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| Der nackte König |
| FUSSBALL Er grüßt nicht mehr, ist nur noch angefressen. Er ist nicht mehr der, der er einmal war. Ein Match mit Hannes Kartnig, dem leidenden Präsidenten des FC Sturm Graz. MARTIN G. WANKO |
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| Ein korpulenter Mann um die fünfzig stürmt ins Operncafe, das nachmittägliche Zentrum der bessersituierten Stadtmenschen. Zwei Passanten beobachten den Vorgang. Sie schauen genau. Mauschelnd setzen die Flaneure ihren Weg fort. Es ist eben nicht irgendwer, der das Operncafé betritt. Hannes Kartnig ist der König des Fußballs, des steirischen Fußballs, zumindest der von Sturm Graz. Das Operncafé ist eine der königlichen Inseln in der Stadt. Gerne trifft er sich dort mit Kickern, Beratern und Gleichgesinnten auf einen Lacher. Der König ist Blickfang der Besucher. Er hängt seinen Mantel auf den Haken, von der Bar winkt einer, grüßt ein anderer. Der König ignoriert sie. Nicht aus Bösartigkeit, sein Kopf ist angefüllt mit schwarz-weißen Wirklichkeiten. Die 4:0-Schlappe gegen den Stadtrivalen GAK liegt ihm im Magen, sowie noch vieles. Jeder Magen ist einmal randvoll. Die zwei Herrschaften, die er angelehnt lässt, werden ihren Eindruck verbreiten. Der Kartnig grüßt nicht mehr, ist nur noch angefressen, ist nicht mehr der, der er einmal war. Der König bestellt eine Schokotorte und ein Mineral, scherzt verhalten bis leise. Sehr untypisch. Wankt der König? Wir haben vereinbart, uns am Freitag für das Spiel am darauffolgenden Tag gegen Austria Wien zu verabreden. Der König soll nur drei bis vier Stunden schlafen. Ich rufe ihn an, Punkt acht Uhr morgens. Keine Reaktion, nichts, ich komme auf die Mobilbox. Tschinellen und Beats, welche vermutlich Dynamik signalisieren sollen. Nun die Stimme des Königs, des Löwen. Hier spricht Hannes Kartnig, wenn Sie ... Ich lege auf. Zwei Minuten später klingelt mein Handy. Mein Display zeigt Kartnig II. Sein Zweithandy, mit dem er seine Rückrufe tätigt. Ich hebe ab. Nichts. Ich helfe ein bisschen nach. Hannes, hier Wanko, guten Morgen. Er unterbricht mich. Ruf mich um neun an, ich schlaf noch. Er legt auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich bin erschrocken, die Stimme klingt gezeichnet. So wie die eines Menschen, der sehr lange über sehr viel nachdenken muss, in die blaue Stunde hinein, in der nur zwei Dinge existieren. Der König und sein Heer. Der Präsident und seine Mannschaft. Punkt neun. Ich greife zum Handy. Der König hebt ab. Kartnig telefoniert auf zwei Telefonen gleichzeitig. Ich höre, wie er das andere mit dem Befehl Wart kurz! zur Seite legt. Ich frage ihn, wie es denn morgen ausschaut, ob er zum Spiel kommt. Ich bin am Weg nach Wien, keine Ahnung. Der Empfang ist mies, mehr Ausfälle als Wörter. Die Wortfetzen haben etwas von einem Elektroschocker. Der Präsident steht unter Energie. Die blaue Stunde ist gegessen, der Stimmungskater danach weggeduscht. Der König gibt Stoff und ich versteh kein Wort. Wie ich die A2 hasse! Warum kann man da nicht alle fünf Meter einen Handymasten aufpflanzen! Ich ruf dich später zurück, tschüss! Der einzige Satz, den ich verstanden habe. Ich schlürfe an einem Kaffee. Mittlerweile neigt sich der Tag zum Ende. Bis jetzt kein Rückruf des Königs. Das Ding droht zu entgleiten. Ich muss mehr wissen, sonst haben Kartnig und ich bald etwas gemeinsam. Ich kann nicht pennen, weil mir langsam aber sicher das Blech wegfliegt, er kann nicht pennen, weil seine Mannen verlernt haben zu kicken. Ich versuche mit ihm telepathisch in Verbindung zu treten. Ruf jetzt an! Nichts. In hellster Verzweiflung bestelle ich eine Sachertorte. Die