Zum Archiv
„Es ist ein Wunder“
FUSSBALL Rapid Wien ist nach neunjähriger Durststrecke wieder Meister. Ein Gespräch mit Trainer Josef Hickersberger über Schiedsrichter und Gerechtigkeit, Peter Elstner, die Färöer-Inseln und Frau Prohaskas entscheidende Rolle bei der WM-Qualifikation 1990. WOLFGANG KRALICEK

Falter 21   Originaltext aus Falter 21/05 vom 25.05.2005

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

Josef Hickersberger ist zurzeit ein überaus begehrter Gesprächspartner. Vor dem Falter-Gespräch gibt er noch ein kurzes Interview für ATVplus, unmittelbar danach ist er mit der Krone verabredet, und zwischendurch muss er telefonisch auch noch dem Kurier Rede und Antwort stehen. Rapid ist zum ersten Mal seit 1996 österreichischer Fußballmeister, und alle wollen wissen, wie Hickersberger das gemacht hat. Als der Trainer vor drei Jahren bei Rapid anfing, war der Meistertitel weiter entfernt denn je. Der Verein war in einer schweren sportlichen Krise, unter Trainer Lothar Matthäus war der Rekordmeister auf Rang acht – die schlechteste Platzierung in der Vereinsgeschichte – abgestürzt. Weil Rapid-Präsident Rudolf Edlinger dem Klub außerdem einen strikten Sparkurs verordnet hatte, schien der Kampf gegen die mit Frank Stronachs Millionen gemästete Austria aussichtslos.
  Es kam anders: Wenn Rapid und Austria am 26. Mai im ausverkauften Ernst-Happel-Stadion aufeinander treffen, geht es dabei nur noch um die Ehre; egal, wie das Match ausgeht, am Ende wird Rapid als Meister gefeiert werden. (Sechs Tage später treffen die Erzrivalen dann im Cupfinale nochmals aufeinander.) Der 57-jährige Hickersberger ist der lebende Beweis dafür, dass Rapid und Austria einander nicht unbedingt ausschließen. Als Spieler hat er seine Karriere 1966 bei Austria begonnen und 1982 bei Rapid beendet, als Trainer hat er lange vor seinem erfolgreichen Rapid-Engagement (und lange vor Stronach) das bittere Los aller Austria-Betreuer der jüngeren Vergangenheit erlitten: 1994 musste er nach einem Jahr gehen, obwohl er den Cupsieg und den zweiten Platz in der Meisterschaft erreicht hatte.
  Der Nationalspieler Hickersberger war 1978 Mitglied der legendären Cordoba-Mannschaft, der Nationaltrainer führte das Team 1990 zur WM nach Italien. Noch im selben Jahr endete seine Laufbahn als Teamchef mit einer historischen Niederlage: Österreich verlor gegen die erst kurz zuvor auf der Fußball-Weltkarte aufgetauchten Färöer-Inseln mit 0:1. Vor seinem Engagement bei Rapid war Hickersberger sieben Jahre lang im Mittleren Osten engagiert, wo er gegen gutes Geld Mannschaften aus Ägypten, Bahrain, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten trainierte.
Falter: Herr Hickersberger, ist der Meistertitel für Rapid ein Sieg der alten Sozialdemokratie über den neuen Turbokapitalismus?

Josef Hickersberger: Diese Frage könnte vielleicht der Rudi Edlinger beantworten oder meine Tochter, die Doktor der Politikwissenschaft ist. Ich traue mir das nicht zu.

Wann war Ihnen klar, dass Sie es geschafft haben?

Nach Ferdinand Feldhofers Tor gegen die Admira in der 93. Minute. Ab diesem Zeitpunkt haben wir alle gewusst: Wir werden Meister.

Ein umstrittenes Tor, das Sie mit dem schönen Satz kommentiert haben: „Das war Handball, aber so ist Fußball.“

Da habe ich den Austria-Spieler Libor Sionko zitiert, der das gesagt hat, nachdem er gegen Bregenz mit dem Ellbogen das 1:1 erzielte. Das war für mich der Spruch des Jahres, des Jahrzehnts, meines ganzen Fußballerlebens. Bei beiden war es keine Absicht, bei beiden kann der Schiedsrichter so oder so entscheiden.

Sie klingen jetzt sehr generös. Warum regen Sie sich während des Spiels so oft über Schiedsrichterentscheidungen auf?

Weil ich zu viele Schiedsrichterfehlentscheidungen auf meiner Festplatte habe, die mir geschadet haben.

