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„Was habe ich gesagt?“
LITERATUR Die Grazer Autorin Olga Flor über ihren neuen Roman „Talschluss“, das zunehmende Abrutschen der Gesellschaft, die Fetischisierung des Essens, den Schönheitswahn der Männer und das weltfremde Frauenbild der ÖVP. WERNER SCHANDOR

Falter 13   Originaltext aus Falter 13/05 vom 30.03.2005

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Die Lüge unter der Oberfläche des Seins ist ein zentrales Thema der österreichischen Nachkriegsliteratur. Der inhaltliche Schwerpunkt hat sich in den letzten Jahren der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend auch in der Literatur verschoben – weg von Massenmord und Naziwahn, hin zum Wohlstandsirresein. Literatur enthüllt dabei eine Form der Wirklichkeit, die vom täglichen Medientsunami einfach weggespült wird. Man kann diese Wirklichkeit in einem Land, in dem der Begriff Verdrängung eine so große Rolle spielt, Psyche nennen. Die Autorin Olga Flor weitet in ihren Texten den Riss, der sich in der Psyche auftut, zu einem Spalt aus, und sie wendet dabei von Text zu Text immer zugänglichere literarische Mittel an. Ihr Romandebüt „Erlkönig“ ist 2002 bei der Steirischen Verlagsgesellschaft erschienen. Die folgenden kurzen Texte „Fleischgerichte“ und „Wiederkehr“ öffneten Olga Flor das Tor zu einem breiteren Publikum. Nach der Lektüre der „Fleischgerichte“ in der Wagenbach-Anthologie „Zum Glück gibt’s Österreich“ lud Bachmann-Jurorin Daniela Strigl die Autorin zu den „Tagen der deutschsprachigen Literatur 2003“ vulgo Bachmannpreis ein. Dort konnte sich Flor beim Wettlesen tapfer halten. Sie wurde in Klagenfurt zwar hochgelobt, ging aber leer aus; quasi als Trostpflaster erhielt sie wenig später jedoch den Wiener Reinhard-Priessnitz-Preis.
  Ende Februar ist „Talschluss“, Flors zweiter Roman, bei Zsolnay erschienen (Rezension im Falter 13/2005). Die mitunter rigide Systematik ihrer früheren Texte ist in den Hintergrund getreten und wird von gesellschaftskritischen Motiven auf metaphorischer Ebene überlagert, was den Lesern den Zugang zum Text erleichtert.

Falter: Wie kamen Sie auf die Idee, eine fürs Wochenende gemietete, speziell präparierte Almhütte als Schauplatz Ihres Romans zu wählen, der von einer Familienzusammenkunft vor dem Hintergrund einer ausbrechenden Seuche erzählt?

Olga Flor: Mir ist einmal auf einem Dorfplatz die Idee gekommen, mitten im Dorf – da war’s noch nicht die Almhütte – eine Gesellschaft zu haben, die an einer Tafel sitzt und mit dem Dorf überhaupt nichts zu tun hat. So ähnlich wie Leute, die Seminare machen und sich in eine möglichst natürliche Umgebung versetzen wollen, in dem Glauben, das würde ihnen zu einer tieferen Einsicht in sich selbst oder in ihre Beziehungen zueinander verhelfen. Das ist sehr beliebt. Das machen Firmen, das machen Leute im Rahmen von Ausbildungen, dass sie sich in die freie Natur versetzen, aber möglichst mit der gesamten städtischen Infrastruktur. Und daraus ergibt sich eine völlig künstliche Natürlichkeit. Das weist Parallelen zum Decamerone auf, wo Florentiner Adelige aufs Land gehen, um der Pest zu entkommen, und sich nach strengem Muster Geschichten erzählen, während in Florenz die Leute wie die Fliegen sterben. Diese Konstruktion stand mir bei „Talschluss“ vor Augen, das Spiel mit der geschlossenen Gesellschaft, wo immer mehr abfallen, und vor allem auch mit dem Festcharakter, wo aber rundherum immer mehr ins Rutschen gerät. Ich denke, es liegt einfach in der menschlichen Natur, dass man sich vormacht, es ist eh alles in Ordnung, solange die Verhältnisse der Dinge zueinander noch einigermaßen so sind, wie man es gewohnt ist.

