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Die Anklägerin
FRAUEN im ISLAM Der Islam ist mit dem Westen nicht vereinbar, die Ideologen des Multikulturalismus sind „politisch korrekte Rassisten“. Ein Gespräch mit der islamkritischen Politologin und Politikerin Ayaan Hirsi Ali, die einer Zwangsehe entkam, von Islamisten mit dem Tode bedroht wird und nun den starken, liberalen Staat fordert. WERNER A. PERGER

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/05 vom 01.06.2005

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Ihr Name ist Hirsi Ali. Ayaan Hirsi Ali. Eine Frau mit besonderer Mission: Aufklärung der moslemischen Frauen über deren Unterdrückung durch den Islam; und Aufklärung des Westens über die Unvereinbarkeit des liberalen Demokratiemodells mit einer autoritären Religion wie dem Islam. Ein Langzeitprojekt, eine Lebensaufgabe. Ayaan Hirsi Ali hat eben erst damit begonnen. Aber sie hat sich bereits eine Unzahl gefährlicher Feinde geschaffen.
  Die junge Frau aus Somalia ist in jeder Beziehung eine auffällige Erscheinung, eine politisch-intellektuelle Kämpferin mit der Eleganz und den Looks eines Models der Pariser Salons und der Schärfe und Unerbittlichkeit einer Anklägerin vor dem Haager Strafgerichtshof. Geboren vor 35 Jahren in Mogadischu, aufgewachsen in einer islamischen Großfamilie im Exil in Saudi-Arabien, Äthiopien und Kenia, 1991 vor einer vom Vater arrangierten Zwangsheirat über Deutschland in die Niederlande geflohen, heute niederländische Staatsbürgerin, Politikwissenschaftlerin und seit 2003 Parlamentsabgeordnete, Verfasserin mehrerer Bücher und Autorin des folgenschweren islamkritischen Kurzfilms „Submission 1“.
  Fanatische Islamisten haben sie im Internet zum Tode „verurteilt“. Seit zwei Jahren steht sie rund um die Uhr unter Personenschutz. Als sie am vergangenen Samstag, begleitet von ihren niederländischen Sicherheitsbeamten, auf dem Berliner Flughafen landete, wurde sie von einer Gruppe deutscher Personenschützer in Empfang genommen. Auch im Ausland, obwohl sie da vergleichsweise sicher ist, heißt die Devise: null Risiko. El Kaida ist überall. Am Montag stellte Ayaan Hirsi Ali in Berlin die deutschsprachige Ausgabe ihres jüngsten Buches vor: „Ich klage an“ (Untertitel: „Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen“). Diese brisante Sammlung von Texten dokumentiert ihre Auseinandersetzung mit dem Koran, dem Propheten und der politischen Rolle des Islam in Europa – ebenso aber auch ihre erbitterte Kampagne gegen all die Intellektuellen, Journalisten und Politiker im Westen, die ein respektvolles Miteinander unterschiedlicher Kulturen in den Demokratien für wünschenswert halten und deshalb aus ihrer Sicht entweder nicht ganz bei Trost sind oder, schlimmer noch, bornierte Ideologen eines fatalen Kulturrelativismus. In diesem Kampf gibt es für sie kein Pardon. Multikultis, bitte anschnallen, hier kommt Ayaan Hirsi Ali im Klartext: Die Ideologen des Multikulturalismus „sind politisch korrekte Rassisten“.
  Kurz zuvor hatte sie in Paris die französische Ausgabe ihrer Kampfschrift („Insoumise“) präsentiert. Dort hatte ich mit ihr über das Buch und über ihre „Mission“ gesprochen. Über ihre tiefe Überzeugung, dass Islam und Demokratie unvereinbar sind, über die „multikulturelle Illusion“ und das Scheitern der Integration der Migranten in Westeuropa, über ihr Leben im Ausnahmezustand und natürlich über Theo van Gogh, den preisgekrönten Filmemacher und Kolumnisten, der die Regie bei „Submission 1“ geführt und die Lebensgefahr, die damit verbunden war, dramatisch unterschätzt hatte.
  Ayaan Hirsi Ali erinnert sich: „Ich bin der Dorftrottel“, habe er immer wieder zu ihr gesagt. Ihm tue keiner was, aber sie, Ayaan, sie sei wirklich gefährdet. Sie solle nach Amerika gehen, habe er sie gedrängt, und dort ein neues Leben anfangen. Um ihn solle sie sich keine Sorgen machen. Er soll vorsichtig sein, habe sie ihn bedrängt, aufpassen, Personenschutz akzeptieren. Gelacht habe er. Aufpassen? Vorsicht? Ach was! Provokation war schließlich sein Elixier. Sein ganzes Künstlerleben lang hatte Theo van Gogh, ein Urgroßneffe des großen Malers, von dem Ruf gelebt, ein ziemlich bedenkenloser, oft verletzender Polemiker zu sein, streitbar und aggressiv, nach dem Prinzip: viel Feind, viel Ehr. So war denn auch das Filmprojekt „Submission“, angelegt auf mehrere Teile, in dem sich gedemütigte, gepeinigte moslemische Frauen mit Allah auseinander setzen – das Drehbuch ist in dem neuen Buch enthalten –, ganz nach van Goghs Geschmack. Es wurde Ende August in den Niederlanden ausgestrahlt. Zwei Monate später, am 2. November, ist Theo van Gogh in Amsterdam von einem jungen niederländisch-marokkanischen Moslem auf offener Straße ermordet worden. An seiner Leiche fand man eine schriftliche Morddrohung – genauer: eine Exekutionsankündigung –, adressiert an Ayaan Hirsi Ali, fixiert mit dem Mordmesser.
