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Die verflixten 17 Jahre
THEATER Entschuldigen Sie bitte die Störung: Am 30. Juni geht die Langzeitära von Volkstheaterdirektorin Emmy Werner zu Ende. Der „Falter“ hat 17 Jahre lang mitgelitten. WOLFGANG KRALICEK

Falter 26   Originaltext aus Falter 26/05 vom 29.06.2005

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Die Jungfrau von Orleans. Die Jüdin von Toledo. Libussa. Judith. Maria Stuart. Medea. Emilia Galotti. Die Troerinnen. Yerma. Eine Unbekannte aus der Seine. Mirandolina. Elektra. Der gute Mensch von Sezuan. Mariana Pineda. Phädra. Antigone. Penthesilea. Das waren, in der Reihenfolge ihres Auftretens, jene 17 starken Frauen, mit denen die 17 Saisonen der Ära Emmy Werner am Volkstheater eröffnet wurden. Kämpferisch war die Direktorin mit dem Vorsatz angetreten, jede Spielzeit mit einem „Frauenstück“ zu starten, und dieses Konzept wurde beinhart durchgezogen. Schade nur, dass kein einziges der 17 Frauenpowerstücke auch als starke Aufführung in die Annalen einging.
  Als Emmy Werner 1988 Volkstheaterdirektorin wurde, war das eine kleine Sensation. Erstens hatte es eine Frau an der Spitze einer großen Bühne vorher noch nicht gegeben, zweitens kam Werner aus der Off-Szene. Sie hatte das Theater in der Drachengasse gegründet, wo sie mit Frauenkabarett („Lauter Emmis“) und sensiblen Männerkomödien („Butterbrot“) große Erfolge gefeiert hatte. Die Überraschung muss damals ungefähr so groß gewesen sein, als würde heute Barbara Klein vom KosmosTheater zur Nachfolgerin von Klaus Bachler berufen.
  Eröffnet wurde die Direktion Emmy Werner am 4. September 1988 mit Schillers „Jungfrau von Orleans“ in einer Inszenierung des deutschen Mittelklasseregisseurs Torsten Fischer. Tragischerweise verunglückte die begabte junge Hauptdarstellerin Angelika Meyer wenige Wochen nach der Premiere bei einem Autounfall tödlich. Die zweite Premiere war ein Militärthriller namens „Zündstoff“. Im Programmheft war ein Text von Emmy Werner abgedruckt: „Wir hoffen darauf, dass das Publikum sich nicht allzu schnell verstören lässt von Vulgarismen, die für Menschen in Extremsituationen Ausdruck der Hilflosigkeit, ja der tiefsten Verzweiflung sein können.“ Dieser Hinweis könnte programmatisch über den ganzen 17 Jahren der Ära Werner geschrieben stehen: Entschuldigen Sie bitte die Störung.
  17 Jahre! Es gibt erwachsene Menschen in dieser Stadt, die nie in ihrem ganzen Leben eine andere Volkstheaterdirektorin als Emmy Werner erlebt haben. Die Ära Werner ist der Beweis, dass man in Wien auch dann Theatergeschichte schreiben kann, wenn man nur lange genug durchhält. Zumindest aus Falter-Perspektive nämlich waren die letzten 17 Jahre Volkstheater keine Erfolgsgeschichte. Im Archiv finden sich fast ausschließlich Verrisse (Ausnahmen siehe Kasten „Best of Emmy“), die meist nicht einmal sonderlich leidenschaftlich geschrieben sind. Man hat sich damit abgefunden.

Die Schauspieler

Lag’s an den Schauspielern? Eher nicht. Natürlich waren die Damen und Herren Volkstheaterschauspieler immer wieder ziemlich schlecht, aber das ist normal. Nur die Allerbesten sind fast immer gut, und die Allerbesten spielen eben nur in den seltensten Fällen am Volkstheater. Von den Hausikonen Hilde Sochor und Heinz Petters abgesehen, hat es unter Emmy Werner nur wenige „Stars“ gegeben. Toni Böhm und Vera Borek, Birgit Doll und Wolfgang Hübsch – und natürlich Andrea Eckert, deren Performance man aber immer wieder angemerkt hat, dass sich der Star eigentlich zu gut war für das Volkstheater. Eckerts größter Triumph war bezeichnenderweise ein Solo: Genau 150 Mal hat sie in dem Callas-Stück „Meisterklasse“ die Primadonna gegeben. Bravo!
  Hin und wieder gab es Aufführungen, in denen Schauspieler, die man nur zu gut zu kennen glaubte, nicht mehr wiederzuerkennen waren. Erwin Ebenbauer oder Thomas Stolzeti, Fritz Hammel oder Rainer Frieb konnten richtig gut sein – wenn sie endlich einmal einen Regisseur hatten, der sie motiviert hat. Michael Gruners Inszenierung der Horváth-Komödie „Zur schönen Aussicht“ (1994) war so eine Aufführung. Vera Borek sagt in dem Stück einmal: „Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.“ Das ist ein Satz, den viele Volkstheaterschauspieler unterschreiben können.