„Talschluss“ ist weniger streng konstruiert als Ihre früheren Texte. Sind Sie beim Schreiben lockerer geworden?

Es klingt vielleicht komisch, weil der Roman formal weniger streng angelegt ist als die bisherigen Texte, aber für mich war es ein formales Experiment, mit der Einheit von Zeit, Raum und Handlung dem klassischen Dramenmodell zu folgen. Eine Grundkonstruktion ist schon noch da: zum Beispiel im titelgebenden Talschluss, wo sich alle im Kreis drehen – eine Sackgassensituation. Aber während des Schreibens hat die Ich-Figur einen sehr autonomen Charakter entwickelt. Das Motiv der Bewusstseinsspaltung kommt ins Spiel, das auch ein Grundmotiv des Textes ist. Die Ich-Erzählerin fängt an, mit sich selbst zu reden. Sie spricht sich als „du“ an und beginnt, zwei Ebenen in sich zu entwickeln und hat dieses sehr stark kontrollierende Element in sich. Unter der Kontrollebene beginnt sie allerdings langsam abzudriften. Dieses kontrollierende Element ist wie eine feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime des Funktionierens und des Funktionierenwollens. Übrig bleibt die optimierte Struktur. Es ist ein Spiel mit dem Motiv des Selbstverlustes.

Wie kommt es, dass das Essen in Ihren Texten einen so zentralen Stellenwert einnimmt?

Ich denke, das Essen wird zurzeit stark fetischisiert. Es ist ein enormes Statussymbol geworden: Wie man isst, wo man isst, unter Zuhilfenahme welcher Grundmaterialien man das Essen zubereitet. Da braucht man nur Kochberichte in diversen großen Zeitungen lesen. Nachdem ich gerne esse, aber weniger gerne koche, habe ich relativ viel von diesen Sachen gelesen, und ich finde es interessant, wie die Leute, die übers Essen schreiben, eine Philosophie daraus machen und sich selbst zu besseren Menschen stilisieren, weil sie es eben verstehen, das Richtige zu essen. Das ist völlig abgehoben und unrealistisch, wenn man es am Alltag misst, wo man – insbesondere in meiner Situation mit Kindern und Familie – froh ist, wenn man das Essen irgendwie zusammenschustert. Das Widersprüchliche am Essen als Statussymbol ist, dass man zwar immer wissen soll, wo man möglichst gut essen kann und wie man am besten hinkommt und wie man vor allem das Geld heranschafft, um sich dieses Essen leisten zu können. Andererseits muss man schauen, dass es sich körperlich nicht niederschlägt. Das ist ein Widerspruch sondergleichen. Das Resultat ist Anorexie oder Bulimie – auch ein Verhalten, das meines Erachtens der Zeit sehr entspricht.

Neben dem Motiv des Essens findet sich das Scheinhafte der klassischen Familienkonstellation durchgängig als Thema in Ihren Texten. Vor einem Jahr haben Sie einen VP-nahen Frauenkunstpreis mit dem Hinweis unter anderem auf die verfehlte Familienpolitik der Regierung abgelehnt. Was haben Sie gegen das Familienidyll, wie es die Volkspartei propagiert?

Na ja, das ist ein Festhalten an einem Bild, das längst überholt ist: Vater bringt Kohle nach Hause, Mutter versorgt die Kinder. Punkt. Letztlich läuft diese Politik auf ein Familienmodell hinaus, das davon ausgeht, dass Kinder dann bekommen werden, wenn die Frauen zu Hause bleiben und für die Kinder sorgen. Die Realität spricht eine andere Sprache. Die Geburtenrate sinkt und sinkt, aber die Regierung versucht es mit mehr desselben. Daraus spricht einfach eine gewisse Weltfremdheit. Das führt dazu, dass berufstätige Frauen mit Kindern in einen Spagat gezwungen werden, bei dem es sie oft zerreißt, weil Männer selten an der Kindererziehung in dem Maß wie die Frauen beteiligt sind. Und durch die Überforderung kommt es eher zu weniger Kindern als zu mehr, wie es das erklärte Ziel der Regierung ist. Einmal ganz abgesehen davon, dass da ungemein viel geistiges und kreatives Potenzial verschütt geht und die Frauen in massive finanzielle Abhängigkeit und Gefahr der Altersarmut schlittern. Aber trotzdem sieht die Politik nicht, dass sie hier in eine Sackgasse gerät. Wenn man eine Gesellschaft familienfreundlicher machen will, muss man ganz andere Maßnahmen ergreifen: mehr Kinderbetreuung und wesentlich mehr Beteiligung der Männer. Da sage ich nur: siehe skandinavische Länder – und will gar nicht näher ins Detail gehen.

