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| Reisen war mal gefährlich |
| BÜCHER FÜR DEN URLAUB Man muss nicht unbedingt nach Süden reisen und vom Süden lesen: Auch der hohe Norden und der wilde Osten lohnen die wohlwollende Annäherung. Der Falter gibt Empfehlungen für das sommerliche Reisen im Kopf. |
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| Was weiß man schon von Island? Es gibt dort Geysire, viel Landschaft, weniger Bevölkerung, darunter immerhin eine der bemerkenswertesten Sängerinnen unserer Zeit. Und es gibt aktuell eine Reihe ins Deutsche übersetzter Romane, die die Isländer als äußerst pfiffige Literaten ausweisen. Allen voran steht Hallgrímur Helgason. Gar nicht bescheiden, wendet er sich in seinem jüngsten Roman Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein einem Säulenheiligen seines Landes zu. Die Hauptrolle in dem ebenso ambitionierten wie voluminösen Roman spielt der isländische Literaturnobelpreisträger Halldor Laxness (1902–1998), der sich bei Helgason als alter Mann eines Tages in einer ihm zunächst völlig unbekannt vorkommenden Landschaft wiederfindet. Er kann sich weder an seinen Namen noch groß an Ereignisse in seinem Leben erinnern. Nur schleichend geht dem Identitätslosen auf, dass er in einem seiner eigenen Bücher gelandet ist. Helgason hat einen Schlüsselroman geschrieben, der in Island wegen seiner ironisch-respektlosen, zugleich aber auch liebevollen Zeichnung von Laxness lebhaft diskutiert wurde. Die gute Nachricht aus hiesiger Perspektive: Es ist nicht nötig, über den porträtierten Autor und sein Werk Bescheid zu wissen, um seinen Spaß an den Missgeschicken und Launen des störrischen Greises zu haben. Wer’s dennoch etwas jetztzeitiger und pointierter möchte, der sollte mit dem skurillen Roman Die Haustiere glücklich werden. Dessen Verfasser Bragi Ólafsson war in den Achtzigerjahren Mitbegründer von Björks Kapelle The Sugarcubes, macht aber auch als Schriftsteller eine sehr gute Figur. Noch mehr als bei Helgason imponiert bei ihm, wie lakonisch und unprätentiös er im Vergleich zu vielen deutschsprachigen Kollegen erzählt. Auch die Story ist simpel, aber effektiv: Ein Mann kehrt von einem Aufenthalt in London zurück nach Reykjavik. Kaum hat er seine Wohnung betreten, läutet es. Vor der Tür steht ein Besucher aus der Vergangenheit, den er lieber nicht wiedersehen würde. Als der Mann gewaltsam einzudringen versucht, verkriecht sich der Bewohner unter sein Bett. Als immer mehr Menschen seine vier Wände bevölkern, fühlt er sich dort zunehmend als Fremdkörper. Die Haustiere ist ein kleiner Leckerbissen des Absurden, der die Isländer nebenbei als sehr trinkfreudiges Völkchen darstellt. Morde passieren in Island denn auch vor allem im Rausch und anderen Zuständen der Raserei, ansonsten kommt es kaum zu Gewaltverbrechen. Umso beliebter sind die Island-Krimis von Arnuld Indridason, der als einer der europaweit führenden Exponenten des Genres gilt. In Menschensöhne geht sein übellauniger Kommissar Erlendur einer rätselhaften Häufung von Todesfällen bei ehemaligen Schulkollegen nach und stößt auf ein Netz aus Kindesmissbrauch, Genexperimenten und Raffgier. Klingt übertrieben reißerisch? Ist es auch. Für an derlei Inhalte gewöhnte Krimifreunde lohnt der Roman wegen seiner sehr fein gezeichneten Figuren dennoch die Lektüre. SEBASTIAN FASTHUBER Hallgrímur Helgason: Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein. Roman. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Stuttgart 2005 (Klett-Cotta). 