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BUCHREZENSIONEN

ZUM THEMA Leben im 21. Jahrhundert | Genetic-Fiction | Neuerscheinungen | Buch & Symposion

Leben im 21. Jahrhundert: Das Gehirn herunterladen
Der vollautomatisierte Chirurg öffnet ihre Schädeldecke und trägt mit einer hoch empfindlichen Apparatur Schicht für Schicht ihres Gehirns ab. Ihre chemisch-neuronale Struktur wird in ein digitales Programm übersetzt, das auf den bereits wartenden Roboter heruntergeladen wird. Während sich ihr Kopf leert und ihr Körper schließlich stirbt, kann sich ihr "Geist" in der neuen Hülle erst so richtig entfalten.
Mit dieser radikalen Technoutopie erregte der aus Österreich gebürtige Hans Moravec bereits vor über zehn Jahren die Gemüter. Mit "Computer übernehmen die Macht" legt der Direktor des Mobile Laboratory der Carnegie Melow University in Pittsburg nun nach. Moravec, der sich in seinem Forscherleben mit der Entwicklung von Haushaltsrobotern zufrieden geben muss, geht letztlich von der Unvermeidlichkeit dieser Entwicklung aus, vertritt also einen "historischen Computer-Materialismus". Das einzige geschichtsmächtige Prinzip ist die exponentiell sich beschleunigende Rechengeschwindigkeit, der der Mensch nichts mehr entgegenzusetzen haben wird. Die überlegene Spezies wird sich durchsetzen. Inhaltlich ließe sich dagegen sehr viel einwenden. Die Rechenleistung eines Computers, die auf 0-1-Verbindungen basiert, lässt sich nicht ohne Weiteres mit der Informationsverarbeitungsleistung des Gehirns vergleichen. Was wäre bei Letzterem Soft-, was Hardware? Aber lassen wir diese Nebensächlichkeiten. Noch interessanter ist nämlich das zugrunde liegende Denken, dass in seiner Leibfeindlichkeit die katholische Kirche um Längen schlägt.Nichts ist überflüssiger im Cyberspace als Arme, Beine und Sexualorgane. Man kann ja alle Erfahrungen beliebig simulieren, sich an ferne Wirtskörper anschließen, während "man selbst" mit einem Kubikzentimeter Raum auskommt. Diese Technoträume erweisen sich somit als säkularisierte Unsterblichkeitsfantasien, die der Seele einen sicheren Hafen bieten, jenseits seiner leiblichen Existenz.
Was bleibt vom Menschen", fragt auch Ray Kurzweil im Untertitel seines "Homo S@piens". Wie Moravec versteht der US-amerikanische Computerpionier Kurzweil die technologische Entwicklung als Fortsetzung der Evolution. Unsere Neuronen und Synapsen, platzfressende Kohlenstoffverbindungen, werden durch viel schnellere Siliziumchips ersetzt. Im Laufe des 21. Jahrhunderts werden Mensch und Maschine zunehmend miteinander verschmelzen. Diese Wesen sind in einer völlig vernetzten Welt nicht mehr an die Lokalität einer Prozessoreneinheit gebunden. Auch hier wird also der Geist von seiner allzu menschlichen Hülle befreit. Kurzweil macht, was die Lesbarkeit des Buches angeht, seinem Name übrigens alle Ehre. Flüssig und anekdotenreich erzählt, schließt jedes Kapitel mit einer Diskussion zwischen einer fiktiven Leserin und dem Autor (quasi-interaktiv!), um offen gebliebene Fragen anzusprechen und in einer Zeitreise die kommenden Entwicklungen zu kommentieren. Spätestens um das Jahr 2020, da liegen Moravec und Kurzweil mit ihren Prognosen gleichauf, werden die Bit-Monster die "Rechenleistung" des menschlichen Gehirns erreichen. Sehen wir uns also vor! O. H.


Hans Moravec:
Computer übernehmen die Macht. Vom Siegeszug der künstlichen Intelligenz.
Hamburg 1999 (Hoffmann und Campe). 352 S., öS 364,- .

