| The Winner Takes It All | |
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Es sieht alles so einfach aus, wenn die Laureaten endlich die
Medaille in Händen halten. Dann haben sie etwas geschafft, was sie erhofft, erträumt oder
mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatten. Aber weshalb wurde der eine gewählt und nicht
ein anderer? Von Hubert Filser |
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Alle Jahre wieder. Anfang Oktober werden verdiente Wissenschaftler von einer jahreszeitlich bedingten Nervosität gepackt. Vor allem wenn das Telefon schrillt, wird die Kehle trocken. Wenn sich am Ende der anderen Leitung dann Stockholm meldet (www.nobel.se), bleibt den wenigen Auserwählten wohl fast das Herz stehen. Beim US-amerikanischen Chemiker Harry B. Gray währte die Ausschüttung der Glückshormone allerdings nur Sekunden. Das Nobelkomitee erkundigte sich bei ihm nach dem Aufenthaltsort seines Kollegen Rudolph Marcus. "I got the call, but not the prize", pflegt Gray seither zu scherzen. Besonders zermürbend ist das Warten für die Schriftsteller. Denn wann genau die Welt den neuen Nobelpreisträger für Literatur erfährt, bleibt auch zum 100. Jubiläum der ersten Preisverleihung traditionsgemäß bis zuletzt offen. Fest stehen die Termine für Medizin oder Physiologie am 8. Oktober, für Physik am 9., für Chemie am 10. Oktober vormittags und für Wirtschaftswissenschaften am gleichen Tag nachmittags. Den Abschluss dieser Woche bildet die Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers am Freitag, dem 12. Oktober. Komplizierte Auswahl. Die Nobelpreise (www.nobelprize.com) werden in einem mehrstufigen Verfahren vergeben, das man als System von Netzwerken bezeichnen kann. Nach der Preisverleihung am 10. Dezember erhalten mehrere tausend ausgewählte Personen und Organisationen Briefe aus Stockholm und Oslo - mit der Bitte, bis spätestens zum 1. Februar schriftlich Kandidaten vorzuschlagen. Im Durchschnitt gehen in jedem Jahr pro Wissenschaftsdisziplin Nominierungen für 250 bis 350 Kandidaten ein, beim Friedensnobelpreiskomitee für 120 Kandidaten, für die Literatur werden etwa 200 Schriftsteller und Dichter vorgeschlagen. Sich selbst nominieren darf niemand. Aus den Vorschlägen treffen die meist fünfköpfigen Komitees eine Vorauswahl. Die nächste Runde funktioniert nach dem Gutachterprinzip: International anerkannte Experten, darunter ehemalige Nobelpreisträger, verfassen Dossiers über die Kandidaten und die Bedeutung ihrer Arbeit. Im Juni treffen sich die Komiteemitglieder zu einer Sitzung, in der über die Kandidaten der "Shortlist", die in die engere Wahl kommen, gesprochen wird. Auf dieser Sitzung kann durchaus auch schon ein Kandidat oder eine Kandidatin zur Wahl vorgeschlagen werden. PR in eigener Sache. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften stellt die Komitees für Physik, Chemie und den Zusatzpreis der Bank von Schweden für Wirtschaftswissenschaften. Physiologie oder Medizin liegt in der Obhut des Karolinska Instituts in Stockholm. Spätestens bis Ende September sind die Beratungen abgeschlossen. Die preisverleihenden Einrichtungen übernehmen deren Vorschläge meist. Die zentralen Figuren in den Komitees sind starke Persönlichkeiten, die sich mit Verve für ihre Kandidaten einsetzen. "In keiner Disziplin wird jemals ein Preis verliehen, wenn es nicht mindestens einen Juror gibt, der den Kandidaten sehr stark pusht", sagt Anders Bárány, Sekretär des Physik-Nobelkomitees. Auf dem Weg zur begehrtesten Auszeichnung der Welt ist also harte Arbeit zu leisten, auch Lobby-Arbeit. In Zeiten, in denen Politiker die Öffentlichkeitsarbeit oftmals besser beherrschen als ihr eigenes Metier, dürfen auch Forscher nicht mehr nur in Labors sitzen. Personen, die niemals auffallen, taugen nicht zu Nobelpreisträgern. Zudem braucht ein Laureat Menschen, die einen guten Draht nach Stockholm haben. All dies muss freilich hinter den Kulissen bleiben. "Die Bewertungen der Kandidaten und deren Namen müssen geheim bleiben. Die internationalen Experten müssen ihre Analysen schreiben können, ohne zu befürchten, dass es morgen in der Zeitung stehen wird", erklärt Michael Sohlman, Direktor der Nobelstiftung. Schweigen in Stockholm. Der Chemiker Carl Djerassi, mehrmals selbst Nobelpreiskandidat und selbst ernannte "Mutter der Anti-Baby-Pille", durfte als