615 S., EUR 25,20. Bragi Ólafsson: Die Haustiere. Roman. Aus dem Isländischen von Tina Flecken. München 2005 (dtv premium). 278 Seiten, EUR 15,50 Arnaldur Indridason: Menschensöhne. Island-Krimi. Aus dem Isländischen von Coletta Bürling. Bergisch Gladbach 2005 (edition lübbe). 347 Seiten, EUR 18,50 Es ist frisch im Sommer an der schwedischen Küste. Die menschlichen Beziehungen sind ungemütlichen Temperaturschwankungen unterworfen. Kristian ist in sein Elternhaus am Meer zurückgekehrt, um auf seine Halbschwester Kaj aufzupassen, während Mutter und Bruder Urlaub in Florida machen. Seit je verbindet Kristian und Kaj eine Zuneigung von bedrohlicher Ausschließlichkeit. So wie den beiden fällt es auch den anderen Figuren in Polarsommer schwer, die richtige Balance aus Nähe und Distanz zu finden. Die Autorin Anne Swärd lässt in ihrem starken Erstling jedes Familienmitglied einzeln zu Wort kommen, ohne die Form des inneren Monologs zu strapazieren. Anhand vieler unscheinbarer Details zieht sie die zentralen familiären Konflikte immer enger zusammen. Es herrscht eine unheilvolle – fast möchte man sagen nordische – Stimmung vor, die wesentlich mit der mädchenhaften Kaj zu tun hat. Diese klarsichtige Wahnsinnige, die sich nur im kalten Wasser wohl fühlt, ist das Produkt eines Fehltritts ihres Vaters Jack; mit ihr finden aber auch die tiefen Schuldgefühle und Zweifel der anderen Protagonisten ihr Medium. Kein Wunder, dass Kaj am Ende die Geheimnisse ans Licht und die Katastrophe ins Rollen bringt. NICOLE SCHEYERER Anne Swärd: Polarsommer. Aus dem Schwedischen von Sabine Neumann. Frankfurt a.M. 2005 (Suhrkamp). 234 S., EUR 8,80 Wenn Kinder Verstecken spielen, üben sie fürs Leben. Was wäre notwendiger als die Kunst, sich unsichtbar zu machen? Vielleicht muss man Finne sein und aus den Birkenwäldern am Rand Europas kommen, um wie Petri Tamminen gleich ein ganzes Buch über Verstecke zu schreiben. Ob auf dem Dachboden (sofern man noch einen hat) oder im Schornstein eines Fabrikgeländes, ob auf den langen Fluren eines Verwaltungsgebäudes oder während einer Lesung – Tamminen kennt aus jeder noch so aussichtslosen Lage eine Rückzugsmöglichkeit. Seine poetischen Miniaturen sind nicht nur als konkrete Handlungsanweisungen brauchbar, sondern auch als Beschreibung einer Existenzweise, die mit sich selbst, der Stille und im Abseits am glücklichsten ist. Wer erst einmal das passende Versteck für einen Sommertag gefunden hat, mag gar nicht mehr hervorkommen. JÖRG MAGENAU Petri Tamminen: Verstecke. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Frankfurt a.M. 2005 (Suhrkamp). 98 S., EUR 15,50 Karl Joseph Zumbrunnen, Wiener Fotograf mit galizischen Wurzeln, reist in den 1990er-Jahren in die Ukraine, verliebt sich in Lemberg und die Übersetzerin Roma Woronytsch und wird bei einem abenteuerlichen Ausflug in die Karpaten eher zufällig ermordet. Zwölf Ringe, der erste ins Deutsche übersetze Roman des im westukrainischen Iwano-Fankiwsk lebenden Juri Andruchowytsch (Jahrgang 1960), hat wie die von der Kritik heftig akklamierten Essays Das letzte Territorium (2003) und Mittelöstliches Mento (2004) den heimlichen Mittelpunkt Europas zum Schauplatz: das geografische wie geschichtliche Niemandsland zwischen Ost und West. Unter dem Titel Das Vaterland des Masochismus fotografiert der Spross einer Forstwirtsdynastie den Trash der postsowjetischen Gesellschaft mit Habsburgnostalgie: verfallende Fabriken, schmierige Wirtshäuser und den sie bevölkernden Seelenmüll; eine saufende, fickende, grölende Meute von Verzweifelten. Die deutschen