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Wien ist am Sand
FREIZEIT Heuer gastronomisiert man den Donaukanal. Gleich drei Initiativen haben sich bei anderen europäischen Städten etwas abgeschaut und eröffneten mitten in Wien Strandabschnitte mit Sand, Strohhütten, Sonnenschirmen und Liegestühlen. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 28   Originaltext aus Falter 28/05 vom 13.07.2005

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Bei der Eröffnung vergangene Woche haben sie Punsch gratis ausgeschenkt. Und auch sonst war’s beim „Sommerstrand“ der Wiener ÖVP eher ungemütlich. Als tags darauf ein paar Meter weiter westlich am Donaukanal die „Adria Wien“ offiziell in ihre erste Saison startete, war das Wetter auch nicht besser. Strandgefühl geht anders. Mehr Glück hatten da schon die Betreiber der Strandbar Herrmann: Die sperrten bereits ein paar Tage früher auf, als es noch richtig Sommer war. Und siehe da: Die Leute stürmten den Sandplatz im Herrmannpark bei der Urania.
  Nach Summerstage-Sommer, Tribüne-Krieau-Sommer oder MuseumsQuartier-Sommer in den vergangenen Jahren haben wir einen neuen Hype: Sandstrand-Sommer am Donaukanal. Was in Paris, London, Berlin und anderen europäischen Metropolen schon seit einigen Jahren zum sommerlichen Standardprogramm gehört, nämlich Uferabschnitte der jeweiligen Flüsse mit Sand zuzuschütten, ein paar improvisierte Strandbars, Tische, Schirme und Liegestühle aufzustellen, gibt’s nun also auch in Wien. Gleich drei Initiativen schauten sich den anderen künstlichen Stadtstränden einiges ab, ließen Tausende Tonnen Sand ankarren, gastronomisierten den Donaukanal und laden nun, hektisch, spät, aber doch, zum sommerlichen Strandvergnügen mitten in der Stadt ein.
  Feinster Quarzsand, gemahlen, Rundkorn, wird praktischerweise auch bei Regen nicht gatschig und dürfte bei den Baustoffhändlern rund um Wien in den letzten Tagen knapp geworden sein. Ebenso wie Sonnenschirme, Liegestühle und Terrassenmöbel. Bambusmatten sowieso. Und jetzt ist Wien also am Sand.
  „Es geht nicht darum, wer zuerst Sand am Donaukanal aufgeschüttet hat, Hauptsache ist, dass hier etwas passiert“, meint Planungsstadtrat Rudi Schicker (SPÖ) kurz vor der Eröffnung des von der Stadt Wien unterstützten Adria-Strandes rund um den Glaspavillon des Forstamts bei der Salztorbrücke. „Es geht vor allem darum, aufzuzeigen, welche Möglichkeiten so ein Flussstrand bietet, und damit meine ich nicht nur die Strandbars.“ Wien liegt schließlich am Kanal. Und der Fluss mitten im Zentrum der Stadt scheint seit ein paar Jahren stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken, vor allem als Naherholungsgebiet.
  Wenn sie nicht gerade wegen U-Bahn-Bauarbeiten gesperrt ist, lieben Radler und Inlineskater die Strecke am Wasser. Die Summer Stage bei der Roßauer Lände übt schon seit 1996 große Anziehungskraft auf ihre Besucher aus. Das bizarre Wohnhaus der Stararchitektin Zaha Hadid, das sich bei der Spittelau um die alten Stadtbahnbögen schlängelt, wird, vor mehr als zehn Jahren geplant, heuer endlich fertig gestellt. In den nächsten Jahren sollen nicht nur am Kai neue Gebäude entstehen, auch direkt am Wasser wird es Veränderungen geben, vom schick designten Glasvorbau beim Flex bis zum schickimickiartigen Wellness- und Spa-Schiff direkt davor auf dem Wasser oder einem spaßigen Badeschiff bei der Aspernbrücke (siehe unten).
  Doch jetzt gibt’s erst einmal Sand statt Hundewiese und Gstätten. Am Ufer, zwischen Salztorbrücke und U-Bahn-Baustellenzaun, haben die Macher der Szenelokale Expedit und Kiosk so ziemlich sämtliche Grünstreifen mit dem gelblichen Quarzsand zuschütten lassen und einige Bretterbuden aufgebaut. Das gläserne Forsthaus hier, das sowieso die meiste Zeit des Jahres leer steht, dient mit seiner großen Holzterrasse als Zentrale des sommerlichen Strandvergnügens. An der Wiener „Adria“ möchte man die Strandillusion mit Softeis, Steckerlfisch, geometrisch aufgestellten Liegen, Longdrinks und Kofferradiomusik von LoungeFM und FM4 perfekt machen. Wobei das Idyll wohl in den nächsten Wochen eher bobomäßig als hausmeisterlich werden wird. Zur Kulinarik kommen schließlich noch Kultur und Körperkram in Form von Turnstunden (Pilates). Ein Bücherwagen bietet Leihliteratur an.
  Recht ähnlich sind Programm und Ambiente, das der Sommerstrand gleich nebenan zwischen Salztor- und Marienbrücke bietet. Wegen der Witterung bei der Eröffnung wird er gleich einmal „Nordsee“ genannt. Allerdings sind hier die Sandstreifen teilweise wirklich nur so breit wie eine Strandliege. Damit nicht das Bild vom Christkindlmarkt im Hochsommer aufkommt, hat man die Holzhütten mit Bambusmatten karibisch verkleidet (ebenso wie die Mobilklos), das Essen ist spanisch, italienisch oder österreichisch, es gibt ein Kaffeehaus, eine Milchbar sowie jede Menge Sitz- und Liegemöbel. Natürlich existiert auch ein Unterhaltungsprogramm, vom DJ über den Kasperl bis zur Liveband.

