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Von Daniel Kehlmann |
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Die Anfänge der wissenschaftlichen Kriminalistik sind eher unrühmlich. Zwischen 1775 und 1778 veröffentlichte Johann Kaspar Lavater seine "Physiognomischen Fragmente", in denen er ausführte, wie der Charakter eines Menschen durch Analyse seiner Gesichtsform festzustellen sei. Die Anwendung auf die Kriminologie ließ nicht lange auf sich warten: Lavaters Ansätze wurden durch den Arzt Franz Joseph Gall und dessen "Phrenologie" nach Frankreich importiert. Nach Gall sollten kriminelle Eigenschaften durch genaue Messung der Kopfform erkennbar sein; damit wiederum beeinflusste er den noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts eminent einflussreichen Cesare Lombroso, der etwa eine fliehende Stirn oder einen stark ausgeprägten Unterkiefer für Zeichen verbrecherischer Neigungen hielt. All diese Ansätze, die das Kriminelle unbedingt physisch dingfest machen wollten, waren keineswegs die merkwürdige Esoterik, als die sie heute erscheinen; sie galten als Ergebnis neuester, rationaler Analysen. Was aber die wissenschaftliche Methode allen anderen überlegen macht, ist, dass sie Widerspruch aus sich selbst hervorbringen kann: "Jetzt sind es Zeichen an der Stirne, die man deuten will, ehmals waren es Zeichen am Himmel", schrieb Georg Christoph Lichtenberg. "Ich wollte hindern, daß, da grober Aberglaube aus der feineren Welt verbannt ist, sich nicht ein klügelnder an dessen Statt einschliche, der eben durch die Maske der Vernunft gefährlicher wird als der grobe." Der wissenschaftliche Aberglaube, den der Physiker Lichtenberg angriff, scheint ja überwunden. Aber gibt es nicht viele Forscher, die den Keim des Verbrechens im Genom, also in jeder einzelnen Zelle und damit wieder im Physischen, finden wollen? "Wir denken feiner, reden feiner und faseln feiner", sagte Lichtenberg. Und wenn Gall, Lavater und der unselige Lombroso heute nur mehr als Kuriositäten bekannt sind, so bedeutet das vielleicht nur, dass wir gelernt haben, etwas bessere Mikroskope zu verwenden. Und ein wenig feiner zu faseln. |