Die Regisseure

Theater hat man hier nicht als Ort der Sinnlichkeit und des Abenteuers, der Innovation oder gar der Provokation betrachtet, sondern hauptsächlich als Dienstleistungsbetrieb: Sie wünschen, wir spielen. Und: Keine Spompernadeln, bitte! Entsprechend glanzlos liest sich die Liste der am Volkstheater engagierten Regisseurinnen und Regisseure. Mit wenigen Ausnahmen (Anna Badora, Thirza Bruncken, Anselm Weber oder der erwähnte Michael Gruner) haben hier kaum Leute inszeniert, die außerhalb Wiens Rang und Namen haben.
  Größenwahnsinnige Schauspieler (Wilfried Baasner) durften sich hier ebenso versuchen wie überforderte Filmemacher (Xaver Schwarzenberger), zu Recht in Vergessenheit geratene Extalente (Günther Gerstner) und solche, von denen man nachher nie wieder etwas gehört hat (was wurde eigentlich aus Antje Lenkeit?). Mit Vorliebe wurden biedere Routiniers (etwa Emmy Werner selbst) oder brave Junge engagiert, die hier vor allem lernen konnten, wie man seine Illusionen verliert. Als der talentierte Wiener Georg Staudacher vor drei Jahren seine erste Inszenierung am Volkstheater („Die Vögel“ von Gert Jonke) in den Sand setzte, trat vor der zweiten Vorstellung der Dramaturg Oliver vom Hove vor den Vorhang und versicherte den Abonnenten, dass sie Anspruch auf eine Ersatzproduktion haben. Subtext: Entschuldigen Sie bitte die folgende Vorstellung.

Das Haus

Das Volkstheater hatte in den letzten 17 Jahren etwas durch und durch Spießiges an sich. Die gratis verteilten Programmhefte sahen so aus, als wären sie von der Bawag nicht nur finanziert, sondern auch gestaltet worden (erst nach zehn Jahren wurde das Design modernisiert). Die Sektbar im Foyer war einladend wie ein Nudelsalatbuffet. Und nirgends waren die Premierenfeiern trostloser. Das Volkstheater ist eigentlich Wiens Stadttheater. Angefühlt hat es sich wie eine Provinzbühne. Mit der Architektur hat das nichts zu tun. Das Volkstheater ist ein schönes Haus, und dass darin auch eine ganz andere Atmosphäre herrschen kann, hat man zum Beispiel im Sommer gemerkt, wenn das Festival ImPulsTanz hier gastierte.
  Ein Problem des Volkstheaters ist seine Größe. Viele Stücke, besonders zeitgenössische, passen einfach nicht auf diese Bühne; sie wurden trotzdem gespielt. Emmy Werner konnte oder wollte kein „kleines Haus“ eröffnen (wie das ihr Nachfolger Michael Schottenberg mit dem Hundsturm in der Margaretenstraße tun wird). Stattdessen wurde im Lauf der Zeit jeder Winkel des Hauses zur Spielstätte erklärt und mit einladenden Namen wie „Forum U3“ oder „Orkus“ versehen; aus dem Pausenfoyer im ersten Stock etwa wurde die sogenannte „Spielbar“ – obwohl sich diese nur bedingt als bespielbar erwies.