„Wir wollen hier keine zweite Copa Cagrana“, meint der städtische Donaukanalkoordinator Bernhard Engleder mit Blick auf die andere Uferseite, wo unterhalb vom Schwedenplatz ein paar geschäftstüchtige Gastronomen donauinselmäßig Tische und Sessel aufgestellt haben. „Nur ein Gastgarten, das wäre uns zu wenig, wir wollen Veranstaltungen und Inhalte.“ Das sei dann auch der Unterschied zu den Stränden in anderen Städten, von denen sich Engleder einige selbst angesehen hat. In Wien gebe es zum kulinarischen Angebot halt auch Kultur, Sport und Freizeit. Und es gibt womöglich auch böse Anrainer, die sich über das Rambazamba mitten in der Stadt aufregen. Deswegen ist auch am Donaukanalstrand um 22 Uhr akustische Sperrstunde, bis zwei Uhr sollen die Lokale dann offen haben dürfen.
  Über eine sandige „Medienmeile“ unterhalb des News-Gebäudes bei der Taborstraße sei man in Verhandlung, bestätigt der Kanalkoordinator entsprechende Gerüchte, News wolle hier am Kanal mitmischen. Der Strandabschnitt mit gesponsertem Unterhaltungsprogramm käme aber heuer nicht mehr. Ebenso wenig wie das Badeschiff, das die Adria-Macher für das Ufer beim Franz-Josefs-Kai kurz vor der Urania planen. Doch schon im nächsten Jahr soll hier die „Riviera“ an den Start gehen, ein Strandgastronomiekonzept, zu dem auch ein schwimmendes Freibad gehört. Schon 1781 gab es so ein Badefloß auf der Donau, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es bereits an dieser Stelle zwischen Schweden- und Aspernbrücke ein äußerst beliebtes Badeschiff. Geri Ecker von Expedit/Adria plant schon seit drei Jahren an der Riviera-Anlage, einem 76 Meter langen und elf Meter breiten Donaulastschiff, das für die neue Nutzung komplett umgebaut, mit Becken, Sonnendeck, Lokal und sanitären Anlagen versehen wird.
  Den überzeugendsten Stadtstrand haben wohl die Leute von der Strandbar Herrmann geschaffen. Dort, wo der Wienfluss in den Donaukanal mündet und wo sich einst Wiens elektronische Musikszene zum „Picknick bei Herrmann“ traf, fanden in den letzten Jahren Kanalbauarbeiten statt, die eine Gstätten hinterließen. „Sand drüber“, lautete das Konzept von Alexander Kaiser und Rudi Konar für das tote Eck. Die beiden kleckerten nicht, sondern klotzten und ließen sich vom Designer Christian Motalik nicht irgendeine windschiefe Holzhütte, sondern eine großzügige, nach allen Seiten hin offene Bar hinbauen, eine Art Ufo, das den Besuchern des Areals viel Strandgefühl vermittelt. Nachts wacht ein Sicherheitsdienst, in der Früh kommt ein Putztrupp, der den Sand von Tschickstummeln, Mist und Hundedreck säubert. So wie in Lignano, also perfekt. Allerdings taten sich die beiden Herrmanns auch leichter beim Planen – ihr Mietvertrag mit der Stadt für das Gelände geht bis zum Jahr 2015, dann wird hier ein letztes Mal in Sachen Wientalkanalsammelbecken gegraben.

