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Koloniale Verstrickungen

Der Wiener Sozial- und Kulturanthropologe Andre Gingrich forscht seit mehreren Jahrzehnten in mehr oder weniger entlegenen Gegenden der Welt. Ein Gespräch über das koloniale Erbe seines Faches, die Auswirkungen der Globalisierung, die heutige ethnologische Forschungspraxis und warum der Begriff "Dritte Welt" nicht wirklich brauchbar ist.
Interview: Klaus Taschwer

Literatur

Die Sensibilisierung für das Fremde und für interkulturelles Zusammenleben bekam Andre Gingrich gleichsam in die Wiege gelegt: Sein Vater war US-amerikanischer Soldat in Wien, seine Mutter musste vor den Nazis in die Schweiz flüchten und kam nach 1945 wieder zurück nach Österreich. Der heute international renommierte Ethnologe war früh an Dritte-Welt-Bewegungen interessiert; seine Feldforschungen führten ihn in den vergangenen Jahrzehnten zu Kulturen in Südarabien, Tibet und im Himalaya. Vor zwei Jahren wurde Gingrich für seine Leistungen mit dem Wittgenstein-Preis ausgezeichnet, Österreichs wichtigstem Wissenschaftspreis. Das Preisgeld investiert Gingrich in sein mehrjähriges Großprojekt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse", das an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, eng mit dem Institut für Ethnologie an der Universität Wien und der deutschen Max-Planck-Gesellschaft kooperiert und zahlreichen Nachwuchswissenschaftlern Forschungsmöglichkeiten bietet.


heureka: Sind die Begriffe "Dritte Welt" oder "Entwicklungsländer" eigentlich politisch bzw. ethnologisch korrekt?

Andre Gingrich: Ich teile die Auffassung der meisten Wissenschafter aus den so bezeichneten Regionen, dass diese Begriffe nicht wirklich brauchbar sind. Der Terminus "Dritte Welt" ist durch die neokoloniale Phase der Nachkriegsgeschichte und den Ost-West-Konflikt geprägt: Die Erste Welt sollte der Westen sein, die Zweite der Osten und die Dritte Welt der Rest. Spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer ist das hinfällig geworden. Ähnliches gilt für den Begriff "Entwicklungsländer": Die neue Phase der Globalisierung hat auch dort längst Zentren und Knotenpunkte geschaffen - von Singapur bis zu den Arabischen Emiraten. Außerdem suggeriert der Begriff, dass sich nur jener, aber nicht dieser Teil der Welt "entwickeln" müsse.

Wie sollte man diese Regionen nennen?

Es ist wohl am besten, einfach bei den geographischen Bezeichnungen zu bleiben und von Asien, Afrika, Ozeanien und Lateinamerika zu sprechen.

Bezeichnungsprobleme gibt es auch bei Ihrem eigenen Fach. Das wird hierzulande je nachdem Ethnologie, Ethnographie, Völkerkunde, Sozial- oder Kulturanthropologie genannt. Welchen Begriff bevorzugen Sie?

Sozial- und Kulturanthropologie. Diese Bezeichnung hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur im angloamerikanischen Raum, sondern auch fast überall sonst durchgesetzt. Warum das im deutschsprachigen Raum etwas anders kam, hängt zu einem Gutteil mit dem Erbe der NS-Zeit zusammen: Bis dahin nannte man das Fach meist Volks- bzw. Völkerkunde. Nach 1945 war es wegen der ideologischen Missbrauchs des "Volks"-Begriffs wichtig, zeitlos zu wirken, und da hat man sich auf zeitlos "antike" Begriffe wie Ethnographie und Ethnologie berufen. Außerhalb des deutschsprachigen Raums hat die Bezeichnung Ethnologie mittlerweile allerdings einen etwas unangenehmen Beiklang.

Warum?

