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„Interessant, du, faktisch“
SZENE WIEN Edek Bartz ist und war Musiker, DJ, Konzertveranstalter, Kunsthallenleiter, Kurator, Organisator, Hochschullehrer und vieles mehr. Nun tritt der Mann, der vier Jahrzehnte der Wiener Kulturgeschichte erlebt und gestaltet hat, für eine Stunde wieder als Sänger auf. Porträt eines Phänomens. KLAUS NÜCHTERN

Falter 24   Originaltext aus Falter 24/05 vom 15.06.2005

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Es ist ziemlich leicht, Edek Bartz über den Weg zu laufen. Vorausgesetzt, man geht im ersten, allenfalls im zweiten Bezirk seiner Wege. Die Grenzen der Inneren Stadt überschreitet Bartz nämlich nur ungern. Wozu auch? Das Gartenbaukino oder das Konzerthaus, ein ganzes Schüppel Museen und Galerien, von Kaffee- und Wirtshäusern ganz zu schweigen, liegen in Gehdistanz von seiner Wohnung am Fleischmarkt. Dabei ist Bartz alles andere als ein Freund selbstgenügsamer Grätzelromantik, ganz im Gegenteil. Über Menschen, deren kultureller Horizont gerade mal bis zur Stadtgrenze reicht, hat der ansonsten erfrischend unzynische Bartz nur Spott und Hohn übrig: „Wiener Grabler“ nennt er verächtlich jene, die seit Jahrzehnten auf den gleichen Pfaden unterwegs und zufrieden damit sind, im ewig selben Saft zu schmoren.
  Wenn Edek Bartz den Ersten schon verlässt, dann soll es gleich nach London oder New York gehen, nach Rio oder São Paulo, nach Indien, Kanada oder nach Martinique. Dort macht der zu jeder Jahreszeit gut gebräunte und meist adäquat gelaunte Bartz dann – nun, was auch immer. Urlaub kann man es nur bedingt nennen, denn in den meisten Fällen trifft Bartz in fremden Städten und Kontinenten jemanden, mit dem er etwas zu besprechen hat und der dann irgendwann nach Wien kommt. Nach Arbeit sieht es aber schon deswegen nicht aus, weil Bartz viel zu relaxed und viel zu weit entfernt ist von der in Wien zu hoher Virtuosität entwickelten Jammerei. Zeitzeugen berichten allerdings, dass Bartz’ Gesicht in den frühen Siebzigerjahren arbeitsbedingt von einer Fahlheit gewesen sei, die man sich heute nur mehr sehr schwer vorstellen kann. Überhaupt passt der Begriff Arbeit nicht besonders gut zu einem Mann, von dem man zwar weiß, dass er Lehraufträge sowohl auf der Akademie der bildenden Künste als auch auf der Universität für angewandte Kunst hat und ständig irgendetwas kuratiert, der aber dennoch den Eindruck vermittelt, in erster Linie Edek Bartz zu sein.
  Dass er das schon eine Weile und unter den Augen einer nicht zu unterschätzenden Zahl von Beobachtern tut, merkt man, wenn man mit Edek Bartz durch Wien geht. Die greeting rate kann dann schon mal auf Werte von fünf ppm (persons per minute) schnellen – quasi Bürgermeisterniveau. Einer der beiden wichtigsten und meistgebrauchten Sätze von Edek Bartz lautet übrigens: „Ich kenn ihm gut“ (Bartz hat sich bis heute einen unorthodoxen Gebrauch des Dativs erhalten).
  Der andere essenzielle Bartz-Satz (der eigentlich nur die Schwundstufe eines grammatikalisch vollständigen Satzes ist) geht so: „Interessant“; oder auch: „Interessant, du“; im elaboriertesten Falle: „Interessant, du, faktisch.“ Die Rede ist dann von einem Konzert, das Bartz gehört, eine Ausstellung, die er gesehen, etwas, was er im Feuilleton gelesen oder mit irgendeinem Künstler besprochen hat – eh schon wissen: „Ich kenn ihm gut.“