gleiche Torte wie der Präsident. Nichts, mein Handy schweigt. Es ist sechs vorbei und ich rufe nochmals an. Wieder höre ich ohrenbetäubende Motorengeräusche. Wieder wünsche ich mir in jeder Sackgasse zwei Handymasten. Hallo, Hannes, hier Wanko. Kommst du morgen zum Spiel? Ja ich komm morgen zum Spiel, seine Antwort. Ruf im Sekretariat an, die sollen dir eine Karte geben. Erstmals fühle ich so etwas wie Erleichterung, ein Entlastungsangriff von Sturm Graz. Vielleicht geht es dem König auch so. Ich bedanke mich, das Ding kommt langsam ins Laufen. Entspannt rauche ich mir eine an. Der Präsident hat im Café keine seiner Zigarren geraucht, kommt mir in den Sinn. Eine halbe Zigarettenlänge später läutet mein Handy. Kartnig II! Schweißausbrüche, Herzflattern. Hat er vielleicht auf die Ausfahrt nach Graz geschissen und fährt weiter nach Italien, frei nach dem Motto der König darf alles und ich bin der König? Herr König, das können Sie mir nicht antun! Servus, Hannes, hier Wanko. Ach so. Jetzt hat sich dein voriger Anruf irgendwie auf mein anderes Handy umgeschalten. Na ja, dann sehen wir uns eh morgen, spricht er in tiefer, sehr freundlicher Stimme. Baff, den König länger als drei Sekunden am Handy zu haben, fällt mir nichts Faderes ein, als ihn zu fragen, ob er sich aufs morgige Spiel schon freue. Ja, ich werd nur eine Halbzeit dort sein, die erste Halbzeit. Nachher geh ich ins Opernhaus. Da ist die Premiere von Romeo und Julia. Ich bleib im Café sitzen, lasse meinen Gedanken freien Lauf. Der König leidet. Er verlässt die Arena nach einer Halbzeit. In der Oper tritt sein Schmerz zutage. Das passt gut ins Bild. Romeo und Julia wollen, dürfen aber nicht. Kartnigs Jungs dürfen, wollen aber nicht. Es geht um die Nichtvereinbarkeit von Schicksalen. Je mehr die zwei Verliebten auf der Bühne drängen, desto mehr Steine rollen sich in ihren Weg. Je mehr König Kartnig will, desto mehr Bälle rollen in sein Tor. In den Gazetten macht er sich schmal, in den kleinen Wortmeldungen hält er sich zurück. Mittlerweile passt er dorthin, wo er sich gerne sieht. Orte, wohin ihn keiner seiner Freunde begleitet, wo er mit sich alleine ist. In den Louvre, oder zu den Alten Meistern ins Kunsthistorische Museum. Tintorettos Gemälde lösen einen Schmerz aus. Kartnig ebenfalls. Samstag, ungefähr eine Stunde vor dem Spiel Sturm Graz – Austria Wien. Die Aussichten durch die Panoramascheiben im Vip-Portal sind nicht einladend. Das Wetter ist diesig und trüb. Bis jetzt haben sich außer einigen Austria-Fans noch keine im Stadion eingefunden. Im Vip-Bereich tummelt es sich schon langsam. Immerhin werden Köstlichkeiten kredenzt. Zwischen Lachs und Weißwürsten ist die Stimmung vorsichtig optimistisch, wie unter Freunden, die sich schon zu euphorischeren Ereignissen zusammengefunden haben. Ich schnappe ein kurzes Gespräch auf. Weißt, wie man aus acht Euro 800 macht?, fragt ein Haberer den anderen. Indem man auf einen Sturm-Graz -Sieg von 4:2 setzt. Beide lachen, der eine zückt zum Beweis eine Quittung. Das ist eine Quote 1:100 gegen Sturm Graz. Zur Erinnerung, vor rund sieben Jahren fegten die Schwarzweißen die Violetten mit 4:0 aus dem Arnold Schwarzenegger Stadion. So wurde man das erste Mal Meister und Kartnig weltberühmt in Österreich. Sein Gefolge ist schon da, doch vom König fehlt noch jede Spur. Ich zünde mir die fünfte Kippe in Folge an. Könige sind unberechenbar, sie sind niemandem Rechenschaft schuldig. Lässt der König einen Kampf in seiner Arena aus, wird er seine Gründe haben und damit basta! Hauptsache, er zahlt das Spektakel. Anpfiff und kein König in Sicht. Herr König, Sie können mich doch nicht einfach hängen lassen! Ich habe mich zwischen einen Pfosten und die Glaswand gezwängt. Mit einem Aug am Spielfeld, das andere fest auf den geheizten Vip-Bereich gerichtet. Der Thron ist verwaist. Goldener Bereich, zweite Reihe, Sitz Nummer acht. Der übersichtlichste Platz im Stadion. Die beste Aussicht, umzingelt von Gleichgesinnten, trotzdem am Rand der Stiege, also sprungbereit. Keiner traut sich, des Königs Stuhl anzutasten. Kommt der König nicht, bleibt der Stuhl verwaist. Die Spieler werden schon wissen, warum.Die Arena gleicht dem blanken Thron. 