| EDITORIAL | |
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Liebe Leserin, lieber Leser! Genau hundert Jahre ist es her, dass jene Auszeichnung zum ersten Mal vergeben wurde, die für Wissenschaftler die Krönung ihres Lebenswerks bedeutet: der Nobelpreis. Wenn alljährlich im Oktober die neuen Laureaten verkündet werden, blickt man hierzulande besonders sehnsuchtsvoll nach Stockholm, denn seit nunmehr 28 Jahren waren keine Österreicher mehr dabei. 1973 haben es dafür gleich zwei geschafft: der Graugansexperte Konrad Lorenz sowie der Bienenforscher Karl von Frisch, den Sie auf unserem Titelblatt sehen. Sie waren auch die einzigen nobelierten Österreicher nach 1945 - alle anderen hier geborenen Laureaten mussten rund um den "Anschluss" 1938 das Land verlassen. Vom "Anschluss" begeistert war hingegen Konrad Lorenz, vor dessen Preisverleihung es 1973 einigen Wirbel gab, da einer seiner Artikel aus der NS-Zeit auftauchte. Simon Wiesenthal forderte damals Lorenz auf, den Nobelpreis zurückzulegen. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky hingegen sagte angeblich, dass ihm ein ehemaliger Nazi als Nobelpreisträger lieber sei als gar keiner. Auch der amtierende Bundeskanzler Wolfgang Schüssel brachte erst kürzlich wieder seine Hoffnung zum Ausdruck, dass es bald wieder einen österreichischen Laureaten geben möge - gepaart mit neuen forschungspolitischen Versprechungen. Doch außer dem Blick in eine mehr oder weniger ruhmreiche Vergangenheit bleibt zurzeit nur das Spekulieren über österreichische Anwärter. Spitzenforscher sind freilich im Normalfall Kosmopoliten - und Österreich war als Wissenschaftsstandort lange Zeit wenig attraktiv. Doch die Zeiten ändern sich - langsam. Der renommierte britische Molekularbiologe Kim Nasmyth leitet seit einigen Jahren das Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Einer seiner Lehrer in Cambridge war Max Perutz, der Österreich vor 1938 verließ und 1962 Chemienobelpreisträger wurde. Mittlerweile gibt es immerhin auch "Rückkehrer" zu vermelden wie den Immunologen Josef Martin Penninger, der in Kanada vom begabten Post-Doc zum Forscher von Weltrang wurde. Nun übernimmt der erst 36-Jährige das neue Institut für Molekulare und Zelluläre Bioinformatik (IMBA) in Wien. Kandidatinnen werden fast nie genannt - in dem Punkt ist Österreich alles andere als eine Ausnahme. Die Laureatinnen der letzten hundert Jahre bilden eine verschwindende Minderheit in der Nobelpopulation. In den Wirtschaftswissenschaften hat noch nie eine Frau den Preis erhalten. Einen kleinen, aber nicht gerade billigen Trost spendet hier die Exfrau des Laureaten von 1995, Robert E. Lucas. Sie hatte in weiser Voraussicht im sieben Jahre zuvor aufgesetzten Scheidungsvertrag festlegen lassen, dass ihr Gemahl im Falle der Verleihung das Preisgeld mit ihr teilen müsse. Mit Trennungsabsichten soll sich eher nicht tragen, wer die Chancen auf den ebenfalls hoch dotierten, hierzulande aber kaum bekannten Kyotopreis wahren will, das japanische Pendant zum Nobelpreis. Voraussetzung dafür ist nämlich unter anderem eine untadelige Lebensführung. Deutschlands intelligentester TV-Moderator Roger Willemsen beschreibt das Aufeinandertreffen von meist westlichen Preisträgern und fernöstlichem Zeremoniell. Oliver Hochadel und Klaus Taschwer |
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