Sprung ins Ungewisse. "Uns ging es früher vor allem darum,
möglichst bald pragmatisiert zu werden. Diese Aussicht besteht für
die heutige Generation ja nicht mehr." Der Wiener Germanist Alfred
Ebenbauer bewundert den Mut und den Optimismus der Studierenden.
"Unsicherheit und Ängste gibt es natürlich", berichtet der Wiener
Philosoph Josef Rhemann. "Wenn mich jemand fragt, dann rate ich ihm,
sich nach seinem eigenen Begehren zu richten. Es nützt nichts, in
rein kalkulatorischer Absicht etwas zu studieren, was einem keinen
Spaß macht. Wer erfindungsreich ist, der hat auch später eine
Chance." Freilich: Kaum ein Absolvent komme im Feld unter, räumt
sein Kollege, Institutsvorstand Helmuth Vetter, ein. Selbst die
Aussichten im Lehramt seien miserabel, wenn nicht gerade das andere
Fach Chemie sei. Studieren auf eigene Gefahr.
Was man beruflich mit einem schöngeistigen Abschluss anfangen
kann, wird selten, wenn überhaupt angesprochen. Am Anfang eines
geisteswissenschaftlichen Studiums steht die ritualisierte Warnung
vor dem mangelnden Praxisbezug und der Tipp, sich nebenbei selbst um
Zusatzqualifikationen zu bemühen (beliebtes Beispiel: Marketing).
Damit hat es sich meist. "Die Dozenten sehen uns als künftige
Assistenten", vermutet der Innsbrucker Philosophiestudent Adrian.
Weil ihnen kein anderes Rollenmodell vermittelt wird als der
Universitätsphilosoph, versuchen viele nach dem ersten Abschluss an
der Alma Mater zu bleiben.
Ein Phänomen, das auch bei Historikern und Kunsthistorikern zu
beobachten ist, nur dass die Promotion dort gern mit einem
praktischen Zweck gerechtfertigt wird: Ein Doktortitel ist in den
meisten Museen Voraussetzung, um überhaupt ein schäbiges Volontariat
zu bekommen. In der Kunstgeschichte wird immerhin die Perspektive
eines Kurators oder Kritikers in den Diskussionen antrainiert.
Medien und Verlage fallen der Wiener Anglistin Barbara Olsson ein:
"Es muss aber jedem klar sein, dass er in Konkurrenz mit vielen
anderen tritt, das sagen wir unseren Studierenden immer wieder. Wir
können nur hoffen, dass sie zumindest das beste Englisch haben",
sorgt sie sich. Auch in der Germanistik ist die berufliche Zukunft
kein Thema. Für Einzelne hat das sein Gutes. Christine Weirather
hört in ihrem wirtschaftswissenschaftlichen Hauptstudium in
Innsbruck ständig von Projekten, Praktika und möglichen
Arbeitgebern. Da tut das Nebenfach Germanistik aus reinem Interesse
gut.
Im internationalen Vergleich. Was tun? Ist der
geisteswissenschaftliche Bereich in Österreich zu groß, wie
TU-Rektor und Physiker Peter Skalicky unlängst im "Standard"
wetterte? Werden zu viele schöngeistige Absolventen produziert? Die
neuesten Zahlen des OECD-Bildungsberichtes legen das Gegenteil nahe.
Während in Österreich nur 30 Prozent aller Hochschulabgänger ein
geisteswissenschaftliches Fach studiert haben, sind es in den
Niederlanden 40, in Großbritannien 45 und in den USA gar 46 Prozent.
Wer schon einmal einen "Firmentag" auf einem US-Campus erlebt hat,
wundert sich auch nicht mehr über die Nachfrage der Wirtschaft nach
Geisteswissenschaftlern. Die heiß begehrten Absolventen sind Anfang,
höchstens Mitte zwanzig und eignen sich die berufsspezifischen
Fähigkeiten "on the job" an.
In Österreich sieht die Situation bekanntlich anders aus. Die
lange Studiendauer steht in einem umgekehrt proportionalen
Verhältnis zur Zielstrebigkeit in puncto beruflicher Orientierung.
Ein Katastrophenszenario muss man deswegen nicht an die Wand malen.
Die Akademikerarbeitslosenquote lag im Jahresdurchschnitt 1999 bei
2,0 Prozent und damit relativ günstig im Vergleich zur
Gesamtarbeitslosenquote von 6,5 Prozent. Der Anteil der
Geisteswissenschaftler an den arbeitslosen Akademikern scheint nicht
besonders hoch zu sein. So waren Ende Jänner exakt gleich viele
Historiker wie Maschinenbauer ohne Arbeit, nämlich 101. 55 brotlose
Philosophen standen 56 arbeitslosen Chemikern gegenüber. Mediziner
(323) oder Betriebswirte (435) sind weitaus häufiger ohne
Anstellung.
Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Vielleicht ist diese zumindest
oberflächlich halbwegs erträgliche Situation auch der Grund dafür,
warum sich bislang so wenig getan hat. "Irgendwie" scheinen fast
alle Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer "irgendwo"
unterzukommen, faktisch auf der Straße sitzen nur sehr wenige. Nur:
Zwischen Erwerbslosigkeit und einer der erworbenen Qualifikation
entsprechenden Anstellung gibt es mehr als nur eine Graustufe.
Irene Cervenka-Ehrenstrasser ist Papyrologin. Nach dem Studium
von Latein und Alter Geschichte hat sie sieben Jahre lang in
Projekten mitgearbeitet, immer nur Zwei- oder Dreijahresverträge,
ohne Hoffnung auf eine fixe Anstellung. Sie hat deswegen "nebenher"
noch Jus studiert: "Ein zweites Standbein braucht man." Danica Beyll
ist Archäologin, hat in Ephesos gegraben und lässt sich jetzt zur
Kindergärtnerin ausbilden. "Ich trauere der Archäologie nicht nach,
das waren zehn schöne Jahre. Mir wurde die Sache zu unsicher, man
muss sich eben im Klaren darüber sein, dass es ein beinharter Kampf
ist. Das war alles sehr unbefriedigend, auch menschlich."
Trotz aller praktischer Schwierigkeiten wird weiterhin das Ideal
des anpassungsfähigen Geisteswissenschaftlers kultiviert, der nichts
kann, aber alles zu lernen imstande ist. Paradebeispiele werden als
Beleg angeführt. Erfolgreiche Philosophen etwa finden sich auf so
unterschiedlichen Positionen wie dem Ö3-Chefsessel (Bogdan Ros cic')
oder als Leiter der neuen Männerabteilung im Sozialministerium
(Johannes Berchtold).
Zufall und Fügung. Nur ist fraglich, ob dafür die Lektüre von
Kant und Co verantwortlich ist. Freilich: Viele Arbeitnehmer in der
freien Wirtschaft sind sehr angetan von der Historikerin oder dem
Germanisten, den sie eingestellt haben. "Ich würde mich aber nicht
getrauen davon abzuleiten, dass die Grundlagen durch ihr
geisteswissenschaftliches Studium gelegt wurden. Eher ist zu
vermuten, dass das persönliche Potenzial unabhängig von der
Ausbildung maßgebend ist", sagt der Personalberater Manfred
Wieringer. Also vielmehr eine Mischung aus individueller Eignung und
biografischen Zufällen?
Martin Reither ist promovierter Musikwissenschaftler, sah aber
nicht die leiseste Chance, in einem studienaffinen Beruf
unterzukommen. Seit über einem Jahr ist er - recht erfolgreich - als
selbstständiger Internetconsulter tätig und gestaltet Homepages für
Unternehmen. Aber wenn er nicht zehn Jahre im elterlichen Betrieb
als Grafiker mitgearbeitet hätte, sähe es eher düster aus: "Man lebt
in einem Traumland. Die Unis gehen da weit an den Realitäten
vorbei." Soll also alles so weitergehen? "Survival of the fittest"
kombiniert mit sozialstaatlichen Auffangnetzen und der Lektion, dass
auch der flammendste Idealismus nur eine begrenzte Halbwertszeit
hat?
An kritischen Stimmen mangelt es nicht. Der Historiker und
frühere Rektor der Uni Graz Helmut Konrad, moniert, dass das
Studienangebot nicht nachfrageorientiert sei: "Bei uns geht es um
eine allgemeine Kulturtechnikvermittlung. Das ist gut, aber
gleichzeitig auch eine Geste der Hilflosigkeit. Wir haben auch eine
Verantwortung für unsere Absolventen."
Reflexion ist angesagt. Gert Dressel vom Interuniversitären
Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) in
Wien (siehe auch: heureka 5/98 "Die Experimentierfakultät") bietet bereits seit mehreren Semestern eine Lehrveranstaltung
zur Berufsfeldorientierung für Sozial- und Geisteswisenschaftler an.
"Es gibt Studierende, die ihre ganze Energie in sechzigseitige
Seminararbeiten stecken, aber nicht kommunizieren können." Die
Teilnehmer sollen versuchen sich klar zu werden, wo ihre Fähigkeiten
liegen und wo sie sich in vorhandene Strukturen einklinken können.
