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Zur deftigen Aussicht
AUGENSCHMAUS Brettljause mit Sonnenuntergang – auf den Anhöhen und Hügeln rund um Graz erwarten den Wanderer kulinarische Genüsse und grandiose Ausblicke auf die Stadt. IRMGARD SCHMIDMAIER

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/05 vom 01.06.2005

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Es ist nicht nur die Aussicht auf Aussicht. Es ist auch die Aussicht auf Genuss mit Aussicht. Ob es auch mit der von der zunehmenden Sonne angeregten Hormonproduktion zu tun hat, die einen eingefleischten Stadtmenschen gelegentlich festes Schuhwerk anlegen und nach Wanderkarten greifen lässt, sei dahingestellt. Sicher ist: Es passiert manchmal. Und dann hilft nur: nachgeben, diesem Trieb. Ein wenig hilft es vielleicht auch zu wissen, dass nicht allein der Weg das Ziel, sondern dass am Ziel auch noch Mehrwert zu haben ist, in zweierlei Aggregatzuständen, fest und flüssig.
  Im Südwesten muss es das große belegte Brot sein. Überbordend von Käse, Schinken, garniert mit Gurkerln und Kren, so viel Auflage, dass das Brot fast gar keine Rolle mehr spielt. Und ein großer gespritzter Most. Anders ist der ausgedehnte Anstieg zur Lichtung auf halber Höhe des Buchkogels nicht zu kompensieren, vor allem wenn man, weiß der Kuckuck, wieso, den langen Weg wählt, frühsommerüberschwänglich per Bus bis Straßgang Zentrum schaukelt und den Anstieg über St. Floriani in Angriff nimmt. Immerhin kreuzt man so die archäologisch wichtigste Stätte der Stadt Graz. Ein fein säuberlich gemaltes Schildchen klärt auf über eine Siedlung in der Kupferzeit. Da verschwindet doch glatt der Wanderweg-Namensgeber Ottokar Kernstock mit seinen Hakenkreuzgedichten im Sog der Geschichte, und flugs öffnet sich nach einer Stunde auf einer Lichtung der Buschenschank-Himmel.
  Man kann natürlich auch den kürzeren Weg wählen, von St. Martin aus, und sich in zwanzig Minuten hochschrauben zum Gasthaus Orthacker, der seine bestechende Lage so erstaunlich locker ausspielt. Familiär das Ambiente, der Service freundlich und schnell und unprätentiös die Speisekarte mit Jausenbroten aller Art und Selbstgebackenem nach Laune. Man braucht schon die ganze Länge und Breite des belegten Brotes, um das Rundum aus luftiger Höhe dann so richtig auszukosten. Wenn die mit 2,90 Euro recht günstig zu habende Mammutstärkung nicht allzu schwer im Magen liegt, empfiehlt sich noch ein Abstecher zur Rudolfswarte, die Stadtbaumeister J. G. Wolf im Jahre 1879 in 659 Metern Seehöhe mit fünfzig heftigen Stufen auf den Kamm des Buchkogels setzte.
  Eine anonyme „Wanderin“ stimmt per Widmungstafel ein reichlich schwülstiges Loblied auf den „Musiker und Heimatdichter“ Ferry Iberer und die Renovierung der gesamten Anlage. Den aufsteigenden Ärger über die Unentrinnbarkeit von derlei dumpfer Heimattümelei verarbeitet man am besten mit beherztem Weiterlaufen. Denn wer noch überschüssige Energie und Laune hat, kann über den Buchkogelsteig gleich weitermarschieren, Richtung Plabutsch. Dort winkt mit dem Bergheurigen Fürstenstand die architektonisch leidlich gelungene, in Sachen Aussicht auf Graz aber krönende Belohnung für einen Marsch von zwei Stunden.
  Am Weg verweisen ein paar nette Reminiszenzen auf das Kulturhauptstadt-Jahr 2003. Die Grazer „Kulturbezirke“ haben hier mit einem Skulpturenpfad ihre Spuren hinterlassen, der Bildhauer Paul F. Brenner konterkariert etwas aufdringlich die mit seinen hölzernen Allegorien auf „Hören, Sehen, Sprechen“ bekannten drei Affen mit ihren gegenteiligen Plädoyers. Und die Hauptschule Webling ist mit einem bunten „Kreislauf des Lebens“ in luftiger Höhe verewigt. In seltsamem Englisch machen Warntafeln dann auf eine Militärzone aufmerksam, und nur dem Eingeweihten erschließt sich in der Gegend des Feliferhofs die ganze grausige Wahrheit hinter der Gedenktafel an die Opfer der Erschießungen zwischen 1941 und 1945 durch NS-Schergen.
  In weiterer Folge zwingt die Geografie zu einem kleinen Kniefall, sprich: Abstieg zum „Herrgott in der Wies“. Die Senke zwischen Buchkogel und Plabutsch bietet sich auch als Ausgangspunkt für einen gesonderten Ausflug gen Fürstenstand. In strammen 764 Metern Höhe trifft man dort erneut auf historisch überlieferten Gefühlsüberschwang „Im Anblike der schönen Natur“. Diesmal hinterlassen im Jahre 1839 und gewidmet keinem Geringeren als Kaiser Franz an der Spitze einer kaiserlichen Landpartie, die zu kollektivem Entzücken sämtlicher beteiligter Hochedler geführt haben muss.

