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| Lockungen der Gewalt |
| KUNST Die RAF als vage Chiffre für Radikalität und die ewige existenzialistische Frage Wie weit bist du bereit zu gehen?. Die Berliner RAF-Ausstellung, nun in der Grazer Neuen Galerie zu sehen, trifft einen Nerv. ROBERT MISIK |
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| Es war ein dürres Konzeptpapier mit dem Titel Mythos RAF, das Deutschland im Sommer 2003 eine nahezu hysterische Debatte bescherte. In der Schau, deren Planung gerade erst begonnen hatte, sollte auch überprüft werden, welche Ideen, Ideale ... ihren Wert durch die Zeit behalten hätten. Dieser Satz hätte das Projekt beinahe in einem schon frühen Stadium gekippt. Angehörige von RAF-Opfern protestierten heftig, der deutsche Kanzler zeigte sich not amused und die Berliner Kulturförderer verlangten ihr Geld zurück. Nur mit Ächzen und Würgen brachten die Kunst-Werke dann eine reduzierte Schau mit dem Titel Zur Vorstellung des Terrors – Die RAF heraus. Man zog sich auf das sichere Terrain der Kunst zurück. Einen Gutteil ihrer Energie mussten die Kuratoren dafür aufbringen, Vorwürfe abzuwehren, sie würden die RAF glorifizieren. Narrative Formen bergen viel eher die Gefahr des platten Identifikationsangebotes, bekundete etwa Felix Ensslin, Kunsttheoretiker, Philosoph und Sohn der RAF-Gründerin Gudrun Ensslin. Ohnehin greift die umstrittene Formel vom Mythos RAF nur auf, was längst als gesellschaftliche Tendenz greifbar ist: Die RAF-Leute sind in der Welt der Popkultur zu glitzernden Ikonen der Gewalt geworden, so Jens Jessen in der Hamburger Zeit. Die Steckbriefe sind vergilbt, man erinnert sich kaum noch an die bleierne Zeit, als sich Staat und RAF ein – nicht ganz finales – shootout lieferten. Indes kam die RAF als Teil einer modernen Ikonografie wieder. Hochglanzmagazine druckten plötzlich Fotostrecken mit RAF-Mode, provozierend angepriesen mit dem Titel: Prada Meinhof. Immer dabei: verwegener Blick, schnelle Schlitten (Andreas Baader, die Zentralfigur der RAF, bevorzugte ja BMW). Der Film Baader, ein misslungenes Rührstück über Revolte, Glamour und Radikalität, lief in Kino und TV. Die RAF wurde zur Chiffre unbestimmter Verwegenheit und damit zum Symptom geheimer Sehnsüchte. Ein bisschen Bonnie und Clyde, ein bisschen Damals-war-noch-was-los, wurde die RAF zum Material fürs Kokettieren mit der Radikalität. So wurde die RAF auf das reduziert, was natürlich immer schon ihre Faszination ausmachte und ihr Ausstrahlung weit hinein in ein linksliberales Sympathisantenmilieu garantierte – auf die Frage nämlich: Wie weit bist du bereit zu gehen? Vor allem der vitalistische Kraftmensch Baader, Typus rebel without a cause, wurde zur Folie für existenzialistische Fantasien. Einer, der sich selbst zum Einsatz, zur Waffe macht, alle Brücken hinter sich abbricht. Gewiss wird kaum jemand von der Sinnhaftigkeit der konkreten Gewalttaten der RAF überzeugt sein; aber ebenso sicher ist, dass es so etwas wie eine abstrakte Gewaltlockung und eine Faszination die Konsequenz und die Möglichkeit des Handelns gibt, wie das Ellen Blumenstein, eine der Kuratorinnen der Ausstellung, nennt. Man kann das gut oder schlecht finden – wegschieben kann man das Phänomen nicht. Existierte es nicht, wären nicht 70.000 Leute, unter ihnen ganz viele junge, in die Schau in Berlin geströmt. Bedient wird der platte Terrorchic von der Ausstellung jedenfalls nicht. Dass Hans-Peter Feldmanns Bildreihe Die Toten gewissermaßen im Zentrum der Ausstellung steht, ist auch als Statement der Ausstellungsmacher zu verstehen. Neunzig Opfer politischer Gewalt, die Opfer der RAF, aber auch die toten RAF-Mitglieder hat Feldmann aneinander gereiht, kommentarlos. Wenn man die Leute sieht, die ihr Leben für nichts gelassen haben, hört sich die Lust auf das Heroische schnell auf. Es findet sich Witziges, auch Belangloses. Der Selbstanspruch der RAF wird dekonstriert, etwa von Lutz Dammbeck, der ein Baader-Porträt mit dem Bild eines Arno-Breker-Kopfes zusammennähte, was die Frage virulent macht, inwiefern die RAF, die sich auch als Gegenreaktion auf den Nazismus der Vätergeneration verstand, nicht selbst eine fatale Wiederholung dieser Gewaltverstrickung darstellte. Der Austro-Niederländer Theo Ligthart wiederum verschneidet den RAF-Anspruch, Avantgarde sozialer Kämpfe zu sein, mit dem Avantgardebegriff, der heute auch zur Bewerbung von Luxuskarossen von Daimler-Benz taugt. Man sieht viel, was man schon kennt, manches, was ohne Vorwissen nicht verständlich ist, und einiges, was im Kosmos der Kunst neue Erkenntnisse über Produktionsprozesse bietet – etwa Gerhard Richters Vorarbeiten zu seinem 1977-Zyklus. Die inhaltliche Begleitung besorgt eine umfassende Dokumentation der Berichterstattung über die RAF in deutsche Zeitungen und Zeitschriften zwischen 1967 und 1998 und eine archivarische Abteilung. Man kann gewiss einwenden, die Kuratoren hätten sich von der Kampagne gegen ihr Projekt zu sehr die Schneid abkaufen lassen. Sie haben sich auf das Terrain der Kunst zurückgezogen und das tapfer gerechtfertigt, indem sie dieser eine Vorreiterrolle bei der Verarbeitung der gesamtgesellschaftlichen Traumata zuschrieben. Diese Funktion der Kunst ist natürlich so wahr wie banal. Aber eine Beschränkung auf das Bild ist deswegen noch lange keine Tugend. Nur ist eine Ausstellung, zumal dann, wenn sie einen Nerv trifft, ohnehin keine hermetische Veranstaltung. Bisweilen wurde der Schau vorgeworfen, sie scheue die Debatte, die inhaltliche Auseinandersetzung – nur kam der Vorwurf meist im Rahmen dessen, dessen Mangel beklagt wurde: nämlich im Rahmen einer inhaltlichen Auseinandersetzung. So erweist sich wieder einmal: Das Wichtigste an einer solchen Ausstellung ist das, was drumherum passiert. Neue Galerie Graz, Sackstraße 16, 8010 Graz, www.neuegalerie.at Dauer: 26.06. - 28.08.2005 |
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