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Kamera im Kübel
FOTOGRAFIE In der Ausstellung „Die junge Republik“zeigt die Nationalbibliothek Alltagsbilder aus der Zeit von 1945 bis 1955 und beleuchtet damit die Rolle der Fotografie in der Konstruktion österreichischer Identität. Einen Besuch darf man geradezu als staatsbürgerliche Pflicht in Sachen Bildaufklärung verstehen. ERICH KLEIN

Falter 23   Originaltext aus Falter 23/05 vom 08.06.2005

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Österreich wäre nicht frei, hätte es die Amerikaner nicht gegeben. Ein Wiener Fotograf wie Harry Weber fotografierte Polizisten in Rückenansicht auf der Treppe unter dem Balkon der Staatsvertragsunterzeichnung; um ihre Hosen zu schützen, sitzen die Uniformierten auf Schneuztüchern und Zeitungen. Ein anderer Fotograf, Erich Lessing, lichtet den aufgeregten Leopold Figl im Inneren des Belvedere ab, wie er in Erwartung der alliierten Außenminister neugierig den Vorhang zur Seite schiebt. Den historischen Augenblick des 15. Mai 1955 in seiner ganzen Bedeutsamkeit brachten allein die Fotografen des United States Information Service (USIS) in die rechte Form: zwölf Bilder mit Politikern, Bevölkerung und Staatsvertrag.
  Die Ausstellung „Die junge Republik“, die Hans Petschar, Leiter der Bildstelle der Nationalbibliothek (NB), aus hauseigenen Beständen zusammengestellt hat, zeigt nicht einfach nur 350 „Alltagsbilder aus Österreich 1945–1955“, wie der Untertitel der Schau im barocken Prunksaal lautet. Fotogeschichten wie die des Staatsvertrags werden dort in ihrer ganzen Komplexität aufgerollt: Es wird die Rolle der Fotografie bei der Konstruktion österreichischer Identität beleuchtet. Das Ganze stellt zugleich eine kleine und höchst eindrucksvolle Geschichte der Fotografie der Zweiten Republik dar, die doppelten Ursprungs ist.
  Da finden sich einerseits große Fotografen wie Lothar Rübelt, Harry Weber, Erich Lessing oder Otto Croy, dessen legendäre Bilder des zerbombten Wien auf bezeichnende Weise entstanden. Um seine „lyrischen“Ansichten der Trümmerfrauen und ihren mühsamen Nachkriegsalltag aufzunehmen, bediente sich der später durch seine Bücher für den Fotoamateur berühmt gewordene Croy eines einfachen Tricks. Mit Sonnenbrille und Blindenschleife als Kriegsblinder verkleidet, konnte er ungestört seine Umgebung beobachten. Den Fotoapparat versteckte er vor den Begehrlichkeiten der – vor allem sowjetischen – Soldaten in einem Kübel.
  Croys pathetische und zugleich sehr nüchterne Darstellung von Wien im Jahre 45 beruht gleichsam auf Identifikation: Der Fotograf gehört selbst zu jenen, die vor seiner Kamera eine zerstörte Donaubrücke überqueren oder am Schwarzmarkt ihre letzten Habseligkeiten verschachern. Um die Baukommission, die sich vor dem Hintergrund des zerstörten Riesenrades über ein Modell des Praters beugt, so zu fotografieren, wie es Croy tat, muss man schon sehr genau wissen, was der Prater ist.
  Den Gegenpol zu solchen subjektiven Formen des fotografischen Neubeginns nach 1945 stellt die perfekt organisierte Informations- und Propagandamaschinerie des United States Information Service dar. Das in den zehn Jahren der Besatzung angelegte, 10.000 Negative umfassende Fotoarchiv wurde 1972 von den Amerikanern der Nationalbibliothek übergeben und stellt eine unerlässliche Informationsquelle über die Anfänge der Zweiten Republik dar.