Dass Bartz die mittlerweile schon vier Jahrzehnte währende Beschäftigung mit Kunst und Musik in die Wiege gelegt worden wäre, lässt sich nicht behaupten. Weil seine Mutter während des Kriegsausbruchs in Krakau war, blieb ihr der Rückweg nach Wien, wo ihre Familie lebte, verwehrt. Von den Polen wurde sie nach Russland verschickt, wo sie in Kasachstan mit anderen Flüchtlingen unterschiedlichster Provenienz in ein Internierungslager gesteckt wurde. Dort, in Karaganda, lernte sie auch ihren Mann, einen polnischen Chemiker, kennen, und dort kam 1946 auch Sohn Edek auf die Welt.
  Seine Kindheit verbrachte Bartz „in irgendeiner polnischen Kleinstadt“, deren Namen ihm entfallen ist. Wie er überhaupt beteuert, an Polen keinerlei Erinnerungen zu haben, obwohl er bereits zwölf Jahre alt war, als seine Mutter 1958 die Chance wahrnahm, nach Israel auszuwandern – eine Reise, die geplanterweise bereits in Wien endete: „Ich habe aber alles vergessen. Alles, was ich weiß, habe ich in den letzten Jahren gehört, weil meine Frau meine Mutter gefragt hat.“
  Ein Hauptgrund für die Ausreise war der polnische Antisemitismus, Bartz’ Vater, Professor an der Universität Posen, bleibt zurück, sein Sohn sieht ihn nie wieder. „Darunter habe ich nie gelitten. Wenn du ohne Vater aufwächst, dann bedeutet das gar nichts. Mich hat es jedenfalls nie interessiert, mehr über ihn zu wissen oder ihn noch einmal zu sehen – auch nach der Öffnung Polens nicht.“
  Als Edek Bartz nach Wien kommt, kann er kein Wort Deutsch. Er lernt es im Kabarett Simpl, das damals, zur Zeit der legendären Doppelconférencen von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn, seine Hochblüte erlebt. Ursache dieses unorthodoxen Lehrgangs: Die Familie Picker, die das Etablissement betreibt, fungiert als Anlaufstelle für nach Österreich einwandernde Juden.
  In der Hauptschule lernt Bartz dann Albert Misak kennen: „Er war mein Nachbar – das ist auch die nächsten dreißig Jahre so geblieben.“ Gemeinsam mit ihm wird Bartz zunächst die Band Sabres und später das Duo Geduldig und Thimann gründen, für das die beiden Jiddisch lernen und die Mädchennamen ihrer Mütter annehmen – Bartz ist Geduldig, Misak ist Thimann. Mit der Suche nach den eigenen roots hat das Interesse für chassidisches Liedgut und Klezmermusik allerdings nichts zu tun: „Wir haben uns für die jüdische Geschichte so interessiert, wie sich heute jemand für Weltmusik interessiert.“ Für ihr Wiener Publikum ist das damals, in der zweiten Hälfte der Sechziger, völlig neu: „Die Leute hatten ja keinen Begriff davon, was Juden sind. Wir waren damals ziemlich flotte Jungs und entsprachen überhaupt nicht den Stereotypen. Nach dem Konzert sind die Zuhörer zu uns gekommen und haben gefragt: ,In was für einer Sprache singt ihr eigentlich?‘“
  Nachdem das Ziel, eine Buchhändlerlehre zu absolvieren, scheitert, weil er die Prüfung nicht schafft, ist Bartz „sehr deprimiert.“ Bei den Berufsberatungsgesprächen ist er auf der Hut: „Den Albert haben sie gefragt: ,Alberti, was machst du denn gern in der Freizeit?‘ Hat der Depp gesagt: ,Radio hören.‘ Zack, schon war er Elektromechaniker. Ich habe mich blöd gestellt.“
  Seinen ersten Job hat Bartz dann als Austräger für Julius Meinl, in der Filiale an der Stubenbastei, wo er auch in Kontakt mit den Studenten der Angewandten kommt. Schon während der Schulzeit hat er – „die hübschen Mädchen gingen alle vis-à-vis in der Zedlitzgasse ins Gymnasium und waren alle aus kommunistischem Umfeld“ – das Intellektuellenmilieu kennen gelernt: „Die waren an jungen Arbeitern interessiert. Wir mussten mit denen natürlich oft in kommunistische Heime gehen und an Ostermärschen für Frieden und Abrüstung teilnehmen.“
