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| Raus aus Graz! |
| KULTUR Sommerzeit ist auch Kulturreisezeit. Die ganze Steiermark ist voll von lohnenswerten Ausstellungen und Festivals – abseits des Mainstreams. HERWIG HÖLLER, FRANZ NIEGELHELL und TIZ SCHAFFER |
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| Raus aus der Stadt. Kultur gibt es auch anderswo. Mitarbeiter des Falter haben sich einige Highlights der derzeitigen Kulturaktivitäten in der Steiermark angesehen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – wohl aber mit dem Anspruch, auf Qualität zu achten. Judenburg, Bruck und Radkersburg sind Stationen, in denen aktuell gerade sehenswerte Kulturaktivitäten laufen. Angesiedelt sind sie abseits der Eventionitis. Judenburg: Netzwerkknoten Judenburg ist für gewisse kulturelle Spielarten sicher eine empfindliche Stadt. Das behauptet zumindest Heimo Ranzenbacher, und der müsste es wissen. Immerhin führt er sein Medienkunstprojekt Liquid Music in eben jener Stadt seit 1998 durch. Jährlich werden an vier Tagen diverse Beiträge zu einer spezifischen medientheoretischen Thematik – im Spannungsfeld von Kunst, Sound und Visualität beheimatet – umgesetzt. Unter dem Titel Heimspiel auch am vergangenen Wochenende. Ranzenbacher ist sich der Problematik der relativen geografischen Isoliertheit der Kleinstadt sehr wohl bewusst. Gerade deshalb spielt für ihn das gedankliche Konstrukt der Community eine nicht unbedeutende Rolle. Wir versuchen Künstler öfters als einmal einzuladen, damit ein Bezug zur Stadt hergestellt wird. So wird in kleinem Rahmen versucht, den Heimatbegriff neu zu definieren. Diese künstlerische Heimat auch für einen tatsächlichen kreativen Akt zu nützen ist Ranzenbacher ein Anliegen: Es soll vermieden werden, dass Künstler einfach ihr Werk aufbauen und anschließend wieder verschwinden. Vielmehr soll sich die Arbeit vor Ort entwickeln. Die konzeptuelle Ausrichtung der Veranstaltung verlangt dies geradezu: Der Standort Judenburg soll nicht nur als globaler Netzwerkknoten thematisiert werden, sondern auch als substanzielle Quelle von Bewegung, Akustik und räumlicher Erfahrung dienen. Insofern versucht das Projekt die Utopie einer Identifikation der Stadt mit Liquid Music zu schaffen. Dieser Versuch wird möglicherweise scheitern, die konkrete Arbeit daran nicht. Denn diese erledigen renommierte Medienkünstler wie Alien Productions, Berliner Theorie, Joma Sounds oder Werner Jauk. Sie alle verbindet der äußerst elaborierte, multiperspektivische und theorielastige Zugang zu sämtlichen Quellen, die einer Kunstproduktion dienlich sein könnten. In diesem Fall handelt es sich bei der Quelle eben um Judenburg mit all seinen Ressourcen. So assoziierte das Projekt von Decker/Offenhuber die Bahnen von Satelliten mit den Bewegungen der Installationsbesucher und setzte diese in elektroakustische Signale um. Derart konnte man auf einem scheinbar unbedeutenden Fleckchen Erde Teil einer globalen Vernetzung werden. Wolfgang Temmel beispielsweise stattete einen Heliumballon mit einer Webcam aus. Der so sich entfernende Himmelsblick auf Judenburg wurde am Veranstaltungsort auf die Decke projiziert und führte somit zu einer perspektivischen Verwirrung. Verwirrt sind auch hin und wieder unbedarfte Besucher, bestätigt Ranzenbacher. Doch auch Senioren konnte man den Theoriekomplex bereits erfolgreich näher bringen. Aber abseits eines tieferen Verstehens ist es auch möglich, die Veranstaltung auf rein sinnlicher Ebene zu konsumieren. Die aktuelle Runde Heimspiel bot aufgrund der Fokussierung auf Sound/Musik ohnehin einige Anlässe. Die Soundexperimente/Installationen von Fränk Zimmer oder Michael Pinter sind sicher keine leichte Kost, an der Arbeit von Soundtüftlern wie Code Inconnu oder Rupert Huber von Tosca konnte auch das Pop gewohnte Ohr seine Freude haben. Beschaulicher und weniger gewöhnungsbedürftig geht es beim Judenburger Sommer – dem offiziellen Kulturfestival der Stadt – zu, das vom 21. bis zum 28. August stattfindet. Das hauptsächlich auf die Freuden der Musik konzentrierte Programm bietet alternative Rockmusik von beispielsweise Wedekind genauso wie Klassisches vom Wiener Kammerorchester (siehe unten). Bruck: gemalte Sprachkritik Betritt man das Kunstmagazin Hell in Bruck an der Mur, so sieht man sich einem Bild gegenüber, von dem anscheinend die Farbe herunterrutscht. walls, boards and papers nennt sich die Schau des in Wien lebenden Künstlers Klaus Dieter Zimmer. Gezeigt werden auch Bilder, die aus mit mechanischer Präzision nebeneinander gesetzten Farbstreifen bestehen. Die Arbeiten lassen in ihrer Gesamtheit keine Illusionen zu. Hier ist Farbe Farbe und nicht Mittel zur Darstellung einer Illusion. Es geht um das Verhältnis von Farbe und Farbträger, von Farbform und Bildform. Diese Verhältnisse sucht Zimmer auch in der realen Welt. Etwa auf von ihm fotografierten Lkws, die mit Farbstreifen auf ihren Containern wie dreidimensionale rollende Billboards anmuten. Und deren Motive für Zimmer Bezüge zu amerikanischer Malerei der Sechzigerjahre, etwa von Kenneth Noland, Robert Mangold, Morris Lewis oder Frank Stella, haben. Da sieht man sehr schön, dass die Malerei nicht erfunden werden muss, sondern dass die Malerei auch gefunden werden kann, wie Rainer Fuchs vom Wiener Museum moderner Kunst Zimmers Arbeiten beschreibt. Leinwand und Karosserieteile sind hier als Trägermedium gleichermaßen möglich. Ebenso wie die Galerienwand, auf der Zimmer einen der Streifen eines Lkws angebracht hat. Zimmer zeigt mit seiner sehenswerten Schau, dass ganz einfach scheinende Elemente vielschichtige Bedeutungen annehmen können. Sprachkritik mit Mitteln der Malerei. Radkersburg: ohne Handkuss Als Kulturhaus war das vom Artikel-VII-Kulturverein betriebene Pavelhaus/Pavlova hic´a in Laafeld/Potrna bei Bad Radkersburg zunächst als starkes Zeichen der steirischen Slowenen gedacht. Als das ehemalige Bauernhaus 1998 als Kulturhaus eröffnet wurde, war die politische Anerkennung der im Laufe des 20. Jahrhunderts nahezu verschwundenen Volksgruppe noch ausständig. Und obwohl die Volksgruppe rechtzeitig vor dem EU-Beitritt Sloweniens politisch anerkannt wurde, bleibt das Pavelhaus auch danach einer der raren Orte im Grenzgebiet, an dem tatsächlich mehrsprachig Grenzüberschreitendes passiert: Künstler, Politiker und Journalisten aus der Steiermark und aus Slowenien treffen auf die interessierte und engagierte Nachbarschaft aus Laafeld, die sich u.a. mit einem Pavelhaus-Chor volksmusikalisch einbringt. Neben einem musealen Raum, in dem in einer Dauerausstellung die Geschichte der steirischen Slowenen und anderer Minderheiten dokumentiert wird, setzt der Programmverantwortliche Michael Petrowitsch dabei auf zeitgenössische Kunst insbesondere slowenischer und exjugoslawischer Provenienz. So auch in der aktuell laufenden Ausstellung Personal spaces (Persönliche Räume), dem durchwegs gelungenen kuratorischen Erstlingswerk des makedonischen Künstlers Oliver Musovik. Zu sehen sind künstlerische Arbeiten, die auf unterschiedliche Weise illustrieren, bei welchen Distanzen Menschen einander (zu) nahe kommen und wo im künstlerischen und sozialen Raum Grenzen gezogen werden. Wissenschaftlich nüchtern etwa der Zugang von Laura Horelli: Ausgehend von der sogenannten Proxemik, einer vom amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall entwickelten Wissenschaftsdisziplin, die sich mit sozialen Distanzen beschäftigt, stellt die finnische Künstlerin intimen, persönlichen, sozialen und öffentlichen Abständen nach und dokumentiert mit Fotografien Situationen des Alltags, in denen die jeweilige Distanz zu beobachten ist. Ähnlich nüchtern, jedoch mit ironischer Brechung nähert sich der Wiener Jun Yang der Annäherung an. Im Genre grafisch reduzierter Safety-Cards, wie sie in Flugzeugen üblich sind, erklärt Yang neutrale Begrüßungsrituale in Europa und Asien. Explizit verboten: Handkuss, aber auch Aneinanderstoßen der Köpfe. Weniger der Alltag, sondern historische Vorlagen inspirierten hingegen die serbischen Künstlerinnen Danijela Mladenovic´ und Gordana Ilic´ bzw. ihren makedonischen Kollegen Robert Jankulovski. Ausgehend von einem Foto von Krankenschwester und Kranker am nüchternen Krankenbett, stellten die sich ähnelnde Mladenovic´ und Ilic´ in wechselnden Hauptrollen das Bild nach und bringen gekonnt eine sterile Krankenhausintimität zum Ausdruck. Jankulovski beschäftigte sich mit einem makedonischen Porträtfotografen der Dreißigerjahre und vergrößerte Blow up-beeinflusst Bildausschnitte, in denen derselbe Sessel unscheinbar abgebildet ist. Wobei vergrößerte Details am Rande wie etwa abgenütztes Kinderschuhwerk oftmals mehr aussagen als die unnatürlich inszenierten Gesten der Porträtierten. Grenzen von Kunst und Nichtkunst bzw. deren Überschreitungen stehen in weiteren Arbeiten im Vordergrund. Der Makedonier Dejan Spasovik versuchte im Rahmen seiner Eröffnungsperformance auch ihm Unbekannte zu umarmen, ein Verfahren, das als politische Wahlkampfperformance bestens bekannt ist, sein Kollege Igor Tos?evski markierte am Boden Grenzen, innerhalb derer alles zur Kunst erklärt werde. Eine für das Pavelhaus eigentlich redundante Geste. Klaus Dieter Zimmer: walls, boards & paintings. Kunstmagazin Hell, Herzog-Ernst-Gasse 5, 8600 Bruck/Mur. Bis 16. Juli. www.kunstmagazin.at Personal Spaces. Pavelhaus, Laafeld 30, Radkersburg, Dienstag bis Samstag 14 bis 18.30 Uhr. Bis 24. September. www.pavelhaus.at STEIRISCHE MUSIKFESTIVALS Warm anziehen! Das Steirische Kammermusikfestival blüht zu Unrecht etwas im Verborgenen: Doch was der Cellist Erich Oskar Huetter als künstlerischer Leiter und sein Bruder Holger als Organisator des Festivals (es findet zwischen 27. Juli und 11. September statt) an kleinen, aber feinen Kammermusikereignissen an oft ausgefallenen Orten in der südöstlichen Steiermark und in Graz auf die Beine stellen konnten, ist bemerkenswert. Nicht nur die Orte, sondern auch die Programmierung außerhalb üblicher Konzertrituale ist ungewöhnlich. So sind Abende mit dem Altenberg-Trio oder dem israelischen Geiger Hagai Shahan vorgesehen. Empfehlenswert auch der Abend mit einem Solocello (Reinhard Latzko) in der kleinen Kirche St. Johann und Paul hoch über Graz oder Konzerte mit Solotrompete (Rainer Auerbach) auf vier Stationen in und um Stift Rein, einer für Soloklarinette im kühl-feuchten Ambiente der Semriacher Lurgrotte, ein Improvisationsabend mit Künstlern aus Palästina im Grazer Teppichhaus Rohanyi; weiters Kammerkonzerte auf Burg Rabenstein und in vielen Schlössern und Kirchen von Radkersburg bis Deutschfeistritz. Konventionell mit Vivaldi, Mozart und Beethoven geht es zu bei den Konzerten der Pannonischen Philharmonie unter Alois J. Hochstrasser in der Leobner Stadtpfarrkirche (16. Juli) und im Leobner Stadttheater (19. Juli). Eine bemerkenswerte Mischung hingegen bietet der Judenburger Musiksommer, der am 21. August vom Grazer Studio Percussion eröffnet wird und in Richtung des gehobenen Poprock driftet. Unoriginell auch die Eröffnung der Neuberger Kulturtage an diesem Samstag (16. Juli) mit Beethovens Neunter im Neuberger Münster. Aber dann wird es mit Tzimon Barto und Stefan Vladar an zwei Klavieren, dem Geiger Julian Rachlin und seinen Freunden in Klavierquartettformation, Ernst Kovacic (Violine) und Patrick Demenga (Cello) doch noch interpretatorisch interessant. Prima la musica und Tage alter Musik sind touristisch bunt gemischte sommerliche Konzertangebote der oststeirischen Schlösserstraße und ihrer Umgebung. Da wird es ab 12. August in der wildromantischen Landschaft um St. Gallen schon wesentlich spannender: Hochkarätige Musiker (von Alexei Lubimov am Klavier bis zu Andres Mustonen an der Violine) und ein interessant abgemischtes Programm (von J.S. Bach, Franz Schubert über John Cage bis zu Schrammelmusik) sorgen für internationales Niveau. Herbstlicher Abschluss der steirischen Sommerkonzertreihen: das Brahms-Fest in Mürzzuschlag ab 14. September. Macht und Musik ist das Motto des anspruchsvollen Themenfestivals mit einem Eisler-Webern-Krenek-Programm im Schauerkogelhaus auf 2000 Meter Seehöhe. Nicht nur hier gilt: Warm anziehen! JOHANNES FRANKFURTER Info: www.grazerkonzertagentur.at www.neuberger-kulturtage.org www.brahmsmuseum.at www.festival.stgallen.at |
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