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STUDIEREN IM CYBERSPACE

UNIVERSITÄT & INTERNET Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien führen zu tief greifenden Veränderungen im Verwaltungs- und Lehrbetrieb der Universitäten. Kommt nach dem E-Commerce nun auch das globale Edu-Commerce? KLAUS TASCHWER

Virtuelle Unis
Interview mit Sigurd Höllinger

Das Internet macht manches möglich. So kann man sich seit kurzem auf der Homepage der Wirtschaftsuniversität unter der Adresse http://wu-wien.ac.at/wufoto/ darüber informieren, wie lange gerade die Schlange der Studierenden ist, die sich im Seminarraum D 0.9 anstellen, um sich an Terminals automatisch fotografieren zu lassen. Was auf den ersten Blick wie eine studentische Ulk-Variante von "Big Brother" anmutet, ist in Wirklichkeit ein zusätzliches Service bei der möglichst reibungslosen Einführung des zurzeit modernsten europäischen Universitätsverwaltungssystems.

Alle 22.000 Studierenden der WU (http://www.wu-wien.ac.at), die damit auch die größte Wirtschaftsuniversität des Kontinents ist, erhalten nämlich neuartige Ausweise in Chipkartenform, die das Unileben nachhaltig verändern werden: So können die Studierenden der WU künftig nicht nur alle An- und Abmeldungen zu Lehrveranstaltungen, Anmeldungen zu Diplomprüfungen oder Notenabfragen von wo aus auch immer per Handy oder PC durchführen; der Gratisausweis ermöglicht noch ganz andere Dinge wie die automatische Sichtvermerkserstellung, den Ausdruck sensibler Dokumente oder den Zutritt zu WU-Computern rund um die Uhr. 365 Tage im Jahr.

Warum ausgerechnet die Wirtschaftsuniversität das modernste Universitätsverwaltungssystem Europas erhält, hat mehrere Gründe. Hans Robert Hansen ist einer davon. Mit echtem Understatement verweist der reformfreudige Rektor im Interview aber auch auf die beschränkte Personalausstattung, die schlechterdings dazu gezwungen habe, dass sein Haus derartig innovative Wege einschlug: "Während an Österreichs Unis im Schnitt auf einen Verwaltungsbediensteten 28 Studierende kommen, sind es an der WU 68. Das zwingt zu größtmöglicher Effizienz", so Hansen, der weiterhin seine Einführungsvorlesung für Wirtschaftsinformatik abhält.

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien verändern natürlich nicht nur die Verwaltung, sondern auch die Lehre in beträchtlichem Ausmaße. In den Möglichkeiten, die das Internet bietet, sieht Hansen aber weniger einen Ersatz als eine Ergänzung zu den traditionellen Lehrveranstaltungen: von ihm und seinen Kollegen werden im Internet vor allem Querverweise, Hintergrundinformation und Vertiefung der Lehrinhalte angeboten - demnächst auch im internationalen Verbund: Die WU hat sich erst kürzlich mit zahlreichen europäischen Top-Universitäten zusammengetan, um eine Internet-Plattform zu entwickeln, eine Art "Börse für das Wissen von Spitzenunis".

Die Vereinigten Staaten sind - wie immer in Sachen Universität und Kommunikationstechnologien - um einiges weiter als Europa. Dort gibt es bereits Hochschulen, die überhaupt bloß mehr in virtueller Form existieren oder künftig nur noch aufs Internet setzen, wie die University of Phoenix (http://www.uophx.edu/). Nahezu alle US-Universitäten sind jedenfalls längst dabei, elektronische Curricula zu entwickeln und zum Teil auch schon anzubieten. Ausschließlich auf Internet-Basis einen Master of Science zu machen, ist inzwischen nicht nur am Institut für Informationstechnologie der New York University möglich, sondern auch an etlichen anderen Uni-Departments des Landes.