  Seine musikalische Grundausbildung verschafft sich Bartz dann im Musikhaus Doblinger, wo er eigentlich Gitarren und Noten verkaufen wollte, zu seinem Entsetzen aber in die Plattenabteilung gesteckt wird: „Ich hatte keinen Plattenspieler und kannte auch keinerlei Klassik. Aber damals hat mich zum ersten Mal in meinem Leben der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte dort bleiben und habe mir aus den Katalogen ein Basiswissen über Musik angeeignet. Wir sprechen vom Wien der Sechzigerjahre. Das Hauptinteresse galt damals noch immer den Künstlern aus der Nazizeit: Furtwängler, Wolfgang Schneiderhahn, Irmgard Seefried ... Als die ersten Mahler-Sinfonien mit Bernstein herauskamen, hat man nicht nur Mahler nicht gekannt, sondern auch Bernstein als jüdischen Dirigenten abgelehnt.“
  In die Welt der Kunst wird Bartz noch direkter eingeführt. Nach dem Rausschmiss aus einem Jugendheim in Bad Vöslau unterhält sich Bartz im Zug mit einem Fremden. Nach der Unterhaltung zieht der Mann Flugzettel aus der Aktentasche. Es ist die Ankündigung einer Kunstaktion, bei der nackte Frauen mit Öl und Mehl übergossen werden. „Natürlich bin ich hingegangen – so was kriegte man ja nirgends sonst geboten, und nackte Frauen schon gar nicht. Ich kann nicht sagen, dass es supertoll gewesen wäre, aber es war schon interessant, weil damals viel vorformuliert wurde und klar war: Wenn man einmal diesen Weg gegangen ist, konnte man in kein normales, bürgerliches Leben zurückfinden.“ Der Mann aus dem Zug war übrigens Otto Mühl.
  Als weitere wichtige Instanz der künstlerischen Sozialisation erweist sich Fatty’s Saloon am Petersplatz, wo Bartz als Kellner jobbt und neben zahlreichen Jazzern auch Friedrich Gulda kennen lernt: „Ein äußerst seltsamer Mann. Er hat über arabische, über indische Musik und über Flamenco geredet. Das hat mein Weltbild geprägt: dass es nur eine Welt gibt.“ Für Gulda wird Bartz später das Musikforum Ossiach organisieren – das ein jähes Ende nimmt, als im Juli 1971 die britische Prog-Rock-Band Pink Floyd, die Gulda nach seinen Mozart-Konzerten aufs Programm setzte, eine ungeahnte Masse an Zuhörern anzieht und die Infrastruktur des Kärntner Stiftsortes völlig überfordert.
  Neben den Erfahrungen in der sich formierenden Wiener Subkultur wirkt aber vor allem ein Auslandsaufenthalt prägend – Mitte der Sechzigerjahre geht Bartz nach Zürich: „In Wien gab es damals zwei Schwarze, beides Opernsänger, und einen Inder – den Türsteher vom Atrium. Die Schweiz war ein Land mit italienischen Gastarbeitern. Es gab Jugendkultur, die aber auch schon konsumiert hat – es gab hippe T-Shirts, Lammfelljacken, und es gab sogar schon Schwulenbars. Es war wie eine Ankunft in der Moderne. Wien hingegen war extrem lange extrem gschert. Die Jugend zum Beispiel wurde weder als interessant noch als wichtig, ja nicht einmal als Wirtschaftsfaktor wahrgenommen. Da waren die Züricher den Wienern weit voraus.“
  In Edek Bartz hat die nun auch in Wien anbrechende Pop-Moderne einen ihrer agilsten Proponenten: Im Musikhaus in der Seilergasse nützt er sein Wissen aus dem Zürich-Aufenthalt, um Platten zu verkaufen, im legendären Voom Voom in der Laudongasse legt er sie auf, und für die Konzertagentur Stimmen der Welt holt er Leute wie Jimi Hendrix, die Stones, Led Zeppelin, Patti Smith nach Wien, tourt aber auch mit Peter Alexander und Wolfgang Ambros durch die Lande und betreut Falco während dessen Japan-Tournee (siehe Falter 12/00: „Ganz allein am Flughafen“). In den Achtzigerjahren schließlich wird Bartz gemeinsam mit dem Radiojournalisten Wolfgang Kos (mit dem er kurzzeitig auch die Band Leider keine Millionäre bildet) Wien an das Hauptstromkabel der internationalen Avantgarde anschließen: Rund zehn Jahre lang liefert das Festival Töne/Gegentöne mehr oder weniger harte Kost für offene Ohren aus allen Lagern: Alleine im ersten Jahr, 1983, treten unter anderen Glenn Branca, Gavin Bryars, Brian Eno, Arto Lindsay, Meredith Monk, Lydia Lunch, The Residents, Elliott Sharp und John Zorn auf.
  Ein Jahr später startete Bartz seine kurze Karriere als Solosänger – mit der Platte „Lust auf Liebe“, deren Programm dieser für ein auf zweimal eine halbe Stunde limitiertes Comeback erstmals live darbieten wird (siehe unten).