  Natürlich hat die Empfängerin der bizarren Botschaft diese ernst genommen. Und natürlich fragt sie: Soll ich deshalb aufgeben? Abhauen? Oder wenigstens eine Zeit lang schweigen, wie Freunde raten? Ist dieser gezielte Einzelmord vom 2. November in Amsterdam nicht ein neuer drastischer Beweis – nach den Massenmorden vom 11. September 2001 in New York und vom 11. März 2004 in Madrid – für die Aggressivität der Unterdrückerreligion Islam? Die Terroristen lassen nicht nach – wieso sollte dann gerade sie zurückstecken, die Kämpferin gegen die brutale Religion, auf die eben jene Mörder sich berufen? „Nach dem Mord an Theo van Gogh bin ich mehr denn ja davon überzeugt“, schreibt sie in ihrem Buch, „wie richtig es ist, nur in meiner eigenen Art und Weise zu sprechen und Kritik zu äußern“. Anders gesagt: Jetzt erst recht!
  In ihrem Zweifrontenkrieg gegen die religiösen Unterdrücker und gegen die politischen Naiven attackiert Hirsi Ali zunächst den Koran, den Propheten, die Prediger, die Islamisten. Die Berufung der Mörder auf den Islam hält sie für keine Verirrung, sondern für eine logische Konsequenz. Der Islamismus à la El Kaida sei kein Missbrauch der Lehre Mohammeds. Der Islam sei insgesamt aggressiv und unvereinbar mit der demokratischen Philosophie der Aufklärung und des Westens. „Was mich an Europa fasziniert hat, ist der Wert des Individuums. Das ist mir wichtig. Das habe ich ja nicht erfunden. Das habe ich hier vorgefunden, und das hat mich begeistert. Das will ich verteidigen. Dafür setze ich mich ein.“
  Die Verachtung der meisten in westeuropäischen Moscheen aktiven Prediger für das Demokratiekonzept der Aufklärung – namentlich für die Idee der Gleichberechtigung der Frauen – ist für sie gerade der Beweis für die Unvereinbarkeit. Einen europäischen Islam – eine aufgeklärte Version der moslemischen Lehren – werde es nie geben: Das sind für sie alles Träumereien von sogenannten gemäßigten Sprechern der moslemischen Gemeinden. Für die hätten die jungen Mitglieder der moslemischen Gemeinden nur Spott und Verachtung übrig. „Sie müssten mal hören, wie die über die ‚Gemäßigten‘ reden.“ Prediger ohne Gefolgschaft seien das, auf die nur noch die europäischen Politiker Hoffnung setzten. Sie lacht. Einen Islam light werden sie nie bekommen.
  Sie erzählt von den „Multikulturellen“ im Westen, von deren Hoffnungen und Illusionen. Hier, an der zweiten Front ihres Konflikts, legt die sanfte Schöne nun richtig los. Ihre leise Stimme wird deutlicher, die Wortwahl schärfer. „Das Problem ist die politisch-korrekte Geisteshaltung dieser Leute. Das ist ja nicht einmal eine Bewegung. Das ist eine festgefügte geistige Haltung, die im Ergebnis gefährlich ist. Mit Liberalismus hat das nichts zu tun. Die Idee, dass in der Demokratie jede Kultur, jede Religion, jede Migrantengruppe sich als eigene Gemeinschaft in parallelen Gemeinden organisieren und nach eigenen Wertvorstellungen leben kann, führt notwendig zum Scheitern der Integration. Das ist ja auch passiert: Die multikulturelle Illusion ist gescheitert, alle haben Probleme mit der Integration der Zuwanderer.“
  Jetzt hätten Europas Einwanderungsgesellschaften gemerkt, was falsch gelaufen ist. Dass die Parallelgesellschaften den sozialen Zusammenhalt gefährdeten. „Die Existenz der Parallelgesellschaften ist nichts anderes als legalisierte Apartheid. Der Unterschied zur seinerzeitigen Apartheid in Südafrika ist nur der, dass sie dort erzwungen war – in Westeuropa wird man dazu überredet.“ Dort wirkte der Polizeistaat, hier der Sozialstaat. Gescheitert, meint Hirsi Ali, sind beide. Der eine, als die gewollte Apartheid zusammenbrach. Der andere, als sie ungewollt entstand.

