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| FACHHOCHSCHULE Mehr als 2000 Studierende studieren an der Fachhochschule in Eggenberg – von einem vitalen Studentenleben ist am Campus trotzdem nichts zu spüren. Wann wird der Westen endlich wild? INGRID BRODNIG |
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| Es ist kurz vor eins und ein paar Studenten sitzen in der ersten Frühlingssonne. Sie trinken Kaffee und tratschen. Doch so wirklich Zeit zum Parlieren haben die Studiosi nicht. Schon nach kurzer Zeit müssen sie wieder in die Vorlesung. Es kommt fast nicht vor, dass du mit Leuten zusammensitzt und auf die Vorlesung verzichtest, erklärt Jasmin Hasler, Studentin der Sozialarbeit an der Fachhochschule Joanneum. Vom Uni-Viertel, wo sie wohnt, braucht man eine halbe Stunde dorthin. Wer die Linie 7 in Richtung Wetzelsdorf nimmt, sieht einen Querschnitt der Stadt: Vom bürgerlichen Leonhard durchstreift die Tram geschäftige Gegenden wie Jakomini, um schließlich hinter dem Bahnhof im Bezirk Eggenberg zu landen. Der Stadtteil gehört zwar noch zu Graz – er hat aber doch sein Eigenleben: eine Gemeinde in der Gemeinde, ein kleines Biotop am Rande der Stadt, allerdings mit immer mehr Beton als Grünland. Geprägt wurde der Bezirk einst von Industriebetrieben wie Simmering-Graz-Pauker. Die Gegend mit dem klingenden Namen Graz-West soll für die Stadt Graz ein Raum für Zukunft sein. 1997 wurde hier die Fachhochschule angesiedelt, die seit Jahren wächst und derzeit für 2100 Studierende den Lebensmittelpunkt darstellt. Doch ein schickes junges Viertel rundherum ist hier noch nicht entstanden. Warum? Niemand fühlt sich dafür verantwortlich. Der FH-Student ist nicht wie der typische Student an der Uni, meint etwa Mensabetreiberin Birgit Sommer. Es ist Nachmittag und ihr Betrieb wirkt verlassen, da die Studierenden in Vorlesungen sitzen. Das System der Fachhochschulen gibt klare Bahnen vor und verspricht Sicherheit: Jeder weiß, wann er fertig ist, und hofft auf praxisbezogene Ausbildung. Der Preis dafür: studentische Freiheiten. Ob sie wollen oder nicht – die meisten Studenten müssen schon zwischen acht und halb neun morgens in Kursen pauken. Zu Mittag ist gerade einmal Zeit, um in die Mensa zu gehen. Am späten Nachmittag geht es wieder gen Osten – manche bleiben länger, um an Projekten zu arbeiten oder weil sie hier leben. Aufgrund der Anwesenheitspflicht wird die Fachhochschule eher als Arbeitsort empfunden. Fachhochschüler sagen nicht: Ich gehe auf die Uni. Da heißt es ich bin auf der FH oder ich muss in die Schule. Fühlt man sich dann überhaupt als Student? Nicht so richtig, meint Lisa Gotthard, die Informationsdesign studiert. Für ein richtiges Studentenleben fehle die Freiheit, die doch auch zum universitären Alltag gehört. Wenn man als junger Mensch täglich zwischen sieben und acht aufstehen muss, mache auch das Fortgehen weniger Spaß: Ich versuche, zwischen elf und zwölf schlafen zu gehen, meint Lisa. Auch wenn sie in ihrem Studium sehr glücklich ist – wer dauernd mit denselben Leuten in denselben Räumen sitzt, verspürt mitunter ein Gefühl der Enge. Manchmal denkt man schon: ,Na, ich halt das nimmer aus, ich muss in die Stadt‘, erzählt Lisa. Harald Maurer, Leiter des Facility Management, ist für die räumliche Einteilung der FH zuständig. Er kennt die Umgebung gut: Am Abend ist hier tote Hose, sagt er. Das sieht auch die Gruppe Studierender so, die noch nach der Vorlesung im Freien steht und raucht. Es ist nach acht und die Lokale – das Piazza, die Filiale der Bäckerei Sorger oder die Mensa – haben zu. Ob man auf ein Getränk gehen soll? Klar, nur wo? Was ich weiß, gibt es da eigentlich gar nichts, meint Lisa. Sie studiert im sechsten Semester – einen Bezug zum Bezirk hat sie noch nicht entwickelt. Vielen Fachhochschülern geht es ähnlich: Lisa wohnt in der Innenstadt und sieht bei ihrer Wohnungskollegin, wie ein Studentenleben noch aussehen kann. Vor ihrem Studium nahm sie Eggenberg bestenfalls bei der Durchfahrt wahr: Ich habe nur das Schloss und das Bad gekannt. Wer durch die Glaswand ins Freie sieht, erblickt die zahlreichen Autos sowie die vorbeifahrende Straßenbahn – die Nabelschnur zum Stadtleben. Verkehr gibt es zwar auch bei der Uni, dort bietet aber eine lebhafte Kultur der Freiräume und Grünflächen genügend Möglichkeit zum Abschalten – hier scheppert der 7,5-Tonner vorbei. Wenn es ein nettes Café mit einem netten Gastgarten gäbe, würde ich schon dableiben, überlegt Lisa. Von den Studenten allein könnt ich net leben, meint Herr Pucher. Auf den ersten Blick mutet sein Café auch nicht wie ein typischer studentischer Treffpunkt an: Es ist ein ordentlich geführtes, bodenständiges Kaffeehaus, das auch alteingesessene Eggenberger wegen der Mehlspeisen gern besuchen. Jetzt sitzt das Ehepaar Pascher hier, das seit 1951 im Westen der Stadt lebt. Die 