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Extreme Imbisse
STADTKULTUR Pioniere in der Feinstaubzone: In der Grazer Vorstadt trotzen einige mutige Imbisse extremen urbanen Lagen und schwerstem Verkehr. Und bieten abwechslungsreiche Erlebnisgastronomie jenseits der faden City-Einheitskost. THOMAS WOLKINGER

Falter 18   Originaltext aus Falter 18/05 vom 04.05.2005

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„Warten S’“, sagt Wolfgang Buresch, nimmt ein feuchtes Tuch und wischt sorgfältig einmal über den Massivholztisch und die schweren Stühle. „Der Verkehr“, erklärt er und zeigt mit dem Fetzen durch das schmiedeeiserne Gartentürl. Draußen, nur durch einen Gehsteig und einen schmalen Grünstreifen von der patentverdächtigen Gastgartenverbauung entfernt, tobt der Büroschlussverkehr. Vierspurig donnern Pendler und Laster über den Karlauer Gürtel. Im Gastgarten, den der Vorbesitzer des „Stelzenkönigs“ als Kombination aus bunt bemaltem Jahrmarktstand, Schanigarten und Duschkabine erbauen ließ, bleibt vom Verkehrslärm immer noch ein dumpfes Dröhnen. Man muss die Stimme schon ein wenig erheben, um sich Gehör zu verschaffen. Die schwermetallschwangere Luft von der Straße mischt sich auf interessante Weise mit dem Duft gebratener Stelzen, der in warmen Schüben aus dem Lokalinneren quillt. „So gute hat sonst niemand in der Stadt“, sagt Buresch. Wegen der Stelzen, Brüstel und Ripperln auf der Karte kommen die Gäste sogar extra aus Gösting in das kleine Lokal, das als „Trummer Weinstube“ schon seit mehr als dreißig Jahre am Gürtel existiert. „Früher“, weiß Buresch, „war die Hütte schon um fünf Uhr früh voll.“ Mit Schichtlern aus dem Puch-Werk und Arbeitern des nahegelegenen Schlachthofs, die nach der Arbeit auf ein Frühstück gekommen sind, oder „zum Biberln“. Schlecht geht der Stelzenkönig auch heute nicht. Ende Mai wird Buresch dennoch das Handtuch werfen. Nicht die Lage an einer der am stärksten befahrenen Straßen der Stadt sei das Problem. Aber es gäbe eben keine verlässlichen Arbeitskräfte – „mit einem Monat Krankenstand musst rechnen“. Und ständig selbst einzuspringen, kann sich Buresch, der auch „Helga’s Stüberl“ nahe der Triester Straße führt, nicht leisten.
Aber nicht nur im Stelzenkönig gehört Veränderung zum Alltag. Das Provisorische und Wechselhafte ist den meisten Gastro-Pionierprojekten an der Peripherie gemein. Das Kommen und Gehen der Pächter und Betreiber, laufende Optimierungen und Experimente in Bezug auf den Standort, die räumliche Ausstattung und das gastronomische Angebot. An den Ausfallstraßen der Stadt, mitten in der Feinstaubzone, ist alles im Fluss. Der „Imbiss Jahn“ zum Beispiel, eingezwängt zwischen Merkur-Parkplatz und Blumengroßhandel, hat bereits dreimal den Standort gewechselt, bevor er an seinem jetzigen