Auftraggeber finden das geil. Mit fulminanter Leichtigkeit gelingt es Andruchowytsch, komplizierte Handlungsstränge ineinander zu verweben und packend von langweiligen Bahnhöfen, Sex und Landschaften mit Autowracks zu erzählen. Der schönste Satz des bizarren spätwinterlichen Karnevals: So viel Rot im Grün gibt es nur in Kirschbäumen und nur im Juni. Die Parabel über die Unmöglichkeit von Erlösung im Diesseits (Zwölf Ringe) endet mit einer ironisch-fantastischen Seelenreise vor der Kapuzinergruft. Alles bleibt beim Alten: Der Leser aber ist um ein Meistewerk, das den Vergleich mit Dostojewskij und Kundera nicht scheuen muss, reicher. ERICH KLEIN Juri Andruchowytsch: Zwölf Ringe. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Frankfurt a.M. 2005 (Suhrkamp). 307 S., EUR 23,60 Eine Schande eigentlich, dass dieser Roman ohne großes Aufsehen gleich als Taschenbuch auf den Markt geworfen wird. Der amerikanische Autor J. Robert Lennon bräuchte sich hinter Landsleuten wie Jonathan Franzen oder Richard Powers nicht zu verstecken, sein Postmann nicht hinter den Korrekturen oder dem Klang der Zeit. Allein: Buch und Autor sind wahrscheinlich zu uneitel und bescheiden für den großen Verkaufserfolg. Wo andere ihre Bildung demonstrieren, tritt Lennon ganz hinter seine Geschichte zurück und überlässt den Lauf der Dinge seiner grandios gelungenen, tragikomischen Hauptfigur. Albert Lippincott ist Postler in einer kleinen Universitätsstadt. Und er zweigt Briefe ab. Er stellt sie zwar zu, aber erst, nachdem er sie gelesen, fotokopiert und archiviert hat. Lennon zeichnet seinen Protagonisten als einsamen Verlierer, einen Helden unserer Zeit. Lippincott begreift sich selbst als ordnungsliebend und pflichtbewusst, ist aber längst an diesen Werten irre geworden. Postmann erzählt das letzte Kapitel seines schleichenden Abstiegs als irrwitzige Höllenfahrt. Ein großer amerikanischer Roman, der aber im Prinzip für alle postindustriellen Gesellschaften Gültigkeit hat. SEBASTIAN FASTHUBER J. Robert Lennon: Postmann. Aus dem Amerikanischen von Friedrich Mader. München 2005 (Heyne). 606 Seiten, EUR 13,40 1980 emigrierte David Bezmozgis, Jahrgang 1973, mit seinen Eltern aus Lettland nach Kanada, um dem sowjetischen Antisemitismus zu entkommen. Inzwischen machte er sich als Erzähler einen Namen, dessen Storys immerhin der New Yorker druckt und die ihm Nominierungen zu bedeutenden Literaturpreisen einbrachten. Sein erster Erzählungsband nun versammelt sieben wohl autobiografisch gefärbte Geschichten, die von den ersten Jahren nach der Einwanderung handeln. Sie erzählen von der offensichtlich unbeirrbaren Selbstverständlichkeit, mit der eine jüdische Familie, von Riga nach Toronto verpflanzt, ihren Traditionen und Prinzipien treu bleibt – und es dort tatsächlich in erstaunlich kurzer Zeit zu einem gewissen Wohlstand bringt. Literarisch höhere Ambitionen sind Bezmozgis Sache nicht, seine Geschichten leben vielmehr davon, wie drei Welten aufeinander prallen: Da ist der jüdische Familienclan, geprägt von Diaspora und Verfolgung, dann die Suburbia von Toronto (offenbar ein besonders fades Stück Erde) und schließlich die Erinnerung an das sowjetische Lettland, trostlose Provinzexistenz schlechthin. Wunderbar erzählt ist das Wiedersehen mit sowjetischen Gewichthebern, die zu einem Turnier nach Kanada reisen und dort ihren früheren Masseur – den Vater des Erzählers – treffen, ausgesprochen cool die pubertäre Kafka-Lektüre, unterbrochen von ein paar Joints und dem ersten richtigen Sex – mit der Tochter eines Onkels, denn