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Die Millionen-Show
DONAUINSELFEST Am Wochenende findet auf der Donauinsel wieder Europas größtes Open-Air-Festival statt. 2004 besuchten 2,5 Millionen Menschen an drei Tagen das Donauinselfest und gaben 9,5 Millionen Euro aus – dass alle Besucher gut versorgt werden, dahinter steckt jede Menge Logistik und Erfahrung. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 25   Originaltext aus Falter 25/05 vom 22.06.2005

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„Da vorn ist wieder ein Gatschsee“, sagt Johann Hanta zu seinem Helfer und deutet auf eine trockene Wasserstelle mit Pumpe, „da müss’ ma aufpassen.“ Noch sind die Gatschseen auf der Donauinsel rein virtuell, ebenso wie die 250 Würstel-, Bier- und Kebabstände, die Infohütten, riesigen Bühnenbauten, Containerdörfer und Ansammlungen von Mobiltoiletten. Sie existieren bislang nur auf dem Plan, den der Gastronomiebeauftragte des Donauinselfests eine Woche vor dem großen Andrang mit sich herumschleppt.
  Dieses Wochenende lädt die Wiener SPÖ wieder zum alljährlichen Donauinselfest. Zum 22. Mal steigt, quasi mitten in Wien, das größte Open-Air-Festival Europas. Wenige Tage zuvor markieren Hanta und sein Helfer mit Neonfarbe aus der Spraydose, wo zwischen dem 24. und 26. Juni auf 6,5 Inselkilometern Speisen und Getränke, T-Shirts, Eis, Nippes und Ramsch verkauft werden. Denn man erwartet wieder mindestens so viele Besucher wie im Vorjahr, nämlich 2,5 Millionen – aufgeteilt auf drei Tage. Doch die Millionen wollen gut versorgt sein.
  Mehr als 2000 Künstlerinnen und Künstler treten heuer beim Inselfestival auf; 300 Musik-, Theater- und Kabarettgruppen liefern 600 Stunden Programm. Würde jeder Act hintereinander spielen, ergäbe das ein 25 Tage dauerndes Non-Stop-Unterhaltungsprogramm – wahrscheinlich ein qualitativ äußerst fragwürdiges. Doch so gibt es auf 22 Bühnen gleichzeitig alles für jeden Geschmack (siehe unten).
  Auch kulinarisch bemühen sich die Macher des Open Airs, es jedem Geschmack recht zu machen. Rund um die Bühnen gibt’s von den jeweiligen Sponsoren organisierten Ausschank. Zusätzlich 250 Gastronomen und Händler haben sich bei Koordinator Johann Hanta und seiner Kollegin Christine Lucka beworben. Wer im Vorjahr dabei war, ist in der Regel wieder mit von der Partie, steigt jemand aus, ist ein Standplatznachfolger schnell gefunden. Das Donauinselfest ist bei Gewerbetreibenden äußerst beliebt, die meisten machen den Job professionell und ziehen von Volksfest zu Volksfest. Und das Fest auf der Insel ist ein ganz besonderer Kirtag.
  Jedes Jahr aufs Neue sind rund um den Donauinselfesttermin herum Bühnenelemente, Equipment und Veranstaltungstechnik in ganz Österreich rar, teilweise kommen Boxen, Buden und Bauten schon aus anderen europäischen Ländern nach Wien. Und wer Ende Juni Mobilklos oder die seit neuestem eingesetzten pflegeleichten WC-Großraumcontainer benötigt, muss sehr gute Kontakte zu den entsprechenden Verleihern haben. 275 mobile Häusln und sechs Toilettencontainer sollen auf der Insel dafür sorgen, dass möglichst wenig Abwässer in die Natur und vor allem nicht in Donau und Neue Donau gelangen.
  Auch sämtliche Bierbänke, Zapfanlagen, Schirme und Kühlschränke des Landes werden zum Fest auf die Insel gekarrt. Zwei Brauereien treten als Hauptsponsor des Festivals auf, und wer kommendes Wochenende ein privates Festl plant, sollte nicht damit rechnen, noch ein Bierbanklset von Ottakringer oder Brau Union zu ergattern. „Alles, was wir an Ausstattung haben, steht dann auf der Donauinsel“, sagt Ottakringer-Sprecher Thomas Sautner. „Die Leute glauben immer, wir machen Scherze, wenn wir sagen, dass wir an diesem Wochenende keine einzige Bierbank mehr übrig haben, aber das ist das größte Event des Jahres.“
  „Das Donauinselfest ist nicht nur das größte und friedlichste Open-Air-Festival Europas“, sagt Harry Kopietz, Festerfinder und Landesparteisekretär der Wiener SPÖ, „es ist auch zu einem unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor für die Stadt geworden.“ Fast 3,8 Millionen Euro kosten die drei tollen Tage die Wiener SPÖ. Von der Stadt gibt’s 1,26 Millionen Euro Subvention. Laut einer aktuellen Studie profitiert die Wiener Gastronomie mit Umsätzen in der Höhe von fast 13,7 Millionen Euro vom Inselspektakel. Vergangenes Jahr kamen 71 Prozent der Besucher aus Wien, zwölf Prozent aus den Bundesländern und immerhin fünf Prozent aus dem Ausland, was 48.000 zusätzliche Nächtigungen ausmacht. „Die Umwegrentabilität durch das Donauinselfest liegt bei rund 39 Millionen Euro“, meint Kopietz.
