| Gesetzlose Wissenschaften? | |
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Wandelbar, Zufällen unterworfen, sozial konstruiert, widerlegbar: Naturgesetze sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Aus dem unveränderlichen Wort Gottes ist anscheinend eine Frage der menschlichen Interpretation geworden. Sechs Wissenschaftler suchen Antwort darauf, welche Gesetzmäßigkeiten es in ihren Fächern noch gibt.
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Was sind Naturgesetze? Wird alles, was in der Natur passiert, durch sie schon vorher mit absoluter Sicherheit vorherbestimmt? Nein, das ist anders! Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Urfische hatten ein versteiftes Band im Rücken, die Chorda dorsalis. Alle Wirbeltiere stammen von diesen Urfischen ab. Deswegen mussten sie alle im Verlauf ihrer embryonalen Entwicklung dieses Band, aus dem später die Bandscheiben gebildet werden, anlegen. Von welchen Gesetzen reden wir da? Von einem entscheidenden Ereignis, in dessen Folge es äußerst wahrscheinlich wurde, dass es in der Welt zu bestimmten Erscheinungen kommt. Von Gesetzlichkeit als Wahrscheinlichkeit zu sprechen, ist deshalb so wichtig, weil natürlich. Zwar dachte man früher, dass die Gesetze der Physik nicht dem Zufall unterworfen sind und bestehen, seit es die Welt gibt. Heute versteht man, dass auch die physikalischen Gesetze einen historischen Ursprung haben. Sie sind unmittelbar nach dem Urknall entstanden. Aber sie sind genauso historisch wie die Gesetze, die die Biologen an ihren Organismen finden. Ein gravierender Unterschied besteht allerdings darin, dass diese Gesetze ungleich alt sind. Und außerdem nimmt die Bedeutung des Zufalls mit der Komplexität der Systeme zu: Es kann schon sein, dass die physikalischen Wechselwirkungen wieder entstehen, wenn der Urknall noch einmal knallt. Aber dass sich dann Wirbeltiere entwickeln würden, ist schon sehr unwahrscheinlich, und das Unwahrscheinlichste wäre, dass wir zwei an diesem Novembertag über Biologie sprächen. Rupert Riedl, Emeritus für Zoologie an der Universität Wien, gründete das Konrad Lorenz Institut für Evolutions- und Kognitionsforschung. Link: www.univie.ac.at/geographie/ifgr/institut/personen/biographien/viel_chr/viel_chr.html Protokoll: Matthias Bernhart
In der Entwicklung der Wissenschaft können Naturgesetze auch von der Begrifflichkeit her völlig geändert werden, aber das heißt noch nicht, dass das Naturgesetz in seiner Voraussagekraft widerlegt wurde. Zum Beispiel hat Einstein mit der Relativitätstheorie nicht Newtons Gravitationsgesetz widerlegt, sondern nur erweitert. Die Formulierung Einsteins und der Einbezug von Zeit und Raum waren zwar etwas völlig Neues, aber aus seinem Ansatz könnte man auch die Formulierung von Newton herausrechnen. Herbert Pietschmann ist Vorstand des Instituts für Theoretische Physik der Universität Wien. Link: data.univie.ac.at/inst?inum=A515 Protokoll: Desirée Hebenstreit
Klar, der Naturwissenschaftler braucht für seine unmittelbare Tätigkeit nicht so viel Philosophie. Doch für einen befriedigenden Diskurs ist es notwendig, die jeweiligen Rahmenbedingungen zu untersuchen. Erst dadurch wird klar, wie es zur Anerkennung eines Phänomens kommt, das wir dann ein "Naturgesetz" nennen. Nehmen wir als Beispiel ein so wichtiges Gebiet wie die Bioethik. Zunächst scheint es, wir haben es hier mit Fragen und Gesetzen zu tun, die zur Biologie oder zur Medizin gehören. Die daraus entstehenden Fragen haben aber mit den Naturwissenschaften nichts mehr zu tun. Sie betreffen vielmehr die ganze Gesellschaft, es geht um Ethik und um Verantwortungsbewusstsein. Dabei können die einzelnen Standpunkte sehr unterschiedlich sein. Der Philosophie obliegt es, die verschiedenen Argumente zu analysieren. Deshalb versucht sie aufzuzeigen, dass jedes Argument eine Geschichte hat. Das führt noch keineswegs zu einer Lösung, aber es wird deutlich, wie komplex das Problem ist. Giovanni Leghissa liest Geschichte der Philosophie an der Universität Wien. Link: homehobel.phl.univie.ac.at Protokoll: Sabina Auckenthaler
Peter Markl ist Professor am Institut für Analytische Chemie der Universität Wien. Link: www.anc.univie.ac.at/radiochem.html Protokoll: Ute Walch
Für die Radiologen ist die medizinische Physik maßgeblich. Ein allgemein bekanntes Verfahren ist die Ultraschalldiagnostik, bei der aus unhörbaren Lauten, also Schallwellen, ein sichtbares Bild geformt wird. Die Interaktionen der Wellen mit den verschiedenen Geweben und die daraus elektronisch generierten Bilder unterliegen klaren Gesetzmäßigkeiten. Durch den Einsatz immer höherer Schallfrequenzen und einer stetigen Weiterentwicklung der Bildverarbeitungssoftware werden diese Gesetze, wie etwa das vom Wiener Physiker beschriebene Doppler-Prinzip, zwar nicht infrage gestellt, jedoch in anderer Perspektive beleuchtet. Naturgesetze werden also durch das Sichtbarmachen von "Neuem" unter anderen Aspekten interpretiert. Franz Kainberger lehrt und forscht an der Universitätsklinik für Radiodiagnostik in Wien. Link: www.univie.ac.at/radio/patients/BroschApril98.htm Protokoll: Simone Wille
Generell wird heute in der Geographie und Regionalforschung von einem Gesetz im Fall einer Wenn-dann-Kausalität gesprochen, die als deterministische Aussage formuliert wird. Es ist aber heutzutage in keiner Weise ungewöhnlich, Gesetze, die einmal formuliert wurden bzw. zur Erklärung menschlichen Verhaltens herangezogen wurden, zu widerlegen zu suchen. Christian Vielhaber lehrt und forscht am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien. Link: www.univie.ac.at/geographie/ifgr/institut/personen/biographien/viel_chr/viel_chr.html Protokoll: Michael Reicheigner |