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Unter Tierfreunden
HERBERSTEIN Der gräfliche Tierpark von Herberstein ist zwischen die politischen Fronten geraten. Dabei geht es nicht nur um die Zukunft einer oststeirischen Sehenswürdigkeit, sondern auch um das politische Überleben der guten Herberstein-Freundin Waltraud Klasnic. Wer dieser Tage mit Andrea Herberstein ein Interview führen will, bringt am besten Grundkenntnisse in Vertagsrecht mit.

Falter 20   Originaltext aus Falter 20/05 vom 18.05.2005

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  Journalisten müssen vor dem Gespräch eine Vereinbarung unterschreiben, die Andrea Herberstein das Recht einräumt, alle Texte vor Publikation zu prüfen, nach Belieben zu zensurieren und die Veröffentlichung auch vollständig zu untersagen. Bei Nichtbeachtung droht eine Konventionalstrafe von 20.000 Euro. Kein Wunder also, dass zuletzt wenige Interviews mit der Schlossherrin von Herberstein zu lesen waren, die das Anwesen, bestehend aus einem großzügigen Tierpark, historischen Gärten, Gironcoli-Museum und Schloss in den letzten zehn Jahren zu einem luxuriösen Ensemble ausgebaut hat. Mit bis zu 200.000 Besuchern jährlich und einer regionalen Wertschöpfung von rund sieben Millionen Euro.
  Einen Maulkorb hat Andrea Herberstein auch den meisten Mitarbeitern des Anwesens verpasst: dem Archivar der Familie, Gottfried Allmer, den Gärtnern und Förstern oder Wolfgang Lang, der die sechs Hektar Weingärten des Schlosses bestellt und einen seltenen Roten Junker keltert. Stattdessen lässt sie ihren Anwalt sprechen. Und wenn die Angriffe auf Herberstein, die man „vorerst zu erdulden“ versucht habe, gar zu dreist werden, greift der Rechtsbeistand des Hauses, Hans Kortschak, wie im Fall eines Artikels in der Kleinen Zeitung schon auch einmal zu einer Klage. Oder er droht dem Land Steiermark ultimativ mit dem Zusperren des defizitären Tierparks, sollten die langjährigen finanziellen Forderungen nicht endlich erfüllt werden.
  Kommunikationsnotstand in einem der touristischen Vorzeigebetriebe der Landes. In einem Betrieb, der über die Jahre immer wieder Landesförderungen in Millionenhöhe empfangen hat. Dessen Leiterin, Andrea Herberstein, noch dazu sehr gut mit Landeshauptmann Waltraud Klasnic befreundet ist. Dazu chaotische Zukunftsszenarien für den traditionsreichen Tierpark, die zwischen blutiger Schlachtbank und millionenschwerem Ausbau inklusive Verschmelzung mit dem Landesmuseum Joanneum oszillieren. Was ist passiert? Warum wankt Herberstein?
  Andreas Kaufmann, Direktor des Tierparks, kennt den Wirbel seit 1994. So richtig aus der Ruhe zu bringen ist er nicht mehr. „Es gibt Tiere, die sterben, und Tiere, die geboren werden. Es ist wie eine kleine Ortschaft“, erklärt er sein Reich. Kaufmann kümmerte sich darum, dass frische Przewalski-Wildpferde in den Park kommen, nimmt vom Zoll beschlagnahmte Ozelote, Strauße oder Mona-Meerkatzen in Pflege und sorgt für das Wohlergehen der 135 in Herberstein vertretenen Arten und 600 Tiere. Dazu kommen weitere Forschungs- und Informationsaufgaben, denn Herberstein ist einer von sechs wissenschaftlich geführten Zoos in Österreich.
  1994, als Kaufmann aus dem Burgenland nach Herberstein kam, war auch das Jahr, in dem Johann Otto Graf Herberstein starb. Seither hat sich Kaufmann im Auftrag der Erben – Ottos Kinder Johanna Catherine, Johann Maximilian und Johanna Felicitas, vertreten durch ihre Mutter, die eigentliche Schlossherrin Andrea Herberstein, die sich 1987 von Otto hatte scheiden lassen – dem Ausbau des Parks gewidmet. Nach einem mit Helmut Pechlaner erstellten Masterplan für die Jahre 2000 bis 2009, vertraute darauf, dass das Land Steiermark für die projektierten Gesamtkosten von 8,7 Millionen Euro aufkommen würde. Damals nahm das Unheil seinen Lauf. „Ihr kriegt´s dieses Geld schon“, habe man ihnen in Gesprächen mit Klasnic und den verantwortlichen Landesräten signalisiert, sagt Kaufmann. Und er habe das auch geglaubt. „Heute bin ich gescheiter.“ Letztes Jahr verzeichnete der Tierpark ein Defizit von 809.000 Euro.
