| Karrieren in Deutschland: Insidertipps für Jungforscher Alpenhohe Enttäuschung" - das sei alles gewesen, was ihm nach zwölf Jahren erfolgreicher Forschung als Nachwuchswissenschaftler geblieben sei, klagt Siegfried Bär im heureka!-Gespräch. Dem Biochemiker, der an einem Institut der Max-Planck-Gesellschaft dissertiert und in mehreren Laboratorien in Deutschland, Frankreich, den USA und an der ETH Zürich geforscht hatte, war sein Knechten in subalternen Positionen Anfang der Neunzigerjahre endgültig zu viel geworden. "Und das, obwohl mir das Forschen gut gefallen hat." Neben der schlechten Bezahlung und der unsicheren Zukunft hatte ihn vor allem geärgert, dass er all seine eigenen Forschungsleistungen mit den vorgesetzten Professoren teilen musste, obwohl die nichts dazu beigetragen hatten. Bärs Publikationen, die zum Teil in angesehenen internationalen Fachzeitschriften erschienen, mussten immer auch die Namen seiner Vorgesetzten als Koautoren aufweisen. "Das war ein Widerspruch", meint Siegfried Bär heute, "der mich zum Wahnsinn getrieben hat" - bzw. dazu, an den schlechterdings feudalen Wissenschaftsstrukturen gründlich Rache zu nehmen. Unter dem Pseudonym Siegfried Bär - hinter dem er bis heute seinen wahren Namen versteckt - veröffentlichte er 1992 das buchlange Pamphlet "Forschen auf Deutsch", eine gleich schonungslose wie satirische Abrechnung mit dem deutschen Wissenschaftsbetrieb. Vor allem aufgrund der hierarchischen Forschungsorganisation, so eine der Kernthesen Bärs, würden die deutschen Biowissenschaften lediglich Mittelmaß bleiben; und wissenschaftliche Karrieren seien eine Art Glücksspiel,besseres Roulette, wenn man so wolle, bei dem man mit bloßer wissenschaftlicher Leistung nicht wirklich weiterkomme. Entsprechend gibt der verkrachte Forscher in seinem "Machiavelli für Forscher - und solche, die es noch werden wollen" schonungslose Einblicke in den Forschungsalltag und wartet mit etlichen Insidertipps auf, wie man auf der wissenschaftlichen Karriereleiter schneller nach oben kommen kann. Zugleich enthält sein Buch aber auch etliche "ungebetene Vorschläge", wie man die deutsche Forschung durch Strukturreformen auf Vordermann bringen könnte - vor allem durch eine Enthierarchisierung und Entbürokratisierung der Forschungsorganisation. Nach der Publikation seines einschlägigen Bestsellers, der sich in drei Auflagen bislang rund 30.000 Mal verkaufte und auch in der deutschen Forschungspolitik einigen Staub aufwirbelte, kämpft Bär nun unter anderem als Wissenschaftsredakteur gegen Missstände in der deutschen Forschung an. Das von ihm mitherausgegebene Laborjournal. Das etwas andere Wissenschaftsmagazin, versteht sich als Interessenvertretungsorgan der ausgebeuteten Nachwuchsforscher. Der große Erfolg scheint ihm und seinen Redakteurskollegen Recht zu geben: Das Laborjournal, das demnächst auch in Österreich vertrieben wird, ist die bestverkaufte deutsche Fachzeitschrift in den Biowissenschaften. K. T. |
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Siegfried Bär: Forschen auf Deutsch. Der Machiavelli für Forscher - und solche, die es noch werden wollen. 3. überarbeitete Auflage. Frankfurt/Main. 1996 (Harri Deutsch Verlag) (orig. 1992). 168 S., öS 175,-. |
"Laborjournal. Das etwas andere Wissenschaftsmagazin" erscheint 10 Mal jährlich, kostet DM 40,- und kann unter www.laborjournal.com bestellt werden. |
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| Karrieren in Japan: Rigidität und Abhängigkeit Die Universitäten des deutschen Kaiserreichs waren um 1900 erklärtes Vorbild für die japanische Wissenschaftspolitik. Vor allem in Sachen Rigidität und Autoritarismus war man Deutschland bald ebenbürtig: Die Professorenschaft an Japans Universitäten herrschte unumschränkt und absolut; von den unteren Rängen wurde erwartet, sich zu fügen. Wer es hingegen geschafft hatte, sich die Gunst seines Professors zu sichern, der bekam auch meist gleich dessen Tochter als Draufgabe. Auch wenn die japanischen Universitäten in der Zwischenzeit längst zu Masseninstitutionen geworden sind - Paternalismus und Rigidität