Was tun? Hirsi Alis Fazit und Predigt: aufhören zu träumen, das Scheitern der multikulturellen Illusion anerkennen, das historisch begründete schlechte Gewissen überwinden, neu denken, weg von den Migranten als Kollektiv, hin zum einzelnen Zuwanderer als Individuum, ernst machen mit der Integration und den damit verbunden Pflichten des Zugewanderten.
  Hirsi Ali fordert im Grunde den starken liberalen Staat. Den Staat, der fordert und eingreift, der den Einzelnen vor dem Kollektiv schützt, aber auch die Gesellschaft vor den Einzelnen. Toleranz für Glaubensgemeinschaften sei gut. Aber wenn darunter die Rechte des Einzelnen leiden, „dann fährt die multikulturelle Gesellschaft gegen die Wand“. Wie in den Fällen, wo der Staat die Herausbildung von Parallelgesellschaften tatenlos hinnahm, in denen die Scharia mehr gilt als die europäische Menschenrechtskonvention oder die jeweilige nationale Verfassung. Dass Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, „Ehrenmord“ in Europa immer noch geschehen und oft ungeahndet bleiben, diese Tatsache ist für die Frauenrechtlerin, die für die rechtsliberale Regierungspartei VVD im Haager Parlament sitzt, der krasseste Beweis für den Sündenfall einer falschen multikulturellen Toleranz der Einwanderungsgesellschaften im Westen.
  Eingreifen des Staates fordert sie auch im Kleinen: „Es gibt ein Elternrecht, das gilt für alle, auch für Immigranten. Aber das Kind ist kein Eigentum der Eltern. Es gibt ein Recht des Kindes, und dazu gehört eine gute Ausbildung, das von den Eltern auch nicht unter Berufung auf die Religion eingeschränkt werden darf.“ Die Kinder müssen in die Lage versetzt werden, später als Erwachsene für sich selbst sorgen zu können, qualifizierte Arbeitsplätze zu bekommen, selbstbewusste Demokraten werden zu können. Auch Ayaan Hirsi Ali hat ihre Träume. Und so fordert sie bessere Ausstattung gerade jener Schulen, in denen der Ausländeranteil hoch ist. „Schwarze Schulen“ heißen die in den Niederlanden. Zwei Lehrer auf zehn Schüler, das sei die optimale Relation. Einer konzentriert sich auf den Unterricht, der andere ist zuständig für Organisation, Disziplin, pädagogische Begleitmaßnahmen. „Er ersetzt die Eltern, die diese Integrationsaufgabe nicht erfüllen können.“
  Ist Ayaan Hirsi Ali von ihrer Mission besessen? Ist sie im Kampf gegen falsche Toleranz selbst intolerant geworden? Ist die Aufklärungskampagne zum Kreuzzug geraten? Solche Fragen werden ihr vor allem in Holland oft gestellt, nicht zuletzt von Freunden. Und von anderen Gegnern der religiösen Fundamentalisten, die Hirsi Ali gegen moslemische Fanatiker in Schutz nehmen, sich aber mit ihr nicht verbünden wollen. Ihr Vorwurf: Sie mache es unmöglich, Brücken zu bauen. Sie wolle keine Kompromisse. Sie verbaue den Weg zu Gesprächen zwischen den Kulturen. Und vor allem verschrecke sie jene, denen sie vor allem helfen wolle: die muslimischen Frauen.
  Kennt sie alles. Oft gehört und ebenso oft beantwortet. „Bin ich hysterisch? Bin ich besessen? Weder noch. Ich bin nicht obsessiv, aber ich mache das, was ich mache, mit Leidenschaft. Ich kann das nicht mit halber Kraft, mit angezogener Handbremse machen. Ich muss und ich will es gut machen. Das heißt, ich mache es leidenschaftlich.“
  Aber was sei das auch für ein Argument, das mit der Obsession. „Das ist ja gar kein Vorwurf in der Sache. Darin steckt gar kein Widerspruch. Es soll lediglich die Aufmerksamkeit der Leute von der Sache auf den Stil ablenken. Dasselbe gilt für das Argument: Die Frau ist traumatisiert und hysterisch. Auch das dient nur der Ablenkung Diese Kritiker wollen nur erreichen, dass ich mich persönlich verteidige: Nein, ich bin nicht traumatisiert und nicht hysterisch! Ich brauche meine Energie für den Kampf gegen Unterdrückung.“
  Ein einfacher Mensch ist sie wohl nicht, oder? Sie lacht, als wäre sie darüber echt amüsiert. „Stimmt, ich bin nicht einfach.“ Doch andererseits: „Wer ist schon einfach?“  Aber das ist vermutlich auch wieder zu simpel.

Werner A. Perger ist Reporter der deutschen Wochenzeitung Die Zeit.

Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an, Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen.
München 2005, (Piper). 230 S, EUR 13,90

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Mai 2005 © FALTER
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