| Am I from Austria? | |
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Vor 1938 Dutzend-, nach dem Krieg Mangelware. Die österreichischen Nobelpreisträger galten wenig im eigenen Land, viele emigrierten. Umso eifriger wird seitdem an den Statistiken gefeilt und großmütig eingebürgert. Von Oliver Hochadel Robert Bárány Fritz Pregl Julius Wagner-Jauregg Karl Landsteiner Erwin Schrödinger Victor Franz Hess Otto Loewi Wolfgang Pauli Karl von Frisch Konrad Lorenz F. A. von Hayek |
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"Österreich ist mit Recht stolz darauf, dass eine besonders große Anzahl von Männern und Frauen den Nobelpreis erhalten hat, die entweder in unserem Land geboren wurden oder die hier studiert und ihre Forschungen betrieben haben." Das schrieb Bundespräsident Adolf Schärf (SPÖ) vor vierzig Jahren in einem salbungsvollen Vorwort zu einer Sammelbiografie austriakischer Laureaten, die helfen soll, "das Staatsgefühl der Österreicher zu stärken". Zwei Seiten später wurde der damalige Nationalratspräsident Leopold Figl (ÖVP) präziser, als er vorrechnete, dass "Österreich prozentuell der Welt die meisten Nobelpreisträger geschenkt" habe. Ob Figl wohl den (nicht ganz faktentreuen) Witz gekannt hat, dass Österreich das gesündeste Land für Nobelpreisträger sein müsse, da trotz vieler Laureaten noch kein einziger hier gestorben sei? Mit den Zahlen ist das so eine Sache. Wie viele rot-weiß-rote Nobelpreisträger gab es etwa in den Naturwissenschaften? Acht oder zehn? Hängt vom Nachschlagewerk ab. Mithilfe des "größeren Österreich" kommt das erwähnte Werk von 1961 gar auf mehr als ein Dutzend. Die chauvinistischen Repatriierungsversuche mancher heimischer Medien, die aus den vor den Nazis geflüchteten US-Bürgern Walter Kohn und Eric Kandel (Chemienobelpreis 1998, Medizinnobelpreis 2000) Österreicher machen wollten, haben eine lange Tradition. Die Schwierigkeiten der Zuordnung spiegeln aber nicht nur die politischen Veränderungen, sprich: das Ende der Donaumonarchie und die Vertreibung vor allem der jüdischen Intelligenz in den Dreißigerjahren (siehe auch heureka 2/98: Verdrängte Vertreibung), wider. Oft waren auch ökonomische Zwänge - außerordentliche Professuren waren früher unbezahlt! - oder die schlechten Aussichten auf ein wissenschaftliches Fortkommen Grund zur Emigration. Die gebürtigen Wiener Richard Zsigmondy und Richard Kuhn (Chemienobelpreise 1925 und 1938) verfolgten fast ihre gesamte Karriere in Deutschland und hatten zum Zeitpunkt der Verleihung auch bereits die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Eine Liste österreichischer Nobelpreisträger kann nie "vollständig" sein, sie kann aber vorführen, wie problematisch nationale Zuordnungen sind. Sie zeigt zudem, wie international Spitzenforschung bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts betrieben wurde, lange bevor der Begriff "Globalisierung" aufkam. Robert Bárány (1876-1936) Nobelpreis für Medizin 1914 Der HNO-Arzt Bárány studierte und praktizierte in seiner Heimatstadt Wien und machte sich mit seinen Untersuchungen zum Gleichgewichtsorgan des Ohres einen Namen, allerdings nur international. Von der Verleihung des Nobelpreises erfuhr er 1914 in russischer Kriegsgefangenschaft, was ihm 1916 eine vorzeitige Entlassung bescherte. Bei der Rückkehr nach Wien wurde ihm alles andere als ein triumphaler Empfang bereitet: "Alle Ohrenleiden habe ich ergründet - nur die Taubheit der Wiener Fakultät nicht", spottete er auf einer Karikatur. Er wurde nicht einmal zum außerordentlichen Professor ernannt, bekam aber bereits 1917 einen Lehrstuhl in Uppsala. Einer seiner Nachfahren, Anders Bárány, ist heute Sekretär des Physiknobelkomitees und