  Die Aufgabe der dem USIS übergeordneten Information Service Branch beschrieb Albert van Eerden, Germanistikprofessor aus Princeton und einer der Chefplaner der US-Informationspolitik für Deutschland und Österreich nach 1945, damals folgendermaßen: Die Agentur diene zur „Verbreitung von Amerika und der Demokratie, d. h. des amerikanischen Verständnisses von Demokratie“– ein Ziel, das am besten nicht durch Kontrolle, sondern durch „Führung“zu erreichen sei. USIS sei „eine Propagandaagentur, wenn man unter Propaganda die Propagierung der positiven Vorstellungen einer anständigen, toleranten und demokratischen Lebensweise versteht“.
  Das ursprünglich von der US-Army geleitete Informationszentrum, das in- wie ausländische Presse mit Fotomaterial versorgte, beschäftigte 62 Amerikaner und 675 Österreicher; die Leitung hatte der japanischstämmige Fotograf Yoichi Okamoto, späterer Leibfotograf des amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson, inne. Unter Okamoto wurden vierzig österreichische Fotografen zu professionellen Bildreportern ausgebildet – embedded journalists avant la lettre im Namen der Demokratie.
  Zu den ältesten Ausstellungsstücken des USIS-Materials gehört eine noch ziemlich linkisch gestaltete Bildtafel mit Aufnahmen von Opfern der Konzentrationslager: Leichenberge zur Information derer, die von nichts gewusst haben. Darauf folgen die Ströme der sogenannten displaced persons, jener zwei Millionen jüdischer Flüchtlinge, die infolge des Krieges ihre Heimat verloren hatten und sich auf den Weg nach Palästina machten. Bei den Bildern der Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, die in Österreich auch einen gewichtigen innenpolitischen Faktor darstellten, fehlt nur der wichtigste Fotograf der Kriegsheimkehrer, Ernst Haas. Was das Bildarchiv der NB an Material nicht besitzt, kommt in der Ausstellung auch nicht vor.
  Was die Schau mit ihren zahlreichen durchaus bekannten Bildern vor allem spektakulär macht, sind die bislang nie präsentierten Bilderzählungen der Amerikaner, eine Art biblia pauperum des fotografischen Zeitalters. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren gleichermaßen von jungen sowjetischen Fotografen zur Beförderung des Kommunismus und von den Amerikanern zur Illustrationen der Politik des New Deal erfunden, erzählen die aus bis zu zwei Dutzend Fotos bestehenden Bildserien vom Leben nach dem Dritten Reich als Neubeginn. Vom Beseitigen der Trümmer, der Versorgung österreichischer Kinder durch ausländische Hilfslieferungen, überhaupt vom „Fortschritt beim Wiederaufbau“ist da die Rede. Eine Reise ins gelobte Land namens Österreich.
  Alle haben dank der umfangreichen Marshallhilfe des European Recovery Program (ERP) mittlerweile eine Arbeit gefunden. Eine Serie heißt „Die Österreicherin und das ERP“. Wirken die in einer Strickwarenfabrik, am Telegrafenamt oder bei der Erzeugung von amerikanischen Radios fotografierten Frauen 1946 noch anonym, führt die Serie vier Jahre später schon individualisierte, genauer gesagt: typisierte Erfolgsgeschichten vor. Was Hugo Portisch so gerne als Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik bezeichnet, dürfte in dieser Form der Darstellung ihren Ursprung haben. Die fiktiven Bildlegenden der täglichen Kronen Zeitungs-Girls auf Seite fünf stammen sicher von dort her. Hans Dichand hat damals sein Handwerk erlernt.
  Eine Bildlegende lautet: „Die Frauen haben es leichter, seit auch in Österreich wieder Lebensmittel und die Artikel für den täglichen Gebrauch dank der großzügigen ERP-Hilfe in ausreichendem Maße vorhanden sind.“Die Führung eines Haushaltes bedeute jetzt nicht mehr Mühen wie in den zurückliegenden Jahren, Kochen stelle wieder ein Vergnügen dar, eine Frau brauche beim Bügeln nicht mehr ständig an den Zusammenbruch des Stromnetzes zu denken, und auch die Anschaffung von Schuhen für die Tochter bereite kein Kopfzerbrechen mehr. Für die besinnliche Stunde – die typische Österreicherin sitzt am Küchentisch und schreibt einen Brief – gibt es sogar wieder „die gute österreichische Zigarette“. Fotos und Bildlegenden sind ein Teil jenes Hilfsprogramms, das sie dokumentieren.