Neben der Musik bleibt die Kunst für Bartz das zweite große Gravitationszentrum. Im Café Hawelka, später dann im Voom Voom („Es war das erste moderne Lokal in Wien; es sind dort total verschiedene Publikumsschichten aufeinander getroffen – die linke Politszene auf die Künstler; das war ja keineswegs selbstverständlich!“) kommt Bartz mit Künstlern wie Christian Ludwig Attersee, Walter Pichler oder Kurt Kocherscheidt zusammen. Mit Kocherscheidt, der 1993 mit nur 49 Jahren an einem Herzinfarkt stirbt, verbindet Bartz eine enge Freundschaft, über dessen Frau, die Fotografin Elfi Semotan, kommt er später in Kontakt mit dem Modeschöpfer Helmut Lang. Mit Kocherscheidt geht Bartz um drei, vier in der Früh zu Fuß nach Hause, bei ihm sitzt er stundenlang im Atelier und sieht dem Freund beim Malen zu. „Ich habe es mir leisten können zu fragen: ,Warum machst du das so und nicht anders? Über meine doofen Fragen habe ich mir ein ganz pragmatisches Wissen darüber angeeignet, wie Künstler sind – nämlich ziemlich menschlich und mitunter auch ziemliche Arschlöcher.“
  Wie immer bleiben seine Kontakte aber nicht auf heimische Kreise beschränkt. Auffällig ist Bartz’ Affinität zu britischen Künstlern, darunter fast all jenen, die in den letzten Jahren den renommierten Turner Prize gewonnen haben und die Bartz zum Teil in den Neunzigerjahren in Berlin kennen gelernt hatte: Rachel Whiteread, Jeremy Deller, Antony Gormley, Damien Hirst, Chris Ofili oder den aus Edinburgh gebürtigen Peter Doig, dessen Gemälde auf Auktionen mittlerweile im Bereich von einer halben Million Dollar gehandelt werden. „In den USA sind alle immer tough. Die Briten sind ganz anders – echte Popper, keine Intellektuellen und stark in der Tradition des Craftsmanship verwurzelt. Mir hat auch immer gefallen, wenn sie sich darum gestritten haben, wer working und wer middle class ist.“
Antony Gormley hat Bartz als Leiter der Remise in der Vorgartenstraße eingeladen, diese nicht ganz unproblematische Räumlichkeit – 200 Meter lang, zehn Meter breit, unversperrbar – zu bespielen. Der Künstler lieferte sechzig Skulpturen: „Wir haben die um ein Geld transportieren, aufstellen und auch noch einen Katalog drucken lassen, mit dem du heute nicht einmal den Katalog finanzieren kannst.“ Die Ausstellung wurde nicht sehr euphorisch besprochen, löste später in London aber einen wahren Besuchersturm aus. Entscheidend für Bartz aber war etwas anderes: „Die Remise stand im absoluten Feindesgebiet und wurde ohnedies als Fremdkörper wahrgenommen. Dort wohnen Arbeiter, und ich wollte, dass die damit irgendetwas anfangen können. Skulpturen von Körpern – das verstehen die, und sie haben diesen Arbeiten auch einen gewissen Respekt entgegengebracht.“
  Mehr mit dem eigenen, meist lässig sportiv in Helmut-Lang-Jeansjacken oder brandneuem Outdoor-Outfit gekleideten, Körper beschäftigt sich die Ausstellung, die er für die Bawag Foundation kuratiert und die im Herbst dort zu sehen sein wird. Sie trägt den Titel „Yesterday When I Was Young“, befasst sich mit dem (unfreiwilligen) Altern der Rock-Generation und ist „fast biografisch“. „Meine Generation altert bloß physisch, aber begreift es eigentlich nicht. Sie durchläuft keine Stadien mehr. Das Altern ist ihr eigentlich nicht mehr möglich.“
  Das sagt einer, der leicht reden hat. Mit der Ausnahme von Bryan Ferry gibt es nur wenige, die so prädestiniert wären, sehr viel Geld für Wochenendseminare mit dem Titel „Älter werden mit Stil“ zu verlangen. Vielleicht auch deswegen, weil Bartz stets ein Teammensch geblieben ist und als solcher immer den Kontakt zu jüngeren Generationen gesucht hat. „Meine Generation bestand aus Volltrotteln, die gescheitert sind, weil sie im praktischen Leben kein Know-how hatten. Die nächste Generation besteht aus Pragmatikern, die anständig rechnen und anständig Briefe verfassen können.“
  Weil Edek Bartz aber den untrüglichen Instinkt dafür hat, zum richtigen Zeitpunkt (oder noch knapp davor) am richtigen Ort zu sein, hat er den folgenden Generationen zumindest in Sachen Styling die Rutsche gelegt: Seinen Erfolg als Tourbegleiter von Frank Zappa verdankte er nicht zuletzt seiner Stilsicherheit: „Als alle noch abgesandelt waren, was Zappa nicht ausstehen konnte – Drogenkonsum war in seinen Bands übrigens schwer verboten –, hatten wir weiße Button-down-Hemden und ein Buch unterm Arm – New England Style eben. Wir haben Kabeln geschleppt, Brötchen geschnitten und den Boden aufgewischt – aber wir haben immer distinguiert dreing’schaut!“