Sie würden es sicher nicht gut finden, wenn die Spieler sich so aufführen würden.

Den Spielern ist das verboten. Zum Protestieren bin ja ich da. Und zu 99 Prozent liege ich richtig, weil ich seit fünfzig Jahren Fußball spiele. Meine Augen sehen mehr als die Augen von Schiedsrichtern und Schiedsrichterassistenten. Das ist ganz einfach Erfahrung, die kann durch nichts ersetzt werden. Ich leite in jedem Training ein Spiel, daher habe ich auch mehr Schiedsrichtererfahrung als alle Schiedsrichter in Österreich. Es ist auch völlig vertrottelt, dass die besten Schiedsrichter mit fünfzig aufhören müssen! Der Luigi Collina ist wahrscheinlich mit sechzig noch immer besser als einer mit 25, der zwar länger laufen kann, aber keine Ahnung von Fußball hat.

Machen Sie sich mit Ihrer Art nicht unbeliebt bei den Schiedsrichtern?

Für die Schiedsrichter bin ich ein rotes Tuch. Aber ich brauche keine Freunde unter den Schiedsrichtern.

Rapid hat seit fünf Jahren kein

Derby mehr gewonnen. Wäre es ein Schönheitsfehler, wenn Rapid Meister wird, ohne die Austria einmal besiegt zu haben?

Nein. Die Austria hat den teuersten Kader, und wenn sie uns wieder schlägt, ist das normal. Es ist ein Wunder, dass wir Meister geworden sind! Wir können ja nichts dafür, dass andere Vereine ihr Potenzial nur zu siebzig oder achtzig Prozent ausgeschöpft haben und wir zu 95 oder hundert.

Wer kann mehr bewirken: ein Ausnahmespieler oder ein Ausnahmetrainer?

Ein Ausnahmespieler kann Spiele alleine entscheiden. Der Trainer alleine kann überhaupt nichts. Wenn der Harnoncourt mit der Blasmusik von Blindenmarkt im Musikverein auftritt, wird das wahrscheinlich auch kein durchschlagender Erfolg sein.

Welche Trainer in Österreich schätzen Sie?

Ich habe großen Respekt vor allen Trainern, weil der Job in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist. Die Spieler werden immer intelligenter und immer selbstständiger. Dazu kommt die Medienarbeit, die es in dem Ausmaß früher nicht gegeben hat.

Der international momentan auffälligste Trainer ist der exzentrische Portugiese José Mourinho vom FC Chelsea. Was halten Sie von ihm?

Größte Bewunderung! Er ist mit dem FC Porto Europacupsieger geworden und hat aus Chelsea eine Supermannschaft gemacht. Er ist arrogant wie kaum ein anderer, und er hat Probleme mit den Schiedsrichtern. Das sind Eigenschaften, ...

... die Ihnen nicht fremd sind?

... die ich irgendwo nachvollziehen kann. Wenn man in den englischen Medien Interviews mit ihm liest, merkt man, dass er Superansätze und Ideen hat. Es ist kein Zufall, dass er mit Chelsea nach fünfzig Jahren Meister wurde, dass diese Mannschaft einen Punkterekord aufgestellt hat in der englischen Premier League. Der Arsène Wenger von Arsenal ist auch einer der ganz großen Trainer. Der hat vor zwei oder drei Jahren das Ziel ausgegeben, in der Premier League kein Spiel zu verlieren. Auf die Idee muss man einmal kommen! Das ist die härteste und im Moment wahrscheinlich auch die beste Liga der Welt! Ich hab ihn einmal gefragt, was er sich dabei gedacht hat. Er hat gesagt: „Wir waren im Jahr davor englischer Meister und haben nur vier Spiele verloren. Was hätte ich der Mannschaft sagen sollen?“ So was bewundere ich.

Wäre das auch bei Rapid für nächstes Jahr ein Ansatz?

Ich werde darüber nachdenken.

In den Interviews nach den Spielen wirken Sie manchmal ein bisschen mürrisch. Nerven Sie die Reporter?

Wenn man um 6.30 Uhr aufsteht, um acht Uhr beim Ö3-Wecker das erste Interview gibt und um 19.15 Uhr ein wichtiges Cupspiel hat, dann hat man um 21.30 Uhr manchmal keine richtige Lust mehr auf Interviews. Dann ist man müde und möchte eigentlich nur mehr heim. Dadurch wirke ich vielleicht manchmal mürrisch. Aber ich weiß sehr wohl, dass die Medienarbeit im modernen Fußball immer wichtiger wird.