  Nicht, dass kein Geld nach Herberstein geflossen wäre. Allein in der Zeit von 1974 bis 1998, ermittelte ein Landtagsausschuss im Jänner 2000, flossen Förderungen in der Höhe von 5,75 Millionen Schilling, vor allem für den Ausbau der historischen Gärten und das Wegenetz. Dabei noch gar nicht berücksichtigt: Fördrungen für den „Siegmundsgarten“ und die Finanzspritze anlässlich der steirischen Landesausstellung 1986. Über die gesamte Summe und die diffuse Förderpolitik des Landes soll ein Bericht des Landesrechnungshofs Aufschluss geben, der noch vor Sommer erwartet wird.

In den Tierpark flossen jedenfalls im Jahr 2002 2,9 Millionen Euro im Rahmen einer stillen Beteiligung des Landes und eine weitere Million im Sommer 2004. Aber eben keine 8,7 Millionen, deren Zusage die damals zuständigen Landesräte Gerhard Hirschmann (Tourismus) und Joachim Ressel (Finanzen) heute auch vehement bestreiten. „Mir ist diese Dame damals dermaßen auf die Nerven gegangen“, erinnert sich Hirschmann an regelmäßige Besuche von Andrea Herberstein in seinem Büro, bisweilen „bewaffnet mit der Frau Landeshauptmann“. Nur Waltraud Klasnic selbst hat sich noch nicht geäußert, ob sie Herberstein mehr Geld zugesagt hat.
  Jahr für Jahr verschlechterte sich die Situation und heuer im April wurde sie aus Sicht des Tierparks endgültig untragbar. Angesichts der laufenden Verluste sehe man sich außerstande, den Park weiter zu führen. Es kam zur Eskalation. Entweder es gebe die versprochenen Millionen, oder man müsse den Tierbestand ab Juli nach und nach verkleinern und im Herbst zusperren, drohte Herbersteins Rechtsbeistand Hans Kortschak. „Verkleinern“ – plötzlich roch es nach Tod in Herberstein. Aber so will das Kaufmann natürlich nie gemeint haben: „Ich bin doch nicht deppert. Ich bau mir da doch über ein Jahrzehnt einen Tierbestand auf, der für die Arterhaltung wichtig ist.“ Gemeint habe er, dass zuerst alle Nutztiere komplett verfüttert würden. Und die Schafe hätten in Herberstein ohnehin ein fantastisches Leben. „Irgendwann macht´s ,Pft!’ und sie sind weg.“
  Inzwischen ist auch der schnelle Tod der Schafherde gebannt. Waltraud Klasnic hat auf Basis eines Gutachtens eine Lösung angeboten, die die Übernahme des Tierparks unter die Fittiche des Landesmuseums Joanneum vorsieht. Für die 443.000 Quadratmeter Grund samt Inventar wird eine Jahrespacht von 304.000 Euro fällig. Plus Errichtungskosten in der Höhe von acht Millionen für ein „Haus der Natur“, 800.000 für dessen jährlichen Betrieb, 600.000 Jahresinvestitionen für den Tierpark und weitere 600.000 Euro budgetierter Abgang. In Summe eine jährliche Belastung für das Landesbudget von mehr als zwei Millionen Euro, auf zwanzig Jahre. Eine „Zukunftslösung“ für den traditionsreichen gräflichen Betrieb, wie Landeshauptmann Waltrad Klasnic nicht müde wird zu betonen.