ausländisches Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften an der Vollversammlung 1998 teilnehmen: "Ich hatte mir die Dossiers von einem Nachbarn ausgeborgt und dann durchgeblättert. Ich war total überrascht, mit welcher kaum versteckten Gehässigkeit ein paar amerikanische Gutachter, ich kenne die meisten ja als Kollegen, hier über verdiente Wissenschaftler geschrieben haben." Als er so in den Unterlagen blätterte, wechselte der Vorsitzende ohne Unterbrechung und Wechsel des Tonfalls plötzlich von Schwedisch auf Englisch: "Ich möchte alle hier Versammelten daran erinnern, dass sie über alle Vorkommnisse hier in diesem Raum fünfzig Jahre lang schweigen müssen." Das selbst auferlegte Schweigegelübde trägt entscheidend zum Ruf des Nobelpreises bei. Denn Schweigen bedeutet Macht. Die intransparente Vergabe bekommt dadurch Züge einer Entscheidung höheren Orts. Die Verwandlung. Endgültig ernannt werden die Preisträger auf einer Vollversammlung der einzelnen Institutionen. Doch was kommt danach? Der Forscher - bekannt dafür, dass er gern im Stillen, im Labor, mit Gleichgesinnten beharrlich und besessen arbeitet - gerät plötzlich ins Licht der Weltöffentlichkeit. In diesem Moment vollzieht sich eine Metamorphose: Der Nobelpreisträger wird Botschafter seiner Profession. Es wird keinen Bericht in den Medien mehr geben, in dem nicht das Beiwort "Nobelpreisträger" auftaucht. So als würde es eine Spezies Mensch beschreiben, die zu Höherem auserwählt ist. Nobelpreisträger werden eingeladen, in ihren Ländern Mitglied in wichtigen Kommissionen zu werden, in wissenschaftlichen Beiräten von Regierungen etwa, und steigen meist in der Hierarchie ihrer Firmen oder ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Gesellschaften auf. "Der Preis verändert das Leben vollständig und nicht zum Positiven. Man hat viel weniger Zeit, über die man selbst verfügen kann, in der man Forschungskonzepte entwickeln kann. Man reagiert mehr, vorher konnte man agieren. Man muss die Interessen der Wissenschaft und der Gesellschaft allgemein vertreten", sagt Hartmut Michel, Chemienobelpreisträger von 1988. Als Nobelpreisträger wird man in die Pflicht genommen. Gibt ein Nobelpreisträger dem öffentlichen Drängen nach, ist die Forscherlaufbahn mit der Auszeichnung beendet. Was bei vielen nicht tragisch ist, denn die Wissenschaftler haben zum Zeitpunkt der Auszeichnung in der Regel ihre kreativsten Jahre bereits hinter sich. Die meisten ausgezeichneten Entdeckungen liegen etwa 25 Jahre zurück, die Forscher waren damals meist zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. The winner takes it all. Es ist letztlich eine persönliche Frage, ob ein Wissenschaftler mit Ruhm umgehen kann. "Damit muss man leben und versuchen, halbwegs vernünftig zu bleiben", sagte Georges Köhler, Medizinnobelpreisträger von 1984, einmal. Es gibt andere Beispiele wie den PR-geschulten Prionen-Forscher Stanley Prusiner, für den die Aufmerksamkeit Ansporn war. Er schaffte es, sich mit einem Mitarbeiterstab nach außen abzuschirmen und die Öffentlichkeit als Medium für sich und seine Belange zu nutzen. Die Mär vom einsamen Forscher im Labor, der als wesentliches Kapital seine Idee besitzt, wird mehr durch das Nobelpreissystem kultiviert als durch die Realität. Wichtige Entdeckungen werden meist in Teams gemacht. Ein Blick in die bedeutenden Zeitschriften mit den langen Listen von Autorennamen zu Beginn der Artikel macht dies augenfällig. Der Druck auf den Einzelnen wäre sicher geringer, würde man keine Einzelpersonen, sondern Forscherteams auszeichnen. Doch müsste man dann das absolute Siegerprinzip aufgeben, bei dem es nicht einmal Zweitplatzierte gibt. Das ist der Nachteil und die große Ungerechtigkeit des Preises. Es gibt nicht die gerechte Entscheidung für einen Preisträger. Es gibt immer 20 andere, in jeder Disziplin. Aber mit dem Nobelpreis ist es wie mit der Demokratie: Wir haben kein besseres System. Deshalb muss es auch erlaubt sein, ungläubig den Kopf schütteln, wenn jemand in Stockholm im herbstlichen Nebel zum Telefonhörer gegriffen hat und wieder einmal den Falschen erwischt hat. Oder den Richtigen zu spät. Hubert Filser arbeitet als Journalist für die "Süddeutsche Zeitung". E-Mail: hubert.filser@sueddeutsche.de. Sein Buch "Nobelpreis. Der Mythos. Die Fakten. Die Hintergründe" erscheint dieser Tage bei Herder. |