Mitunter nehmen es die Propagandisten nicht ganz so genau, vor allem, wenn es darum geht, die amerikanische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit weiterer Hilfsprogramme für Österreich zu überzeugen. Zur Illustration der schwierigen österreichischen Verhältnisse im Jahre 1947 wird auf zwei Jahre alte Bilder zurückgegriffen, auch wenn sich die Lage mittlerweile wesentlich verbessert hat. Alte Frauen wühlen dann noch immer im Schutt, in den Wiener Parks werden noch immer Erdäpfel angebaut. Manche Storys werden nur für den amerikanischen Markt freigegeben, weil sie in Österreich unplausibel gewirkt hätten.
  In anderen Fällen, wie im Fall der Wiederherstellung der am letzten Kriegstag zerstörten Pummerin, wird durch opulente Bildgestaltung und Namensgebung alles überboten, was an Österreichmythen schon existiert. Als handle es sich um „Sound of Music“, wird der Weg der neugegossenen Glocke von Linz nach Wien nicht nur als Triumphzug fotografiert, das Ganze ist auch Bestätigung, dass Österreich auf dem rechten Weg ist. Das nationale Heiligtum wird als „Queen of Austria“tituliert, eine Bezeichnung, die hierzulande niemand kennt, die aber immerhin gut klingt; und der Marshallplan hat ja auch die Ankurbelung der österreichischen Tourismusindustrie zum Inhalt.
  Wie eine Heiligenerscheinung, fast wie eine Illustration von Lenins Formel „Kommunismus ist Sozialismus plus Elektrifizierung des Landes“mutet das Foto aus einem Bauernhaus in der Buckligen Welt an. Die ganze Familie ist rund um den Esstisch versammelt und bestaunt die endlich strahlende Glühbirne. Geschuldet ist das Ganze ebenso amerikanischer Hilfe wie das Glück der Kärntner Bäuerin Maria Tschinder: mit Marshallgeldern wurde die Entwässerung des Gailtales durchgeführt, und erst das hat die ertragreiche Kornernte ermöglicht.
  Fotoästhetisch könnte das Bild der Ährenträgerin mit Sichel gleichermaßen in nationalsozialistischem, kommunistischem, sozialdemokratischem oder ständestaatlichem Kontext Verwendung finden. Umso deutlicher ist die Botschaft der Fotogeschichte, in der der Gang eines Kindes („Burli“) in einen Selbstbedienungsladen dokumentiert wird. Bekanntlich trägt die Dollarnote die Aufschrift „In God we trust“– und der Gott heißt hier Konsum.
  Der Ausstellungskurator Petschar, als Herausgeber der Reihe „Österreichs Bundesländer in alten Fotografien“naturgemäß nicht nur mit den Fotos von Wien vertraut, setzt hier einen anderen Akzent, als es in der vorletzten Generation von österreichischen Zeitgeschichtlern Mode war. Inkriminiert wird nicht mehr die „Coca-Colonisation“Österreichs durch die amerikanische Besatzungsmacht, im Gegenteil – das amerikanische Pathos der Freiheit wird gewürdigt: Die Amerikaner „berichteten in exemplarischen und individuellen Storys über das Leben und die Handlungen von Menschen, die ihre Geschichte selbst in die Hand nahmen oder nehmen konnten, weil eine andere Hand sie führte“.
  Die unsichtbar lenkende Hand der freien Marktwirtschaft ist dabei nicht nur um Wohlstand bemüht, sie ist auch wehrhaft und versteht es, die Gefahren des Kommunismus in die Schranken zu weisen. Die im Kontext des Kalten Krieges entstandenen und in ihrer ideologischen Funktion erstmals als solche kenntlich gemachten Bilder stellen den politisch interessantesten Teil der Ausstellung dar: USIS-Fotografen machten polemische Fotoserien der mit Billigangeboten zum Kommunismus verlockenden Läden der Uprawlenje Sowjetskim Imuschestwom w Awstrij (USIA); die österreichischen Reparationen an die Sowjets in Form von Erdöllieferungen stellten sie als Raubzug dar; ein kommunistischer Weltfriedenskongress im Jahre 1952 wird aufs Korn genommen.