3700 Besucher sind nicht das, was man sich von einem Spiel gegen den Vizemeister aus Wien erwartet. Die Hardcore-Fans machen schon seit längerem ernst. Mit uns spielt er nicht. Der berühmt-berüchtigte Sektor 25 ist spärlich gefüllt, versprüht den Charme eines Landesligaanhangs. Keine Transparente, keine bengalischen Feuer. Der König nimmt’s schlussendlich gelassen. Wer heute pfeift, wird morgen applaudieren, wer heute seinen Sitz räumt, wird morgen wiederkommen – sofern die Leistung stimmt. Der König jubelt nicht, aber man beschäftigt sich auch so mit ihm. Hauptsache beschäftigen, also bleibt er König. Eine Minute nach dem Anpfiff huscht des Königs Antlitz erstmals durch den Innenraum. Zwei Minuten später sitzt er auf seinem Platz. Blicke treffen ihn. Schwer zu sagen, ob sie für oder gegen ihn sind. Ein Mittelmaß ist schwer denkbar. Auf alle Fälle sind sie auf ihn gerichtet. Ein seltener Blick ins Abseits vom Spielfeld, zu VP-Landesrat Hermann Schützenhöfer. Bist in der zweiten Halbzeit noch da? Des Königs Anfrage spiegelt den Spielverlauf. Der Austrianer Sigurd Rushfeldt schießt sich warm. Der König glotzt auf einen Durchschlag des Spielberichts. Was ist denn das für eine Truppe?!, fragt er in Anbetracht der Aufstellung seiner Söldner. Er blickt nach hinten, ruft nach einem Mineral. Ein Lakai springt auf, kaum eine Minute später hat er einen prickelnden Becher in der Hand. Kartnig trinkt keinen Alkohol. Auch in der Pause gießt er einen halben Liter Wasser runter. Sturm wacht auf. Ekrem Dag setzt sich in Szene. Nach 19 Minuten zollt der König seinen Kämpfern das erste mal Beifall. Zigarrenrauch macht sich breit. Wer dabei an den Präsidenten denkt, irrt. Davon bekomm’ ich zu viel Herzpumpern! Der König taut auf. Die Kälte scheint ihm unter seinem Schladminger nichts mehr anhaben zu können. So schlecht san die gar net!, sein spröder Kommentar. Immerhin hält Tormann Christian Gratzei den Kasten sauber, die Austria zeigt sich hinten anfällig. 38. Minute, der Jubel ist groß. Erstmals Fanfarenklänge. Bojan Filipovic netzt ein. Ein nur kurzer Jubel des Königs. Was verheißungsvoll beginnt, muss nicht verheißungsvoll enden. Lehren, die man aus einem Fußballdasein zieht. Aber immerhin: Der König erklärt sich bereit, seinen Gladiatoren auch in der zweiten Halbzeit auf die Beine zu schauen. Die Oper kann man nachholen, Onkel Frank schickt man nicht jeden Tag ohne Punkte nach Hause. Pausenpfiff. Der Vip-Raum im Vip-Raum. Hinter einem silbernen Vorhang hält sich der König sozusagen ein Kämmerchen im Kämmerchen. Für den Vorstand, die Sponsoren und sagen wir einmal für Freunde oder solche, die es noch immer sind. Könige sind einsame Menschen, gerade in der Krise. Das Oberhaupt macht unzählige Runden, stellt sich an die Fleischgerichte, rührt unentschlossen in den Saucen. Eine rechte Lust scheint er nicht zu bekommen, will schon ablassen. Auf die Bitte, für ein Foto mit der Kelle nochmals durch den Saft zu fahren, scheint ihn wohl doch die Lust zu packen. Er nimmt ein bisschen von allem auf seinen Teller. Kaum ein paar Happen gegessen, springt er schon wieder auf, zieht das Rollo zur Seite. Schon Ankick? Zweite