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Wie ist das denn so?
LESBEN/SCHWULE Diesen Samstag findet die zehnte Regenbogenparade statt, bei der sich Österreichs lesbisch-schwule Community selbst feiert. Der „Falter“ stellte zwei Schwulen, die sich „autonome Trutschn“ nennen, und zwei Lesben ein paar ganz blöde Fragen über ihr Leben. THOMAS PRLIC´ und CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 26   Originaltext aus Falter 26/05 vom 29.06.2005

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An ihrem Kennenlernabend dürften Anna-Elvira und Katharina sehr heftig vorm Schikaneder Kino herumgeknutscht haben. Jedenfalls bremste sich neben ihnen ein Taxler ein, hupte und bot den beiden fünfzig Euro, wenn sie bei ihm mitführen. Zum Glück waren Anna-Elvira und Katharina so im Liebestaumel, dass sie den Taxler nur auslachten. „Das war doch einfach nur lächerlich“, erzählen sie. Aber auch irgendwie typisch, denn oft werde man als Lesbe nicht ernst genommen. „Das ist auch eine Generationenfrage“, meint Katharina. „Wir haben heute sicher weniger Probleme als Lesben vor zwanzig Jahren. Wenn mich heute jemand nicht akzeptiert, wie ich bin, dann lach ich den höchstens aus.“
  Diesen Samstag findet am Ring zum zehnten Mal die Regenbogenparade statt, jener Umzug, bei dem sich Österreichs lesbisch-schwule Community selbst feiert, „Hallo, hier sind wir!“ sagt und für Gleichstellung mit dem heterosexuellen Rest des Landes demonstriert (siehe unten). Bei der Jubiläumsparade werden diesmal auch wieder die beiden Präsidentinnen Sabine und Marlene mitstöckeln. Wie es sich für Politikerinnen gehört, werden sie dabei viele Hände schütteln, sich die Wünsche der Wähler anhören und versuchen, ihre politischen Botschaften unters Volk zu bringen. Seit sieben Jahren kämpfen Sabine und Marlene als „autonome Trutschn“ gegen „das Böse“. Nicht nur mit glamourösen Auftritten auf der Regenbogenparade, sondern auch mit einer satirischen Politkolumne in der Zeitschrift der Homosexuellen Initiative (Hosi) Lambda Nachrichten. Privat sind die beiden schwulen Männer kein Paar, zwecks Aufrechterhaltung der Illusion wollen Marlene und Sabine ihre echte Identität nicht preisgeben.
  Anna-Elvira ist 29, hat Politikwissenschaft studiert und arbeitet bei der APA, ihre Freundin Katharina ist 22 und studiert Psychologie. Sie fühlen sich eher bei einem Konzert im Flex oder Fluc zu Hause als in „irgendeiner Lesben-Dschumsen“. Zusammen sind sie erst seit ein paar Monaten, beide haben eine Heterovergangenheit, fanden erst durchs Lesbischsein zu sich. „Ich hab die Liebe erst verstanden, als ich mit Frauen zusammen war“, sagt Katharina, und Anna-Elvira erzählt, dass sie als Teenagerin zwar schüchtern war, Jungs anzusprechen für sie aber immer „total einfach“ gewesen sei. Kein Wunder, bei tollen Frauen gab es dann aber Aufregung und die berühmten Flugzeuge im Bauch.
  Der Falter hat bei den beiden Lesben und den schwulen Trutschn Sabine und Marlene nachgefragt, was hinter dummen Vorurteilen steckt, wie lesbischer Sex funktioniert und was man sich normalerweise nicht zu fragen traut.

Falter: Haben Lesben keinen Humor?

Katharina: Die meisten Lesben, die ich kenne, sind schon sehr lustig.

Marlene: Natürlich, nicht. Sie spielen den ganzen Tag über todernst Fußball, trinken dann abends ein Bier und essen ein kleines Kind dazu – vorzugsweise männlichen Geschlechts.

Bei der Homoparade in Hollywood jubelte jüngst Paris Hilton den Teilnehmerinnen zu, bei der Regenbogenparade wird heuer Jazz Gitti auftreten – brauchen Lesben und Schwule solche Unterstützung von der Heteroseite?

Marlene: Natürlich wir lieben die Hetenunterstützung.

Sabine: Aber die Frage ist falsch gestellt. Die richtige lautet: Braucht Jazz Gitti die Regenbogenparade?

Haben Lesben auch solche „Ikonen“, gibt es ein lesbisches Pendant zur „Schwulenmutti“?

Anna-Elvira: Ja! Ellen de Generes.

Katharina: Das ist deine Generation.

Marlene: Falsche Frage. Schwulenmuttis sind keine Ikonen!

Wieso glauben Heteros, Lesben am kurzen Bürstenhaarschnitt zu erkennen?

Sabine: Woran sonst?

Anna-Elvira: Es gibt auch viele Heterofrauen, die diesen Haarschnitt haben.

Das Comingout, den Eltern zu sagen, dass man lesbisch ist, sei „keine geschmeidige Sache“ gewesen, erzählen Anna-Elvira und Katharina. „Bei vielen hat meist ein Elternteil Probleme, oft sind es die Mütter, die glauben, irgendwas falsch gemacht zu haben.“ Die gesellschaftliche Akzeptanz sei aber hierzulande größer als die politische. Einmal besuchten die Trutschn Sabine und Marlene kostümiert die Oper und nahmen aus der Mittelloge Huldigungen vom Publikum entgegen. „Die Reaktionen darauf waren sehr positiv“, erzählt Marlene. Männer in Frauenkleidern seien per se aber noch nicht lustig, sondern erst in übersteigerter Form. „Es geht dabei auch ums Aufzeigen von Rollenklischees.“ Manchmal fühlen sich Männer durch das Auftreten der beiden tatsächlich auf den Schlips getreten, weil ihre Männlichkeitsideale infrage gestellt werden. „Männer, die das Trutschntum noch nicht entdeckt haben, müssen sich oft besonders männlich geben“, sagt Sabine. „Wobei nicht in jedem Mann eine Trutsche steckt, aber in vielen Männern. Und auch in vielen Frauen.“

Macht es wirklich Spaß, als Mann in Frauenkleidern herumzulaufen?

Sabine: Fragen Sie das doch den Bildungsminister!

Wieso tragen Schwule so gerne Karohemden oder Uniform?

Sabine: Bitte, welcher Schwule trägt Karohemden?

Marlene: Die in Uniform sind Bundesheersoldaten und keine Tucken – auch wenn man’s nicht glauben mag.

Wieso wissen Heteros so wenig über Lesben?

Katharina: Was soll man da wissen?

Sabine: Was wissen Heten denn überhaupt?

Viele Heteromänner finden die Vorstellung von zwei Lesben beim Sex scharf, finden Sie das okay?

Katharina: Das ist uns herzlich wurscht, was wer wo wie scharf findet.

Marlene: Was jetzt? Wir die Lesben? Wir die Heten? Wir den Sex? Schlecht gestellte Frage, junger Mann.

Wieso gibt’s eigentlich Darkrooms? Müssen Schwule beim Sex das Licht ausmachen?

Sabine: Nutzt’s nix, schadt’s nix. Habt ihr Heten denn immer das Licht an?

Machen Lesben auch Sex im Dunkeln?

Anna-Elvira: Wenn die Glühbirne kaputt ist, schon.

Marlene: Ja, wenn die Flutlichtanlage auf dem Fußballfeld ausfällt.

Wie funktioniert lesbischer/schwuler Sex?

Sabine: Gut.

Anna-Elvira: Die Frage habe ich mir auch mal gestellt, weil wir in der Schule dieses Kpitel leider nicht durchgenommen haben. Aber es funktioniert dann doch besser als vermutet.

Würden Sie Ihre Partnerin/Ihren Partner heiraten, wenn Sie das in Österreich dürften?

Sabine: Ja, ich bin schon versprochen.

Marlene: Ich ziehe die Rolle der Brautjungfer vor.

Katharina: Ich möchte zumindest die Wahlmöglichkeit haben.