Jenseits der hilflos gereimten Beschwörung „... was des Kaisers Auge hat entzückt / die Westaussicht bleib frey und unverrückt ...“ öffnet sich auch dem weniger imperial, dafür etwas prosaischer gestimmten heutigen Ausflügler eine fantastische Aussicht über Graz und seine Hügel im 360-Grad-Panoramablick. Dann aber: Schafnase! Ilzer Rosenapfel! Flüssig, spritzig, fruchtig: Willkommen in der Gegenwart beim sortenreinen Most von Wolfgang Mausser, der jetzt im Bergheurigen wirklich als rettendes Lebenselixier durchgehen kann.
  Ein kleines Stück weiter im Norden wird der ziemlich kräftige halbstündige Anstieg zur Ruine Gösting zu einer unvermuteten Zeitreise. Die Burgtaverne muss ohne Strom und Wasser auskommen und macht aus dem Engpass einen Kult. Hinweise auf Selbstbedienung und Töpfe von beeindruckender Größe auf dem niedrigen Herd lassen zwar böse Assoziationen zu Skihütten aufsteigen, aber nur bis zu dem Moment, in dem die Wirtin die Deckel lupft. Ripperl mit Kraut, kräftig durchgezogen und mit wohliger Holzscheitwärme lang und länger auf Temperatur gehalten, lassen verheißungsvolle Wolken durch das enge Gewölbe wallen.
  Aber auch: Bärlauchbrot. Frisch selbstgemacht und üppig bestrichen, entschädigt es für den schweißtreibenden Weg und verlangt nur noch nach einem. Das Bier kommt dann aus der Flasche, die Idylle im verwinkelten Garten an der Burgmauer mit wildem Wein und rohem Stein ist perfekt, die Stadt da unten rückt in weite Ferne. Dort bleibt sie dann und liegt gut so, bis von den Kirchenglocken sechs dumpfe Schläge hoch zur Burg dringen. Dann ist Schluss in der Burgtaverne.
  Warum gerade der Buschenschank Erart unterhalb der Platte sich stolz als der „Erste steirische Qualitäts-Buschenschank“ feiert, ist auf den ersten Blick nicht wirklich auszumachen. Von der Straße aus betrachtet, macht sich das Anwesen etwas mühsam auf alpenländisch getrimmt aus. Im Inneren verrät ein dunkler Balken reichere Historie, die von der verzichtbaren akustischen Erbaulichkeit mit immergrünen Sommerhits böse konterkariert wird.
  Wer sich aber von Mariatrost aus durch die Rettenbachklamm zu Fuß über die Platte wuchtet, nimmt die herzige Gartenanlage mit Gemüsebeet und Salatpflänzchen als Vorboten baldigen irdischen Glücks und wird aus der rührigen Küche nicht enttäuscht. Allein ein Butterbrot vom überirdisch gewaltigen Laib entschädigt für erlittene Fußqual, die Flüssignahrung ist unaufgeregt und wohltuend, und zur Not kann man sich ein Taxi rufen, immerhin ist die Adresse mit dem Auto zu erreichen.
  Wem gar so viel Frischluft suspekt oder die Höhenlinien doch zu kräftig scheinen, dem bietet sich immerhin die Terrasse am Schlossbergrestaurant. Am Besten von Norden, von der Wickenburggasse her. Sich langsam über den schmalen geteerten Anstieg anzunähern bringt den Vorteil, stufenfreien Schrittes Meter um Meter zu gewinnen und sich dabei ein wenig der Illusion von Urwald und wucherndem Biotop mitten in der Stadt hinzugeben.
  Das Schlossberg-Restaurant an sich schreckt mit seiner staubigen Sechzigerjahr-Bürgerlichkeit zwar eher ein wenig ab, doch die Terrassenidylle hält in gleicher Sonntagsausflugsreminiszenz beeindruckend die Waage zwischen Kaffee-und-Kuchen-Nostalgie und ehrlich erworbener Nachlässigkeit. Den Apfelstrudel auf dem Teller. Den kleinen Braunen daneben. Die Stadt zu Füßen. Wenn das Kaffeehaus die vielzitierte Möglichkeit für den Wiener ist, nicht zu Haus zu sein und doch nicht an der frischen Luft, so ist diese Terrasse die klare Antwort des Grazers: in ländlich anmutender gelassener Ruhe des Gastgartens mit seinen ausladenden Kastanien sinnieren und doch den Hauch des Urbanen genießen.