Halbzeit. Wir schreiben die 65 Minute. Jürgen Säumel, einer der Jungen, fabriziert einen Fehlpass. Der Präsident fährt sich in die Haare, beruhigt sich aber zugleich wieder. Wir sind halt bei der Jugend., kommt ihm lapidar über die Lippen. In solchen Momenten sind seine Augen leer. Wo sind seine Gedanken, bei der alten Jugend? Schopp, Prilasnig, Haas. Namen, die noch heute einen Klang haben. Langsam macht sich so etwas wie Hoffnung breit. Die Austria so schwach wie selten, Ivica Vastic bleibt viel schuldig, von den Rängen gepfiffen wird gegen die einstige Sturm-Ikone nicht mehr. Im Volk, unter dem König regt sich etwas. Das gefällt ihm nicht. Seine Jungen muss man in Ruhe lassen, gerade heute. Da darf man nichts schimpfen, die spielen ja brav!, ruft der König ein Machtwort. Was machen wir, wenn wir drei Punkte haben?, will ein Getreuer wissen. Gar nichts!, peitscht es seine Wörter durch die Luft. Der Silberstreifen am Horizont ist noch kein Gelage wert. Trotzdem bemerkenswert: Ein Mann, der vor einigen Jahren sehr gerne Journalisten zu seiner Hausbank in einem Grazer Außenbezirk fuhr, um ihnen den Kontostand des Vereins in dreistelliger Millionenhöhe zu zeigen, hat null Bock, auf den überraschenden Sieg seiner Mannen anzustoßen. Der König ordert ein zweites Mineral. Sionko zirkelt einen Freistoß in den Strafraum der Heimmannschaft. Bist du narrisch! Hast des gsehn!, kommentiert er, sichtlich angetan. Es hat sich anscheinend auszahlt, die Oper sausen zu lassen. Der König steht auf. Gratzei im Sturmtor ist hektisch. Ruhig bleiben, Goalmann! Es reicht, wenn dem König der Reis geht. Sein Blick wird heller, wacher. Endlich keine falschen Stimmen mehr im Ohr, endlich seine Mannschaft, wie er sie kennt und liebt. In der Offensive frech, als hätte man nichts zu verlieren – wie wahr. Wieder eine Krachen von Rushdeldt, der Grazer Tormann pariert, der König kommentiert: Ja bist du deppat! Er springt auf. Seine Augen sind nun wach. Hingen ihm die Lider in der ersten Hälfte gar wild ins Gesicht, stechen plötzlich seine Augen hervor. Jetzt will er es genau wissen. Wenn da noch was anbrennt, dann ... Schlusspfiff. Der König springt vom Thron auf, zollt Beifall. Er jubelt, er klatscht. Es ist etwas vom Glanz der frühen Tage erhalten geblieben. Wenigstens können seine Jungs noch gewinnen. Die Fans verlassen zufrieden ihre Plätze. Einer kommt und gratuliert. Der König klopft ihm mit seiner Pranke auf die Schulter, ohne sich um ihn zu kümmern. Sein Dankeswort gilt der Mannschaft. Er geht nach vor, an den Zaun, klatscht seinen Spielern zu, springt über die Absperrung, geht mit gemächlichem Schritt Richtung Mittelauflage. Er ist alleine, vielleicht auch einsam. Sein glatt anliegendes Haar spiegelt sich im Flutlicht. Die Luftigkeit von früher ist verschwunden. Ernsthaftigkeit auch nach dem Sieg, als ob der König nackt wäre. Der Tag danach. Ich rufe den König an. Hätte ihm gerne zum Sieg gratuliert. Einige, viele müssen noch folgen, will man die Saison halbwegs ohne Blessuren abschließen. Ich hätte ihn gerne noch ein Stündchen bei der Arbeit belauscht, ihn beobachtet, wie er durch die Villa Kartnig stolziert. Sein Katzenhai soll ja verendet sein. Goldfische wird er sich keine halten. Denen gilt ein schales liab, mit leeren Augen. Ich tippe eher auf Piranhas. Ein Rudel Piranhas, das wäre was für den König. Einmal will er noch Meister werden. Zurzeit dümpeln bei Sturm Graz noch einige Goldfische. Will der König vor sich bestehen, befindet er sich unter Zugzwang. Freche Beißer stünden dem Verein gut an. |
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| nach oben März 2005 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |