THEATERWISSENSCHAFT © heureka 5/00
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Fragestellung. Theater ist als Kulturgut anerkannt. Wissenschaft nur bedingt. Was aber ist von Wissenschaft im Theater zu halten? Zwei aktuelle Stücke, Carl Djerassis "Oxygen" und "Copenhagen" von Michael Frayn, bringen die Wissenschaft auf die Bühne. Gelingt das Experiment?

Von Stefan Löffler

Forschungsstand. Wissenschaftler - und besonders solche im Zwiespalt - haben Tradition im deutschen Sprechtheater, angefangen mit Goethes Doktor Faust. Und auch Galileo Galilei muss sich in Bertold Brechts gleichnamigem Stück entscheiden, seine Erkenntnisse als Astronom zu verleugnen oder von den Inquisitoren als Ketzer verurteilt zu werden.
Grundsätzlich ist auch die Lage der Wissenschaft im Theater eher zwiespältig zu beurteilen. Nach Auskunft des Suhrkamp Verlags sind die Aufführungsrechte des Brecht-Stücks ungebrochen gefragt. Aus der Mode gekommen ist hingegen Heiner Kipphards Verhandlung über die Väter der Atombombe "In Sachen Robert Oppenheimer". Friedrich Dürrenmatts Groteske "Die Physiker" wiederum fand auch in so einfallsloser Inszenierung wie zuletzt am Wiener Volkstheater noch ein Publikum: vorwiegend Mittelschüler - was im Lehrplan steht, steht auch am Spielplan.
Neuere Arbeiten kommen aus dem englischsprachigen Raum. Die jahrhundertelange Faszination um Fermats Theorem greift Tom Stoppard in "Arcadia" auf. Carl Djerassi, Miterfinder der Antibabypille und mit Stoppard befreundet, ist nach Kurzgeschichten und Romanen von "Science-in-Fiction" zu "Science-in-Theatre" gewechselt. An seinem Anspruch, gebildeten Laien die Wissenschaft zu erklären, hält er fest.

Diskussion. Sein jüngstes Stück "Oxygen", eine gemeinsame Arbeit mit Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann, wurde kürzlich bei einem Medizin-Kongress in der Wiener Hofburg szenisch gelesen. Dort verschnarchten allerdings viele Ärzte die inszenierte Verhandlung um einen nachträglichen Chemie-Nobelpreis, der entweder Carl Wilhelm Scheele oder Joseph Priestley (die beide unabhängig voneinander den Sauerstoff entdeckten) bzw. Antoine Laurent de Lavoisier (der erstmals seine wahre Bedeutung verstand) zugesprochen werden soll. In der Bühnenfassung werde das Stück durch eine Szene in einer gemischten Sauna aufgepeppt, hofft Djerassi. Für die deutsche Uraufführung im Deutschen Museum in München ist freilich eher an ein rekonstruiertes Labor des 18. Jahrhunderts gedacht.
Im derzeit erfolgreichsten Wissenschaftsstück - "Copenhagen" von Michael Frayn - wird einmal mehr das Gewissen der Forscher am prominenten Beispiel geprüft: Die Spekulationen über Werner Heisenbergs Besuch bei Niels Bohr 1941 im besetzten Kopenhagen haben schon viele Artikel und Bücher gefüllt. Wollte der deutsche Physiker seinen dänischen Mentor aushorchen, um für Nazi-Deutschland eine Atombombe zu bauen?

Methoden. Michael Frayn lässt Heisenberg, Bohr und dessen Frau Margrethe drei Versionen durchspielen. Obwohl Heisenberg in jeder davon besser wegkommt als in US-amerikanischen Wissenschaftsgeschichtsbüchern, läuft "Copenhagen" in New York und London mit großem Erfolg. En passant wird ein wenig Atomphysik erklärt, im Vordergrund steht aber das Aufeinandertreffen der Charaktere. Dabei hat Frayn Heisenbergs Unschärfe-Prinzip auf seine Art interpretiert: Die Sprünge zwischen den Erzählebenen und Zeiten, zwischen dicht gedrängten Dialogen und Monologen scheinen das Publikum jedoch nicht zu überfordern. Erleichtert, im Unklaren gelassen worden zu sein wie Heisenberg von Bohr in Version drei, verlässt man die Vorstellung.

Zusammenfassung. Wissenschaft und Theater gelten - nicht ganz zu Unrecht - als elitär. Ob Wissenschaft im Theater eine gewinnende Kombination ist (oder zum besseren Verstehen von Wissenschaft mangels Vergnüglichkeit doch nichts beiträgt), lässt sich aufgrund der gegenwärtigen Inszenierungspraxis nicht eindeutig klären. Weitere Bühnenexperimente sind nötig.

Copenhagen ist in deutscher Sprache am 20. November im Vöklabrucker Stadtsaal zu sehen.
Über die Theorie des Wissenschaftstheaters informiert Carl Djerassi auf seiner Homepage www.djerassi.com.

       

Fußnoten:
1. Bei mehreren Stücken, die der britische Wellcome Trust (ein Forschungsfonds vor allem für medizinische Forschung) auf Tournee durch Englands Schulen und Theater geschickt hat, endete der Part der Schauspieler nicht mit der Handlung, sondern diese führten im direkten Anschluss zur Diskussion.
2. Wissenschaftsmuseen in den USA haben oft eine Bühne, auf der spielerisch Experimente gezeigt werden.
3. Solange es sich das Amsterdamer Science Center NewMetropolis leisten konnte, improvisierten Clowns überall in der Ausstellung kleine Szenen mit den Besuchern.


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