Eine der zurzeit führenden Internet-Universitäten ist die University of California at Los Angeles (UCLA: http://www.ucla.edu/), wo nicht nur Netz-verwandte Fächer aus dem Bereich Computerwissenschaften, sondern auch schon etliche Geisteswissenschaften und die Mathematik via Internet studiert werden können - interaktiv, mit permanenter Betreuung durch die Professoren und in Klassen von höchstens 20 Studierenden, wie man hervorzuheben bemüht ist. Für diese, selbstverständliche weltweite Vermarktung des Lehrangebots sorgt im Fall der UCLA im Übrigen die Privatfirma Online Learning. Amerika, hast du es besser?

Dieser Trend in Richtung globales Edu-Commerce bzw. zur weiteren Kommerzialisierung von Wissen scheint angesichts der rasanten Entwicklungen an zahlreichen US-amerikanischen Unis unumkehrbar: So wird die bereits erwähnte E-University of Phoenix bereits an der Börse gehandelt. Wenn in den kommenden zehn Jahren tatsächlich, wie geplant, 200.000 Studierende weltweit ihr digitales Angebot nützen sollten, dann könnte das für die Aktionäre tatsächlich zu einem guten Geschäft werden.

Doch auch erste Aktivitäten gegen die buchstäbliche Vermarktung von Wissensinhalten an virtuellen Universitäten zeichnen sich bereits ab: Ähnlich wie bei der digitalen Voraussetzung all dieser Entwicklungen - der Computersoftware bzw. der Betriebssysteme - sind die ersten Kritiker gegen die reine Profitmaximierung auf den Plan getreten: So will der 35-jährige Milliardär Michael Saylor immerhin 100 Millionen Dollar in die Hand nehmen, um eine virtuelle und gebührenfreie Universität für alle Bürger dieser Erde zu errichten - vorausgesetzt, sie verfügen über einen Internet-Anschluss.

Verglichen dazu nehmen sich die 100 Millionen Schilling, die das Wissenschaftsministerium für eine Internet-Offensive an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen ausgeben will, etwas bescheiden aus.

Mit dem eben veröffentlichten "Handbuchfür Neue Medien in der Lehre an Universitäten und Fachhochschulen" will das Ministerium jedenfalls die organisatorischen Rahmenbedingungen für diese Lehr-Innovationen abstecken: So ist unter anderem daran gedacht, Synergien zwischen den inhaltlichen Kompetenzen der Universitäten und dem technischen Know-how der Fachhochschulen herzustellen.

Wohin das alles geht - in Österreich und in der Welt - ist noch nicht wirklich absehbar. Die Gefahr einer Kolonialisierung durch virtuelle Universitäten aus den USA ist für WU-Rektor Hans Robert Hansen nicht wirklich begründet. Er weist darauf hin, dass eine Kooperation US-amerikanischer Universitäten an der Westküste zur Gründung einer Cyber-Universität erst kürzlich gescheitert sei. Die Prognose des Wirtschaftsinformatikers: "Auch im Zeitalter des Internet wird ausschließliches Fernstudieren die Ausnahme bleiben."

       

Nach den US-amerikanischen Unis beginnen nun auch in Europa immer mehr Universitäten mit Netzaktivitäten, um so zum "Global Player" zu werden. Neben den traditionellen Fernuniversitäten wie die Open University in London oder die Fernuniversität Hagen ist z.B. auch die ETH Zürich dabei, sich über das Netz "auszudehnen". Mehr über die Ziele dieses Projekts und sein Budget gibt es unter http://www.ethworld.ethz.ch/project/doc.html.
In Deutschland gibt es auf regionaler Ebene mehrere Zusammenschlüsse auf virtueller Basis wie den Virtuellen Hochschulverbund Karlsruhe (ViKar).
Initiativen gibt es aber auch auf "disziplinärer" Ebene. So will die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) mit einem innovativen Ausbildungsmodell einen neue Wege in der Wissensvermittlung beschreiten. Die GDCh arbeitet am Aufbau eines vernetzten Studiums, bei dem das Internet als Plattform für eine schnelle, aktuelle und modulare Wissensvermittlung dienen soll.
Wie aber sollen die virtuellen Universitäten achitektonisch aussehen? Ein internationales Fernlern-Seminar unter dem Titel "Towards the University of the 21 Century" beschäftigt sich mit dieser spezifischen Problematik.

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