"Was würden Sie denn tun, wenn es Ihr Körper wäre und Ihre
Milz?", fragt die junge Frau ihre behandelnde Ärztin. Die
Krebspatientin will keine Chemotherapie über sich ergehen lassen,
denn dazu müsste die Milz entfernt werden. Die verdutzte Ärztin
zieht sich zur Beratung mit Kollegen zurück, schließlich schlägt man
der Frau eine Strahlentherapie vor. Innerlich jubelt sie. Die
Information, dass in ihrem Stadium eine Strahlentherapie eher zu
empfehlen ist, hatte sich die Patientin aus dem Netz geholt.
Als Anja Forbriger mit 27 Jahren urplötzlich die Diagnose
Lymphdrüsenkrebs gestellt bekommt, surft sie nächtelang auf
US-amerikanischen Krebsseiten, saugt wie ein trockener Schwamm die
Informationen in sich auf und deckt bei ihren Krankenhaustouren die
behandelnden Ärzte regelmäßig mit den neuesten Forschungsergebnissen
aus dem Netz ein: "Kennen Sie die schon?"
Anja Forbriger ist wieder gesund und ihre Milz hat sie auch
behalten. "Jeder Patient sollte sein eigener Gesundheitsmanager
sein", lautet ihre Forderung. Mittlerweile hat sie auch ein eigenes
Informations- und Austauschnetz für Krebspatienten und deren
Angehörige (www.inkanet.de) aufgebaut.
Virtuelle Selbsthilfegruppen gibt es im Netz bereits in großer
Zahl. Gleich ob Hirntumor, Aids oder Prostatakrebs - es geht immer
um beides: den inhaltlichen Erfahrungsaustausch - Was hat geholfen?
Welcher Arzt taugt etwas? - und den sozialen Rückhalt. Man spricht
sich Mut zu und versucht durch schwarzen Humor mit der bedrückenden
Situation fertig zu werden: "Es ist ja nur Krebs!"
"Als Kommunikationsmittel kann man das Internet nicht hoch genug
bewerten", glaubt Bernhard Borgetto, Medizinsoziologe aus Freiburg
im Breisgau. Gerade bei seltenen Krankheiten mit wenig Betroffenen
in der näheren Umgebung, oder wenn die Krankheit eine entsprechende
Mobilität nicht erlaube, sei das Netz oft das einzige Medium. "Zwar
fehlt das Face-to-Face-Erlebnis, aber die Anonymität gerade in Chats
wird oft als sehr angenehm empfunden. Denn so traut man sich Fragen
zu stellen, die einem sonst zu peinlich oder zu intim wären."
In Österreich gibt es zwar Hunderte von physischen
Selbsthilfegruppen, von denen aber nur ein kleiner Teil auch über
eine Homepage verfügt. Eine Ausnahme bildet die sehr ausgefeilte
Website der Hepatitis Liga Österreich (HLÖ: www.hepatits.at/hepatitis), die sie sich aber nur
dank eines Sponsors aus der Privatwirtschaft, der Design und Wartung
der Site übernimmt, leisten kann.
Die Öffentlichkeitswirkung des Netzauftritts war enorm. "Es
melden sich sehr viel mehr Leute als früher, wir bekommen fünf bis
zehn E-Mails am Tag", berichtet HLÖ-Präsident Ingo Rezmann. "Noch so
mancher Arzt hat Schwierigkeiten mit der von uns eingeforderten
Mündigkeit und all dem Wissen, das wir uns angeeignet haben. Wir
Betroffene dürfen die Verantwortung nicht alleine dem Arzt
zuschieben, sondern müssen mitarbeiten."
Auch wenn dem einen oder anderen Mediziner die Aufgabe des
Wissensmonopol noch schwer fällt, so setzt sich doch mehr und mehr
die Überzeugung durch, dass ein informierter Patient ein guter
Patient ist. Der Paradigmenwechsel im Arzt-Patient-Verhältnis, weg
vom autoritären Gott in Weiß hin zu einem partnerschaftlichen
Miteinander, ist im vollen Gange. Wie das Privatfernsehen einst den
Zuschauer entdeckte (Eigenwerbung), beginnt das Gesundheitswesen den
Patienten als "Konsumenten" mit spezifischen Bedürfnissen ernst zu
nehmen. Dafür ist nicht das Internet alleine verantwortlich, aber es
ist eine treibende Kraft beim "patient empowerment", wie das
Zauberwort heißt.
Neben den virtuellen Selbsthilfegruppen spielen bei der
"Ermächtigung des Patienten" die Gesundheitsportale eine wichtige
Rolle. Sie machen die Stärkung des Patienten als Konsumenten zu
ihrer Unternehmensphilosophie. "Der Patient weiß über Krankheit und
die entsprechenden Umstände am besten Bescheid, er ist Spezialist
für sich selbst", sagt etwa Kurt Langbein von surfmed.at.