Ray Kurzweil:
Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert - Was bleibt vom Menschen.
Köln 1999 (Kiepenheuer & Witsch). 508 S., öS 364,-

         

Genetic-Fiction: Zauberwort Seele
Wien, November 2026. Trotz globaler Erwärmung schneit es. Mit der überraschenden vorweihnachtlichen Idylle kann der Hacker Leo allerdings nur wenig anfangen: Er erfährt, dass er das Ergebnis einer anonymen Ei- und Samenspende ist. Auf seinen nächtlichen Fahrten durch den Cyberspace entdeckt er aber auch, dass nicht nur an seiner Abstammung, sondern auch an seiner schwangeren Frau Petra manipuliert worden war. Der genetischen Analyse zufolge sind sie Geschwister. Wenig später ist Leo tot. Als Petra und der Klatschreporter Sharkey versuchen, die Hintergründe des vermeintlichen Mordes aufzuklären, stoßen sie auf ein geheimes Selektionsprogramm krimineller Reproduktionsmediziner. Für die beiden beginnt damit aber auch eine Suche nach ihrer eigenen verlorenen Identität.
Eingebettet in eine handlungsreiche Kriminalgeschichte, erzählt Adrian Mathews eine Geschichte von der Individualität im Zeitalter ihrer biotechnischen Reproduzierbarkeit. Alte Konzepte vom Warencharakter des Menschen bekommen in seinem zweiten Roman "Wiener Blut" eine neue Gestalt: Für sie werden Gefühle der unverwechselbaren Identität und das Verfügungsrecht über den eigenen Körper geopfert. Dem hält der Autor die tiefe Sehnsucht nach Unversehrtheit und individueller Selbstbehauptung entgegen: "Früher konnte man noch glauben, dass der Körper einem selbst gehört, aber jetzt nicht mehr. Sie sind in diesen kleinen Tempel eingebrochen. Deshalb brauche ich das Wort ,Seele'. Mein Zauberwort. Es sagt mir, dass ich existiere."
Wien als Ort der Handlung ist immer präsent. Die Architektur, die Berühmtheiten und Absurditäten der Stadt greifen in die zukünftige Gegenwart über und geben dem Roman eine eigentümliche Färbung aus urbaner Düsternis und klinischer Kälte. Zwischen Karl-Marx-Hof und Hundertwasserhaus entspannt sich eine Dystopie, in der die Eugenik zum Brennpunkt korrupter Politik, durchgeknallter Wissenschaft und Geschäftemacherei wird.
Adrian Mathews, der in Paris englische Literatur lehrt, hat den Schauplatz seines Bio-Thrillers mit Bedacht gewählt: Autoritäre Traditionen haben hier trotz oder gerade wegen aller Verdrängung und Vergesslichkeit überdauert. Im Roman ist die Politik wieder auf dem besten Wege, zur angewandten Biologie zu werden. Modernste Züchtungstechnologien stehen im Dienste archaischer Reinheitsfantasien. Die reinen Gene, die reine Nation - glänzende Aussichten. F. G.

Adrian Mathews:
Wiener Blut.
Aus dem Englischen von Chris Hirte. Frankfurt/Main 2000 (Eichborn). 381 S., öS 291,

         

Neuerscheinungen: Stanislaw surft nicht
Das digitale Zeitalter macht das klassische analoge Medium nicht obsolet. Gerade die technologischen Umbrüche generieren jede Menge Bücher zum Thema Zukunft.
"Fragen an das 21. Jahrhundert" stellt Ö1-Wissenschaftsredakteur Martin Bernhofer, mehr als vierzig deutschsprachige Autoren antworten mit kurzen Essays. Es sind dies überwiegend Wissenschaftler wie der Demograph Rainer Münz oder der Molekularbiologe Jens Reich, die aus der Perspektive ihrer jeweiligen Disziplin den Vorhang vor der Zukunft zu lüpfen suchen. Aber auch Hermann Beil, Claus Peymanns Dramaturg, darf über das kommende Theater räsonnieren. Der Ton ist insgesamt eher ein belehrend akademischer. Bert Beyers lässt weniger die distanzierten Zukunftsanalytiker als die "Die Zukunftsmacher", sei es bei Greenpeace oder MercedesChrysler, zu Wort kommen. Geboten werden nicht nur Überlegungen zum Brennstoffzellenauto, zur Telearbeit und der Zukunft der Megacities, sondern auch über dreißig zum Teil recht gelungene Porträts: von Managern, die die Dienstleistungsgesellschaft wie ein Evangelium predigen, oder dem alternden Stanislaw Lem, der aus Angst vor Viren die Finger vom Netz lässt. Beide Titel sind "Nebenprodukte" von Hörfunkreihen, wobei die Vielfältigkeit der Beiträge mitunter etwas beliebig wirkt. Eine geschlossene Synthese wollen sie bewusst nicht leisten.
Das tut - eher unbewusst - Hans-Jürgen Warnecke. Sein "Projekt Zukunft" fällt aber denkbar eindimensional, weil einseitig technologisch orientiert, aus. Die Autoren sind Wissenschaftler der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft, die mit zahlreichen Instituten in der angewandten Forschung tätig ist. Die Wissenschaft scheint nur neue, leistungsstarke Präzisionsprodukten wie einem fasergekoppelten Hochleistungsdiodenlaser oder druckfähigen ferroelektrischen Dünnschichtwalzen hervorzubringen. Man kann sich des Eindrucks der "Industriefreundlichkeit" nicht erwehren.
Offener und spannender ist im Vergleich dazu das "Abenteuer Zukunft" von Eirik Newth. Der Norweger wendet sich eher - aber nicht nur - an jugendliche Leser. Seine Tour d'Horizon in das dritte Jahrtausend wirkt dabei viel sachlicher und weniger zukunftsverzückt als ein Großteil der einschlägigen Literatur für Erwachsene.
Das ist gut erzählt, nicht von oben herab gesprochen, Raterei, die auf Wissen beruht, wie Newth die Futurologie definiert. Das lässt hoffen. Auf die Zukunft des Buches.