  Mitnichten. Das Misstrauen ist inzwischen derart angewachsen, genährt durch eine alles andere als transparente Informationspolitik der ÖVP, dass eine Zustimmung zum Paket im Landtag, an den Klasnic die Entscheidung nach erster Kritik delegierte, zunächst unwahrscheinlich schien. Für SPÖ-Chef Franz Voves enthält der Pachtvertrag mit Herberstein „unverschämte Konditionen“, zumal die bisher getätigten Landeszahlungen in die Pachterrechnung nicht eingeflossen seien. Maximal 64.300 Euro jährlich sei die Pacht in Wirklichkeit wert. Auch die Grünen wollen dem Vorschlag nicht zustimmen, bevor nicht der Rechnungshofbericht vorliegt und eine grundsätzliche Debatte darüber geführt wird, welche Ziele das Land mit der Übernahme des Tierparks verfolgt, sagt die Landeschefin der Grünen, Ingrid Lechner-Sonneck. Dazu komme die „eigenartige Optik“, dass just in dem Moment, da Waltraud Klasnic in Bedrängnis geraten sei, das Shoppingcenter Seiersberg, das am vergangenen Mittwoch die Übernahme der Pacht für die ersten fünf Jahre angeboten hat, zur Hilfe komme. „Was hat das SCS davon?“, fragt Lechner-Sonneck und ruft in Erinnerung, dass erst vor wenigen Wochen der Feststellungsbescheid der Landesregierung erging, dass sich das SCS für seine Parkplätze keiner Umweltverträglichkeitsprüfung unterziehen muss. Ein „Gegengeschäft“? Zu den Mysterien der Vergangenheit gesellen sich neue aus dem Deal mit den SCS-Eigentümern. Der von Waltraud Klasnic erhoffte Befreiungsschlag ist vorerst gescheitert. Dennoch könnte sich im Landtag eine Mehrheit für den Klasnic-Vorschlag finden: BZÖ-Klubchef Franz Lafer überlegt mitzustimmen.

Die finanzielle Krise des Schlosses Herberstein ist endgültig zur politischen Krise mutiert. Mit Herberstein wankt auch Klasnic. Trotz ihres Einsatzes für die „Zukunftslösung“. Ingrid Lechner-Sonneck findet noch eine weitere Parallele und meint, dass mit Andrea Herberstein und Waltraud Klasnic letztlich „zwei ähnliche Kaliber am Werk sind“. Klasnic sei von einem ähnlichen Verständnis geprägt wie die „Gräfin“, wenn sie jährlich „wie eine Fürstin“ 105 Millione Euro Bedarfszuweisungen an Gemeinden tätige, ohne die Verwendung dieser Mittel offenzulegen. Andererseits haben die Herbersteins, die sich seit 1320 nach der Burg in der Oststeiermark benennen, auch Erfahrung mit den bürgerlichen Seiten des Verwaltens. In den 150 Jahren seit 1556 wurde das Amt des steirischen Landeshauptmanns schließlich schon sechs Mal von Vertretern des Geschlechts bekleidet. Zuletzt von Carl Leopold (1756-1782), durch dessen Heirat auch Schloss Eggenberg an die Herbersteins fiel.
  Was Andrea Herberstein noch mit Waltraud Klasnic verbindet: Ähnlich wie sich Klasnic aus ärmsten Verhältnissen an die Spitze des Landes emporgearbeitet hat, so wurde auch Andrea Herberstein nicht in den europäischen Hochadel geboren, sondern 1953 als Tochter von Charlotte und Norbert Untersteiner, eines Polarforschers. Ihrem späteren Mann Otto Herberstein begegnete sie Anfang der Siebzigerjahre, als dieser das Schlossbergrestaurant in Graz in Pacht hatte. Seit damals arbeitet Andrea Herberstein am Ausbau des Betriebes mit, von 1985 bis 1989 war sie Generalsekretärin des Musikfestivals Styriarte in Graz, und seit 1994 – nachdem die Erbfolge geklärt war – machte sie sich daran, Herberstein zu dem Juwel auszubauen, das es heute ist.
  Aber anders als Klasnic hat Andrea Herberstein wenig Kontakt zum Fußvolk. „Sie kommt nicht zu uns, ein Gasthaus ist für die Gräfin nicht die passende Umgebung. Sie verkehrt in anderen Kreisen“, sagt Fritz Stoppacher vom Gasthaus Jägerwirt in Puchberg. Über „die Gräfin“ lässt er aber nichts kommen: „Sie ist eine tüchtige Frau, die viel geschafft hat, aber halt eine sehr absolute Person.“ Auch Peter Flaggl vom Peterwirt in Stubenberg weiß, dass sich Andrea Herberstein nicht so gerne unter das „einfache Volk“ mischt. „Vor allem seit sie mit dem Sänger Thomas Hampson liiert ist, wirkt sie ein bisschen abgehoben.“ „Ich habe die Herberstein nur einmal im Gasthof Marienhof gesehen“, erinnert sich eine Verkäuferin. „Da hat sie auf den Hampson gewartet, der mit einem Hubschrauber angekommen ist.“
  Gerade dort, wo sich die Gräfin nicht blicken lässt – an den Stammtischen und in den örtlichen Geschäften –, blüht der Tratsch. Nur selten öffentlich und meist hinter vorgehaltener Hand, denn die Klagslust des Herberstein-Anwaltes Hans Kortschak ist berüchtigt. Trotzdem machen aktuelle Gerüchte und längst vergangene Anekdoten ungehindert die Runde.