EDEK BARTZ IM INTERVIEW
Lieder zum Liebemachen


Vor über zwanzig Jahren nahm Edek Bartz die Platte „Lust auf Liebe“ auf – Standards des Great American Songbook, eingespielt mit Streichern und Musikern der WDR Big Band. Das Besondere daran: Die Texte waren auf Deutsch. Aus „The Man I Love“ wurde „Der Mann für mich“, aus „I’m in the Mood for Love“ wurde „Ich habe Lust auf Liebe“. Im Rahmen der „Langen Nacht der Musik“ tritt Bartz nun, begleitet vom Pianisten Oliver Kent, nach langer Zeit wieder ans Mikrofon. Dem Falter erzählte er, wie es seinerzeit zu der Platte kam und wer schuld an seinem einmaligen Comeback ist.

Falter: Sie haben Ihre musikalische Karriere längst an den Nagel gehängt. Wer oder was hat Sie dazu bewogen, nun doch noch einmal aufzutreten?

Edek Bartz: Eines Tages rief Christian Meyer vom Schönberg Center an und sagte, ich solle doch auftreten, worauf ich geantwortet habe: Geduldig und Thimann gibt es nicht mehr. Es stellte sich aber heraus, dass er die „Lust auf Liebe“-Geschichte machen wollte. Die Platte kennt zwar kaum noch jemand, aber trotzdem haben mich in den letzten zwanzig Jahren immer wieder Leute angerufen und gefragt, ob es die noch gibt. Ich habe Hunderte Überspielungen auf Kassette gemacht, weil die Platte nie auf CD erschienen ist.

War sie ein Erfolg?

Es war kein Riesenhit, aber sie wurde im Radio gespielt und hat sich nicht schlecht verkauft: 5000 Stück.

Wie waren denn die ersten Reaktionen?

Im Radio hat Gerhard Bronner fast die ganze Platte gespielt und sie mörderisch verrissen. Zu meinem Glück hat er immer Vicky Leandros als gutes Gegenbeispiel genannt. Da hat man begriffen, dass ich ganz etwas anderes wollte. Sogar einen Comicstrip in der Kronen Zeitung gab es, in dem ein Vogerl zwitschert: „Ich habe Lust auf Liebe“, und das andere sagt: „Aber das hat doch der Bronner verboten.“

Amerikanische Standards auf Deutsch – das war nicht unbedingt die Musik, mit der Sie groß geworden sind, oder?

Nein, ich bin praktisch mit Free Jazz aufgewachsen. Als ich das erste Mal Popmusik gehört habe, war ich total enttäuscht, weil mir das extrem simpel vorgekommen ist. Ich habe auch nicht verstanden, dass der Pop den Aufbruch der Jugend bedeutet: Ich war ja selber jung, habe aber ganz etwas anderes gehört, Sachen, die viel aggressiver und fortgeschrittener waren: John Coltrane, Pharaoh Sanders, Archie Shepp ...

Was ist dann passiert, Sie sind doch noch bei Standards gelandet?

Mitte der Sechziger habe ich begonnen, für den Konzertveranstalter Stimmen der Welt zu arbeiten, da bin ich mit Santana, Frank Zappa und vielen anderen auf Tournee gegangen. Mit Zappa habe ich mich sehr gut verstanden; er war musikalisch sehr gebildet und hat mir erklärt, dass für ihn die interessantesten Sänger Captain Beefheart und Frank Sinatra seien. Sinatra hat damals für mich den Kommerz und alles Schlechte verkörpert; nach diesem Gespräch habe ich ihn zum ersten Mal als Künstler und nicht als Entertainer gehört.