Unvergessen ist die Szene aus dem Jahr 1989, als der ORF-Reporter Peter Elstner nach dem Sieg in der WM-Qualifikation gegen die DDR vor der versperrten Kabinentür stand und live um Einlass flehte. Was war damals los?

Wir hatten vor dem DDR-Spiel in der Türkei 0:3 verloren, und einige Medien haben versucht, mich abzuschießen. Ich hab zu meinen Spielern gesagt: „Das DDR-Spiel gewinnen wir, dann schließen wir die Kabinentür ab und feiern, da kommt kein Journalist rein.“ So war’s dann auch. Was wir nicht wussten: Die Interviews, die wir vorher auf dem Spielfeld gegeben haben, konnten nicht gesendet werden, weil in dem Trubel irgendein Kabel herausgerissen wurde. Daraufhin wurde der Peter Elstner beauftragt, diese Interviews nachzuholen. Wir haben aber unseren Traum verwirklicht, dass die Kabinentür zubleibt. Und draußen hab ich den Elstner rufen gehört: „Pepi, bitte, lass mi eine!“ Heute kann man darüber schmunzeln. Aber die Fußballfans haben damals einen völlig falschen Eindruck bekommen, das war schlecht für mein Image: Der arrogante Hickersberger, der lasst uns jetzt ned mitfeiern!

Wie gefällt Ihnen Herbert Prohaska als ORF-Analytiker?

Mir gefällt er sehr gut. Aber ich hab zum Schneckerl ein persönliches Verhältnis wie zu wenigen anderen Fußballern. Er hat mich jetzt sogar angerufen und mir gratuliert – das ist ihm als Erzaustrianer sehr schwer gefallen. Als Nationaltrainer hab ich eine sehr junge Mannschaft gehabt und den Herbert Prohaska, der seine Teamkarriere schon beendet hatte, gebeten, noch einmal in der Nationalmannschaft zu spielen. Er hat das strikt abgelehnt, weil er sich seine Superbilanz als Nationalspieler nicht versauen wollte. Seine Frau hat gesagt, das interessiert in ein paar Jahren eh keinen mehr, was du für eine Bilanz als Spieler hast, und hat ihn überredet. Dank der Frau Prohaska haben wir die WM-Qualifikation geschafft.

Und wie ist Ihr Verhältnis zu Hans Krankl?

Ich glaube, er kann mit keinem Klubtrainer so frei und ausführlich über seine Teamkandidaten sprechen wie mit mir. Wir sind 1982 mit Rapid Meister geworden, und an eine Szene erinnere ich mich heute noch: Der Hans Krankl ist drei Runden vor Schluss in der Südstadt ausgeschlossen worden und wollte den Schiedsrichter insultieren. Ich hab ihn zurückgehalten – bis mir eingefallen ist, dass wir wegen dieses Ausschlusses jetzt vielleicht nicht Meister werden! Dann hab ich ihn nicht mehr zurückgehalten und bin auch auf den Schiedsrichter losgegangen.

Wie ist das ausgegangen?

Den Hans Krankl haben sie gesperrt, ich bin nicht ausgeschlossen worden – weil ich Schiedsrichter prinzipiell nicht beleidige.

Bernhard Brugger behauptet das Gegenteil. Nach dem Spiel gegen Sturm hat er Sie beim Strafsenat der Bundesliga angezeigt. Sie sollen gesagt haben: „Der kann es nicht besser.“

Ich habe diesen Satz nicht gesagt, ein Spieler hat zu mir gesagt: „Trainer, beruhigen Sie sich, der kann es nicht besser.“ Da geht’s um die Wahrheit, da gehe ich bei den ÖFB-Gremien bis in die letzte Instanz. Und wenn ich da nicht Recht bekomme, gehe ich vors Zivilgericht und klage den Schiedsrichter Brugger vor einem Zivilgericht wegen Diffamierung. Da müsste ich allerdings vorher meinen Job bei Rapid niederlegen. Viele werden sagen, das ist kindisch, da geht’s um 300 Euro. Aber da geht’s um mehr.

Sie haben als Nationaltrainer 0:1 gegen die Färöer-Inseln verloren, Herbert Prohaska 0:9 gegen Spanien. Was ist schlimmer?

