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| Lenas Welt |
| STADTKUNST Die ganze Welt in Simmering: Zwei Jahre lang hat die Fotografin Lena Lapschina mit Kamera und Teleobjektiv festgehalten, was vor ihrem Schlafzimmerfenster im Gasometer B vor sich geht – und dabei einen kuriosen und beeindruckenden Mikrokosmos entdeckt. CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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| Kutscher, Kampfhunde, Kinder oder kreischende Teenager. Jugendbanden, eine Gruppe Punks, die nach getaner Schnorrarbeit auf der Mariahilfer Straße ins besetzte Haus am Stadtrand heimkehrt, Lieferanten, Arbeiter, startende und landende Flugzeuge, Streitereien und Liebeleien, Xavier Naidoo, Sommer, Winter, Regen und Schnee. So schaut sie aus, die Welt in Simmering: Vorstadt mit Gstätten, Hightechbauten, großen Dramen und nebensächlichen Alltäglichkeiten. Zumindest wenn man Suburbia durch das Teleobjektiv und aus einem Fenster im Gasometer heraus betrachtet, so wie es Lena Lapschina zwei Jahre lang konsequent getan hat. Entstanden sind dabei mehr als 2000 Bilder, die die Künstlerin diesen Samstag in einer Doppelbilderschau im Rahmen der Veranstaltungsreihe radikal/lokalim Tanzquartier präsentiert. Lena Lapschina, 40, stammt aus Kurgan, einer Stadt in Westsibirien, an der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Vor zehn Jahren hat es sie von Europas Ostende ins 4000 Kilometer entfernte Österreich verschlagen, seit drei Jahren lebt sie als Künstlerin und Kuratorin in Wien. Im Zuge ihres Ausbürgerungs- und Einbürgerungsprozesses besaß sie zwei Jahre lang keinen Pass, konnte nicht reisen und war mehr oder weniger gezwungen, in Wien zu bleiben. Lapschina begann, die Welt ganz in ihrer Nähe zu entdecken. Die Künstlerin wohnt in einem modernen Appartement im siebten Stock des Gasometer B. Diese neu errichtete Wohnanlage im Industriegebiet empfindet sie als eine Art Bohrinsel in der Wildnis, einen Satelliten mit Nahversorgung und U-Bahn-Anschluss, den man nicht verlassen muss, um dort zu überleben. Wegen der interessanten Architektur sei sie damals in den von Coop Himmelb(l)au geplanten Bau gezogen, und weil der Flughafen gleich in der Nähe ist, den sie früher immer mit Verspätung erreichte. Blickt Lapschina aus dem Arbeitszimmer, sieht sie einen Innenraum: vis-à-vis die Fenster ihrer Nachbarn im ehemaligen Gasbehälter, unten das Glasdach der Shopping-Mall, oben der von Stahlträgern gerasterte Himmel. Blickt sie aus dem Fenster ihres Schlafzimmers, sieht sie die Simmeringer Vorstadt, am Horizont Flugzeuge im Landeanflug auf den Flughafen und den Zentralfriedhof mit der Kuppel der Lueger-Kirche, davor Gärten, ein Tenniscenter, kleine Betriebe und Parkplätze, schmucklose Gstätten. Im Gasometer B befindet sich auch die Bank-Austria-Halle, eine der größeren Veranstaltungsarenen der Stadt. Gleich unterhalb von Lepschinas Schlafzimmer ist die Backstageeinfahrt zur Halle, aus der man, wenn die Tore offen stehen, manchmal das Wummern der Bässe hört. Dort unten parken regelmäßig die Trucks mit den Sound- und Bühnenaufbauten für Konzerte, die Tourbusse für die Roadies und, später am Abend, die Limousinen, in denen die Stars zu den Fans kommen. Das alles sieht man, steht man am Schlafzimmerfenster der Künstlerin, mit bloßem Auge: Stadtrandgrau, Stadtrandgrün, Bäume, Gewächshäuser und Krähenschwärme. Menschen sieht Lepschina, wenn sie die Welt aus ihrem