Moser auf eine Zeitreise ins Vindobona der Keltenzeit, wo er die (übrigens preußisch bellenden) römischen Besatzer durch großzügigen Einsatz von Wein und Musik dazu bringt, von der Zerstörung der Stadt abzusehen. Eine mehr als kuriose Vorwegnahme jener Legende, nach der die österreichische Staatsvertragsdelegation 1955 die sowjetischen Verhandler mit denselben Mitteln über den Tisch gezogen habe: „Und jetzt, Raab, jetzt noch d’ Reblaus, dann san’s waach.“
  Auch die in der Ausstellung ausführlich dargestellte Diskussion um eine österreichische Bundeshymne wirft ein bezeichnendes Licht auf das kulturelle und politische Selbstverständnis der Verantwortlichen. Von KPÖ und SPÖ wurde Josef Haydns altes „Kaiserlied“, das auch der Weimarer Republik als Hymne diente, strikt abgelehnt; die ÖVP und ihr zuständiger Unterrichtsminister Felix Hurdes traten vehement dafür ein. Dabei ging es augenscheinlich nicht nur um die prinzipielle Frage einer alten oder einer neuen Hymne, wie ein Schreiben des Außenministeriums vom 12. März 1947 zeigt: „Der Ministerrat hat beschlossen, (...) das offizielle Verlangen zu stellen, dass Deutschland die Verwendung der Haydn-Hymne als eines alten österreichischen Kulturgutes untersagt werden möge, um dadurch vor der Welt den österreichischen Anspruch auf diese Melodie zu dokumentieren.“
  Die andere Seite argumentierte allerdings kaum weniger polemisch gegen Haydns Melodie. Ein Kompromiss wurde 1947 schließlich in der – damals fälschlicherweise Mozart zugeschriebenen – Melodie gefunden, zu der bis heute Paula Molden-Preradovic’ Text gesungen wird: „Volk, begnadet für das Schöne“. Dass in Deutschland übrigens eine eigene Hymnen-Debatte in Gang war, wurde im Eifer des Gefechts glatt übersehen. Bundeskanzler Konrad Adenauer konnte Fallerslebens „Einigkeit und Recht und Freiheit“ auf Haydns Melodie erst 1952 handstreichartig durchsetzen. Auf österreichische Befindlichkeiten und Ansprüche wurde in der scharf geführten Bonner Debatte nicht geachtet.
  Nicht nur außenpolitische, auch wirtschaftliche Hoffnungen verbanden sich mit der Wiederbelebung des schon in der Zwischenkriegszeit etablierten Klischees von Österreich als Musikland. Das ambitionierteste Projekt in dieser Hinsicht war die sogenannte Musikolympiade, eine waschechte Parallelaktion im Musil’schen Sinne, getragen von einer Mischung aus verträumten Großmachtfantasien, blauäugiger Selbstgefälligkeit und gemütlichem Dilettantismus.
  Die Idee dazu stammte vom schwer NS-belasteten Schriftsteller Hermann Heinz Ortner; als Mitarbeiter der Stelle für Wiederaufbau der österreichischen Fremdenverkehrswirtschaft konnte er 1949 Politiker aus Wien und Salzburg für sein Vorhaben begeistern. Im Bewusstsein, dass das Land weder in wirtschaftlicher noch in politischer Hinsicht wieder zur verlorenen Weltgeltung gelangen konnte, klang die Idee verlockend, Österreich nicht nur zum Ziel Tausender musikbegeisterter Reisender zu machen, sondern durch die geplanten Austragungsorte Wien und Salzburg auch ein Signal der Einheit des in vier Zonen geteilten Landes zu setzen. Zudem dürfte die in Ortners Exposé formulierte Aussicht, dass „der österreichischen Außenpolitik durch die Olympiade zugleich ein gesellschaftliches Forum für persönliche und politische Fühlungnahme geboten würde“, wohlwollend aufgenommen worden sein.
  Innerhalb kürzester Zeit wurde für die Musikolympiade ein Aktienpaket im Wert von einer Million Schilling aufgestellt, in der Nachkriegszeit eine enorme Summe. Man rechnete mit 70.000 bis 100.000 Besuchern und einem Deviseneinlauf von sechzig Millionen Schilling. Der Architekt Clemens Holzmeister arbeitete an dem Plan für eine riesige Rotunde auf dem Salzburger Mönchsberg, und eine eigens herausgegebene Zeitschrift lieferte 1950 den ideologischen Unterbau für das geplante Großereignis: „Inmitten der Bergwelt Österreichs wollen wir uns zu gemeinsamem Wettkampf treffen und der Name des größten Sohnes unserer lieben alten Stadt: Wolfgang Amadeus Mozart möge als Schutzgeist alles Schönen über uns walten.“

Da war es wieder, das Schöne, dem Österreich seit eh und je verpflichtet war, wenn es nicht gerade durch Barbaren von außen daran gehindert wurde. Doch dieser weihevollen Ankündigung folgte tatsächlich das Eingeständnis einer großen Schuld Österreichs gegenüber der Welt – die darin bestünde, dass man die letzte Ruhestätte Mozarts in Vergessenheit habe geraten lassen: „Dieses Unrecht hat Österreich wieder gutzumachen und der Welt wenigstens symbolisch einen heiligen Fleck Erde zu weihen, wo die Musikliebenden aller Nationen in Gedanken das Sterbliche des großen Genius suchen und ihm huldigen können.“
  Über Handfesteres wie die inhaltliche Ausrichtung der Musikolympiade oder die Wettkampfmodalitäten konnte indes keine Einigung erzielt werden. Auch winkte das Internationale Olympische Komitee, dem der schöne Plan vorgelegt worden war, verständnislos und unter Protest gegen die Verwendung des Namens ab. Und so wurde das Spektakel zunächst von einem Jahr aufs andere verschoben, ehe es schließlich stillschweigend fallengelassen wurde.
  Das zugrunde liegende Konzept aber, Österreich als Musikland zu vermarkten, wird bis heute höchst erfolgreich angewandt. Auch wenn man sich dabei manchmal in den Glauben an ein Mozartmonopol hineinsteigert, der dann und wann von außen deutlich relativiert wird, wie die kunstsinnige Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten 1955 zeigt. Zur Einstimmung auf das bevorstehende Mozartjahr 1956 hieß es darin: „Die überschäumende Genialität der melodischen Erfindung, dieses Nebeneinander von Süße und Gewalt, dies Rokoko, das sich mit der Aufklärung verschwistert – aber alle geistesgeschichtliche Eingliederung wird wesenlos, weil das urtümlich Schöpferische zeitlos ist.“
  So schwärmte der Bundespräsident – und beendete seine Rede mit dem Appell: „Die Deutschen, westlich wie östlich, sollen und werden 1956 Mozart hören!“ Es sprach nicht Theodor Körner, sondern sein Kollege aus Bonn, Theodor Heuss.

„Das Staatsvertragsjahr 1955 – Zur Rekonstruktion des Österreichischen durch die Musik“: bis 30.6. in der Musikuniversität (3., Anton-Webern-Platz 1). Information: www.mdw.ac.at

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Mai 2005 © FALTER
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