es soll ja alles in der Familie bleiben. Natascha ist die richtige Lektüre für den verpassten Zug oder für den verspäteten Anschlussflug. In einem der nächsten Sommer aber werden wir sicher auch einen Roman von Bezmozgis lesen können: Und dann werden wir sehen, ob Stoff und Atem auch für einen richtigen Urlaubsschmöker reichen. TOBIAS HEYL David Bezmozgis: Natascha. Deutsch von Silvia Morawetz. Köln 2005 (Kiepenheuer und Witsch), 187 S., EUR 17,40 Das Jahrhundert ist verwünscht, es hat mit Zahnausfall begonnen und enden wird es mit einem leeren Kiefer, sagen die alten Herzegowiner, die Zurückgebliebenen. Denn die Karsthochebene der Herzegowina über der dalmatinischen Küste ist Auswandererland. Jelena Felder folgt im Alter von zehn Jahren ihren Eltern nach Deutschland; zurück bleibt der Großvater Nikola und ein namenloses Dorf mit seinen teils skurrilen, abergläubischen, liebevollen aber auch bigotten und bösartigen Bewohnern. Zurück im Dorf bleibt jener Teil von Jelena, der sich nach Klarheit, nach Geborgenheit in einer Umgebung sehnt, deren unzählige Geschichten sie in sich trägt. So wird das Dorf für Jelena zur regelmäßigen Zuflucht – sei’s in der Fantasie, sei’s als Ferienort während der Sommermonate –, entgleitet dieser aber mit jeder Heimkehr mehr. Sehnsucht beginnt mit Abscheu zu wechseln, und beide Empfindungen vermischen sich zu einer nüchternen Trauer über die Heimat, die nicht mehr sein wird. Marica Bodrozic, die 1973 im dalmatinischen Zadvarje geboren wurde, in der Herzegovina und Dalmatien aufwuchs und nun in Berlin lebt, hat in Der Spieler der inneren Stunde wohl einen Teil ihrer eigene Zerrissenheit beschrieben. In klarem, präzisem Deutsch (das nicht ihre Muttersprache ist), unsentimental, aber nicht ohne Empathie entwirft sie einen nuancenreichen Abgesang einer Auswanderin auf ihre Heimat. Jeder Dorfbewohner findet darin seinen Platz, jeder Stein der Umgebung Erwähnung. Wer in der Hitze des Sommers bei einem Mokka hinter die pittoresken weißen Steinfassaden Dalmatiens blicken will, der sollte sich von Marica Bodrozic entführen lassen. PATRIK VOLF Marica Bodrozic: Der Spieler der inneren Stunde. Frankfurt a.M. 2005 (Suhrkamp). 226 S., EUR 17,40 Wer das Ekeltraining auf der Toilette des ,Puddingshops‘ absolviert hat, ist fit für den Rest der Reise. Hier haben sie alle gesessen, mit den Haaren bis zum Arsch und ‘nem fliegenden Teppich im Kopf und den Träumen von dem, was noch kommen wird. Was man sich heute kaum noch vorstellen kann, daran erinnert der Beginn von Helge Timmersbergs Bericht über eine Indienexpedition über Land: Reisen war einmal wild und gefährlich. Touren fernab touristisch erschlossener Gebiete sollten früher einmal andere Blickwinkel auf die Welt und das eigene Leben eröffnen. Heute dienen längere Individualtrips eher als Coolness demonstrierender Farbtupfer im Lebenslauf. Umso erfrischender lesen sich einige Texte in dem liebevoll zusammengestellten Reader Mit Rückenwind, wird ausgedehntes Reisen hier doch noch als Ausdruck von Widerständigkeit verstanden. Enthalten sind in dem handlichen Band sowohl Klassiker wie Adelbert von Chamissos Siebenmeilenstiefel oder ein Ausschnitt aus Jack Kerouacs Beatnik-Bibel Unterwegs als auch Texte anderer bekannter Autoren wie Bruce Chatwin oder David Sedaris. Hinzu kommen exemplarische Erfahrungsberichte, wie man mit einem Kühlschrank durch Irland trampt oder Deutschland bereist, ohne Geld auszugeben. SEBASTIAN FASTHUBER Benedikt Geulen, Marcus Seibert (Hg.): Mit Rückenwind. Eine literarische Rucksackreise. Berlin 2005 (Tropen). 