| Nobel meets Nippon | |
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Er ist im Westen völlig unbekannt. Er wird in anderen Bereichen vergeben. Allein die eigentümlichen Rituale der Feierlichkeiten sind schon die Reise wert. Ein Augenschein von der Verleihung des Kyotopreises (www.inamori-f.or.jp/index_e.html), der japanischen Version des Nobelpreises. Von Roger Willemsen |
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Die erste Auszeichnung wurde vor sechzehn Jahren ausgerechnet dem Nobelpreiskomitee verliehen - in Anerkennung bahnbrechender humanitärer Leistungen. Der Kyotopreis ist die einzige weltweit dem Nobelpreis vergleichbare Auszeichnung, zu vergeben in drei Kategorien, die in Stockholm nicht berücksichtigt werden: erstens Grundlagenforschung, zweitens fortgeschrittene Technologie, drittens Kunst und Philosophie. Anders als in Schweden trägt der Preis aber nicht den Namen des Stifters, sondern den der alten Kaiserstadt Japans, Kyoto. Preisstifter ist Kazuo Inamori, Gründer von Kyocera, einem der größten Keramikhersteller der Welt, führend in Leitsystemen für Computertechnologie. Jeder der Kyotopreise ist mit einer halben Million Euro dotiert. Lebenswerkpreise sind dies, vergeben für Leistungen, die das Gesicht der Menschheit verändern, den wissenschaftlichen und kulturellen Fortschritt befördern und, wie Inamori sagt, zur Verbesserung des Menschlichen beigetragen haben. Seit 1985 also tagen jährlich höchstrangig besetzte Vor- und Hauptwahlausschüsse, die nach langwierigen Erörterungen die drei Preisträger des Jahres benennen. Doch nicht genug mit der Nominierung. Kaum ist ein Preisträger benannt, reist ein dreiköpfiges Stiftungsgremium an die Wohn- und Arbeitsstätte des Laureaten und trägt diesem den Preis an. Die Bedingungen für die Zuerkennung: eine tadellose Lebensführung sowie die Bereitschaft, den Preis in Kyoto selbst in Empfang zu nehmen, sich dabei in öffentlichen Lectures dem Publikum und seinem Wissensdrang zu stellen, die eigenen Thesen in zugänglicher Form vorzutragen und einen Empfang beim japanischen Kaiser zu absolvieren. Die Besuche der drei Japaner bei ihren Preiskandidaten wären ein Filmstoff. Man denke sich die Szene, als sie, schriftlich angekündigt, den Kyotopreisträger des Jahres 1997, den französischen Komponisten Iannis Xenakis, in seinem Pariser Studio besuchten. Der altersschwache Künstler hatte seine japanischen Gönner völlig vergessen, auch waren sie ihm unheimlich oder lästig, jedenfalls ließ er sie ihr Anliegen im Stehen vortragen, bot ihnen nicht mal ein Glas Wasser an und war sichtlich froh, als sie tief betrübt und enttäuscht wieder ihre Heimreise antraten. Auch die Preisverleihungen selbst waren oft interkulturelle Begegnungen der besonderen Art. John Cage ließ 1989 das Publikum lange auf seine Lectures warten, um anschließend das Geräusch der Wartenden zu Musik zu erklären. Der Choreograph Maurice Béjart erschien zur Preisverleihung mit seinem Geliebten und kam dem Familiensinn der japanischen Stifter nicht gerade entgegen. Auch wenn die Stifter gegenüber den Laureaten der künstlerischen und philosophischen Disziplin manchmal skeptisch waren - so fremdartig wirkten für japanische Augen und Ohren bisweilen deren Errungenschaften -, so bewiesen sie doch viel Sachverstand und vergaben Preise unter anderem an Olivier Messiaen, Andrzej Wajda, Paul Thieme, Renzo Piano, Peter Brook, Karl Popper, Witold Lutoslawski, Willard Quine und im vergangenen Jahr an den französischen Philosophen und Sprachwissenschaftler Paul RicSur. Was den Kyotopreis zusätzlich vom Nobelpreis unterscheidet, ist sein geringer Bekanntheitsgrad. Zur Zeremonie werden ein paar ausländische Diplomaten geladen, abgesehen davon bleibt er eine innerjapanische Angelegenheit, ausgezeichnet durch die Gegenwart des Prinzenpaars Takamado und der Spitzen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. "Machen Sie Ihre große Sache auch im Westen bekannt", hatte vor Jahren eine europäische PR-Expertin geraten. "Sie haben Recht", erwiderten die Veranstalter und pflasterten im Jahr darauf die U-Bahn von Tokyo mit Plakaten zur Feier ihres Preises - verfasst in japanischer Sprache. Am Vorabend der eigentlichen Verleihungszeremonie empfangen das Prinzenpaar sowie die Honoratioren aus Stiftung und Politik die Laureaten. Nacheinander müssen sie auf die Bühne treten und sich belobigen lassen. Neben ihnen