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Falco piept!
NATUR Geschätzte 610.000 Vögel leben in Wien, vom harmlosen Sperling bis zum Greifvogel. Genau: Falken brüten gerade in der Stadt – wieso überhaupt? Auf geht’s zum lustigen Birdwatching. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/05 vom 01.06.2005

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Piep. Falken sagen tatsächlich piep. Natürlich in einer gehörigen Lautstärke und nicht nur einmal am Tag. Eigentlich sagen Falken Pieppieppieppiep – ohne Unterlass und kaum dass der ersten Sonnenstrahl den Morgen angekündigt hat. Pieppieppieppiep geht es, unterbrochen von einer kurzen Pause, bis zum Abend. Nun würde man sich von so einem stolzen Greifvogel vielleicht ein etwas kämpferisches Geräusch erwarten, aber Falken, zumindest Turmfalken (und zumindest wenn sie in Wien Mariahilf gleich unter dem Dach eines Zinshauses leben), machen einfach nur Piep. Pieppieppieppiep.
  Wien hat fast 1,6 Millionen Einwohner, Menschen. Zählt man die tierische Bevölkerung dazu, die wild lebende und die eingesperrte, wird die Stadt schnell zur riesigen Metropole. Von der Amsel bis zum Ziesel ist in Wien so ziemlich alles heimisch: Wildschweine (im Lainzer Tiergarten), Biber (in der Lobau), Kaninchen, Eichhörnchen oder Maulwürfe (in den Parks), Ratten und Mäuse sowieso, ganz zu schweigen von den Insekten. Das Wien Museum widmet den Tieren in der Großstadt seine aktuelle Ausstellung in der Hermesvilla (siehe unten).
  Tiere fühlen sich also wohl in der Stadt. Die Gründe dafür sind zahlreich: Ursprünglich besiedelte Gebiete in Stadtnähe werden verbaut, das zwingt viele zur Landflucht. Natürliche Feinde gibt es wenige, warm ist es auch, und das Nahrungsangebot ist sowieso prima; in der Kanalisation ebenso wie in den Mistkübeln oder auf der Straße. Tauben zum Beispiel müssen einfach nur in die nächste offene Backstube spazieren und die Brosamen vom Boden picken. Der Bäcker Mann versucht mittlerweile, mit Abwehrraben aus Bronze (gibt’s im einschlägigen Versandhandel) die lästigen Straßentauben zu vergraulen. Die denken sich womöglich „Huch, ein Rabe!“ – das wäre zumindest im Sinne der Erfinder – und machen einen Bogen um das Brotgeschäft. Vorerst zumindest, denn irgendwann werden sie den Trick der Taubenscheuche durchschauen, da sind sich Experten wie Gábor Wichmann sicher. „Tauben lernen sehr schnell mit geänderten Bedingungen zu leben“, weiß der Mitarbeiter von BirdLife Austria. Logisch, sonst gäbe es nicht so viele davon in der Stadt.
  Echte Turmfalken jagen zwar keine Tauben, die wären nämlich den 35 Zentimeter langen Vögeln als Beute doch eine Spur zu groß. Aber zumindest können sie dafür sorgen, dass es Tauben in ihrer Nähe ein wenig ungemütlich finden und sich von selbst verpfeifen. Aus diesem Grund mögen es Hausbesitzer wohl auch, wenn es statt Taubennestern Falkenhorste unter ihrem Dach gibt. Ansiedeln lassen sich Turmfalken jedoch nicht, sie kommen ganz von selbst in die Stadt, erklärt BirdLife-Ökologe Wichmann. „Es hat in der Vergangenheit etwas dubiose Projekte gegeben, bei denen ein Züchter in der Lobau Greifvögel in den Karl-Marx-Hof gebracht hat, damit sie dort Tauben vertreiben.“ Funktioniert hat die Sache nur bedingt, denn Turmfalken ernähren sich vor allem von Mäusen, kleineren Ratten und Insekten. Manchmal machen sie sich auch noch über kleinere Vögel her, zum Beispiel Meisen, Grünfinken oder auch Stare (doch, doch, die Natur ist grausam). Zumindest haben das Forscher bei der Analyse des Gewölles – so heißt das Raufgewürgte der Greifvögel – am Ende der Brutsaison festgestellt.