Lesbischsein ist bei Anna-Elvira und Katharina nicht ausschließlicher Lebensinhalt: „Man ist halt genauso lesbisch, wie man heterosexuell ist.“ Obwohl sich in der Comingoutphase der beiden alles um feministische Theorie, Geschichte der Frauenbewegung und Frauenpolitik drehte. „Ich habe mich schließlich neu definiert, aber mittlerweile ist das halt Teil meiner Persönlichkeit“, sagt Katharina. „Wenn dich dann Freunde und Bekannte fragen, hast du gleich die richtigen Antworten parat.“ Außer vielleicht auf ganz dumme Fragen wie die, wer in ihrer Beziehung der Mann sei.

Wer ist in Ihrer Beziehung der Mann?

Katharina: Es gibt in vielen Beziehungen Rollenverteilung. In so mancher Heterobeziehung spielt der Mann die weibliche Rolle.

Wieso schlafen Sie nicht mal mit einem Mann/mit einer Frau?

Anna-Elvira: Warum machen Sie das denn nicht?

Sabine: Weil wenn man mit einer anfängt, kommen alle daher.

Wohin schauen schwule Männer bei anderen Männern zuerst?

Marlene: Wie die Heten, auf die inneren Werte.

Und wohin schauen Lesben bei Frauen zuerst?

Anna-Elvira: Augen, Hände ...

Katharina: Aber wenn eine super ausschaut, aber ein Trottel ist, dann bringt das auch nichts.

Marlene: Wie die Heten, auf den Bürstenhaarschnitt.

Lesben sind ...

Katharina und Anna-Elvira: ... lässig.

Schwule sind ...

Marlene: ... schwul.

Warum kreischen manche Schwulen so exaltiert, wenn sie sich in der Öffentlichkeit befinden?

Sabine: Weil sie sich so fürchten.

Wieso müssen sich Schwule auf der Tanzfläche immer gleich das Oberteil ausziehen?

Sabine: Na, damit man ihnen den Schweiß von den Brustwarzen lecken kann.

Rasieren sich Lesben im Sommer die Beine?

Marlene: Sagen Sie bloß, nach dem Unsinn mit dem Bürstenhaarschnitt kommt jetzt die Geschichte mit den unrasierten Beinen ...

Katharina: Ja sicher. Aber es gibt auch Haarige.

Anna-Elvira: Auch haarige Heterofrauen.

Wieso rasieren sich Schwule untenrum?

Sabine: Um die Filzläuse vom letzten Darkroombesuch loszuwerden.

Die zehnte Regenbogenparade am Samstag, sagen Marlene und Sabine in einem Anfall von Ernsthaftigkeit, sei immer noch genauso wichtig wie die erste. „Es geht dabei auch um das Sichtbarsein.“ Thematisch, und wieder nicht ganz so ernst gemeint, wollen sich die zwei heuer dem heißen Eisen „Die EU und unser Salz“ widmen. Dass sie tatsächlich ein gutes Slogangespür haben, haben die Präsidentinnen vor ein paar Jahren schon einmal bewiesen. Damals spazierten sie stolz mit dem Satz „Wer, wenn nicht wir?“ über den Ring. Ein paar Monate später wurde Wolfgang Schüssel mit einem nicht unähnlich klingenden Spruch Bundeskanzler.

Die schönste Frau aus Österreich?

Katharina: Gustav.

Sabine und Marlene: Sabine und Marlene.

Der schönste Mann?

Sabine und Marlene (nach kurzer Beratung): Markus Rogan, solange er a) den Mund hält, b) kein Milchpackerl in der Hand hat, c) nicht mit Wolfgang Schüssel turtelt.

Anna-Elvira: Irgend so ein Fußballer.

Wieso gibt es in Österreich so wenig prominente Homos?

Anna-Elvira: Es gibt eh viele, nur weiß man’s von ihnen nicht.

Marlene: Falsche Frage. Warum gibt es so wenige Prominente in Österreich?

Was ist das ärgste Vorurteil, das Heteros Lesben und/oder Schwulen gegenüber haben?

Anna-Elvira: Dass wir von den Männern enttäuscht wurden.

Katharina: Dass wir die Männer hassen.

Sabine: Bürstenhaarschnitt und nicht rasierte Beine, Karohemden, Uniformen und Darkrooms.

Das ärgste Vorurteil, das Lesben/Schwule Heteros gegenüber haben?

Katharina: Die geben sich mit den vorgegebenen Rollen zufrieden.