218 S., EUR 13,20 Eine Glanzrolle für Oskar Werner und dazu noch Jeanne Moreau als Femme fatale, die zwei Männer liebt – Jules und Jim ist ein Klassiker der Filmgeschichte. Ein Klassiker der Literaturgeschichte zu werden blieb dem Roman des französischen Journalisten und Literatur- und Kunstagenten Henri-Pierre Roché, der erstmals 1953 beim renommierten Pariser Verlag Gallimard erschien, allerdings versagt. Obwohl die Verfilmung von François Truffaut, der durch Zufall auf diese Geschichte einer radikalen ménage à trois gestoßen war, beträchtliches Aufsehen erregte und dem 1959 verstorbenen Autor posthum zu kurzer Popularität verhalf. Jules, ein deutscher, und Jim, ein französischer Schriftsteller, lieben Kathe, eine junge, kunstsinnige Frau, die mit beiden Männern eine Affäre hat, den einen schließlich heiratet, um mit dem anderen erneut eine Affäre zu beginnen. Eine authentische Liebesgeschichte übrigens. Vorbilder waren Roché selbst, der deutsche Schriftsteller Franz Hessel und dessen Frau Helen. Die Qualität des Buches liegt aber nicht so sehr in der Handlung als vielmehr im Tonfall: ein unsentimentaler Esprit herrscht hier vor, impressionistisch hingetupfte Sätze, die in ihrer unbefangenen Direktheit an Tagebucheintragungen erinnern. Kein Wunder. Ein gigantisches Tagebuchprojekt ist die Grundlage für Rochés gesamtes literarisches Schaffen. Von 1905 bis zu seinem Tod, also über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren, hatte er akribisch und detailreich Buch geführt über seine Eroberungen, erotischen Abenteuer und Liebschaften. Geschätzte zwanzig voluminöse Bände würde eine Veröffentlichung dieser intimen Aufzeichnungen füllen. Sie sind auch die Quelle für Henri-Pierre Rochés zweiten biografischen Roman Die beiden Engländerinnen und der Kontinent, der ebenfalls von Truffaut verfilmt wurde (deutscher Verleihtitel: Zwei Mädchen aus Wales). Diesmal sind es zwei Frauen, die ein und denselben Mann lieben: Claude lernt in Paris die Bildhauerin Anne kennen. Als er sie in Wales besucht, ist er auch von Annes Schwester Muriel fasziniert. Die beiden Schwestern verlieben sich in Claude, der sich aber für keine der beiden Frauen entscheiden kann ... Was sich in der bloßen Schilderung etwas seicht ausnimmt, entpuppt sich bei der Lektüre aber als ein raffiniert durchkomponiertes Stück Literatur. Mehr als nur das übliche Buch zum Film. ERWIN QUIRCHMAIR Henri-Pierre Roché: Jules und Jim. Aus dem Französischen von Peter Ruhff. 245 S. (Werke 1) Die beiden Engländerinnen und der Kontinent. Aus dem Französischen von Wolfgang Sebastian Bauer. 346 S. (Werke 2). Beide: Frankfurt a.M. 2005 (Zweitausendeins). Pro Band ca. E 12,–, im Paket ca. E 21,– (www.zweitausendeins.de) Liest man Glenway Wescotts Novelle Der Wanderfalke, nachdem man lange Zeit nur mit zeitgenössischer Literatur konfrontiert war, so fühlt man sich, als ob man nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in diversen Jugendherbergen plötzlich im Grandhotel nächtigt: Ein behagliches Gefühl des Komforts stellt sich ein, ist man erst von den Zeichen des Luxus, von Eleganz und Formvollendetheit umgeben. Wescotts Sprache ist reich, aber nie protzig, der Stil elegant, aber nie manieriert: Diese stilistischen Positiva wie auch die hohe Beobachtungsgenauigkeit lassen Erinnerungen an die große Edith Wharton wach werden. Wie Wharton lebte Wescott lange Zeit in Frankreich; ebendort hat der Amerikaner auch seine 1940 erstveröffentlichte, jetzt wieder neu aufgelegte Liebesnovelle angesiedelt. Ein