steht ihre Gattin, ganz so, als trage sie mit an der Last des Preises. "Professor Sir Anthony Hoare", lobt der Redner, "hat Design und Bestimmung der Programmiersprachen durch die Entwicklung der Hoare'schen Logik von Grund auf erneuert und der Entwicklung der Informatik neue Wege gewiesen." Ab "von Grund auf erneuert" zieht Lady Hoare an seiner Seite einen Flunsch, als wolle sie kurz daran erinnern, dass er dafür auch nie zum Abtrocknen gekommen sei. Professor Walter Jakob Gehring aus der Schweiz wird gepriesen als der Erfinder der Homeobox und Spezialist für die Morphogenese von Organismen. Seine Idee kam ihm bei der Beobachtung der Transformation einer Raupe zum Schmetterling. Alle lächeln. Das wird verstanden. Jeder war mal eine Raupe. Oder ein Schmetterling. Der bewundernswerten Aufmerksamkeit von Paul RicSur, einem filigranen Greis von fast neunzig Jahren, erschließen sich am Ende aber doch nicht alle Wendungen des Zeremoniells. Warum soll er, jetzt auf einem Ohrensessel sitzend, zum Publikum gewendet, der vereinfachten Zusammenfassung seines Lebenswerkes lauschen? Wozu dieses Defilee ihm unbekannter Wissenschaftler und Zelebritäten, und was gilt es jedem einzelnen von ihnen zu sagen? Auch das Ritual der Preisverleihung am folgenden Abend hat den Charakter eines uralten Zeremoniells. Man frage nicht, was in den Köpfen einer Hundertschaft von jungen Frauen vorgeht, die in nicht enden wollenden Spalieren aufgestellt, jeden einzelnen Gast mit Zuruf und Verbeugung begrüßen. Man suche nicht nach Ironie, nach Entertainment, nach all den über die große amerikanische Showmatritze gelaufenen Formen des Amüsements. Ein Zeremoniell, das noch gefühlt wird, ist viel spannender. Die Bühnendekoration entfaltet den Prunk japanischer Lackmalerei auf goldenem Grund und bewahrt neben der künstlerischen Fertigkeit die Erinnerung an vorzeitliche Landschaften mit Tempeln und Pagoden, an alte Tänze und Kompositionen, an Kinderchöre, Fabelwesen, höfische Zeremonielle und Geschenke. Die drei Preisträger haben gelernt, sich zurechtzufinden, sich gemessen zu erheben, sich vor dem Prinzenpaar steif und förmlich zu verbeugen und ihren europäischen Habitus abzustreifen. Der in tiefe Feierlichkeit getauchte Saal folgt jeder Bewegung auf der Bühne in atemloser Spannung. Prinz Takamado hofft, der Preis möge zum Weltfrieden beitragen, Premierminister Mori lobt die Tapferkeit der Forscher und wünscht, Japan möge am Aufbau einer idealen Welt durch den Intellekt teilnehmen. Tony Blair lässt wie der Schweizer Bundespräsident allen Preisträgern gratulieren, Chirac nur dem französischen, beweise er doch die Vitalität der französischen Forschung in ihrem Beitrag für die Welt. Der Saal versinkt im Dunkel. Nacheinander werden nun die Preisträger mit einem Spot beleuchtet, während auf einer großen Leinwand die Bilder ihres Lebens vorbei ziehen, eine rührende, tief menschliche Präsentation von Biographie. Die Mutter von Professor Hoare, so erfahren wir, liebte das Reisen, jene von Professor Gehring war immer eine gute Tänzerin und macht heute noch Aerobic. Von RicSur erfahren wir, dass er ein Witwer ist, der gerne Museen und Konzerte besucht. In allen drei Lobreden kommt dies vor: die Katastrophen der Vita, der Tod der Geliebten, der Eltern, der Zusammenbruch der Familie, die hier bis in die Ahnengeneration mitgeehrt wird. Es sind die Stellen, an denen das Leben aggressiv genug war, das Forscherleben in seiner Einsamkeit zu erreichen. Sie alle werden noch einmal wehmütig angesichts dieser aus der tiefen Vergangenheit daherkommenden Bilder, die an all die verflossene Zeit, die frenetischen Bemühungen und die erkalteten Erfolge erinnern. Für dieses Jahr hat sich die Vision des Kyotopreises erfüllt, die drei Preisträger fassen sich bei der Hand, symbolisch, und für den Moment steht der wissenschaftliche Fortschritt da, innig verbunden mit der Aufklärung. Man spielt Bach. Danach strömen alle in die Nassräume. Dort sind die Klobrillen geheizt, durch Knopfdruck kann man das Gesäß mit einem Wasserstrahl spülen, und im Vorraum sprechen zwei junge Japaner über "Mode, die mitdenkt". Hurra, die reale Aufklärung hat uns wieder! Roger Willemsen ist Autor zahlreicher Bücher, Fernsehmoderator, Produzent sowie Regisseur und wurde vor allem durch seine zahlreichen Interviews mit Personen der Zeitgeschichte bekannt. arbeitet als Journalist für die "Süddeutsche Zeitung". |