sind geblieben, vor allem was Karrieren und den akademischen Arbeitsmarkt angeht. Das bestätigt auch der US-amerikanische Anthropologe Samuel Coleman, der über mehrere Jahre hinweg japanische Biowissenschaftler in verschiedenen institutionellen Umfeldern beforscht hat. Die in "Japanese Science" untersuchten außeruniversitären Institute boten von Anfang an nur zeitlich begrenzte Positionen an; sie stellten aber oft auch die letzte Möglichkeit dar, um überhaupt Forschung betreiben zu können. Paradoxerweise waren das die besten Arbeitsbedingungen, die man als junger Biowissenschaftler Anfang der Neunzigerjahre in Japan vorfinden konnte - aber eben keine Zukunft. Doch ein Anspruch auf eine stabile Universitätsposition ließ sich nur schwer erkaufen. Tatsache ist, dass die öffentliche Forschung in Japan nach wie vor zum überwiegenden Teil von Universitäten bestimmt ist; mehr als 170.000 Wissenschaftlern in nationalen und privaten Hochschulen stehen gerade 20.000 Kollegen in öffentlichen Forschungslabors gegenüber. Gut 20 Milliarden Schilling werden dafür jährlich vom japanischen Unterrichtsministerium ausgegeben. Kaum jemand glaubt aber, dass es bei der Mittelvergabe mit rechten Dingen zugeht. Eine kleine Anzahl von mächtigen Professoren vor allem an der Universität Tokio, so wird gemunkelt, habe ihre Hände im Spiel. Verbindungen spielen auch bei der Postenvergabe eine wesentliche Rolle. Wer von außen kommt, hat es meist ebenso schwer wie als Frau - es sei denn, die Bewerberin ist Tochter, Ehefrau oder Assistentin eines bekannten Wissenschaftlers. Ausländer in pragmatisierten Positionen in staatlichen japanischen Universitäten sind eine allzu rare Spezies: Der Nachwuchs kommt beinahe ausschließlich aus den eigenen Reihen. Die Rekrutierungspyramide in japanischen Hochschulen steht also, wie auch in vielen kontinentaleuropäischen Ländern, auf einer denkbar schmalen Basis. Über die letzten Jahren hinweg wurde in einer Reihe von Initiativen versucht, die Mobilität von Wissenschaftlern zu erhöhen - etwa mit 10.000 neuen Post-Doc-Stellen oder dadurch, dass neue Forschungsinstitutionen oft nur noch zeitlich begrenzte Verträge anbieten. Diese neue Mobilität ist indes nicht ohne Gefahr: Junge Nachwuchswissenschaftler sind nach dem Ende solcher zeitlich begrenzter Jobs erst recht wieder auf der Suche nach einer stabilen Position in einer nationalen Universität - und damit neuerlich auf die Hilfe eines Mentors angewiesen. Das bedeutet aber meist nichts anderes als eine Zuspitzung der paternalistischen Abhängigkeitsverhältnisse. |
| Samuel Coleman: Japanese Science: From the Inside. London 1999 (Routledge). 214 S., £ 55, |
| Wissenschaftlerbuch: Forscherporträts Seine Karriere als Wissenschaftler ist mehr als außergewöhnlich - und auch typisch für das zu Ende gegangene "Jahrhundert der Extreme" (Eric Hobsbawm). Der 1914 in Wien geborene Max Perutz sah sich 1936 gezwungen, Österreich zu verlassen, weil er als Jude an der Universität unerwünscht war. Er emigrierte, studierte in Cambridge, wurde in seiner Wahlheimat während des Krieges als Deutscher verbannt. Dennoch machte er eine blendende Karriere, die 1962 mit dem Nobelpreis für Chemie gekrönt wurde. Über sein eigenes Leben macht Perutz in seiner Aufsatzsammlung nicht viel Aufhebens. Stattdessen widmet sich der schreiberisch versierte Chemiker und Molekularbiologe, der auch als 86-Jähriger noch fast täglich im Labor anzutreffen ist, seinen prominenten Kollegen - von Fritz Haber über Lise Meitner bis Carl Djerassi. Neben diesen lebendigen Forscherporträts bietet der Band mit dem schönen Titel "Ich hätte Sie schon früher ärgern sollen" aber auch ganz grundsätzliche Gedanken über die Welt und die Wissenschaft. K. T. |
| Max Perutz: Ich hätte Sie schon früher ärgern sollen. Aufsätze über Wissenschaft, Wissenschaftler und die Menschheit. Aus dem Englischen von Ursula Derx. Purkersdorf 1999 (Brüder Hollinek). 304 S., öS 450,-. |
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nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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