Martin Bernhofer (Hg.):
Fragen an das 21. Jahrhundert.
Wien 2000 (Zsolnay). 359 S., öS 291,-
Bert Beyers:
Die Zukunftsmacher. Denker, Planer, Manager des 21. Jahrhunderts.
Frankfurt/Main, New York 1999 (Campus). 258 S., öS 254,-
Hans-Jürgen Warnecke (Hg,):
Projekt Zukunft. Die Megatrends in Wissenschaft und Technik.
Köln 1999 (vgs). 191 S., öS 364,-
Eirik Newth:
Abenteuer Zukunft. Projekte und Visionen für das 3. Jahrtausend.
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. München/Wien 2000 (Hanser). 311 S., öS 291,-

         

Buch & Symposion: Brave neue Welt?
Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Mit dieser Paraphrase auf den berühmten Aufsatz von Walter Benjamin brachte Carl Djerassi, der aus Österreich gebürtige "Vater der Antibabypille", kürzlich jene Zustände auf den Punkt, die durch medizinisch-technische Fortschritte in Sachen menschlicher Fortpflanzung möglich wurden. Zwar müssen nach wie vor Körpersäfte ausgetauscht werden, um die Reproduktion sicherzustellen; dass dazu auch zwei Personen in lustvollen Kontakt treten müssen, ist dafür jedoch längst keine notwendige Bedingung mehr.
Dieser sowohl sexologisch, soziologisch wie auch politisch brisanten Thematik hat sich der britische Evolutionsbiologe Robin Baker in seinem neuesten Buch angenommen. Ähnlich wie sein provokanter Bestseller "Krieg der Spermien" birgt auch "Sex im 21. Jahrhundert" ein gehöriges Erregungspotenzial: Anhand von sehr konkreten Bespielen versucht Baker nämlich vorwegzunehmen, was uns in den kommenden Jahren sexuell so bevorstehen könnte: "Reproduktionsrestaurants" zur Auswahl des Partners für den idealen Nachwuchs, Klonierungen desselben, Leihhoden, -eierstöcke und -mutterschaften etc., etc. Die bezeichnende Überschrift des letzten Abschnitts: "Aber wo bleibt der Spaß?",lässt befürchten, dass da eine keusche, brave neue Welt auf uns zukommen könnte.
Robin Baker wird demnächst auch live in Österreich zu erleben sein - und zwar als Vortragender am Ars Electronica Symposion in Linz, wo man im Vorjahr von den neuen Medien ganz auf die "Life Sciences" umsattelte. Das Motto des heurigen Festivals lautet "Next Sex" und will ebenfalls - so der präzisierende Untertitel - dem "Sex im Zeitalter seiner reproduktionstechnischen Überflüssigkeit" nachgehen. Multimedial, versteht sich. Was fürs Erste doch recht vielversprechend klingt. Wir werden jedenfalls weiter darüber berichten. K. T.

Robin Baker:
Sex im 21. Jahrhundert. Der Urtrieb und die moderne Technik. .
Aus dem Englischen von Friedrich Giese. München 2000 (Limes). 414 S., ohne jede Abbildung, öS 291,-
Das Ars Electronica Symposion "Next Sex" findet am 3. und 4.9. im Brucknerhaus Linz statt. Infos unter www.aec.at/nextsex

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