| DIE SKEPSIS WÄCHST | © heureka 5/00 zur Übersicht |
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Seit mehreren Jahren lässt die Europäische Union ermitteln, was ihre Bürger über Wissenschaft wissen und wie sie neue Technologien beurteilen.Die neueste Umfrage hat einen historischen Tiefstand bei der Zustimmung der Europäer zur Gentechnik ergeben.Doch nicht nur die Gentechnik, auch die Gentechnik-Umfragen sind umstritten. Von Klaus Taschwer Buchempfehlungen Und was wissen Sie?
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Man macht es uns Österreichern nicht leicht, zu einem besseren Verständnis für die Gentechnik zu gelangen. So hat man bei den eben erst geschlagenen steirischen Landtagswahlen auf großen Plakaten nicht nur für eine drogenfreie, sondern gleich auch für eine gentechnikfreie Steiermark geworben. Ob jene Partei, die mit diesem Slogan warb, auch aufgrund dieser Plakate die Wahl verloren hat, darf allerdings bezweifelt werden. Denn Österreich ist nach wie vor eines jene Länder, in dem man der Gentechnik und die Biowissenschaften besonders skeptisch gegenüber steht. Doch nicht nur die öffentliche Akzeptanz der Gentechnik, auch das Wissen der Österreicher über die Gene und gentechnische Veränderungen scheint einigermaßen verbesserbar: Bei der EU-weit durchgeführten Umfrage zum Thema Biotechnik im Jahr 1996 wussten gerade einmal 33,5 Prozent unserer Landsleute, dass die Aussage "Normale Tomaten enthalten keine Gene, während genetisch veränderte Tomaten Gene enthalten", nicht korrekt ist. Die Österreicher waren damit keine ignorante Ausnahme. Bei der jüngsten Umfrage 1999 glaubten immerhin auch 41 Prozent der Deutschen und 40 Prozent der Franzosen, dass normale Tomaten genfrei seien. Einzig in den Niederlanden, dem Ursprungsland der berüchtigten roten Wasserbomben, wusste man es besser: 60 Prozent tippten dort richtig, 30 Prozent gaben "weiß nicht" an und nur 10 Prozent lagen falsch. Seit dreißig Jahren werden mit so genannten Eurobarometer-Umfragen die Einstellungen der EU-Bürger zu allen möglichen Dingen abgefragt - von der generellen Haltung zur Union oder zu ihrer Erweiterung bis hin zu den Kenntnissen bzw. zur Akzeptanz von Wissenschaft und Technik. Vor zehn Jahren haben die Bürokraten in Brüssel ein besonders kontroversielles Untersuchungsfeld entdeckt: die Biotechnologie, die 1999 bereits zum vierten Mal EU-weit untersucht wurde. Diese aktuelle Untersuchung, für die 16.082 EU-Bürger befragt wurden, hat einen historischen Tiefstand bei der Zustimmung für die Gentechnik gebracht. Erstmals lehnte eine Mehrheit von 53 Prozent gentechnisch verändertes Essen ab - während es bei der vorletzten Befragung 1996 nur 39 Prozent gewesen waren. 34 Prozent sprachen sich gegen Landwirtschaft mit genetisch veränderten Pflanzen aus (1996: 21 Prozent). Aber auch bei der so genannten "roten Gentechnik" - also bei ihren medizinischen Anwendungen - kam es in den vergangenen Jahren zu einem Vertrauensschwund: Die Zustimmung zu Gentests in der Medizin sank von 56 auf 51 Prozent, zur Genetik in der Medizin von 48 auf 40 Prozent. Waren die Österreicher mit ihren Ablehnungsraten 1996 noch gewissermaßen Europameister, hat sich das Bild im Vorjahr etwas verschoben: Während die Skepsis hierzulande nicht weiter anstieg, ist sie in anderen Ländern wie etwa Großbritannien stark gewachsen - Europa hat sich Österreich angenähert. Leicht verbessert hat sich der Wissensstand der Österreicher im Vergleich zu 1996, wenngleich wir mit unseren Kenntnissen nach wie vor im letzten Drittel der EU grundeln - gemeinsam mit den Griechen, Portugiesen, Spaniern und Iren. Da drängt sich nun eine entscheidende Frage auf: Hat das Nicht-Bescheid-Wissen in Sachen Wissenschaft auch etwas mit einer negativen Haltung gegenüber Wissenschaft zu tun? Die Annahme, dass dem so sei, stand jedenfalls am Beginn aller Aktivitäten in Sachen Public Understanding of Science (PUS): In guter aufklärerischer Manier war man davon ausgegangen, dass in der Bevölkerung ein großes Wissensdefizit herrsche, das man mit mehr Vermittlung von Wissenschaft beseitigen könnte. Und wenn die Leute dann erst mehr über Wissenschaft wüssten, dann