Das Nahrungsangebot in der Stadt ist ebenso gut wie die baulichen Bedingungen für die Felsenbrüter, die sich ihre Reviere aufteilen und nicht in Kolonien leben. Viele potenzielle Opfer von Turmfalken scheinen mittlerweile den „Horstfrieden“ zu kennen, eine nette Einrichtung der Natur, die Greifvögel nicht in unmittelbarer Nestnähe jagen lässt – gemütlich für Mäuse und Meisen.
  Im Auftrag der Umweltschutzabteilung der Stadt haben die Vogelkundler und -schützer von BirdLife vor vier Jahren eine Bestandserhebung der Wiener Brutvögel gemacht. Ausschlaggebend dafür war die Neuformulierung des Wiener Naturschutzgesetzes und der Naturschutzverordnung, die die meisten Vogelarten und deren Lebensräume streng schützen. Wenn jetzt irgendwo in der Stadt neu gebaut wird, wird bei der Baubewilligung – zumindest theoretisch – auch geprüft, ob durch das Bauvorhaben der Lebensraum seltener Arten bedroht wird. Bei der Studie, für die das gesamte Stadtgebiet in mehr als tausend Raster aufgeteilt wurde und an der sich mehr als 150 Hobbyornithologen beteiligt haben, ging es darum, sämtliches städtisches Vogelvieh aufzulisten, auch so profane Stadtbewohner wie Spatzen oder Straßentauben. Dafür mussten die Vogelfreunde mindestens dreimal um fünf in der Früh die ihnen zugewiesenen Stellen im Stadtgebiet aufsuchen und ihre Sichtungen notieren. Wie Vogelfreunde das so machen. Derzeit arbeiten die Vogelschützer an einem Brutvogelatlas für Wien. Der soll dann auch Hobbyvogelkundlern beim Birdwatching behilflich sein.
  Mit der aktuellen Bestandserhebung, bei der in Wien 132 Arten gesichtet wurden, dürfte es recht schwierig sein, beispielsweise auf der Donauinsel einen Wolkenkratzer zu errichten, sind hier doch äußerst viele Nachtigallen anzutreffen, und auch vier Brutpaare der Eisvögel hat man entdeckt. Die Umweltabteilung macht gerade mit dem blau gefiederten Vogel Werbung für hundert Jahre Wiener Grüngürtel (siehe unten). Geschätzte 610.000 Vögel sind in Wien zu Hause, etwa vierzig Prozent der Gesamtvogelpopulation der Stadt finden sich in Gartensiedlungen, weitere vierzig Prozent sind in dicht bebauten Gebieten heimisch. Haussperlinge, Kohlmeisen, Amseln oder Mönchsgrasmücken hingegen sind übers ganze Stadtgebiet verteilt und zählen mit der Straßentaube zu den fünf häufigsten Arten in der Stadt. Den Wendehals hingegen trifft man nur vereinzelt im Nationalpark Donau-Auen.
  Dabei ist die Stadt nicht immer vogelfreundlich: Durchsichtige Lärmschutzwände, Büroturmfassaden aus Glas, verglaste S-Bahn-Haltestellen oder große Fenster, in denen sich Bäume spiegeln, führen immer wieder zum sogenannten Vogelschlag. Die Tiere prallen gegen die Flächen und sterben. Vogelschützer fordern, Gefahrenquellen zu entschärfen, etwa durch Außenjalousien oder großflächig angebrachte Aufkleber – die beliebte Greifvogelsilhouette bringt angeblich nichts. Umweltschützer rufen dazu auf, den urbanen Lebensraum so zu gestalten, dass sich Vögel darin wohl fühlen. Während der Brutsaison Hecken in Parks zu stutzen ist demnach ganz böse. Immerhin hat unlängst die Stadt an Gartenbesitzer Heckenpflanzen verschenkt, denn fade Thujenreihen sind zum Brüten und für die Nahrungssuche ungeeignet. Wer in seinem Garten für Vielfalt sorgt, sorgt für Insekten und damit auch für Vogelreichtum in der Stadt. Und für die entsprechende Geräuschkulisse.
  Forscher wollen übrigens beobachtet haben, dass Stadtvögel ihrem Gesangsrepertoire überaus urbane Varianten hinzugefügt haben und mitunter bereits Klingeltonmelodien trällern. BirdLife-Mann Wichmann selbst hat derart städtisches Verhalten bei Vögeln zwar noch nicht selbst erlebt, hat jedoch eine mögliche Erklärung für das Phänomen: „Amseln, Singdrosseln oder Stare gehören zur Gruppe der Spötter, sie nehmen alles auf, was sie in ihrer Umgebung so hören.“ Das mache biologisch Sinn, zeige es doch, dass die Männchen fit genug sind, sich neben der Nahrungsbeschaffung auch noch dem Spotten zu widmen. „Vielleicht muss man einem Amselmännchen nur lange genug ‚Smoke on the Water‘ vorspielen, damit es das nachsingt.“
  Keine Sorge, ausprobiert hat das noch keiner der Vogelkundler. Dabei wäre doch die Deep-Purple-Nummer aus dem Schnabel einer Amsel eine gute Alternative zum Falkengezwitscher unterm Dach.

