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„Das Hirn schlägt Saltos“
MUSIK Die nach New York ausgewanderte Grazer Theremin-Virtuosin Dorit Chrysler über das Geheimnis ihres Erfolges, das Leben im Extremkapitalismus und Prinzen mit weißen Pferden. Max BREWSTER

Falter 17   Originaltext aus Falter 17/05 vom 27.04.2005

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„I am crazy for your strawberry lips“, singt die Austro-New-Yorkerin auf ihrer ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich „Best of Dorit Chrysler“ betitelten letzten Platte. Ein Gedicht von François Villon, musikalisch gemeinsam verdichtet mit dem Grazer Robert Lepenik. Andere Stücke auf der Platte klingen so, als wäre Dorit aus der Factory geflüchtet und in Paris untergetaucht, als spaziere sie dort gedankenverloren an der Seine, voller Sehnsucht nach dem Lastenaufzug, der sie wieder zurück in das silberfarbene Atelier Andy Warhols bringen würde.
  In Wirklichkeit steht Dorit Chrysler, die vor gut 15 Jahren ihren Hauptwohnsitz von Graz in die USA verlegt hat, in der Gegenwart. Selbstdisziplin und Selbstorganisation, schon damals unerlässlich, als sie Ende der Achzigerjahre ihre musikalische Karriere mit der Rockformation Halcion in New York startete, sind auch heute noch ihre Begleiter. Besonders wenn sie, wie in den letzten Monaten, ständig auf Tournee ist – solo, nur mit ihrem Instrument, dem Theremin, oder in Begleitung von obskuren und großartigen Mitstreitern wie Elliott Sharp, Matt Johnson (The The) oder Ultra Vivid Scene. In Paris spielte sie zuletzt vor 6000 Menschen.

Falter: Wie kam es eigentlich zur Entscheidung für das Theremin?

Dorit Chrysler: Das war damals mit dem Musiker Larry 7. Wir machten einen Schlagersong, das war meine Revanche am Schlager. Und bei Larry stand ein Theremin zur Reparatur, und da war’s um mich geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Kann man mit diesem Instrument und mit dieser Art von Musik das große Geld verdienen?

Das ist eine unangenehme Frage, entweder man entscheidet sich dazu, einem gewissen Hitparadenschema hinterherzujagen oder nicht. Das ist zu respektieren. Ich mache schon so lange Musik, und es ist mir ziemlich wurscht. Natürlich gibt es die Sehnsucht, den Topsong zu schreiben. Ein Lied, von dem man nie müde wird, egal wie oft man es hört. Das Theremin ist für mich als Instrument aber so spannend, dass ich eher daran denke, irgendwann einmal mit einem Orchester ein klassisches Stück zu spielen. Schließlich gibt es ja auch Sinfonien, die für das Theremin geschrieben wurden. Ich bin eher auf Entdeckungsreise mit dem Instrument. Wenn irgendwas davon in einen kurzzeitigen, künstlich propagierten Trend passt: okay. Aber ich kann mich nicht danach richten. Und natürlich freut es mich, wenn die Leute zu meiner Musik tanzen.

Gibt es so etwas wie eine Theremin-Szene?

Ich möchte einmal einen Abend in New York mit Thereministen organisieren, es gibt eine kleine Community. Meine beste Theremin-Freundin ist momentan ein junger Mann, der als Drag Queen auftritt. Er kommt aus dem Iran, nennt sich Princess Soraya und spielt höchst dramatische, traurige Tränenstücke. Daneben gibt’s auch Leute aus der Jazzecke. Oder die russische Band „Messer Chups“, die spielen eine Art Rockabilly und setzen das Theremin dazu ein (gespielt von Lydia Kavina, der Großnichte des Theremin-Erfinders Lev Theremin. Anm. R. W.). Echt verrückte Leute!

Wie hast du es geschafft, dich in dem Geschäft durchzusetzen?

Die beste Haltung für mich ist: Warte nicht bis ein Prinz daherkommt und dich auf dem weißen Pferd mitnimmt. Das heißt, ich warte nicht, bis ein großes Label kommt und mir Erfolg bis in die Stratosphäre verspricht. Die machen dann den ganzen Profit und nicht du. Mach, so viel du kannst, selbst. Touren wie wahnsinnig gehört auch dazu, networking is the key. Als Immigrant lernst du das sehr schnell, alles, was passiert, ist das Produkt aus jahrelangem Austausch mit anderen Kollegen. Man gibt, man bekommt, das befruchtet sich dann gegenseitig und kommt ins Rollen.

Du hast ja schon immer sehr bekannte Namen unter deinen Projektpartnern gehabt. Zum Beispiel Jim Foetus. Was ist an dem Gerücht mit Gibby wahr?

Gibby ist bei mir ums Eck eingezogen. Eines Tages sitzt er dann bei mir zu Hause auf der Couch, mein Freund hat ihn eingeladen. Ich hab mich zuerst richtig gefürchtet, er ist ja zwei Meter groß und sieht ziemlich verwegen aus – eine texanische Keith-Richards-Version. Ich fing dann an, auf meinem Theremin herumzuspielen. Er starrte mich an, war völlig fasziniert, sein Hirn hat gleich Saltos geschlagen. Seine Freunde sind ja der Meinung, dass elektronische Musik nur was für Sissys ist. Zwei Tage später rief er an, kam vorbei und klappte seinen Laptop auf. Wir haben uns gegenseitig wie wild durch Klanggärten gehetzt, das hat uns das Hirn ziemlich durchgeputzt. Wir haben danach noch einige Sessions miteinander gespielt. Aber mehr kann ich dazu jetzt nicht sagen, ich lass mich da überraschen.

Gibt es eigentlich auch gemeinsame Projekte mit Musikern in Österreich?

Ja, mein Projekt mit Electric Indigo und Mia Zabelka ist momentan das lebendigste in dieser Hinsicht. Wir waren gerade auf einer Mini-Osteuropa Tournee. Es gibt noch ein Projekt mit dem Robert Lepenik, einer der kreativsten Musikköpfe des Landes. Mit Melville gibt es auch einen gemeinsamen Song, der auch auf dem nächsten Melville-Doppelalbum drauf ist.

Du spielst relativ oft in Osteuropa. Wie kommt es dazu?

Ich lebe seit 15 Jahren im Land des Extremkapitalismus, da gibt’s dann schon auch eine Sehnsucht nach Orten und Ländern, wo es nicht nur um diese kapitalistische Weltanschauung geht. Insofern finde ich Länder wie Polen, Ungarn, Slowakei oder Rumänien sehr interessant, gerade dort entwickeln Künstler ihren Charakter, ohne von Trends und wirtschaftlichen Aspekten abhängig zu sein. Ich wäre auch sehr interessiert, einmal ein paar Monate in Städten wie Sofia oder Bukarest zu sein. Da einzutauchen zahlt sich sicher aus.


Am 29. April tritt Dorit Chrysler gemeinsam mit Butthole-Surfer-Mastermind Gibby Haynes bei der dritten Ausgabe des Moving Patterns Festivals im Austria Cultural Forum auf. Außerdem zu sehen: Gustav, Binder & Krieglstein u.a.

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April 2005 © FALTER
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