Marlene: Dass sie niemals mit gleichgeschlechtlichen Partnern oder Partnerinnen vögeln.



REGENBOGENPARADE 2005
Zehn Jahre Ring andersrum


Mal sehen, wer sein Werbebanner heuer wieder am geschicktesten platzieren kann, welche Partei oder Initiative ihre Botschaft abseits vom Konsumwahnsinn durchbringen wird, welcher Truck der lauteste ist und ob irgendein prominenter mit Mikrofon auch heuer wieder die gays begrüßt und damit Schwule und Lesben meint. Kommenden Samstag, 2. Juli, um Punkt 15 Uhr startet am Ring beim Stadtpark zum zehnten Mal die Regenbogenparade, die Wiener Variante des Christopher Street Day (CSD), zu dem Lesben, Schwule und Transgenders weltweit sich selbst feiern, gegen Missstände demonstrieren und sich durch sichtbares Anderssein vom heterosexuell veranlagten Rest der Welt abheben. Als vor zehn Jahren (und Jahrzehnte später als anderswo) ein Häuflein unerschrockener Aktivistinnen und Aktivisten die Wiener Parade erstmals organisierten, waren die Teilnehmer überwältigt, wie viele Menschen dann doch gekommen sind – offenbar hatte man mit ein paar hundert Schwulen und Lesben gerechnet, dann hatten aber doch einige Tausend den Mut, sich stolz der Öffentlichkeit zu präsentieren. Obwohl es damals sogar einen Block im Umzug gab, in dem an jene erinnert wurde, die sich aus Angst vor Familie, Nachbarn oder Kollegen nicht in die Öffentlichkeit trauten. So was gibt’s heute nicht mehr, bei der gemeinsamen Prozession um die Ringstraße gegen die Fahrtrichtung – andersrum.
  Gleichzeitig war man an diesem heißen Sommertag 1995 stolz, dass – trotz aller Unterschiede – auch hierzulande so etwas wie die Bildung einer Gemeinschaft, einer lesbisch-schwulen Community möglich ist. Natürlich ist die Parade, verglichen mit denen in anderen europäischen Städten und wenn man die zahlreichen Touristen und Schaulustigen am Straßenrand nicht mitzählt, klein. Und bei den anschließenden Feierlichkeiten brauchte es in der Vergangenheit immer Hilfe von der gut gesonnenen Heteroseite, Politikerinnen, Musiker, Moderatoren oder „Stars“, die dem bunten Völkchen glaubhaft versicherten, dass ja eh alle gleich sind. Gleich oder anders? Mittlerweile werden nämlich schon, nicht nur in Wien, Stimmen laut, die fordern, genau das Anderssein bei solchen Anlässen müsse betont werden.
  Seit zwei Jahren organisieren die lesbischen und schwulen Aktivisten von der Homosexuellen Initiative (Hosi) die Veranstaltung am Ring – der ursprünglich tätige Organisationsverein hatte sich kurzerhand aufgelöst, die Hosi sprang ein und macht das seither wirklich gut. Man achtet auf Themenvielfalt, versucht die Sache mit den Sponsoren zu regulieren und präsentiert die Regenbogenparade als Mischung aus Demo (das Motto heuer „Für Vielfalt. Gegen Diskriminierung“) und buntem Karneval. Wenn in den Medienberichten und den Köpfen derjenigen, die mitmachen, dann wieder nur barbusige Frauen, angemalte Fummeltrinen und sexy Bauchmuskeln hängen bleiben, dann haben Österreichs gays, ups!, Lesben und Schwule womöglich etwas falsch gemacht.

Regenbogenparade, Sa, 2. Juli, ab 15 Uhr am Ring (Start: Stadtpark), anschließend „Celebration“ und Kundgebung am Heldenplatz, Infos: www.regenbogenparade.at

After-Pride-Partys:
H.A.P.P.Y meets entiende meets Homoriental im Wuk, 9., Währinger Straße 59 (www.h-a-p-p-y.net);
„Energaytics“ im Area 51, 11., Leberstr. 96 (www.energaytics.info);
Booty Dance Club im Club Seven, 7., Lerchenfelder Straße 23.

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Juni 2005 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at