Die Volkshochschule

Zum Abschied wurde, wie das am Ende von Direktionen so üblich ist, ein Buch herausgegeben. Der Band heißt „Der eigene Blick“ und ist fast unpassend exquisit gestaltet. Auf 300 Seiten finden sich viele Fotos, ein paar kurze Originalbeiträge von Schriftstellern (Gustav Ernst, Antonio Fian, Franzobel, Marlene Streeruwitz), vier Interviews mit Emmy Werner sowie zahlreiche Listen. Alle aufgeführten Autorinnen und Autoren, alle aufgetretenen Schauspielerinnen und Schauspieler, alle Ur- und Erstaufführungen und so weiter. Es gibt sogar eine Liste, in der alle „kritisch-politischen Stücke und Veranstaltungen“ der Ära Werner, nach Themen geordnet, aufgezählt werden – von A wie Antisemitismus bis W wie Widerstand.
  Aus dieser absurden Liste spricht der Geist der Volkshochschule. Die Dramaturgie des Volkstheaters war so rührig um sein Publikum bemüht, dass es an Entmündigung grenzte. Besonders sperrige oder „moderne“ Stücke, die man dem Abonnement nicht zumuten wollte, liefen unter dem sinnlosen Label „Volkstheater frontal“, was auf gut Deutsch wohl „Mit dem Arsch ins Gesicht“ bedeuten sollte. Und die in den Programmheften abgedruckten Gebrauchsanweisungen („Zum heutigen Abend“) hätten wohl die kühnste Inszenierung kaputterklärt.
  Mit dem international erfahrenen Karl Baratta – mutmaßlich der einzige Volkstheaterdramaturg, der auch Theater im benachbarten Ausland von innen gesehen hat – kam in den letzten Jahren etwas frischer Wind ins Haus. Nach der schwarz-blauen Wende organisierte er Autorenlesungen und Diskussionen zur Lage der Nation, nach den Anschlägen vom 11. September initiierte er eine prominent besetzte Gesprächsreihe zum Thema „Globalisierung und Gewalt“, die unter anderem auch Christoph Schlingensief ins Volkstheater führte. Doch auch Baratta gelang es nur ansatzweise, aus der VHS Volkstheater ein Theater zu machen.

Die Direktorin

Vor sieben Jahren, anlässlich des zehnjährigen Jubiläums ihrer Direktion, hat Emmy Werner im Falter ein sympathisches, entwaffnend ehrliches Interview gegeben. Das Volkstheater würde von der Kritik härter angefasst als die anderen Wiener Bühnen, meinte sie. „Und ich glaube auch zu wissen, warum. Weil man sich vielleicht doch erhofft hat, dass ich radikaler sein werde. Das war auch eine ein bissl enttäuschte Hoffnung, von Anfang an. Und das, was gewagt wurde, ist halt ein bissl untergegangen in dem, was konventionell misslungen ist.“ Werners zaghafter Stil hatte auch damit zu tun, dass sie als erste weibliche Direktorin eines großen Wiener Theaters unter besonderem Druck stand. „Das war ja ein derartiges Trauma, das war mir so wichtig zu beweisen, dass sich das mit dem Geld ausgeht. Wahrscheinlich zu wichtig.“
  Mit ihrer defensiven Haltung hat Emmy Werner paradoxerweise genau das Rollenbild der Frau bestätigt, gegen das sie eigentlich angetreten war: eine Frau, die es der Männergesellschaft recht machen will. Tatsächlich hat sie es geschafft, das Volkstheater trotz enger Budgets schuldenfrei zu halten. Die künstlerische Bilanz aber ist dürftig. Obwohl Emmy Werner durchaus resolut wirkt und dafür berüchtigt war, bei fremden Inszenierungen kurz vor der Premiere die Regie zu übernehmen, vermittelte sie gern den Eindruck, den mysteriösen Gesetzen ihres Hauses mehr oder weniger machtlos ausgeliefert zu sein.
  Am 30. Juni geht die Ära Werner mit einer Vorstellung des Brecht-Weill-Musicals „Happy End“ zu Ende. Das Stück ist schwach, die Inszenierung halblustig. Emmy Werner aber wollte sich die Pointe nicht nehmen lassen, ihre Direktion mit einem Happy End zu beschließen. Passender wäre gewesen, zum Abschied ein Stück von Gustav Ernst wiederaufzunehmen, das hier 1990 gespielt wurde: „Tausend Rosen“.