In „Talschluss“ wiederholt sich ein Motiv aus der Kurzgeschichte „Fleischgerichte“, nämlich das der Frau als Verkörperung des Verfalls und des Todes. Woher kommt dieses Motiv?

Ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, die den körperlichen Verfall mit allen Mitteln bekämpft. Jeder will den Körper eines jungen Erwachsenen haben, weil man besser damit spielen kann. Das ist als Druck spürbar, und dieser Druck ist auf Frauen sicher größer als auf Männer. Auch Männer sind mittlerweile schon diesem Druck ausgesetzt, dass sie ihren Körper nicht ausufern lassen dürfen, sie gehen ins Fitnessstudio und trainieren usw. usf. Aber bei Männern – insbesondere einflussreichen Männer ist es nach wie vor häufig, dass sie sich ungleich jüngere Freundinnen suchen. Daraus resultiert die weibliche Vorstellung, nicht altern zu dürfen. Außerdem führt die Frau in den „Fleischgerichten“ dem Mann den eigenen Verfall vor Augen, und an den will er nicht erinnert werden.

Sie legen Ihrer Ich-Erzählerin in „Talschluss“ einen Satz in den Mund, dessen Sarkasmus sie vermutlich selbst nicht begreift: „Die feindliche Übernahme des Geistes durch die Maxime der Verwertbarkeit hinterlässt eine Leere, in die wir vorstoßen können.“ – Breitet sich die geistige Leere um uns aus?

Die Ich-Erzählerin Katharina ist Eventmanagerin. Als ich von diesem Beruf das erste Mal hörte, hat mir das gefallen, weil das etwas auf die Spitze treibt. Im Buch muss Katharina alle ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten perfekt beherrschen, damit die Leute sich wohl fühlen. Die Perfektion ihrer eigenen Erscheinung gehört auch zum Geschäft, und das ergibt einen gewaltigen Druck. Während die Lebensberaterin Grete den Leuten Anteilnahme verkauft, verkauft Katharina den Leuten das Ambiente. Die beiden sorgen also in gewisser Weise für das menschliche Antlitz des wirtschaftlichen Systems. Das ist ja auch ein interessanter Punkt, dass Firmen ihren Angestellten Lebenshilfeseminare bezahlen. Warum? – Weil sie meinen, dass das die Arbeitskraft länger erhält. Das ist ein Outsourcing der menschlichen Anteilnahme, die bereits eine wirtschaftliche Sparte darstellt und stark systemerhaltende Funktion übernimmt. Diese „Fühl dich stark, glaub an dich, dann kannst du alles“-Seminare haben bis vor kurzem einen Boom erlebt. Da habe ich mir einiges an Berichten darüber angehört. Die Rhetorik dieser Seminaranbieter und die Rezepte, die sie verkaufen – Selbstbewusstsein und positives Denken –, sind immer sehr ähnlich. Aber letztlich laufen sie auf „Wir machen Gewinn“ hinaus, frei nach L. Ron Hubbard.

Der Wirtschaftsjargon sickert auch ins Reden und Denken Ihrer Figuren ein. Zitat: „... die Forderung nach effizientem Krisenmanagement liegt ihr auf der Zunge.“ – Beobachten Sie, dass dieser Jargon das Denken infiltriert?

Absolut. Und darum geht’s in meinem Buch ganz zentral. Aber das erlebe ich selbst an mir: Man verwendet plötzlich Begriffe, bei denen man sich denkt: Was habe ich da eigentlich gesagt? – Das passiert mir selbst. Ich bin weit davon entfernt, über diesen Dingen zu stehen. Aber nur, wenn man merkt, dass man selbst schon Gefahr läuft, seine Sprache verzerren zu lassen, ist man sensibilisiert und hat einen in der Tat sehr triftigen Grund, sich damit zu beschäftigen.


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März 2005 © FALTER
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