Schlafzimmerfenster durchs Objektiv betrachtet, wenn sie ihre Zenit-Kamera mit dem 1000-Millimeter-Teleobjektiv bestückt und Fernes nah macht. Die Optik hat die Größe einer Konservenbüchse und hilft der Gasometerbewohnerin dabei, ihre Umgebung zu entdecken. Man müsse gar nicht verreisen, sagt sie, die ganze weite Welt könne man auch im kleinen Simmering beobachten, vom Schlafzimmerfenster aus. Das erinnerte mich an die Zeit des Eisernen Vorhangs, als die Leute im Ostblock glaubten, im Westen gäbe es ein besseres Leben. Nach dem Mauerfall stellte sich dann heraus, dass das Leben da drüben auch nicht interessanter, lustiger oder langweiliger war als zu Hause. Genau 2003 Bilder hat Lapschina in den vergangenen zwei Jahren aus ihrem Fenster heraus geschossen. 1900 davon sind in der 22-minütigen Bilderfolge 1000 mm – oder Das Schlafzimmerfensterauf zwei Leinwänden zu sehen. Die Beobachterin hat die Bilderflut mit beatlastigem TripHop unterlegt und in Themenbereiche gegliedert: Arbeit, Kinder, Tiere, Winter, Hunde, Essen, Telefonieren, Fotografieren, Am-Auto-Herumbasteln oder Wasserlassen. Ihren Blick auf das Geschehen vor ihrem Schlafzimmerfenster mag Lepschina nicht als voyeuristisch gedeutet sehen, schließlich fotografiert sie ja nicht den Leuten in die Wohnungen hinein wie James Stewart in Hitchcocks Fenster zum Hof. Vielmehr dokumentiert die Fotografin das, was im öffentlichen Raum in einem vorgegebenen Ausschnitt alles so passiert. Untersuchungen des täglichen/nächtlichen sozialen Verhaltensnennt die Künstlerin ihre Arbeit. Manchmal ergeben sich Gegensätze, die fast zeitgleich passieren, vieles wird erst für die Präsentation in Kontrast gesetzt. Auf der einen Seite kitschige Landlebenidylle mit weidenden Fiakerpferden, dann wieder ein Drogenkranker, der sich bei den Stufen zum Gasometer einen Schuss setzt, hier Familie Biedermann hinter hohen Mauern aus Reklametafeln bei der Gartenarbeit, dort Streetgangs, die auf den nächsten Kampf warten. Alles, ohne je den Aussichtspunkt zu wechseln. Nur fünf Personen haben in all der Zeit die Fotografin am offenen Fenster im siebten Stock entdeckt und schauten ihr direkt ins Teleobjektiv, womöglich aufgeschreckt vom Klicken des Auslösers. Position und Blendeneinstellung der Kamera waren fix, für ihre Bobachtungen hatte sich Lepschina keine festen Zeiten vorgegeben. Manchmal fotografierte sie wochenlang nichts, manchmal lag sie täglich auf der Lauer, auch nachts. Und manchmal griff sie ganz spontan zur Zenit-Kamera, etwa wenn etwas Aufregendes passierte. Dabei sei es gar nicht so leicht, aufregende Ereignisse wie einen Kuss, nackte Senioren auf der Saunaterrasse des Tenniscenters oder den feschen Sänger der Gruppe Him beim Autogrammegeben rechtzeitig in den vergrößerten Ausschnitt zu bekommen: Wenn du’s endlich im Bild hast, ist manchmal schon alles vorüber, erzählt Lepschina. Ich habe zum Beispiel noch nie eine Frau beim Pinkeln hinterm Gebüsch fotografiert.Diesen Moment zu erwischen wäre noch eine Herausforderung. Veranstaltungsreihe radikal/lokalin den Studios des Tanzquartiers. Aktion(ism)en remixtam Sa, 11.6., ab 17 Uhr; am 18.6. startet um 13 Uhr die von Siegfried Mattl kuratierte Vortragsreihe zur Wien-Theorie; am 25.6. gibts eine Filminstallation und Diskussion mit dem Titel Fahrt durch Wien(12 Uhr). Im Anschluss jeweils DJ-Lounges im Otto-Wagner-Pavillon. Infos: www.tqw.at |
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