Weniger Planungsspielraum bekam die Wiener ÖVP vonseiten der Stadt: Für vorerst nur ein Jahr gab es die Genehmigung für den schwarzen Sommerstrand zwischen Salztor- und Marienbrücke. Für einen so kurzen Zeitraum Partner zu finden, die dann auch noch in Infrastruktur investieren, sei nicht einfach, sagt Norbert Walter, Landesgeschäftsführer der Schwarzen. Die Partei beschäftige sich schon seit Jahren mit dem Donaukanal und sei um einen Imagewandel für das Wiengewässer bemüht, das sie als „Kleine Donau“ bezeichnet. „Aber wir haben nicht den großen Geldesel, wir machen was, an dem Menschen ihre Freude haben.“
  Den Menschen Freude macht schon seit zehn Jahren Ossi Schellmann mit seiner Summer Stage, wobei bei der Roßauer Lände der Sand nur den Beachvolleyballern gestreut wird. Der ehemalige Café-Stein-Wirt hat sich das Konzept einer Gastro- und Freizeitzone am Kanal mit dem damaligen Alsergrunder SPÖ-Bezirksvorsteher Hans Benke ausgedacht, der die Bewohner ins Grüne mitten in der Stadt locken wollte. Dass in Wien irgendwann einmal ein Überangebot an derartigen kostenpflichtigen Sommererlebnissen besteht, glaubt Schellmann nicht: „Die Wiener bleiben im Sommer immer öfter in der Stadt. Je mehr Sachen am Donaukanal passieren, desto mehr Leute nutzen das.“
  Um sich wirklich wie am Strand zu fühlen, braucht es freilich mehr als Konsumzwang, Quarzsand zwischen den Zehen und Sonnenstich. Ohne Wasser und Abkühlung zwischendurch ist halt der feinste Strand nur Fake. Dabei dürfte man im Donaukanal sogar baden: „Badeverbot gibt es keines“, meint Kanalkoordinator Engleder, „aber gute Badewasserqualität ist nicht ganz gegeben.“ Wenn in ungefähr zehn Jahren die Bauarbeiten beim Wientalsammelkanal beendet sind, wird auch der Donaukanal Badewasser führen. Dass das Wasser im Normalfall drei Meter tiefer als der Strand liegt, ist eh nur ein Schönheitsfehler, der sich mit allerhand Stegen sicher noch beheben lässt.

Adria Wien,
2., Donaukanal, Höhe Salztorbrücke, Mo–Fr 16–2, Sa, u. So 11–2 Uhr

Sommerstrand,
2., Donaukanal, zwischen Salztor- und Marienbrücke, tägl. ab 11 Uhr, www.sommerstrand.at

Strandbar Herrmann,
3., Herrmannpark, tägl. 10–2 Uhr, www.strandbar-herrmann.at


DONAUKANAL NEU
Kanalsex mit Supermira


Zaha Hadids Wohngebäude bei der Spittelau ist ein echter Hingucker. Der weiße Bau schlängelt sich auf Betonstelzen durch die alten Stadtbahnbögen. Wer Glück und Geld hat, wird demnächst sogar mit Blick auf den Donaukanal wohnen. Allerdings auch mit Blick auf einen der drei Gastgärten, die hier direkt über dem Stadtfluss geplant sind. Mehr als zehn Jahre sind beim Hadid-Bau zwischen Planungsbeginn und Bauende vergangen, doch seit einiger Zeit kommt Bewegung an den Donaukanal. Mit dem K47 (anstelle des Kaipalastes), der aus- und umgebauten Urania, dem Media- oder dem Uniqa-Tower sind in der letzten Zeit neue städtebauliche Wahrzeichen am Kanal entstanden. In wenigen Monaten wird das alte, leer stehende Uniqa-Gebäude bei der Taborstraße abgerissen und durch ein 70-Meter-Hochhaus des französischen Stararchitekten Jean Nouvel ersetzt. Der Turm namens Uniqa2 wird aller Voraussicht nach ein Luxushotel beherbergen. In zehn bis 15 Jahren wird die Stadt entlang des Donaukanals ganz anders ausschauen, nicht nur im Bereich City und Leopoldstadt – nach der Verlängerung der U2 verbindet ab 2008 eine U-Bahn-Station und Unterführung unter dem Fluss die beiden Bezirke –, sondern auch in Simmering. Hier plant Siemens den Rückzug auf die andere Donauseite, den Produktionsstätten sollen Wohnungen folgen. Wohnungen mit Freizeitwert.
 Auch der Donaukanal soll zur „Erholungs- und Ferienmeile“ ausgebaut werden. Geht es nach den Kanalplanern, bekommt das Musiklokal Flex nächstes Jahr einen schicken Glaspavillon am Vorkai, Otto Wagners „Schützenhaus“ vis-à-vis wird zum Kaffeehaus mit Schaukaffeerösterei, am Wasser geht 2007 ein Wellnessschiff vor Anker, ein Stück stromaufwärts schon 2006 ein Badeschiff, und unterhalb des Herrmannparks ist eine schwimmende Veranstaltungsplattform („MS Supermira“) fürs Jahr 2007 geplant. Dort soll dann auch noch ein „schwebender“ Golfplatz über dem Wasser entstehen, rundherum sollen Hausboote zum Leben und Arbeiten auf dem Donaukanal schaukeln.

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Juli 2005 © FALTER
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