mittelaltes, mitteladeliges irisches Ehepaar macht einen Kurzbesuch bei der Freundin des Icherzählers; Mrs. Cullen, die charismatische Domina des globetrottenden Zweiergespanns, führt einen gezähmten Falken mit sich. Im Verhalten des Falkens erkennt der Icherzähler Analogien zum menschlichen Leben: Zähmung als Voraussetzung für Kultur, als Grundbedingung auch jeder zwischenmenschlichen Beziehung. So brillant Wescott die erste Hälfte seiner Novelle auch gestaltet: In der zweiten überstrapaziert er die metaphorische Arbeit leicht, was der Poesie abträglich ist und dem Werk den Beigeschmack einer (virtuosen) Deutungsübung verleiht. Der bedrückende Zweiklang von Tod und Liebestod bestimmt das einzige literarische Werk von Marcelle Sauvageot: In einigen Briefen an einen ehemaligen Geliebten, Fast ganz die Deine, sinnt die Autorin über ihre letzte Beziehung nach, seziert mit der Präzision einer Chirurgin den Charakter und das Verhalten ihres Herzensbrechers. Der tragische Hintergrund dabei: Die Briefschreiberin ist an Tuberkulose erkrankt und weiß um ihre geringen Heilungschancen. Tatsächlich starb Sauvageot noch vor der Veröffentlichung der Briefe, die als Dokumente von Mut, Haltung und Ehrlichkeit im Angesicht des eigenen Todes Schriftsteller wie Paul Valéry und Paul Claudel nachhaltig beeindruckten. STEFAN ENDER Glenway Wescott: Der Wanderfalke. Eine Liebesnovelle. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang von Einsiedel. Frankfurt a.M. 2005 (S. Fischer). 158 S., EUR 17,40 Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. München 2005 (Nagel & Kimche). 108 S., EUR 13,30 Die Entziehungsklinik stellt sich Augusten wie ein Wellnesshotel vor: Endlich mal was für Körper und Seele tun! Aber nicht nur die ästhetischen Erwartungen des jungen homosexuellen Werbetexters werden enttäuscht. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase nimmt die Handlung dennoch einen überraschend linearen Verlauf. Von der Gruppentherapie zu den Einzelsitzungen, von den Treffen der anonymen Alkoholiker zur Solidarisierung mit anderen Trinkern fügt sich die Hauptfigur von Trocken! entschlossen in ihr Leben ohne Alk. Der neue, semifiktionale Erlebnisbericht von Augusten Burroughs, der in seinem Debüt Krass seine verheerende Kindheit schilderte, lässt an einen Entwicklungsroman denken. Die bisweilen klischeehaften Beziehungen und Rollenschemata verzeiht man dem Buch ob seiner guten Lesbarkeit und seines beiläufigen Humors. Etwa wenn der frisch entzogene Augusten eine Werbekampagne für eine deutsche Biermarke entwerfen muss. Auch ein cracksüchtiger Liebhaber und ein an Aids sterbender Freund ändern nichts an dem schnellen, vorwärts drängenden Duktus des Buches. Dem von seinem Namensvetter William S. Burroughs geprägten Genre Suchtroman fügt der Autor zwar höchstens eine Light-Variante hinzu, schafft es aber auf unprätentiöse Weise, aus eigener Erfahrung Einsichten in Abhängigkeit und Abstinenz sowie den täglichen Kampf mit unstillbarer Sehnsucht zu vermitteln. NICOLE SCHEYERER Augusten Burroughs: Trocken! Deutsch von Volker Oldenburg. Reinbek 2005 (Rowohlt). 384 S., EUR 15,40 HÖRBÜCHER Elf Frauen und ein Mann Nach dem Erfolg der Süddeutschen Bibliothek lockt das Geschäft mit den Reihen, das in Frankreich oder Italien schon seit langem floriert, nun auch andere Zeitungen und Zeitschriften. Auf dem Hörbuchsektor hat Brigitte, das Magazin für Mode und Kochrezepte der vermeintlich modernen Frau, nun mit Starke Stimmen einen Coup gelandet. Zwölf bekannte Frauen, großteils Schauspielerinnen, lesen zwölf Bücher von elf Frauen und einem Mann. Die Auswahl haben die Sprecherinnen selbst getroffen, allen voran Elke Heidenreich, und man muss sagen, es ist dabei ein recht hübscher Chor starker, aber vor allem unterschiedlicher Stimmen zusammengekommen. Unter den Einspielungen finden sich tolle Wiederentdeckungen wie Françoise Sagans Bonjour Tristesse, gelesen von Iris Berben, oder Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, gelesen von der großartigen Fritzi Haberlandt, zwei Romane, die gerne vergessen werden, wenn ein Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts erstellt wird, die aber in jede ordentliche Bibliothek unbedingt hineingehören. Elke Heidenreich, die Initiatorin des Projekts, liest die New Yorker Geschichten von Dorothy Parker. Auch so eine große fast Vergessene. Parker war Kritikerin für Vanity Fair, Esquire und den New Yorker und steht mit ihren Kurzgeschichten und Romanen für eine Zeit, in der Frauen den Weg an die Öffentlichkeit vor allem über den Journalismus gefunden haben. Eine wirkliche (Wieder-)Entdeckung ist auch Nuala O’Faolains packender Roman Nur nicht unsichtbar werden (Monica Bleibtreu) und auch Christine Brückners Jauche und Levkojen (Eva Mattes) fällt in diese Kategorie. Von den prominenten und ausgezeichneten Leserinnen hat sich Corinna Harfouch für Christa Wolf (Kassandra), Sibel Kekilli für Jane Austen (Sinn und Sinnlichkeit), Sophie Rois für Connie Palmen (Die Freundschaft), Hannelore Hoger für die amerikanische Krimiautorin Elizabeth George (Vergiss nie, dass ich dich liebe) und die wunderbare Katharina Thalbach für Juli Zeh (Adler und Engel) entschieden – damit die unmittelbare Gegenwartsliteratur nicht zu kurz kommt. Senta Berger sorgt dafür, dass mit Schnitzlers Fräulein Else auch ein Grundbuch der österreichischen Literatur (und der einzige Mann) zum Zug kommt, und mit Pamela L. Tavers’ Mary Poppins lassen sich notfalls auch die quengelnden Kleinen für ein paar Stunden versorgen – zumal Heike Makatschs Organ eher in den Kinderkanal passt. NICOLE STREITLER Starke Stimmen. Brigitte Hörbuch-Reihe. 37 CDs. Ca. 3400 Min, EUR 102,50,– (Am besten zu bestellen auf: www.brigitte.de). Alle CDs sind auch einzeln erhältlich, zum Einzelpreis von E 10,30 KRIMIS Kommissar Falco ermittelt Ganz weit weg. Marcus Didius Falco findet beim Renovieren Eine Leiche im Badehaus, und seine Schwester wird mit dem Tode bedroht. Wie günstig, dass ihn Kaiser Vespasian gerade eben nach Britannien befohlen hat, wo Falco – unterwegs mit Familie und Zahnweh – ebenfalls auf einen Toten stößt – und zwar nicht den letzten. Lindsey Davis, Oxfordabsolventin auf Abwegen, hat mit M. Didius Falco (erster Fall: Silberschweine, 1989/1993) die Figur eines hard-boiled detective in der Antike geschaffen – eine Kombination, die erstaunlich gut aufgeht; allenfalls die flapsige Sprache verwundert ein wenig. Diesmal baut Davis den Fall sogar rund um eine echte archäologische Fundstätte nahe Fishbourne, Sussex, auf und hat wenig Schmeichelhaftes über Architekten zu sagen. Auch deshalb eine Empfehlung. Weniger weit weg führt Petra Oelkers sechster historischer Krimi – ins Hamburg des 18. Jahrhunderts. 