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Gitler kaput!
KRIEGSENDE Mit dem Projekt „Front:Wechsel“ erinnern die Künstler Wolfgang Rahs und Gosa Ostrecov in Vorau an die letzten Kriegstage an der sowjetisch-deutschen Front in der Oststeiermark. HERWIG HÖLLER

Falter 16   Originaltext aus Falter 16/05 vom 20.04.2005

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Am Anfang waren Akten, die Kuratorin Hermine Prügger bei Recherchen im Staatlichen Moskauer Kriegsarchiv (RGVA) entdeckte: detaillierte Kriegskarten der Oststeiermark, umfangreiche Rapporte über Frontverläufe, Vormärsche, aber auch militärische Rückschläge sowjetischer Truppen im steirischen Wechselgebiet und Joglland, einer Gegend, die zu den blutigsten Kriegsschauplätzen der letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs in Österreich zählte. Nach langer Vorbereitung entstand mit „Front:Wechsel“ – abseits großer Kulturinstitutionen und getragen von einem eher untersubventionierten Enthusiasmus – eine komplexe Ausstellung mit zeitgeschichtlichen Elementen. Dieses im Jahr 2005 offensichtlich einzige umfangreichere Projekt zur steirisch-sowjetischen Konfrontation des Frühjahrs 1945 wird nun dieser Tage im Stift Vorau präsentiert – an einem einschlägig belasteten Ort. Denn das Stift selbst – 1940 von den Nazis enteignet und zu einer „Nationalpolitischen Erziehungsanstalt“ (Napola) umfunktioniert – war in den letzten Kriegstagen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und nach massiven Angriffen sowjetischer Kampfflugzeuge zu einem Gutteil abgebrannt. Ausgehend von diesen Frontereignissen entwickelten der gebürtige Vorauer Künstler Wolfgang Rahs und sein Moskauer Kollege Gosa Ostrecov eine beeindruckende Anzahl künstlerischer Arbeiten, die sich auch mit sehr unterschiedlichen Erinnerungen an jene gemeinsame Geschichte beschäftigen.
  Denn während im österreichischen „Jubiläumsjahr“ derzeit vor allem der Neubeginn nach 45 thematisiert wird, betont man in Russland auch 2005 den Sieg der Roten Armee über Nazideutschland, aber auch Opferzahlen in astronomischer Höhe auf sowjetischer Seite. So bereitet sich das offizielle Russland Putins mit besonderer Anstrengung auf die in diesem Jahr noch größer angelegten Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ (9.5.) vor, berichten wichtige Radiosender wie Echo Moskvy oder Majak in ihren Hauptnachrichtenjournalen beständig über den Frontverlauf im „Großen Vaterländischen Krieg“.
  Anders in Österreich. Offensichtlich sei er Opfer eines vernebelnden Umgangs mit der Zeitgeschichte geworden, erzählt der Künstler Wolfgang Rahs, Jahrgang 1952 und Sohn eines Napola-Schülers. Denn vor der Beschäftigung im Zuge von „Front:Wechsel“ sei ihm keinesfalls bewusst gewesen, was sich im Laufe der letzten Kriegswochen in seinem Heimatdorf alles so zugetragen habe. Rahs, der sich in seinen künstlerischen Arbeiten unter anderem mit bisweilen abstrakt wirkenden Abformungen beschäftigt, hat sich für die Ausstellung auf „Narbensuche“ begeben, etwa im Gebälk des Stiftes Gipsabdrücke von Spuren des großen Brandes von 1945 hergestellt. Gleichzeitig fertigte er in Originalgröße und à la „La linea“ die Metallsilhouette eines sowjetischen T-34-Panzers, die als temporäres Denkmal in der Nähe des Stifts aufgestellt wird.