Platz zur Ruhe gekommen ist. Vor vier Jahren entstand der Gastgarten, elegant überspannt von einem Partyzelt, dessen Färbung deutliche Hinweise auf die besonderen Luftverhältnisse am Schönaugürtel mit seinen vier Fahrstreifen liefert. Zuletzt hat der Feldbacher Betreiber den ursprünglich mobilen Stand auch noch um einen zum Gastraum umfunktionierten Container erweitert. Über die Jahre ist der Stand mit seiner Umgebung verwachsen. Ein Zeichen dafür, dass das Kerngeschäft aufgegangen ist: der Verkauf von Brathendln an Laufkundschaft aus dem benachbarten Supermarkt – ein Klassiker unter den Imbiss-Geschäftsmodellen. Gut zu funktionieren scheint aber auch die Bewirtung treuer Stammkunden aus dem Viertel, die an der kleinen Bar im Container die Konversation durch das Einflößen größerer Mengen Bier aufrechterhalten, Hendel, Stelzen oder Leberkäse mit Mayonaise bestellen. Fitnessteller steht hier natürlich keiner auf der Karte. An guten Tagen werden im Imbiss Jahn dafür bis zu 120 Brathendln abgenagt, und das halbe Huhn gibt es um unschlagbare 2,50 Euro.
Nur hundert Meter entfernt, auf der anderen Straßenseite, kämpft ein anderer Imbiss mit der schwierigen Gürtel-Lage. Vom Merkur ist er zu weit weg, die unmittelbare Nähe zum öffentlichen Augarten-Bad nützt dem „Imbiss zur Schönaubrücke“ nur in schönen Sommern. Dabei verbirgt sich hinter dem beinahe auf der Fahrbahn ansetzenden Gastgarten mit seinen dunkelgrünen Monoblocks und der unauffälligen Fassade ein echtes urbanes Juwel. Der vor 17 Jahren aus Südanatolien nach Graz zugewanderte Betreiber, der seinen Namen nicht preisgeben will, hat den der Straße abgewandten Gastraum über Winter mit sehr viel Liebe in ein großzügig verglastes Café verzaubert. In der Mitte strahlt ein Kristallluster wie aus Tausendundeiner Nacht von der Decke. Der Ausblick in den Hinterhof ist nicht weniger überraschend: Auf der grünen Wiese entsteht dort eine richtige kleine Stadtoase mit Kinderspielplatz, Gastgarten und Streichelzoo. „Meine Lebensgefährtin hat sich damals einen Platz für Kinder gewünscht“, sagt der Wirt und zeigt auf das zu ihrem Andenken über der Bar angebrachte Trauerporträt. Übernommen hat er das Lokal, das es schon seit sechzig Jahren gibt, im Jahr 2000, zuvor den „Brückenwirt“ auf der anderen Straßenseite geführt. In den tiefer liegenden Hinterhof führt eine schräge Rampe, aus der im Lewis-Carroll-Stil eine Laterne im 45-Grad-Winkel ragt. In einem kleinen Gehege beschnuppern sich zwei weiße Hasen, die Hängebauchschweine sind im letzten Herbst zu groß geworden, Nachschub ist aber schon unterwegs. Für bis zu 140 Gäste ist im Garten Platz. „Man muss den Leuten auch was geben“, ist der Wirt überzeugt. Diese Sprache spricht auch das kulinarische Angebot, das von Brettljausen über Pizza bis zu Kebab reicht.