wären sie ihr auch gleich viel positiver gesonnen. Dieses so genannte "Defizit-Modell" ist mittlerweile diskreditiert, wie Helge Torgersen auch anhand der jüngsten Eurobarometer-Umfrage zeigen kann. "Die Frage, ob höheres Wissen mit größerer Akzeptanz verbunden ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten", meint der promovierte Molekularbiologe, der am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Akademie der Wissenschaften forscht. Zwar finde sich 1999 die positivste Bewertung der Gentechnik in Schweden, wo auch der Wissensstand hoch ist. Großbritannien dagegen weise bei relativ hohem Wissen die geringsten Unterstützungswerte auf. Und auch in Dänemark gehen hohe Werte für Wissen mit geringer Unterstützung einher. Dieses Auseinanderfallen von Wissen und Akzeptanz zeigt sich indes nicht nur im europäischen Ländervergleich, sondern auch bei einer Auswertung nach dem Bildungsgrad der Befragten. So hat man - übereinstimmend in Europa und den USA - festgestellt, dass die Ablehnung der Gentechnik vor allem unter Akademikern mit einem höheren Informationsstand gestiegen ist. Dabei ist aber auch zu berücksichtigen, so Torgersen, dass höheres Wissen mit weniger "Weiß nicht"-Antworten einhergehe, d.h. die Deklarierung einer Meinung (positiv wie negativ) steige. Die Zweifel am Defizit-Modell gehen noch viel weiter. In den letzten Jahren ist auch an den Eurobarometer-Untersuchungen selbst Kritik geäußert worden. So bemängelt die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt, die sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft beschäftigt, dass bei solchen Umfragen die Öffentlichkeit bloß als ein Aggregat atomisierter Individuen begriffen werde. Zudem werde bei den Wissensfragen der Eindruck vermittelt, dass es in der Wissenschaft immer nur unumstrittene Erkenntnisse gäbe - was gerade im Bereich der Gentechnik so nicht stimme. Tatsächlich ist etwa die Frage, ob das Klonen von Lebewesen vollkommen identische Nachkommen hervorbringe, wissenschaftlich nicht wirklich geklärt. Der Wissenschaftsforscher Brian Wynne, der die britischen PUS-Aktivitäten von Beginn an kritisch verfolgte (siehe S. 16-17), schließlich gibt zu bedenken, dass es viel wichtiger wäre, wenn die Allgemeinheit neben dem Textbuchwissen mehr über die Methoden der Forschung wissen würde - und was sie realistisch erreichen kann. Zudem solle jeder etwas davon verstehen, "wie Wissenschaft organisiert ist, wie Erkenntnisse in Vorschriften übersetzt werden, welche Interessen es überhaupt gibt", so Wynne. Denn: "Die Leute haben kein Problem damit, dass Wissenschaft kommerziellen und politischen Zwecken dient. Aber sie wollen, dass diese Interessen transparent gemacht werden." Franz Seifert und Helge Torgersen: Einstellungen zur Bio- und Gentechnologie in Österreich. Ergebnisse einer repräsentativen Meinungsumfrage nach dem Eurobarometer 39.1, in: SWS-Rundschau, 3/1996, S. 47-72. John Durant, Martin W. Bauer und George Gaskell (Hg.): Biotechnology in the Public Sphere. A European Sourcebook. London 1998 (Science Museum). 320 S., £ 22.95. George Gaskell u.a. (2000): Biotechnology and the European public, in: Nature Biotechnology, Vol. 18, Nr. 9, S. 935-938. Und was wissen Sie? Testen Sie Ihre biowissenschaftlichen Kenntnisse an den zehn Wissensfragen der Eurobarometer-Untersuchung: 1. Es gibt Bakterien, die von Abwasser leben. 2. Normale Tomaten enthalten keine Gene, während genetisch veränderte Tomaten Gene enthalten. 3. Das Klonen von Lebewesen bringt vollkommen identische Nachkommen hervor. 4. Wenn ein Mensch eine genetisch veränderte Frucht isst, können sich seine Gene auch verändern. 5. Viren können durch Bakterien verseucht werden. 6. Hefe, die zum Bierbrauen verwendet wird, besteht aus lebenden Organismen. 7. Es ist möglich, in den ersten Schwangerschaftsmonaten herauszufinden, ob ein Kind mongoloid sein wird. 8. Genetisch veränderte Tiere sind immer größer als gewöhnliche Tiere. 9. Über die Hälfte der menschlichen Gene sind identisch mit denen von Schimpansen. 10. Es ist unmöglich, tierische Gene auf Pflanzen zu übertragen. Zur Auflösung |
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