Während man Rahs’ Zugang durchaus im Kontext einer österreichischen Nachkriegsmoderne sehen kann, der das Gegenständliche eher suspekt war, bedient sich der Russe Gosa Ostrecov einer realistisch geprägten sowjetischen Helden- und Antihelden-Ikonografie, die er comicartig bearbeitet. In der Ausstellung zu sehen: teils großformatige Gemälde mit Darstellungen von Krieg und dem Untergang des Dritten Reichs. Andererseits hat Ostrecov, der in den Neunzigern im Modebereich etwa für Castelbajac in Paris gearbeitet hat, eine große Anzahl an Hemden bemalt, die im Rahmen der Austellungseröffnung von Vorau in einer Modeschau vorgeführt werden sollen. Neben logoartigen Motiven wie abgeschossenen Kampfflugzeugen oder brennenden Panzern des Gegners zeigen die Hemden aber auch an Ikonen erinnernde Darstellungen von kindlichen antifaschistischen Helden. Ganze Generationen sowjetischer Kinder seien, so Ostrecov, mit Geschichten über minderjährige Helden und Pioniere wie Musja Pinkenzon oder Lusja Gerasimenko aufgewachsen, die im sowjetischen Abwehrkampf gegen die Nazis zu Tode gekommen wären. Er selbst habe sich als Kind gar nicht vorstellen können, dass es abgesehen von deutschen Faschisten Feinde geben könnte. Als ihm seine Mutter einst über den Angriff Napoleons auf Russland vorgelesen habe, hätte er immer gefragt, wo denn die Deutschen in dieser Geschichte vorkämen.
  Russen werden allenfalls in den präsentierten Videointerviews erwähnt, die von der Grazer Historikerin Gertrud Kerschbaumer mit Vorauer Zeitzeugen über ihre subjektiven Erinnerungen an die letzten Kriegstage geführt wurden. Auch zeigt die Ausstellung die Videodokumentation einer Performance der beiden Künstler: Unter Verwendung einer realen Kriegskarte, die eher frei improvisiert interpretiert wurde, spielten die beiden erwachsenen Männer Krieg, schritten pseudouniformiert reale Kriegsschauplätze ab, persiflierten Kampfhandlungen, spielten „Russen“ gegen „Deutsche“. So heißen in Russland übrigens die Gruppen in jenem Kinderspiel, bei dem in Österreich üblicherweise die „Gendarmen“ die „Räuber“ fangen sollen. In der russischen Variante werden auch Vokabeln wie „Chende choch“ oder „Gitler kaput“ verwendet. Andererseits sei „Deitscher“, so Rahs, in seiner Kindheit ein Ausdruck großer Bewunderung gewesen, während „Marktrusse“ – ein Russe aus der Marktgemeinde Vorau – als eines der schlimmsten Schimpfwörter gegolten habe. Die Zeiten haben sich geändert: Der Künstler und Russe Ostrecov nahm von alledem nichts mehr wahr. Im Gegenteil, er sei in Vorau sehr freundlich aufgenommen worden.

„Front:Wechsel“. Stift Vorau, 8250 Vorau. Eröffnung: 22.4., 19.30 Uhr. Ausstellungsdauer bis zum 8.5., Fr 14–17 Uhr, Sa, So, 9–17 Uhr und nach Voranmeldung.

CHRONOLOGIE
Frontwechsel


Das regionale Zentrum Vorau (Oststeiermark) war einer der Fokuspunkte der letzten Kriegshandlungen 1945.

4.4.1945
Sowjetische Truppen in der Nähe von Vorau.
7.4.1945
Wehrmachtsverbände treffen in Vorau ein.
8.4.1945
Beschuss von Stift Vorau durch „Stalinorgeln“.
9.4.1945
Rückzug beider Seiten aus dem Raum Vorau.
15./16.4.1945
Durchbruch sowjetischer Verbände, Einzug in Vorau.
18.4.1945
Beschuss des Stifts durch deutsche Artillerie.
22.4.1945
Gefechte. Die Sowjets ordnen die Evakuierung der Bevölkerung an.
23.4.1945
Rückeroberung durch deutsche Truppen.
24.4.1945
Angriffe sowjetischer Kampfflugzeuge auf Vorau.
7.5.1945
Rückzug deutscher Verbände.
8.5.1945
Finaler Einmarsch sowjetischer Truppen.
1.8.1945
Abzug der Sowjets, Einzug der Briten.

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