In beinahe idealer Weise vereint der Imbiss zur Schönaubrücke das Beste beider Welten – der schicken Schanigärten der verkehrsberuhigten Innenstadt wie der charmant-rauen Freiluftimbisse der Vorstadt. Und im Innenhof löst sich auch das Lärmproblem, das grundsätzlich beide Welten trifft: Weder fühlen sich Anrainer durch die Gäste noch die Gäste durch die Umwelt belästigt. Ein Wunderland. Von derart idealen Zuständen kann Jadranka Mitrovic´ bislang nur träumen. Im Jänner hat sie mit ihrem Mann Zoran das direkt an ein Autohaus angebaute „Honda Stüberl“ von einer anderen bosnischen Familie übernommen, die zurück in die Heimat gezogen ist. Mit nur zwei Tischen traut sich der Gastgarten noch nicht so recht in die Welt hinaus, die hier in der Mitte der Kärntner Straße von Gebrauchtwagenhändlern, der grauen Front der GVB-Remise und eben dem ordentlich frequentierten Autobahnzubringer beherrscht wird. „Keine Gäste“, seufzt die Frau, die mit ihrem Mann schon vor dem Krieg in Jugoslawien von Bosanski Brod nach Graz gezogen ist und jetzt sehr viel Geld in die Renovierung des Stüberls gesteckt hat. Als Hauptgrund für die Misere sieht sie die saisonale Arbeitslosigkeit im Viertel: „Neunzig Prozent der Leute hier arbeiten noch nicht, und mit dem Notstand kommen sie natürlich nicht trinken.“ Nicht einmal die Lkw-Fahrer bleiben stehen, obwohl sich das Stüberl auf einem Schild als „CB Truck Treff“ zu erkennen gibt und Zoran Mitrovic´ früher als Fernfahrer in Italien gearbeitet hat. Zwischendurch holt ein Mechaniker von einer der vielen Werkstätten aus der Nachbarschaft immerhin zwei Kotelettsemmeln ab. Dabei hätte die Speisekarte des Honda Stüberls weitaus mehr zu bieten: Außer Würstel und anderen Kleinigkeiten serviert Frau Mitrovic´ nämlich auch Cevapcici und – wahrscheinlich einzigartig am Imbisssektor – sogar eine Fischplatte. Derzeit freilich nur auf Vorbestellung. Ganz hat sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben, überlegt mit ihrem Mann sogar, noch ein weiteres Gastzimmer anzubauen. „Bis Herbst probieren wir es noch. Wenn es auch bis dann nicht geht ...“
Goldgräberstimmung ist in der Vorstadtgastronomie generell nicht sehr weit verbreitet. „Es ist nicht mehr das, was es einmal war.“ Trude Bacher ist Konzessionsinhaberin von „Franzi’s Stadl“ in der Wetzelsdorfer Straße und hat in den letzten 14 Jahren alle Höhen und Tiefen des Geschäfts erlebt. Die für einen Imbiss beinahe monumentale Blockhüttenbauweise, die – das verrät die Raumeinteilung – in mehreren Expansionsphasen vonstatten gegangen sein muss, der schmucke, mit kleinen Säulchen verzierte Gastgarten erinnern an die goldenen Jahren. „Seit dem Euro“ sei es schlechter geworden, „die Leute trinken weniger“. Die älteren Herren, die es sich rund um die Bar so gemütlich wie im heimatlichen Wohnzimmer gemacht haben, nicken zustimmend. Würde sie nicht gleich nebenan wohnen – sie hätte das Ganze längst aufgegeben. Sonst ist die Lage von Franzi’s Stadl nicht wirklich günstig zu nennen, direkt an der schnellen Verbindungsstraße Richtung Stadt, meilenweit von anderen Einrichtungen entfernt, für die zu bremsen es sich lohnen würde. Dafür gleich neben einer gewaltigen Siedlungsbaustelle. Und selbst die Maurer haben Besseres zu tun, als sich in Franzi’s Stadtl an Schnitzelsemmel und Wurstbrot zu laben. „Die Maurer sind alle Nebenerwerbsbauern“, weiß Trude Bacher, „die haben Jausen mit.“ Vielleicht ist es doch Zeit aufzuhören? „Unser Alter haben wir eh schon“, sagt die Wirtin. „Sollen’s halt die Gäste übernehmen.“ Die nicken, in ihrem feinen Wohnzimmer, trinken aus und gehen heim.

Franzi’s Stadl,
Wetzelsdorfer Straße 108, 8052 Graz. Tägl. 9–21 Uhr.

Honda Stüberl,
Kärntner Straße 115, 8053 Graz. Probebetrieb tägl. 12–17 Uhr.

Imbiss zur Schönaubrücke,
Schönaugürtel 1, 8010 Graz. Täglich von 9 bis ca. 22 Uhr.

Imbiss Jahn,
Schönaugürtel 32, 8010 Graz. 8 bis 18, fallweise bis 22 Uhr.

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Mai 2005 © FALTER
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