  Vergangenes Jahr haben die Besucher des Gratisfestivals auf der Insel 9,5 Millionen Euro ausgegeben. Das klingt, als könne man dort als Geschäftemacher in nur drei Tagen sehr reich werden.
Kann man gar nicht, behauptet ein Inselfestwirt, der seinen Namen lieber nicht nennen mag. Denn erstens kostet so ein dreitägiges Engagement beim Fest auch etwas, nämlich nicht nur die 395 Euro Miete pro Laufmeter Gastgarten und Ausschank (wer T-Shirts oder Andenken verkauft, zahlt 250 Euro pro Laufmeter), die der Veranstalter kassiert, sondern auch Miete für Zapfanlagen, Tische, Bänke und Sonnenschirme. „Da macht man dann Werbung für die Brauerei und muss auch noch drei Euro für jeden Schirm zahlen“, murrt der Wirt. Hinzu käme dann noch der Unsicherheitsfaktor Wetter: „Wenn’s regnet, kommen wenig Leute, wenn’s sehr heiß ist, kommen die Leute erst sehr spät auf die Insel und essen wenig. Außerdem bringen sich immer mehr Leute ihre Getränke und ihre Jause selbst mit, weil sie sparen müssen.“ Und die speziellen Pfandbecher müssen die Wirte den Organisatoren teuer abkaufen – inklusive Entsorgungsabgabe und Solidaritätsbeitrag von zehn Cent pro Becher für einen karitativen Zweck. Seltsamerweise wollen trotzdem alle das nächste Jahr wieder mit dabei sein, so schlecht verdienen dürfte man auf der Insel also doch nicht.
  Kurz vor dem Fest existieren Stände, Buden und Bierbankgärten nur als neonrosa Striche und Zahlen am Asphalt. Zwischen den nummerierten Bereichen gibt es „neutrale Zonen“, damit die Betreiber sich nicht in die Haare kriegen. Soweit es möglich ist, achtet man darauf, dass das Angebot ausgewogen ist und dass es nicht überall nur Kebab gibt, sondern auch Spareribs, Langos, Cevapcici, Käsespätzle, Bauerngröstl, Ravioli oder Wiener Küche – die Wirte müssen ihr Speisen- und Warenangebot den Verantwortlichen vorlegen. Am Donnerstag vor Festbeginn, spätestens, bauen sie ihre improvisierten Shops, Beisln und Gastgärten auf. Und dann kommen auch schon die Kontrolleure vom Marktamt wegen der Hygiene, von der Finanz wegen der Abgaben und vom Fest wegen der Standgebühren. Hat jemand, der für drei Laufmeter Donauinselfest zahlt, seinen Stand auf zwanzig Meter ausgedehnt, kassieren die Kontrolleure beinhart nach. Da müsse man sich schon durchsetzen, meint Gastronomiekoordinator Hanta, sonst ginge alles drunter und drüber.
  Seit drei Jahren erst macht er den Job, zuvor war der frisch Pensionierte Betriebsleiter im Stadthallenbad, „jetzt helfe ich denen beim Fest ein bisserl“. Heuer wird er erstmals auf der Insel übernachten – im Wohnwagen, denn „z’Haus fahren zahlt sich eigentlich gar nicht aus“.
Auch wird geprüft, ob alle die Sicherheitsbestimmungen einhalten, Fluchtwege nicht verstellen und wirklich nur eine Gasflasche beim Stand lagern. Das Donauinselfest ist eine der letzten Veranstaltungen, bei denen mit Gas gebrutzelt werden darf – sonst würde nämlich die Stromversorgung zusammenbrechen. Allerdings lagert der Gasflaschennachschub heuer aus Sicherheitsgründen erstmals etwas entfernt vom Geschehen auf einem eigens bewachten Gelände.
  Ebenfalls erstmals, und da ist Hanta wirklich stolz darauf, wird es vor der großen Hauptbühne weiße Pagodenzelte geben, Zelte mit Spitzdach, wie man sie von edlen Schickiveranstaltungen her kennt. „Vorher haben wir da immer Holzhütten stehen gehabt, das hat dann ausgeschaut wie ein Christkindlmarkt im Hochsommer.“
Die Macher des riesigen Festivals lernen ständig dazu, und wenn die Versorgung des Publikums gut funktioniert, können sie sich ästhetischen Aspekten zuwenden. So wird es heuer erstmals beim Fest ein Verbot der sogenannten Alkopops geben, jener heimtückischen Schnapslimonaden, die vor allem junge Menschen schnell besoffen machen.
Achtzig Gruppen und Unterhalter traten beim allerersten Donauinselfest im Jahr 1983 auf. Ein paar tausend Besucher hatte das Organisationskomitee der Wiener Sozialdemokraten damals erwartet. Gekommen sind dann 160.000. Freiwillige Helfer waren auf der Insel, damals noch ganz ohne Strom, Infrastruktur und Toiletten, ausschließlich damit beschäftigt, hungrige und durstige Festbesucher bei Laune zu halten. „Wir sind in der ganzen Stadt herumgefahren, haben überall Würstel, Bier und Wasser zusammengekauft“, erinnert sich Festerfinder Kopietz. Zumindest das hat sich in den vergangenen 23 Jahren beim Inselfest verändert.