Chefkurator des neuen Nobelmuseums. Fritz Pregl (1869-1930) Nobelpreis für Chemie 1923 Geboren in Laibach/Ljubljana, studierte er in Graz Medund habilitierte sich dort 1899 in Physiologie, um sich dann ganz der Chemie zuzuwenden. Ein Auslandsjahr verbrachte er 1904 in Tübingen, Leipzig und Berlin. Danach wurde er zunächst außerordentlicher Professor in Graz, 1910 Ordinarius in Innsbruck und 1913 in Graz. Aus der Not, sich nur begrenzte Mengen an organischen Substanzen leisten zu können, machte er eine Tugend. Der Meister der Labortechnik entwickelte die Methode der Mikroanalyse, die genaueste Untersuchungen kleinster Mengen erlaubte. Pregl schaffte so die Voraussetzung für die Chemie der Vitamine und Hormone. Julius Wagner-Jauregg (1857 -1940) Nobelpreis f. Medizin 1927 Der aus Wels stammende Wagner-Jauregg verbrachte mit Ausnahme von vier Grazer Jahren (1889-1893) seine gesamte klinische und wissenschaftliche Karriere in Wien. Mit Wagner-Jauregg erhielt erstmals ein Psychiater den Nobelpreis, nachdem sich seine zunächst höchst umstrittene Malariatherapie durchgesetzt hatte. Durch eine bewusst herbeigeführte Infektion konnte die progressive Paralyse, eine durch die Syphilis hervorgerufene schwere Geisteskrankheit, therapiert werden. Karl Landsteiner (1868-1943) Nobelpreis für Medizin 1930 Der Mann auf dem 1000-Schilling-Schein studierte Medizin in Wien, arbeitete danach insgesamt fünf Jahre in Zürich, Würzburg und München im Labor, bevor er 1896 in seine Geburtsstadt zurückkehrte. 1911 erhielt er eine außerordentliche Professur, nicht seine erste unbezahlte Stelle. Nach dem Ersten Weltkrieg verließ er Wien, vor allem aufgrund der für ihn finanziell desaströsen Situation. Er ging für einige Jahre nach Den Haag und schließlich 1922 nach New York, um eine Stelle am Rockefeller Institute anzunehmen. Die Forschungen, die zur Entdeckung der Blutgruppen führten, begannen schon vor der Jahrhundertwende in Wien und wurden von Landsteiner in New York weitergeführt, wo er bis an sein Lebensende blieb. Erwin Schrödinger (1887-1961) Nobelpreis für Physik 1933 Als Begründer der Wellenmechanik leistete Schrödinger (Landsteiners Vorgänger am 1000-Schilling-Schein) einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau der Quantenmechanik. Die berühmte Schrödinger-Gleichung stellt bis heute die Basis zur Berechnung des Verhaltens von Atomen wie auch freier Teilchen dar. Er promovierte und habilitierte sich in seiner Geburtsstadt Wien, seine wichtigsten Arbeiten entstanden jedoch im Ausland. 1921 ging er nach Zürich, 1927 nach Berlin und nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nach Oxford. Seit Herbst 1936 in Graz, wurde er nach dem "Anschluss" 1938 entlassen und floh. Er kehrte erst 1956 aus seinem Dubliner Exil nach Österreich zurück. Victor Franz Hess (1883-1964) Nobelpreis für Physik 1936 Der gebürtige Steirer promovierte ("sub auspiciis imperatoris") in Graz, habilitierte sich dort auch, ehe er 1910 nach Wien ans Institut für Radiumforschung wechselte. Er stieg mit Freiluftballons in 5000 Meter Höhe auf und konnte zeigen, dass aus dem Weltall energiereiche Strahlen emittiert werden. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatte er Professuren in Graz und Innsbruck inne. Der "Anschluss" zwang den Katholiken und Kosmopoliten Hess 1938 zur Emigration. Seinen Nobelpreis musste er gegen deutsche Reichsschatzscheine "eintauschen", um seine Ausreise zu finanzieren. Er lehrte fortan in New York und wurde 1944 US-Bürger. Otto Loewi (1873-1961) Nobelpreis für Medizin 1936 Geboren in Frankfurt am Main, erhielt Loewi nach seinem Studium in München und Straßburg und Zwischenstationen in Wien und Marburg 1909 den Lehrstuhl für Pharmakologie in Graz. Der Nachweis der chemischen Übertragung der Nervenreize brachte ihm den Nobelpreis. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde er 1938 entlassen. Über Brüssel und Oxford konnte er schließlich nach New York emigrieren und nahm 1946 die US-Staatsbürgerschaft an. Das Preisgeld hatte Loewi bei der Schwedischen Staatsbank deponiert, wurde aber gezwungen, dieses im Rahmen der "Reichsfluchtsteuer" an die Nazis zu überschreiben. Dass er das Geld je zurückerhalten hat, ist unwahrscheinlich. Eine definitive Antwort können die Historiker aber bis heute nicht geben. Wolfgang Pauli (1900-1958) Nobelpreis für Physik 1945 Pauli verbrachte lediglich die Schulzeit in seiner Geburtsstadt Wien, studierte in München, habilitierte sich in Hamburg und ging 1928 als ordentlicher Professor an die ETH Zürich. Seine Mobilität brachte ihn mit führenden Quantenphysikern wie Max Born und Niels Bohr in Kontakt (sein Taufpate war Ernst Mach). In Zürich blieb er mit Ausnahme der Kriegsjahre, die er am Institute for Advanced Studies in Princeton verbrachte, bis an sein Lebensende. Den Nobelpreis erhielt er für die Entdeckung des Ausschlussprinzips, wonach in einem Atom die Elektronen gleicher Energie niemals in allen vier Quantenzahlen übereinstimmen. Legendär ist die Ungeschicklichkeit des "Übertheoretikers": Seine Laborbesuche waren gefürchtet und brachten ihm Hausverbot ein. Karl von Frisch (1886-1982) Nobelpreis für Medizin 1973 Der "Bienenforscher" Karl von Frisch verließ seine Geburtsstadt Wien schon während des Studiums der Medizin und Zoologie. Er promovierte in München, war dort Assistent, danach Professor in Rostock, Breslau und wieder in München, wo er als "Mischling zweiten Grades" und passiver Gegner des NS-Regimes erhebliche Schwierigkeiten bekam. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte er bis 1950 an der Universität Graz (und versuchte vergeblich, Konrad Lorenz als seinen Nachfolger zu installieren), ehe er wieder nach München zurückkehrte. Viele seiner bahnbrechenden Untersuchungen, die ihn zu einem der meistzitierten Zoologen zu Lebzeiten machten, führte er immerhin am Familiensitz in Brunnwinkl am Wolfgangsee durch. Konrad Lorenz (1903-1989) Nobelpreis für Medizin 1973 Der in Wien geborene Konrad Lorenz war der wohl "öster- reichischste" unter den Nobelpreisträgern nach 1945, auch wenn er es in seiner Heimat zu keiner Professur brachte. Nach medizinischen und zoologischen Studien an der Universität Wien beschrieb er ererbte Verhaltensanteile bei Tieren und begründete damit die vergleichende Verhaltensforschung. Seine einzige ordentliche Professur erhielt er 1940/41 in Königsberg. Nach 1945 sollte er Professor in Graz werden, was vom damaligen ÖVP-Unterrichtsminister verhindert wurde: Lorenz war NSDAP-Mitglied gewesen, er war aber auch antiklerikaler Darwinist, was anscheinend ebenso schwer wog. Von 1950 bis 1973 leitete er zwei Max-Planck-Institute in Deutschland, bevor er nach Österreich zurückkehrte und zum "ökologischen Gewissen des Landes" wurde (siehe auch S. 12-13). F. A. von Hayek (1899-1992) Nobelpreis für Ökonomie 1974 Von Hayek studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in seiner Geburtsstadt Wien, wurde nach einigen Jahren im Staatsdienst Leiter des Instituts für Konjunkturforschung und lehrte auch an der Universität Wien. 1931 übersiedelte er nach England, war Professor an der London School of Economics und wurde 1938 britischer Staatsbürger. Von 1950 bis 1962 war er Professor in Chicago, danach in Freiburg im Breisgau. In seiner Arbeit setzte Hayek die so genannte Österreichische Schule der Nationalökonomie fort und war strikter Verfechter marktwirtschaftlicher Prinzipien. |