| Nutzlose Mathematik? | |
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Manche sehen es als gerechte Rache für erlittene Qualen im Schulunterricht an, andere betrachten es als grobe Ungerechtigkeit: Mathematiker bekommen keinen Nobelpreis. Im Testament Alfred Nobels scheint keine Begründung für diesen Sachverhalt auf. So bleiben nur Vermutungen. Von Klaus Taschwer |
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Nobels Liebesleben. Jedes Jahr nehmen Wissenschaftler der Fachrichtungen Physik, Chemie und Medizin bzw. Physiologie den Nobelpreis entgegen und krönen damit ihre Karrieren. Auch wenn es viele nicht zugeben wollen: Die Verleihung des Preises wird als Höhepunkt und Bestätigung des eigenen wissenschaftlichen Schaffens angesehen. Doch einige Disziplinen fehlen. Biologen freilich erhalten oft den Preis für Medizin, die Mathematik hingegen blieb im Fächerkanon Nobels gänzlich unbedacht. Warum gehen die Zahlenkünstler eigentlich leer aus? (www.nobelprizes.com/Nobel/why_no_math.html) Gerne wird zur Beantwortung dieser Frage eine Anekdote ins Treffen geführt, von der niemand genau weiß, ob etwas dran ist oder nicht. Man erzählt sich, dass Alfred Nobel mit der Mathematikerin Sonja Kovalevskaja eine Liaison gehabt hätte, sie ihn aber aufgrund eines Verhältnisses zu ihrem Fachkollegen Gösta Mittag-Leffler verlassen habe. Diese menschlich-allzu-menschliche Erklärung hat vor allem unter Mathematikern Konjunktur. Folgt man jedoch den Biographen von Nobel und Kovalevskaja, dann gehört diese Anekdote in den Bereich der Legenden. Alfred Nobel hatte die hübsche Russin zwar 1887 kennengelernt und ihr in der Tat den Hof gemacht. Doch für eine Affäre zwischen den beiden gibt es keine Belege, geschweige denn für eine Dreiecksbeziehung mit Mittag-Leffler. Sucht man also nach handfesteren Ursachen dafür, dass es keinen Nobelpreis für Mathematik gibt, empfiehlt sich ein Blick in das Testament des Dynamiterfinders: "Das Kapital (...) soll einen Fonds bilden, dessen jährliche Zinsen als Preise denen zuerteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Danach folgt Nobels bekannte Aufzählung jener Wissenschaften, die ihm preiswürdig erschienen. Die Mathematik war nicht darunter. Hier ist man geneigt, folgenden Umkehrschluss zu ziehen: Wenn also gewisse wissenschaftliche Fachgebiete "der Menschheit Nutzen" bringen, so gilt wohl, dass Nobel die nicht bedachten Disziplinen als weniger nutzbringend erschienen. Ist die Mathematik also nutzlos? Nutzen und Anwendungen. Eine Frage, die man gegenüber Fachleuten besser indirekt stellt, da dies sonst leicht als ignorant bis sakrilegisch empfunden wird. Für Rudolf Taschner, Professor für mathematische Analysis an der TU Wien, gibt es massenhaft Beispiele: "Die Zeit reicht nicht aus, nur die wichtigsten aufzuzählen." Taschner geht aber gleichzeitig auf ironische Distanz zu seiner Wissenschaft: "Daneben gibt es aber ebenso viele Beispiele für die Sinnlosigkeit der Mathematik." Frank-Olaf Schreyer, Professor für algebraische Geometrie an der Universität Bayreuth, hält mit Beispielen nicht hinter dem Berg: "In der diskreten Optimierung sind durch die leistungsfähigen Computer und die Verbesserung der Algorithmen Anwendungen möglich geworden, von denen man noch vor wenigen Jahren nur träumen konnte. Die Anwendungen reichen in so unterschiedliche Bereiche wie Regelung von Bus- und U-Bahnverkehr, Steuerung von Kraftwerken und Telekommunikationssystemen." Auch in der Medizin erweist sich die Mathematik als nützlich, wie Schreyer ausführt: "Zum Beispiel beruht die Computertomographie auf der Theorie der (Radon-)Integralgleichungen. Ohne die dazu entwickelten numerischen Verfahren zur Identifikation und Rekonstruktion wäre sie undenkbar." Bedenkt man weiterhin, dass selbst so brotlos erscheinende Arbeiten wie die logischen Grundlagenforschungen des deutschen Mathematikers Gottlob Frege später als Basis für die formalen Prinzipien elektronischer Rechner dienten, so erübrigt sich die weitere Diskussion über die vermeintliche Nutzlosigkeit mathematischer Leistungen. Wenn Alfred Nobel all das geahnt hätte ... Der Preis ist heiß. Freilich hat die mathematical community für Ersatzbefriedigungen auf dem Gebiet der Preisverleihungen gesorgt. Die Fields-Medaille gilt, so der allgemeine Tenor, als inoffizieller Nobelpreis der Abstraktionsakrobaten. Der Preis geht auf den kanadischen Mathematiker John Charles Fields zurück und wurde erstmals 1936 am internationalen Mathematikerkongress in Oslo vergeben. Seither werden alle vier Jahre besondere Leistungen mit Medaillen bedacht. Sie gehen an jeweils zwei bis vier herausragende Mathematiker, die nicht älter als vierzig Jahre sein dürfen. Normalerweise nimmt die breite Öffentlichkeit von solch esoterischem Treiben kaum Kenntnis. Andrew J. Wiles, der Preisträger von 1998, ist da eine Ausnahme. Die Geschichte seines Beweises des Fermat'schen Satzes wurde durch Simon Singhs Bestseller "Fermat's Last Theorem" (siehe auch heureka 5/00: Anatomie zweier Bestseller) weltbekannt und machte Wiles zu einer Art Mathematikpopstar. Gleichwohl: Der eine, begehrte Preis bleibt für die strengen Rechner außer Reichweite. Ausnahmen bestätigen die Regel. Herbert Hauptmann vom Naval Research Laboratory, Washington D.C., ist einer der wenigen Mathematiker, die in den Genuss von Nobelweihen kamen. Seine Beiträge zur Beugung von Röntgenstrahlen brachten ihm 1985 den Nobelpreis für Chemie ein. Im Übrigen gibt es auch umgekehrt gelagerte Fälle. Der Physiker Edward Witten vom Institute for Advanced Study in Princeton brach mit seinen Arbeiten zur Superstringtheorie in eine bis dato rein mathematische Domäne ein. Seine in der theoretischen Physik entwickelten Methoden erwiesen sich als derart raffiniert, dass sie dem Fields-Komitee im Jahr 1990 eine Medaille wert waren. Gute Nachricht. So bleibt trotz allem zu fragen: Beneiden die Mathematiker die Naturwissenschaftler um den Nobelpreis? Rudolf Taschner: "Wohl viele, ich persönlich nicht. Mir mangelt es völlig an Ehrgeiz in dieser Richtung." Doch für die preiswütigen Fachkollegen gibt es eine gute Nachricht: Die norwegische Regierung hat kürzlich beschlossen, eine weitere Art mathematischen Nobelpreis einzurichten: den Abel-Preis (odin.dep.no/smk/engelsk/aktuelt/pressem/001001-990157/index-dok000-b-n-a.html). |