Die Irrwege eines Allergikers: An welch seltsame Orte sie führen!
Haben Sie schon einmal von Bioresonanz gehört? Ein Verfahren der
Alternativmedizin (schonend, umweltfreundlich, ohne Aggression gegen
irgendetwas, und das ist gut, denn Aggressionen sind böse), das der
Autor dieser Zeilen vor ein paar Jahren ausprobieren durfte.
Er wurde an Händen und Füßen an Elektroden angeschlossen, und ein
großes Gerät, das ein wenig an das rührend klobige Zubehör der
ersten Star-Trek-Staffel erinnerte, zeichnete eine Art von
Schwingungen aus seinem Körper auf. Was für Schwingungen? Nun ja,
Schwingungen eben. Dann wurden ihm Phiolen mit allergenen Stoffen
auf die Brust gelegt, in die Nähe des zentralen Chakras, sagte der
Arzt, und auf jene Stoffe, die er offenbar nicht vertrug, reagierte
das Gerät durch heftigen Ausschlag der Anzeigenadel.
Wie so ein Gerät funktioniere? Der Arzt bedauerte, er wisse es
nicht, es sei versiegelt, und wenn man es öffne, würde die Garantie
erlöschen. So war er wohl auf seinen Glauben angewiesen, als man ihm
zur Bekämpfung einer Pollenallergie alle Milchprodukte verbot: kein
Eis, kein Joghurt, keine Butter, vier Monate lang. Es war nicht
leicht, wirklich nicht. Beim nächsten Test - sein Heuschnupfen war
inzwischen stärker denn je - schlug die Maschine vor, dass er von
nun an Honig meiden sollte. Ja, und die Milch? Wieso Milch, fragte
der Arzt, ach so, richtig, die könne er jetzt wieder trinken. Beim
nächsten Besuch - der Heuschnupfen war wiederum stärker geworden -
verbot die Maschine alles aus Weizen. Wie lange, fragte er nun doch
etwas besorgt, würde so eine Behandlung eigentlich dauern? Manchmal
sehr, sehr lange, sagte der Arzt fröhlich, im Grunde gebe es da
keine Grenzen.
Es gab sie aber doch: Er wechselte zurück zur Schulmedizin, und
seither geht es ihm wenn auch nicht gut, so doch besser. Die
Bioresonanzmethode erfreut sich weiter großer Beliebtheit, wird im
Fernsehen empfohlen und von vielen Ärzten angewandt, und das ist gut
so. Man muss sich nur vorstellen, sie wären Chirurgen geworden, und
schon ist man dankbar.
Daniel Kehlmann hat in Wien Philosophie studiert und arbeitet nun als Suhrkamp-Autor.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