Der eigene Blick. Das Volkstheater Wien 1988–2005. Hg. von Rainer Moritz. Mit einer CD-ROM. Salzburg 2005 (Jung und Jung). 312 S., EUR 39,80


BEST OF EMMY
Wir können auch anders


Beinahe 300 Premieren hat es in der Ära Werner auf den diversen Bühnen des Volkstheaters gegeben. Die meisten haben wir vergessen. An ein paar erinnern wir uns immer noch gern: zehn Produktionen, die sogar der Falter mochte.

Weiningers Nacht (1988): Paulus Manker spielt und inszeniert Joshua Sobols etwas holzschnittartig gebautes Biostück über den jüdischen Antisemiten Otto Weininger. Die Aufführung lebt vor allem von der fulminanten Performance des Hauptdarstellers, der als charismatisches Scheusal ganz in seinem Element ist.

Krankheit oder Moderne Frauen (1990): Die erste und beste von insgesamt sechs Elfriede-Jelinek-Inszenierungen der Ära Werner. Das Vampirdrama mit Gertrud Roll und Cornelia Lippert in den Hauptrollen ist so erfolgreich, dass sich Piet Dreschers Inszenierung drei Saisonen lang auf dem Spielplan hält. Jelinek lässt ihre neuen Stücke trotzdem lieber am Burgtheater uraufführen.

Krieg (1992): Mit einem Stück von Rainald Goetz wird der neue Raum in der U3-Station Volkstheater (Forum U3) eröffnet. „Spitze“, jubelt der Falter. Denn: „Linke Traumata und unpolitisches Bier gehen in Michael Wallners dynamischer Regie eine oft komische Symbiose ein, der zynische Blick des Autors wird auf blendende Weise wiedergegeben.“

Zur schönen Aussicht (1994): Die erste Volkstheater-Inszenierung des deutschen Regisseurs Michael Gruner ist eine der schönsten der Ära Werner. Ödön von Horváths bittere Komödie um schlechte Menschen in einem schlechten Hotel inszeniert Gruner als ungeheuer atmosphärische Gespenstersonate, die Volkstheater-Schauspieler scheinen über die Bühne zu schweben.

Der Alpenkönig und der Menschenfeind (1996): Wieder gelingt Michael Gruner ein großer Wurf: Ferdinand Raimunds Klassiker inszeniert er als Traum des depressiven Dichters, aus dem Menschenfeind Rappelkopf (Wolfgang Hübsch) wird auf diese Weise Raimunds Alter Ego, aus dem Zauberspiel ein spannendes Psychodrama.

Meisterklasse (1997): Das amerikanische Erfolgsstück über die Primadonna Maria Callas hat eigentlich nur eines zu bieten: eine tolle Rolle. Volkstheater-Primadonna Andrea Eckert nimmt das Geschenk dankbar an. Bisher hat sie die Callas 150-mal gespielt, und auch unter dem neuen Direktor Michael Schottenberg wird sie Meisterklassen geben.

Hautnah (1998): Let’s talk about sex: Patrick Marbers brillantes Beziehungsstück (dessen Verfilmung unlängst im Kino lief) in einer sehr kühlen, präzisen Inszenierung des Filmemachers Michael Kreihsl mit vier exzellenten Schauspielern. „Vielleicht die coolste Aufführung, die im Volkstheater jemals zu sehen war“, stand im Falter.

Hermes (1999): Uraufführung eines Franzobel-Monologs, der aus Hermes Phettberg eine Bühnenfigur macht. Das Ereignis der kleinen Inszenierung in der Spielbar ist Vera Borek als Hermes: Kinderkönig und Päpstin, Lady Macbeth und Döblinger Regimentstochter in einer Person. Zwei weitere Franzobel-Uraufführungen (auf der großen Bühne) folgen.

Das Blut (2000): Das brutal gute Stück vom katalanischen Dramatiker Sergi Belbel, eine Mischung aus Politthriller und Gesellschaftssatire, handelt von Terroristen, die einer Geisel die Gliedmaßen abschneiden. Regisseur Anselm Weber findet dafür genau die richtige Balance aus Realismus und Stilisierung.

Lulu (2003): Gustav Ernst hat den Wedekind-Klassiker in die Gegenwart verlegt und noch etwas schweinischer gemacht, als er eh schon ist. Bei der Uraufführung im Forum U3 gibt es einen Regisseur (Alexander Kubelka) und eine Schauspielerin (Julia Cencig, die bezaubernde Lulu) zu entdecken.

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Juni 2005 © FALTER
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