DONAUINSELFEST-HIGHLIGHTS
Sangria, Dirndl & Fettes Brot


Sie haben uns schon mit Bonnie Tyler oder der Kelly Family beglückt, die massenkompatiblen Macher des Donauinselfests. Dieses Jahr dürfen nun auch Altstars wie Jimmy Cliff oder die Möchtegern-Songcontest-Gewinner im Dirndl, Global Kryner (beide Wien Energie-Festinsel), auf die Bühne, um dort beim größten Freiluft- und vor allem Gratis-Open-Air Europas die Massen zum Schunkeln zu bringen. Aber interessant, beim Volksfest auf der Insel gibt es traditionell nicht nur Schlagerfuzzis, Spanferkel und Sangria aus Eimern, sondern auch feine Bands und interessante Künstler – die roten Festplaner überlegen sich strategisch geschickt für jeden Geschmack etwas. So spielen Peter Cornelius und S.T.S ihre alten Hadern friedlich neben Nenas alten und neuen Popliedchen (Fr, 22.45 Uhr, Hauptbühne), auf die Ö3-Bühne haben sich sogar die HipHop-Helden von Fettes Brot (So, 20.50 Uhr) und die Söhne Mannheims (Fr, 21 Uhr) verirrt, die musizieren dort nach Größen wie der deutschen Castingshowband Nu Pagadi. Dafür liegt man bei der FM4-Bühne musikmäßig nie falsch, dort spielen mit Samy Deluxe (Fr), Garish (Sa), Tomte (Sa), Die Sterne (Sa), Element of Crime (Sa), Hidden Cameras (So) und LeTigre (So) dermaßen viele Klassebands, dass man die Insel quasi drei Tage lang nicht verlassen muss. Der Vorteil bei den FM4lern: Man braucht sich nicht durch Zigtausende von Menschen quälen, sondern kann gleich bei der Floridsdorfer Brücke (Straßenbahnlinien 31 und 33) in die Pampa abbiegen. Nicht zu vergessen die Ö1-Kabarett-Insel bzw. das Kulturzelt (bei der Brigittenauer Brücke), wo man Stermann & Grissemann mit ihrem aktuellen Programm „Harte Hasen“ (Sa, 21.30 Uhr), Sängerin Rebecca Bakken mit „Is That You“ (Fr, 22.40 Uhr) oder die Herren Attwenger mit einem, no na, „Attwenger-Konzert“ (Sa, 20.30 Uhr) hören kann. Dazwischen gibt’s auch Spezialprogramm für die Kleinen, etwa auf der Kinderfreunde-Insel (Brigittenauer Brücke) oder der Kinder-Praterinsel (Handelskai). Kleiner Tipp für Donauinselfest-Neulinge: Autos zu Hause lassen, Fahrräder am besten auch, und mit den Öffis anreisen (U1 Donauinsel, U6 Handelskai bzw. Neue Donau, Bim 31 und 33). U-Bahnen fahren heuer nämlich die ganze Nacht hindurch. Und das obligatorische Feuerwerk gibt’s am Samstag ab 22 Uhr.

22. Donauinselfest vom 24. bis 26. Juni, Programm unter www.donauinselfest.at

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Juni 2005 © FALTER
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