76-jährige Frau fühlt sich in ihrem Viertel wohl und über junges Publikum freut sie sich: Es ist schon belebter – so soll’s ja auch sein! Nicht jeder Gast hat dieselben Assoziationen. Herr und Frau Haring stehen bei der Dart-Scheibe und sagen: Wir haben keine Parkplätze mehr, weil die Schüler alles verparken. Persönlich haben sie aber kein Problem mit den Studenten: Störfaktor sind’s sonst keiner. Für das Paar hat sich der Bezirk zum Nachteil verändert – es ist nichts mehr grün. Dabei hat die Stadt Graz in den letzten Jahren ihrem Westen sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt. Dass die Grünflächen fehlen, weiß auch Alexander Ferstl. Er koordiniert für die Stadt das EU-Projekt Graz Urban II, das noch bis 2007 läuft. Von der Unterführung beim Reininghaus, die den Verkehr in der Alten Poststraße entlasten soll, bis zur Verlängerung des Fahrradwegs hin zum Campus: In Eggenberg wird an der Infrastruktur gefeilt. Die Fachhochschule ist ein wichtiger Impuls für die Stadtteilentwicklung, meint Ferstl. Nicht zuletzt da für ihn Bildung eng mit Wirtschaft verbunden ist. Das moderne Campusgebäude ist der jüngste Stolz der Lokalpolitik. Wer in der Eggenberger Allee vorbeischlendert, kann von außen in das große Gebäude mit den durchgehenden Fensterflächen blicken und vielleicht auch Studenten erspähen. Allerdings nur bis 2006 – denn dann wird der Campus in die zweite Reihe versetzt. Denn vor ihm – in Richtung Eggenberger Allee – werden die sogenannten Campus Towers errichtet: keine Türme, sondern richtige Häuser – kleiner als das Hauptgebäude, aber nur ein Stockwerk tiefer. Sie werden nur noch wenig Sicht darauf zulassen. Wir sind nur bedingt glücklich, sagt Harald Maurer vom Facility Management. Die Bildungseinrichtung kann aber nur bedingt mitreden – Eigentümer des Campusgeländes, samt FH-Haupthaus und Campus Towers, ist die GBG, die Grazer Bau- und Grünlandsicherungs-GmbH. Ginge es nach Maurer, sollte in die Campus Towers auch irgendetwas, das die Studenten brauchen. Zum Beispiel ein Libro. Und wenn ein Lokal hinkäme? Das wäre auch schön. Eigentümer GBG sieht das ganz anders – sie will Bildungseinrichtungen wie das BFI in die zwei geplanten Bauten führen und würde bei Bedarf der Fachhochschule noch Platz einräumen. Jasmin vom Lehrgang für Sozialmanagement ist ziemlich überrascht. Dass die zwei Grünflächen verbaut werden sollen, hörten die Studenten noch nicht. Es gibt hier keine Freiräume wie auf der Uni, klagt sie. Etwas, das auch Harald Maurer stört. Er betrachtet den Plan des Fachhochschulgeländes. Der große orange Fleck ist der Campus. Der Facility Manager deutet auf die Fläche hinter dem Gebäude. Wir hätten gern mehr grün gehabt oder einen Volleyballplatz, erzählt er. Stattdessen gibt es dort nur eine glatte Betonfläche, die sich der Architekt wünschte. Nur ein paar Tische stehen im Freien, sie gehören zur Mensa. Hier dürfen allerdings keine mitgebrachten Speisen verzehrt werden. Ein paar Studentinnen sitzen am Betongeländer – vor ihnen eine grüne Fläche, die nicht mehr zur Fachhochschule gehört. Verlassene Bahngleise erinnern an frühere Industrietage. Es ist allerdings auch der erste Frühling am Campus: Ich bin gespannt, wie das so wird, meint Jasmin. Von Studienkollegen kamen schon öfters Vorschläge, wie man die Gegend bunter oder lebendiger machen könnte – die Sozialarbeitstudierende hat ein konkretes Projekt in eine Lehrveranstaltung eingebracht: Ihre Gruppe plant ein Permanent Breakfast am Campus. Bei den Frühstücken im öffentlichen Raum sind auch Passanten eingeladen. Jeder kann etwas mitbringen und beitragen – und dann wird geteilt. Diesmal wollen wir es echt groß aufziehen. Grundnahrungsmittel wie Kaffee und Brot erhoffen sie sich durch Sponsoring. Der Hintergedanke der Studenten: die einzelnen Studiengänge zu verbinden und mit anderen als den Klassenkollegen Kontakte zu knüpfen. Heute gibt es an der FH Joanneum 16 Studiengänge. Im kommenden Herbst soll die Richtung Bank- und Versicherungsmanagement folgen. Geht es nach den Planungen der Fachhochschule, studieren hier in zwei Jahren 3000 Menschen – dann sind die räumlichen Kapazitäten gänzlich ausgeschöpft. 2006 wird gleich daneben das erste Studentenheim im Bezirk fertiggestellt – ab dem Wintersemester bietet es Platz für rund 250 Studenten. Und sollten die medizinisch-technischen Ausbildungen in Graz zu Fachhochschulstudien werden, würden gar 3500 Personen am Campus studieren. Spätestens dann wird sich die Frage ernsthaft stellen, wann es das wirkliche Frühlingserwachen des FH-Viertels gibt. Aber vielleicht gibt es dann ja schon Cafés und Lokale, die sich nachmittags und abends nicht leeren. Und wo man sitzen bleibt – trotz Anwesenheitspflicht. |
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| nach oben April 2005 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |