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AUF DEN KEKS GEN

ARBEITSPLATZ  Der Gerichtsmediziner analysiert DNA, die Pharmaindustrie verschenkt Genkekse

Der Gerichtsmediziner

Genetischer Fingerabdruck? Nein, man sollte besser von "DNA-Profiling" sprechen, sagt Richard Scheithauer, Vorstand des Instituts für Gerichtliche Medizin der Universität Innsbruck. Dort befindet sich das Österreichische DNA-Zentrallabor, eines der größten seiner Art in Europa. Präzisierungen und Richtigstellungen gehören für Scheithauer zum täglichen Brot, um volkstümliche und mediale Vorstellungen der Verbrechensbekämpfung durch genetische Methoden zu korrigieren.
So erhält das Zentrallabor keine personenbezogenen Daten; über diese verfügt allein das Innenministerium in Wien. Das genetische Material wird über den so genannten Barcode identifiziert. Die DNA stammt aus Mundhöhlenabstrichen (MHA), die den Verdächtigen mittels eines Stäbchens entnommen werden oder aus biologischen Spuren vom Tatort. Die untersuchten Abschnitte stammen aus dem so genannten nichtcodierenden Bereich, von dem sich – nächste Klarstellung – keine Rückschlüsse auf Krankheiten, Infektionen oder ähnliches ziehen lassen.
Neben der Anonymisierung hat die Verwechslungssicherheit oberste Priorität. Dies soll zum einen durch einen hohen Automatisierungsgrad erreicht werden. In der "Robotic Work Station" wird die DNA extrahiert und danach millionenfach vermehrt. War früher mindestens ein Drittel Blutstropfen notwendig, genügen heute dank der PCR-Technik (Polymerase Chain Reaction) winzigste Mengen an DNA. Um zum anderen auch die Fehlerquelle Mensch zu verstopfen, wird jeder Mitarbeiter während seiner Tätigkeit im sicherheitssensiblen bzw. verwechslungssensiblen Bereich von einem zweiten beobachtet. Für beide gilt absolute Schweigepflicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass bei dem untersuchten Abschnitt jemand die idente Sequenz hat, liegt mittlerweile oft (!) bei eins zu einer Milliarde (und geringer).
Apropos Statistik: Das DNA-Profiling ist keine reine Anwendung bereits entwickelter gentechnischer Verfahren, sondern erzeugt mittlerweile selbst neues Wissen. Anhand so genannter y-chromosomaler Polymorphismen, d.h. der statistischen Verteilung von genetischen Merkmalen, lassen sich zum Beispiel historische Migrationsbewegungen rekonstruieren. Nur die von Männern wohlgemerkt, aber die waren damals angeblich mobiler.

O.H.

Gentechnik-PR

Den Gentechnikstand "Frankensteins Küche" zu taufen wäre eine nette Provokation hier. Kein fern liegender Gedanke, wenn man mit diesem Ziel durch die Besuchermassen der Berliner Fressmesse "Grüne Woche" drängelt. Der Name "Genetic Diner" ist dagegen Augenwischerei. Von Flavour-Savour-Tomatensuppe schlürfenden Kleinbürgern keine Spur. Stattdessen gähnen mir drei Mitarbeiter von Novartis entgegen. Ob ich einen Maiskeks will. Vielleicht auch Informationen, wie genetisch veränderter Keksmais ohne Pflanzenschutzmittel angebaut wird. Oder Kaffee (leider nicht die Bohne gentechnisch), damit hier keiner einschläft.
Mittags sei mehr los, wird mir versichert. Den Ständen ringsum gehe es ähnlich. Man liege nun mal weit weg von den Haupteingängen. Ein Erfolg sei die Messebeteiligung auch so, meint Standchef Christian Schmidt-Egger. "In Umfragen lehnen 80 Prozent der Deutschen gentechnisch hergestellte Lebensmittel ab. Aber unsere Kekse isst praktisch jeder."
Die sind, im Gegensatz zu den meisten Schmankerln auf der Grünen Woche, gratis. Ja, das Preisargument. Für Schmidt-Egger war es "ein strategischer Fehler, dass gentechnisch veränderte Produkte nicht mit Kampfpreisen am Markt eingeführt wurden". Denn das war die Erwartung des promovierten Agraringenieurs und Wissenschaftsjournalisten, als er "Genetic Diner" vor gut zwei Jahren konzipierte.
Eben ist ein Schüler an den Stand gekommen. Ein paar Blätter für den Biologieunterricht, ein Genetic Cookie, und weg ist er. Wir sind wieder unter uns. Heute habe der Verbraucher in Deutschland praktisch keine Wahl, erklärt mir der Novartis-Mitarbeiter. Die Handelsketten nehmen kaum ein Produkt ins Sortiment, das genetisch veränderte Zutaten ausweist. Dass die meisten Lebensmittel längst mit gentechnisch erzeugten Enzymen verarbeitet werden, und zwar kennzeichnungsfrei, weil am Endprodukt nicht nachweisbar, wissen die wenigsten Verbraucher.
Die wissen nur, dass sie bei Gen-Food um ihre Gesundheit fürchten, auch wenn sie rauchend und mit 30 Kilo Übergewicht vor Schmidt-Egger stehen. Als Ernährungsberater und Aufklärer ("Die Leute wundern sich immer, warum die Kekse nicht anders schmecken") habe er noch viel zu tun. Doch für "Genetic Diner" ist es die letzte Messe.
Einige Hallen weiter spielt im Auftrag der Grünen das Clown-Duo Pawlo Theater. Vor zwei Jahren haben sie hier mit großem Lacherfolg bunten Mais geklo(w)nt. Diesmal wird es argumentativ. Der aalglatte Vertreter Gene Scrubbs aus Amerika will genetisch verändertes Saatgut loswerden. Bauer Karl Klarobst zögert. Das Interesse ist mäßig. Scrubbs bietet Passanten Tomatensaft an, "die neueste Errungenschaft aus Detroit", in Wahrheit ein Biosaft. Fast alle lehnen ab. Schließlich greift Klarobst zum Megafon: "Hallo, ich bin hier der Bauer. Es geht um Gentechnik, interessiert euch das überhaupt?"

STEFAN LÖFFLER

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