Für mich gab es bis zur 75. Minute noch die Hoffnung, diese Blamage abzuwenden. Erst circa 15 Minuten vor Schluss hab ich dann zu meinem Tormanntrainer Friedl Koncilia gesagt: „Wenn das Spiel noch eine Woche dauert, werden wir nie ein Tor schießen!“ Beim Herbert war’s so, dass alle Dämme gebrochen sind und die Spanier nicht aufgehört haben, Tore zu schießen. Das ist nicht typisch spanisch, das ist eher eine deutsche Eigenschaft, einen Gegner zu vernichten. Das Tragische ist, dass das als nationale Schande angesehen wird. Wenn Rapid gegen Stockerau verliert, wird das irgendwann vergessen.

Verfolgt Sie das Färöer-Trauma immer noch?

Ich seh’s in der Zwischenzeit als Erfahrung, die kein österreichischer Trainer hat und die ich nicht missen möchte. Wenn man am Boden liegt, muss man wieder aufstehen. Bei Begegnungen, wo man sich nur blamieren kann, sind bei mir alle Antennen ausgefahren.

Zum Beispiel beim Spiel gegen Bregenz vor zwei Wochen?

Da habe ich in der Kabine die Färöer-Inseln angesprochen. Ich habe den Spielern aber auch dazu gesagt: Der Blitz schlagt nicht zwei Mal im selben Gebäude ein.

Sie waren als Spieler und als Trainer bei Austria und Rapid engagiert. Eine Charakterschwäche?

Das hat nichts mit Charakterschwäche zu tun. Es ist etwas Besonderes, wenn man in einem Fußballerleben bei den zwei besten Vereinen Österreichs als Spieler und als Trainer arbeiten darf. Es müssen halt immer viele Jahre dazwischen sein. Sonst wäre das nur schwer möglich.

Sind Sie jetzt Rapidler oder Austrianer?

Hundertprozentig Rapidler. Das Kapitel Austria ist seit diesem Tritt in den Hintern damals beendet.

Wäre die Austria eine Person, wie würden Sie sie charakterisieren?

Gott sei Dank ist sie keine Person. Es wäre schwer, mit ihr auszukommen.

Haben Sie eine Erklärung für dieses launische Verhalten?

Ich zerbreche mir nicht den Kopf über die Austria. Ich bin dabei, meine Vergangenheit mit der Austria zu bewältigen. Dabei hilft mir jetzt natürlich der Erfolg mit Rapid.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Arbeit im arabischen Raum verändert hat. Wodurch?

Gerade im Umgang mit einer fremden Kultur muss man viel aufmerksamer sein, toleranter und diplomatischer werden. Ich hab auch dort meine Fehler gemacht, aber ich hab viel gelernt. Ich bin ein anderer Mensch geworden.

Die arabischen Länder sind ja ziemlich autoritäre Staaten. Haben Sie damit nie ein Problem gehabt?

Natürlich hab ich Probleme gehabt, wenn ich in meiner persönlichen Freiheit eingeschränkt war. Aber das ist gut bezahlt worden. Dubai ist relativ liberal, Bahrain auch. In Saudi-Arabien hätte ich wahrscheinlich nicht arbeiten können, das ist mir zu radikal islamistisch.

Die Qualitäten eines Trainers sieht man auch daran, wie sich Spieler unter ihm entwickeln. Sind Sie an dem Problemstürmer Roman Wallner gescheitert?

Wahrscheinlich bin ich da gescheitert. Aber umso mehr hat es mich gefreut, als mich der Roman Wallner jetzt angerufen und mir zum Meistertitel gratuliert hat. Das sind so Momente, wo man als Trainer glücklich ist. Das ist mehr wert als eine Meisterprämie.

Zum Schluss noch ein paar ewige Fußballweisheiten. „Der Ball ist rund“ – stimmt’s?

Meistens.

„Die Tore, die man nicht schießt, bekommt man.“

Wenn man eine gute Verteidigung hat, nicht immer.

„Im Fußball gleicht sich alles irgendwann aus.“

Nicht einmal bei Fehlentscheidungen der Schiedsrichter glaube ich an die ausgleichende Gerechtigkeit.

„Erfolg kann man nicht kaufen.“

Gott sei Dank. Es ist aber auch die Frage, wie viel Geld man zur Verfügung hat.

„Rapid ist eine Religion.“

Wer daran glaubt, wird selig.

Die letzten Rapid-Spiele der Saison:
am 26.5. gegen Austria (Happel-Stadion, 17 Uhr);
am 29.5. gegen GAK (Schwarzenegger-Stadion, 15.30 Uhr);
am 1.6. (Cupfinale) gegen Austria (Happel-Stadion, 20.15 Uhr).
Meisterfeier am 30.5. (18 Uhr) am Rathausplatz.

Zum Archiv

nach oben
Mai 2005 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at