Und bei patients-online.at schlägt sich die Programmatik bereits
im Namen nieder. Dabei handelt es sich um eine (kontrollierte)
Datenbank von Patienten für Patienten, die qua Erfahrungsaustausch
die Qualität medizinischer Angebote von Praxen und Spitälern
transparent machen soll.
Gesundheitsportale sind in den letzten Jahren wie virtuelle Pilze
aus dem WWW-Boden geschossen - und werden nun von der Krise der New
Economy noch härter getroffen als andere Bereiche. "Wir mussten alle
unsere Business-Pläne wegschmeißen", gesteht Heinz Ebner von
patients-online.at. Die Konkurrenz ist groß, die Kosten zur
Erstellung und Aktualisierung des "content", d.h. der medizinischen
Informationen und Plattformen, enorm und der Anzeigenmarkt wirft zu
wenig ab. Den Nutzer kann man nur für ganz spezielle Angebote zur
Kasse bitten - sonst surft er einfach eine Site weiter.
Wo also soll das Geld herkommen? "Unsere Kernkompetenz besteht in
der Vermittlung medizinischer Informationen und Dienste", sagt
Christian Mate von netdoktor.at: "Wir wissen, wie man klinisch
relevante Applikationen benutzerfreundlich umsetzt." Und genau daran
mangelt es.
Wer als Hilfesuchender die Homepage des Wiener AKHs (www.akh-wien.at) anklickt,
erhält zwar den aktuellen Mensaspeiseplan, aber keine Angebote, die
auf das Informationsbedürfnis von Patienten zugeschnitten sind.
"Virtuell bildet sich nur das Gesundheitssystem als solches ab",
gibt Ebner zu bedenken.
Die Kostenträger im Gesundheitswesen, die Krankenhäuser und die
Versicherungen, begreifen allmählich, dass sie verstärkt die
Patientenperspektive einnehmen müssen. Sie werden dabei weniger von
emanzipativen Ideen getrieben, sondern suchen vielmehr nach einem
Ausweg aus der sich immer schneller drehenden Kostenspirale. Ein
Diabetiker, der seinen Zustand über Internetapplikationen überwacht,
bedarf weniger ärztlicher Kontrolle und wird auch nicht unversehens
zum teuren Notfallpatienten.
Hier zeigt das Internet aber auch sein Janusgesicht. Es ist Hilfe
und Gefahr zugleich, da die Qualität der angebotenen Dienste oft nur
schwer einzuschätzen ist. In den weiten Maschen des Netzes sind
veraltete, falsche oder unvollständige Informationen Legion. An
dubiosen Anbietern, die Impfungen gegen Krebs und andere
Wundermittelchen feilhalten und vom Leidensdruck Hilfsbedürftiger
profitieren wollen, mangelt es nicht. "Obskurste Methoden werden da
offeriert", berichtet der Wiener Sozialmediziner Ernest Groman, der
sich Tausende von Gesundheitssites angesehen hat. "In den
Internetapotheken werden illegalerweise rezeptpflichtige Medikamente
angeboten und Kontraindikationen zum Teil. falsch übersetzt." Auch
Selbsthilfegruppen sind nicht notwendigerweise sicherer. "Woher weiß
man, dass sich dahinter nicht eine einzelne Person verbirgt, die so
ihre Methode und Produkte propagieren will?", fragt der Hamburger
Medizinsoziologe Alf Trojan warnend.
Gunther Eysenbach (www.yi.com/home/EysenbachGunther/) von der Forschungsgruppe Cybermedizin der
Universitätsklinik Heidelberg entwickelt im Rahmen eines
EU-Projektes (www.Medcertain.com) ein Zertifizierungssystem, das es den Netznutzern
erlauben soll, die Qualität eines Anbieters sofort zu überprüfen.
Ein aussagekräftiges Impressum und eine Datumsangabe, um die
Aktualität der Information nachvollziehen zu können, sind einige der
wichtigsten Kriterien bei medcertain. "Wir suchen ja nicht den
Konflikt mit den Anbietern, sondern wollen sie erziehen. Wir fragen
sie etwa, ob sie eine ,Privacy policy' haben, und ob die Patienten
erfahren, was mit ihren Daten geschieht."
Das Gütesiegel medcertain soll also interaktiv entwickelt werden
und da darf gemäß der neuen Philosophie auch der Patient nicht
fehlen. Dabei zeigt sich, dass die Vorstellungen von
Qualitätsstandards oft weit auseinandergehen. Wie vertrauenswürdig
das Foto des Anbieters wirkt, ist für manchen Nutzer ein
entscheidendes Kriterium. An der Serienreife des mündigen Patienten
muss also noch ein wenig gefeilt werden.
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Anja Forbriger: Leben ist, wenn man trotzdem lacht. Diagnose Krebs - Wie ich im Internet Hilfe und Hoffnung fand. München 2001 (Heyne). 312 S., öS 263,00. |
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