Infos: www.birdlife.at


AUSSTELLUNG
Mausi in der Großstadt


Ganz im Gegensatz zu Berlin, wo Wildschweine bis in die Gärten der Menschen am Stadtrand (und angeblich sogar schon ins Zentrum) kommen, gibt es die Borstenviecher in Wien nur im Lainzer Tiergarten – hinter dicken Mauern und wohlgenährt, dem Forstamt sei Dank. In Los Angeles machen Kojoten den Bewohnern das Leben schwer (und verspeisen schon mal das ein oder andere Schoßhündchen der Rockerfamilie Osbourne), bei uns sind immer noch Hunde das bestimmende Thema, wenn’s um Tiere geht. In seiner aktuellen Ausstellung in der Hermesvilla im Lainzer Tiergarten widmet sich das Wien Museum dem Thema „Tiere in der Großstadt“. Hunden und deren Besitzern räumen die Macher der kleinen, aber ausgesprochen gut gemachten Ausstellung viel Platz ein. „Kampf ums Hundstrümmerl“ ist der Titel für einen Raum über „das viertwichtigste Problem der Stadt“. Zu sehen ist alles, vom echt (!?) antiken Hundekot aus der Römerzeit und dem Mittelalter über diverse „Gassi-Sets“ aus der privaten Sammlung des pensionierten Hundepolitikers Franz Karl bis zur kabarettreifen Pressekonferenz von Alt-Bürgermeister Zilk zum – misslungenen – Praxistest des französischen „Dogofant“, einem Motorrad mit Staubsauger zur Hundehaufenentfernung.
  Neben dem ambivalenten Verhältnis zwischen Hund, Herrl und Hundenichtbesitzern zeigt die Ausstellung aber vor allem Tiere als Teilnehmer am Großstadtleben, das Spannungsfeld Mensch – Tier – Stadt, das die Besucher in 15 Kapiteln durchwandern können. Die Zugänge der typisch fürs Wien Museum reichlich ausgestatteten und vor allem mit Archivmaterial bestückten Schau sind unterschiedlich. „Tiere in der Großstadt“ soll eine Anthologie sein und besteht aus einer Reihe kleiner Ausstellungen, die 18 Kuratoren widmen sich der Thematik historisch, künstlerisch, archäologisch-wissenschaftlich oder stadtgeschichtlich. So wie im Raum „Sauwinkel und Roter Igel“, in dem sich die Kuratoren mit Straßennamen und Hauszeichen beschäftigen. Wiener Häuser heißen nämlich „Zum gelben Adler“, „Biene“ oder „Zum Elefanten“, meist weisen Skulpturen oder Malereien darauf hin. Und wer den überlebensgroßen Hirsch beim Haus „Zum goldenen Hirschen“ nicht kennt, hat noch nie beim Haus Taborstraße 17 den Kopf gehoben. Der Raum „Wiens wilde Tiere“ widmet sich Stadtbewohnern, die man nicht unbedingt hier erwartet, von der Smaragdeidechse bis zum Dachs.
  Ebenfalls aus den Depots des Museums stammen die vielleicht kuriosesten Ausstellungsstücke, Tierporträts aus zwei Jahrhunderten. Sie zeigen Shaddow, den edlen Hund von Kaiserin Sisi, ebenso wie Lady, Juno oder die dicklich-kaiserliche Hündin Diana. Ganz neu sind die Pudelporträts der Malerin Titanilla Eisenhart: „Satan, der Pudel im Advent“, so der Titel eines Bildes. Weiters sind Bilder aus privaten Fotoalben zu sehen, beispielsweise ein Mann mit Vogel aus den Sechzigerjahren, handschriftliche Anmerkung dazu: „Liebling bleibt aber Mausi“. Lustig. Weniger lustig, mehr blutrünstig waren die ersten Menagerien in Wien ab dem 17. Jahrhundert, kleine Tierschauen, bei denen man wohl gar nicht gut umging mit exotischem Getier wie dem „trompetenden Elephanten“ namens Baba. Oder das 1755 erbaute „k.k. privilegirte Hetzamphietheater unter den Weissgerbern“, der heutigen Hetzgasse: Bis zum Brand 1796 hetzten, jagten und zerfleischten einander (oder ließen sich jagen, je nachdem) hier Bären, Ochsen, Löwen, Wölfe, Schafe und Hunde. In der Hermesvilla steht ein Modell der Arena.
  Das Stadttier als Liebling oder Bestie, als heimlicher oder offizieller Mitbewohner, als Eindringling oder Sammelstück aus Augarten-Porzellan: „Tiere in der Großstadt“ ist eine feine Schau, für die man gerade so lange Zeit braucht, dass man hinterher weiter durch den Lainzer Tierarten wandern kann – um vielleicht das ein oder andere echte Wildschwein zu besuchen.

„Tiere in der Großstadt“,
bis 20.11. im Wien Museum Hermesvilla, 13., Lainzer Tiergarten, Di–So 10–18 Uhr, Eintritt EUR 4,– (erm. EUR 2,–), www.wienmuseum.at. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen.

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Mai 2005 © FALTER
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