LOKALE
Aussichten im Überblick


Der Grazer schaut beim Essen und Trinken gerne auf die anderen Grazer herab. In der Stadt hat sich daher über die Jahrhunderte eine regelrechte Gastronomiekultur rund um die schöne Aussicht entwickelt. Stadtcafés wie Heurige – sonnige Hanglagen und luftige Anhöhen werden als Standorte absolut bevorzugt. Die besten im Überblick.

Gasthaus Orthacker
Am Buchkogel 9, 8054 Graz, 0316/28 54 82; Do – Mo von 9 – 21 Uhr.

Mausser, Bergheuriger Fürstenstand
Fürstenstandweg 100, 8051 Graz. 0316/58 57 00; Mi – Sa von 11 – 23 Uhr, So und Fei von 10 – 22 Uhr.

Burgtaverne Ruine Gösting
8051 Graz, 0316/68 45 50; Di – So von 10 – 18 Uhr.

Buschenschank Erart
Unterer Plattenweg 76, 8043 Graz, 0316/39 17 09; Fr – So von 14 – 22 Uhr.

Schlossberg-Restaurant
Schlossberg 7, 8010 Graz, 0316/82 30 50, 0316/83 04 17; im Sommer täglich ab 11 Uhr.

Aiola Upstairs
Mit Sicherheit der mondänste Ort, um in Graz einen Milchkaffee oder einen Drink mit Aussicht zu genießen.
Schlossberg 2, 8010 Graz, 0316/81 87 97; Mo–Sa 9–2, So und Fei 9–24 Uhr. Schlossberglift 9–1.30 Uhr.

Buschenschank Schaar
Mitten in der Stadt und trotzdem ganz weit weg, komplett mit Obst- und Weingarten, Stadt- und Reinischkogelblick.
Kaiserwaldweg 51, 8010 Graz, 0316/38 18 78; Di–So 15–22.30 Uhr.

Café Rosenhain
Das traditionsreichste Grazer Aussichtscafé, in seiner Urform 1975 abgebrannt.
Panoramagasse 77, 8010 Graz, 0316/32 29 88; Mo–So 10 bis 22 Uhr.

Gasthaus Hubertushöhe
Der steile Aufstieg lohnt sich: solide Küche, ein prachtvoller Blick auf die Stadt.Weingartenweg 35, 8020 Graz, 0316/57 99 52. Sa, So, Fei 12–21;
Mo, Di, Fr 12–19 Uhr.

Gasthof „Zum Höchwirt“
Vermutlich gibt es kein anderes Gasthaus in Graz, in dem an schönen Wochenenden mehr Hendln paniert werden. Zösenberg 6, 8045 Graz, 0316/69 12 06. Mai bis Oktober: Do–So 11–21 Uhr, November bis April: Sa, So 11–21 Uhr.

Landhaus Jöbstl
Weder Heuriger noch Gasthaus, sondern alles in einem. Und ziemlich riesig. Geboten werden kaltes Buffet, warme Küche, Abenteuerspielplatz und Sicht ins Grüne.
Rudolfstraße 59, 8010 Graz, 0316/38 10 13; Mo–So 11–24 Uhr.

Starcke Winzerhaus
Nach dem Dresdener Hofschauspieler Gustav Starcke benannter Pulverturm aus dem 16. Jahrhundert. Nur über die Stadt fliegen ist schöner.
Schlossberg 4, 8010 Graz, 0316/83 43 00; Mo–So ab 11 Uhr.

Stoffbauer
Schon Kaiser Franz I. hat sich 1830 von den Qualitäten des Traditionsheurigen überzeugt. Und vermutlich gab’s dort damals schon die besten Backhendln der Stadt.
Oberer Plattenweg 21, 8043 Graz, 0316/68 53 00; Do–Di 11.30–21.30 Uhr.

THOMAS WOLKINGER

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Mai 2005 © FALTER
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