Selbst die abgedroschene Metapher von der Kamera als Waffe wird wörtlich vorexerziert. Einer der USIS-Fotografen, George Smith, wirft einen direkten Blick ins Reich des Bösen. Die Bilder sowjetischer Soldaten bei der Ausweiskontrolle, an den Zonengrenzen, die Blicke über die Zonengrenze hinweg wirken nicht nur wie Spionagefotos, sie sind es auch. Deren Ästhetik spricht eine eindeutige Sprache: Aus der Hüfte, von unten aufgenommen, mitunter unscharf, immer mit dem Merkmal des Heimlichen versehen, dienten die vorwiegend im Jahr 1952, zur Hochzeit des Kalten Krieges aufgenommenen Bilder der Gegenpropaganda. Der Kommunismus ist ein Straflager, in dem auch Österreicher leben. Wichtiges Detail: Den USIS-Fotografen George Smith gab es gar nicht, es handelte sich um ein Pseudonym, unter dem Geheimdienstfotos archiviert wurden.
  Das schönste Bild der Ausstellung stammt von einem jener österreichischen Fotografen, die von den Amerikanern ausgebildet wurden. Kaum war die Nachkriegsgesellschaft ein wenig zur Ruhe gekommen, traten zeitbedingte Fotoserien wie „Frauen stellen ihren Mann“wieder in den Hintergrund. Nicht mehr die Dachdeckermeisterin, die Schusterin, die Taxichauffeurin interessieren, sondern das Treffen in der Milchbar, die Modeschau, der Friseur – überhaupt die Ankündigung von Ruhe, Harmonie und Schönheit.
  Eine Designausstellung, für die geworben wurde, hieß „Gute Form für alle“. Zu sehen ist ein ästhetisch gefälliges Ensemble wahrer Werte mit junger Frau, alles zusammen auch heute noch von geradezu schreiender Aktualität. Alles ist schön, und alles ist gut. Sie lächelt und blättert in ihrem Journal. Das Bild ist ein deutliches Beispiel jenes ideologisch besetzten Magazinjournalismus, den Fotoindividualisten wie Harry Weber mit Humor oder Otto Croy mit großem Ernst ständig zu unterlaufen versuchten, auch wenn sie für dieselben Magazine fotografierten.
  Der Sinn ihrer Fotos liegt außerhalb der Werbung, in der Bannung jenes fruchtbaren Moments, der ein Foto aus dem ewigen Kreislauf der Zeit hebt. Gegen die Verwendung von Autorenfotografie im Rahmen einer Geschichtsausstellung ließe sich einiges vorbringen. Tatsächlich stellt aber gerade die Spannung zwischen dokumentarischer Propaganda und Individualfotografie den Reiz der Schau dar. Einen Besuch darf man geradezu als staatsbürgerliche Pflicht in Sachen Bildaufklärung und Fotografie verstehen, trotz der wohl aus Budgetknappheit ein wenig bescheidenen Form der Präsentation, die hinter den durchgestylten Gedenkjahrausstellungen – die nebenbei mehrheitlich Bilder aus der NB verwenden – weit zurückbleibt.
  Lohnenswert ist jedenfalls auch ein begleitender Blick auf das Internetportal des Bildarchivs der Nationalbibliothek (www.bildarchiv.at). Dieses virtuelle Museum, europaweit eines der größten, zeigt von der umfangreichsten Fotosammlung des Landes bereits 15.000 eingescannte Bilder. Man kann dort auch erfahren, was der legendäre Sportfotograf der Ersten Republik, Lothar Rübelt, am 15. Mai 1955 gemacht hat. An den Ereignissen der hohen Politik im Belvedere offenbar wenig interessiert, fotografierte er ein Pferderennen.

„Die junge Republik – Alltagsbilder aus Österreich 1945–1955“: bis 31.10. in der Nationalbibliothek (Prunksaal, 1., Josefsplatz 1).
Information: www.onb.ac.at.

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Juni 2005 © FALTER
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