Haben Sie Sinatra später live gesehen?

Ich war auf Tournee mit ihm und habe 15 oder 20 Konzerte gehört. Er war damals schon recht alt und hatte den Zenit seines Könnens überschritten, aber man hat dennoch gehört, dass das die Summe seines Lebens ist und dass er in Musik schwimmen konnte. Wenn er „Angel Eyes“ gesungen hat, war das ein Minidrama von dreieinhalb Minuten – etwas Besseres kann man im Theater nicht erleben! Er konnte unglaublich mit der Sprache und den Worten spielen, das Tempo, die Betonung ändern. Zappa hatte mir auch gesagt: „Hör dir seine Platten an – du verstehst immer jedes Wort.“ Das war mir noch nie aufgefallen, und ich habe begriffen, dass es auch um die Interpretation eines Textes geht.

Daher die deutsche Übersetzung. Wie kam es dazu?

Ich habe meine damalige Freundin Birgit Flos gefragt, ob man das nicht übersetzen könnte – was sie auch gemacht hat. Wie die Texte dann fertig waren, habe ich zuerst einmal geschluckt. Ein Satz wie „Dein Arm hält mich fest und baut mir ein Nest“ oder „Ich hab dich lieb, hab keine Angst“ – das war schon die Härte.

Wie haben Ihre Bekannten reagiert?

Die hatten einen Schock. Speziell meine Freunde aus dem linken Milieu, und da wiederum die Frauen, haben mich fertig gemacht und geglaubt, dass ich verrückt geworden bin. Zwei, drei Jahre später meinten dieselben: „Sag Edek, du hast doch so eine schöne Platte gemacht. Gibt’s die noch?“ Ganz klar: 1984 waren die jung, flott unterwegs, in Aufbruchsstimmung. Drei Jahre später hatten sie ein Kind und keinen Mann dazu, mussten arbeiten gehen.

Es ist also eine Art Kuscheljazzplatte?

Ja. Die gab’s ja vorher schon: Alle haben etwas mit Streichern gemacht: Charlie Parker, Ben Webster, Chat Baker ... Die Alben hatten dann immer Covers mit schönen, verträumten Frauen auf einem Kanapee – very romantic! Das wollte ich auch.

Das Cover von „Lust auf Liebe“...

... war ein Foto eines Schweizers, das eigentlich eine Werbung für Gloriette-Hemden war. Das hat mir Jacky Merlicek von Demner & Merlicek gegeben. Die Frau wirkt sehr selbstbewusst und fordernd – eigentlich ist das eine feministische Platte.

Sie singen ja auch vom „Mann für mich“ ...

Genau: „Und plötzlich ist er da, der Mann für mich / Vielleicht ist er ganz nah, der Mann für mich / Und ist es endlich mal so weit / Tu ich alles, dass er bleibt.“ Das ist natürlich eine Schwulenhymne geworden und in den Wiener Gay Bars zu einem Hit avanciert. Ich habe Liebesbriefe aus Amerika bekommen! Langsam war ich schon verzweifelt, weil die Reaktionen so extrem ausfielen, und habe gehofft, dass die Platte langsam wieder vom Markt verschwindet – was dann auch passiert ist.

Was war denn Ihre Wunschreaktion auf „Lust auf Liebe“?

Als ich mit den Bands auf Tournee unterwegs war, bin ich nächte- und monatelang in Hotelbars herumgehangen. Und wenn man da dem Barpianisten genauer zuhört, merkt man: Wow, der spielt ja irre gut! Besonders begeistert hat mich aber der Umstand, dass die die Stimmung eines Lokals machen und genau wissen, wenn sie ein bissl schneller werden oder wieder auf Balladen zurückschalten müssen. Diese Form von Gebrauchsmusik hat mich fasziniert. So etwas wollte ich auch machen – und zwar eine Platte zum Vögeln; eine Platte, bei der man genau weiß, dass jetzt einmal 25 Minuten nichts passiert; danach muss man sie umdrehen, und es passiert noch einmal 25 Minuten nichts. Nach diesen Kriterien habe ich die Songs auch ausgesucht und aneinander gereiht – irre fad!


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Juni 2005 © FALTER
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