  Der Graf sei noch ganz anders gewesen, erinnert sich ein Wirt, der namentlich nicht genannt werden will. „Der hat sich oft unter das Volk gemischt.“ Getrunken habe er halt nicht wenig. „Aber wer trinkt in Stubenberg nicht gern?“ Über den Grafen lässt man in der Gegend nichts kommen, der war beliebt und ein guter Gast. „Ein Mann mit Handschlagqualitäten“, betont der Wirt, die Gäste nicken. Und Andrea Herberstein? „Eine knallharte Geschäftsfrau eben.“
  Bei all dem Tratsch um Herberstein ist man sich in einem Punkt doch einig: Der Tierpark soll bleiben. „Das wäre sonst touristisches Niemandsland“, befürchtet Peter Flaggl vom Peterwirt. Dass Herberstein bleibt, will auch Kurt Prettenhofer. Er müsste seinen Gasthof, der nur wenige Meter vor der Einfahrt des Tierparks liegt, zusperren, wenn die Zoogäste wegblieben. „Andrea Herberstein hat sich im Park eingeigelt und versucht, das ganze Geld der Gäste in ihrem Areal zu halten“, sagt Prettenhofer. Jetzt erhoffen sich die umliegenden Betriebe, dass sich durch die Übernahme durch das Joanneum das Unternehmen wieder mehr öffnet. „Damit es zu einem echten Leitbetrieb wird“, so Prettenhofer.
  Mangelnde Kooperationsbereitschaft bestreitet Zoodirektor Kaufmann: „Wir sind zu jeder Zusammenarbeit bereit, nur müssten dann auch ordentliche Vorschläge auf den Tisch.“ Die negative Medienberichterstattung erklärt er sich so: „Das ist purer Neid, weil Andrea Herberstein eine Frau, hübsch und auch noch erfolgreich ist.“
  Und wenn nun doch keine Einigung mit dem Land zustande kommt? Der „worst case“ für Klasnic bei den Landtagswahlen: massive Stimmverluste. Der „worst case“ für den Tierpark: „Bis Herbst haben wir defintiv offen“, sagt Kaufmann, „dann beginnen wir, die Tiere aus dem Zuchtprogramm abzugeben. Bitte: nicht töten.“ Dann werde man Schritt für Schritt die teuren Bereiche abschichten, bis sich der Betrieb wieder selbst trägt. Und wenn alles „gut geht“? Wenn sich Klasnic im Landtag durchsetzt? Dann könne man den Ausbau des „Ökosystem-Ausschnitts“ Afrika fortsetzen, die Fläche von derzeit fünf auf 15 Hektar erweitern und das geplante Wasserloch verwirklichen, mit Zebras, Elenantilopen, dem Gepardengehege und neu auch Hyänen und Nashörnern.
  Für diesen Fall scharrt man auch im Joanneum, dem 1811 von Erzherzog Johann gegründeten Riesenmuseums, in den Startlöchern. „Wenn das Land die errechneten Abgänge bezahlt, trauen wir uns durchaus zu, den Tierpark Herberstein zu führen“, erklärt Geschäftsführer und Kunsthaus-Intendant Peter Pakesch, der in der Ergänzung von Museen um lebendige Tiere einen Trend sieht. Man sei da ohnehin auf Partnersuche gewesen. Einem Gutachten, das 2004 im Auftrag des Landes erstellt wurde und Herberstein insgesamt nur wenige Chancen zubilligte, widerspricht Pakesch. Bei der Gironcoli-Eröffnung habe man gesehen, dass auch Besucher aus Ost-Österreich kommen. Obwohl: „Wir bewegen uns da in Neuland.“
  Einen kleinen Vorgeschmack auf das „Haus der Natur“, das bis zum Jahr 2011 entstehen könnte, bietet die gerade eröffnete Mollusken-Ausstellung „Das Meer im Zimmer“ im Joanneum-Stammhaus, in die auch Mittelmeeraquarien integriert sind. Ein kleiner Oktopus wurde eigens vor Neapel gefangen und nach Graz verfrachtet. Die Aquarien will das Joanneum sogar behalten, im neuen „Haus der Natur“ aber mit einheimischen Tieren bespielen, sagt Ursula Stockinger, Zoologin am Joanneum. Fix sei aber noch nichts. Auch ein Gipfeltreffen zwischen Mitarbeitern des Joanneums und von Herberstein hat es gegeben, zum Brainstorming über die gemeinsame Zukunft. Schön, wenn das Miteinander, das sich Klasnic so sehr wünscht, auch funktioniert. Vielleicht sind Zoologen da einfach empfänglicher.

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Mai 2005 © FALTER
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