1771 war ein Katastrophenjahr: das Wetter, die Hochwassergefahr und dann auch noch die Häufung nächtlicher Überfälle auf wohlbestallte Bürger, die am Morgen stets in peinlicher Lage gefunden werden. Ob der im Kühlhaus erfrorene Offizier Malthus auch in diese Reihe passt, muss die Stadtwache in Gestalt Weddemeister Wagners herausfinden. Rosina Hardenstein, der Verlobten der Toten verbunden, ermittelt auf eigene Faust und findet ein paar unhübsche Details über den Toten heraus. Ein Happy End ist nicht zu erwarten, dafür gibt’s ein historisches Glossar. Guillermo Martínez schickt seinen namenlosen Studenten aus Buenos Aires nach Oxford, wo der Stipendiat alles findet, was sich ein Mathematiker nur wünschen kann. Was er sich nicht unbedingt gewünscht hat, war die Ermordung seiner Zimmerwirtin. Eine geheimnisvolle Botschaft, die sein Mentor Arthur Seldom, der engste Vertraute der Enkelin der Ermordeten, erhalten hat, gibt dem mürrischen Ermittler Inspektor Petersen Rätsel auf. Seldom hatte ein Buch über logische Reihen mit einem Kapitel über Serienmorde verfasst und in der Folge mit allerlei Spinnern zu tun. Nach weiteren Notizen und Leichen die auftauchen glaubt Petersen an eine Art Herausforderung an den Mathematiker. Der Student gleichzeitig Chronist dieser Ereignisse versucht auf eigene Faust die Hinweise zu deuten: Die Pythagoras-Morde scheinen mit der Zahlenmystik des griechischen Mathematikers und seiner Schule in Zusammenhang zu stehen. Martínez führte zu Recht wochenlang die Verkaufslisten in Argentinien und Spanien an denn die Geschichte ist spannend und auf weniger als 200 Seiten werden darüber hinaus auch noch so diffizile Probleme wie Gödels Unvollständigkeitssatz Wittgensteins Sprachspieltheorie oder Fermats berühmter letzter Satz in kurzen Dialogen abgehandelt. Ein kurzer Anhang hilft naturwissenschaftlich unbeleckten Lesern. Der Kriminalfall erinnert nicht nur durch den Tatort an die besseren Bücher von Agatha Christie (der Vergleich mit den ABC-Morden drängt sich auf) auch der angenehm unterkühlte Stil und zahlreiche Verwirrspiele bringen Die Pythagoras-Morde den Klassikern dieses Genres recht nahe. Einzig die Liebesgeschichte die weder dem Protagonisten Tiefe verleiht noch die Handlung voranbringt wäre verzichtbar gewesen. Martin Lhotzky Lindsey Davis: Eine Leiche im Badehaus. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle. München 2005 (Knaur). 479 S., EUR 20,50 Petra Oelker: Der Tote im Eiskeller. Ein historischer Kriminalroman. Reinbek 2005 (Rowohlt). 445 S., EUR 9,20 Guillermo Martínez: Die Pythagoras-Morde. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Frankfurt a.M. 2005 (Eichborn). 205 S., EUR 18,40 LESEN! JETZT!! Sonnenmilch und Schlauchboot, Surfbrett und Sexspielzeug – alles ist gepackt. Was aber, wenn unerwartet Schnee fällt und die Libido auf Halbmast flattert? An der Schnittstelle zwischen Bücherfrühling und Bücherherbst ist es möglich, auf bereits Erschienenes zurückzublicken und schnell noch Empfehlungen auszusprechen, andererseits vorauszuschauen auf das, was dann noch kommen wird. Also sei hier schnell nochmal Abschied von Chautauqa” (Rowohlt) von Stewart O’Nan als ideale Lektüre für den Downtempo-Urlaub am See empfohlen: 700 Seiten, auf denen next to nothing passiert, sich unter sieben Familienmitgliedern und einem Hund aber subtile Dramen ereignen. Vielleicht reicht das Buch ja bis zu zwei Highlights der Herbstsaison, die noch im Sommer herauskommen. Bereits Anfang August erscheint Ian McEwans jüngster Roman Saturday” (Diogenes), der 24 Stunden im Leben eines Neurochirurgen erzählt, und Ende desselben Monats folgt Verschwörung gegen Amerika (Hanser), in dem Philip Roth den Sieg des Faschistenfreundes Charles Lindbergh über Franklin D. Roosevelt zu einer brisanten historischen Fantasie ausmalt. Man kann’s gewiss schlechter treffen! KLAUS NÜCHTERN |
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