Es geht darum, Schwellenängste zu überwinden, kleinere Projekte zu
entwickeln und bei Institutionen und potenziellen Arbeitgebern
anzuklopfen. Dass dies am IFF gelehrt wird und nicht an den Unis
selbst, ist bezeichnend. Während sich Dressel und seine Kollegen mit
einem überlaufenen Kurs konfrontiert sehen, fehlen entsprechende
Angebote an den hohen Schulen.
Dabei kann es sicher nicht darum gehen, aus den Universitäten
Fachhochschulen zu machen und das geisteswissenschaftliche Studium
seiner inhaltlichen Kerne zu berauben. Gerade deshalb sollte die
Anleitung zur Reflexion auf die eigenen Fähigkeiten und deren
Vertiefung zum festen Angebot werden. Vielleicht bietet die Auflage,
bis zum Sommer neue Studienpläne zu erarbeiten, hier eine Chance.
Denn allmählich dämmert es auch den zur Zeit unablässig tagenden
Studienkommissionen, dass ihre Studienpläne hinsichtlich einer
späteren Berufsqualifikation der Absolventen leicht suboptimal
ausfallen. Impulse in diese Richtung kommen freilich eher von der
Studentenkurie denn von der Professorenschaft, wie Mitchell Ash,
Vorsitzender der Studienkommission Geschichte an der Universität
Wien, bestätigt.
Praktische Fähigkeiten, etwa wie man eine wissenschaftliche
Arbeit schreibt, sollen in Zukunft gleich zu Beginn erworben werden,
bestimmte Methoden und Techniken, sei es im Bereich der Statistik
oder bei den neuen Medien, verstärkt gelehrt werden. Diskutiert wird
derzeit noch, ob im zweiten Studienabschnitt mehrsemestrige
Projektstudien möglich sein sollen, was sowohl die Anbahnung der
Abschlussarbeit erleichtern als auch Erfahrungen in der
Projektarbeit vermitteln könnte.
Besondere Fähigkeiten. Wie viel an der Begeisterung der
Wirtschaft für die Geisteswissenschaftler und deren kritischem
Denkvermögen dran ist, die durch so manchen Zeitungsartikel
geistert, bleibt fragwürdig. "Ihre Denkweise ist sehr umfassend
angelegt, aber nicht ergebnisorientiert. Letzteres ist jedoch gerade
in der Wirtschaft gefragt und der breite Horizont wird bei
Geisteswissenschaftlern zum Qualifikationshemmschuh", gibt sich
Alfred Berger von der Personalberatung Strametz & Partner skeptisch.
Für die Berufsqualifikation der Soft Skills, über die
Geisteswissenschaftler angeblich in so hohem Maße verfügen, gibt es
auch nur "soft evidence", Impressionen, Anekdoten, Einzelfälle. Es
ist jedenfalls nicht unmittelbar einsichtig, warum ein für
Einzelgänger durchaus attraktives geisteswissenschaftliches Studium
ausgerechnet jene nun so hoch im Kurs stehenden sozialen Kompetenzen
vermitteln soll. Woher sollen sie diese erlernen? Etwa von ihren
Dozenten? Berger jedenfalls glaubt, dass die Soft Skills primär im
Elternhaus und im Freundeskreis erworben werden.
Georg Tillner glaubt gut auf die Erwartungen und Sorgen seiner
Kunden eingehen zu können. Der studierte Historiker hegte einst
große Pläne: "Ich wollte promovieren und gefeiert werden." Des
endlosen Projektantragschreibens müde, wurde er schließlich
Wirtschaftsberater bei einem großen Finanzdienstleister. Und machte
eine völlig neue Erfahrung: "Man erhält eine positive Rückmeldung,
wenn man etwas Gutes hingekriegt hat. Wenn sogar die Führungskräfte
applaudieren, ist man wochenlang euphorisch. So etwas fehlt in den
Geisteswissenschaften völlig, das wird systematisch verhindert."
Die akademischen Lehrer sind in der Pflicht. Es kann fortan nicht
mehr genügen, mit dem Verweis auf die problematische Berufssituation
die unangenehme Kassandrapflicht erfüllt zu haben. Alternative
Rollenmodelle zur wissenschaftlichen Laufbahn müssen vermittelt, die
Reflexion auf individuelle Fähigkeiten, Berufsfeldorientierung und
Feedbackmechanismen institutionalisiert werden. Inwiefern sich ein
Institut bemüht, entsprechende Hilfestellungen zu bieten, sollte
auch in die Lehrevaluation einfließen. Sonst verkommt die Rede von
der Verantwortung für "unsere Absolventen" zur zynischen Worthülse.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