Britische, aber vor allem US-amerikanische Behörden nannten ihre Einrichtungen zur Untersuchung und Verwaltung der lokalen Bevölkerung "Bureaus of Ethnology" oder ähnlich. Diese Einrichtungen haben ganz direkt kolonialen Zwecken gedient. Dazu kommt, dass die Begriffe Ethnologie bzw. Ethnographie die Unterschiede zwischen den Menschen betonen, während die Bezeichnung Anthropologie das Hauptaugenmerk auf das Gemeinsame unter den Menschen legt.

Inwieweit ist die Geschichte Ihres Faches durch den Kolonialismus geprägt?

Das ist je nach Land unterschiedlich. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es in den USA und England vom Anfang an intensive Verstrickungen gab, während sie im deutschsprachigen Raum zunächst kaum vorhanden waren. In Nordamerika stand die frühe Entwicklung der Sozial- und Kulturanthropologie im Zusammenhang mit den Indigenen im eigenen Land, die ihrer Rechte beraubt, verdrängt und dezimiert wurden. Eine ähnliche Rolle spielte das Fach bei der kolonialen Expansion der Briten, aber auch in der zaristisch-russischen Entwicklung von Ethnographie. Im deutschsprachigen Raum war das Fach zunächst Teil der Aufklärung und wurde unter abstrakteren philosophischen Fragestellungen betrieben. Das änderte sich dann aber im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts, als es dann auch im Deutschen Reich und im Habsburgerreich - etwa bei der orientalisierenden Befassung mit dem Nahen Osten - zu Indienstnahmen des jungen Faches durch koloniale Interessen kam.

Wann hat man begonnen, sich von dieser Rolle zu distanzieren?

Eine Aufarbeitung dieser kolonialistischen Verflechtungen setzt erst vergleichsweise spät, in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, ein. Ethnologen wie Max Gluckman oder Victor Turner versuchten damals zu zeigen, dass es eine Fiktion der Klassiker wie Bronislaw Malinowski und Franz Boas war, Lokalgesellschaften so darzustellen, als wären sie ohne jede Interaktion mit einem Kolonialapparat. Dabei war gerade das Gegenteil der Fall: Der Kolonialapparat hatte jene Lokalgesellschaften zumeist längst schon verändert. Und zugleich waren es auch die Kolonialbehörden, die den Ethnologen den Zugang zu diesen Gesellschaften ermöglichten.

Woher kamen diese Kritiker?

Das waren Schüler von Malinowski, die so genannte Manchester School of Anthropology, die in den Dreißigerjahren im heutigen Sambia bzw. im damaligen Britisch-Nordrhodesien Industrialisierungsprozesse untersuchte. Diese Autoren verwarfen das bis dahin dominierende Paradigma von funktionierenden lokalen sozialen Einheiten, das von Malinowski und Radcliffe-Brown aufgestellt worden war, zugunsten eines eher prozessualen und eher konfliktträchtigen Modells von Lokalgesellschaften.
Eine zweite Generation von Kritikern setzt dann rund um die kritischen Bewegungen und Revolten der Sechzigerjahre ein. Und da sind zwei angloamerikanische Forscher wichtig, die beide auch starke Bezüge zu Wien haben. Zum einen ist das Talal Asad, der Sohn eines altösterreichischen Journalisten namens Leopold Weiß, der zum Islam konvertiert war und danach den Namen Mohammad Asad trug. Talal Asad war ein sehr einflussreicher britisch-amerikanischer Anthropologe, dessen Buch "Anthropology and the Colonial Encounter" in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren den Startschuss gab, sich intensiv mit der historischen Verstrickung und Mitverantwortung der Ethnologie für koloniale Expansion und Unterdrückung auseinander zu setzen. Zum anderen war das der aus Wien stammende und in die Integration gezwungene Anthropologe Eric bzw. Erich Wolf, der vor kurzem verstorben ist. Wolf hat in seinem berühmten Werk "Europa und die Völker ohne Geschichte" deutlich gemacht, dass es schon lange vor dem Kolonialismus nur mehr wenige von überregionalen Einflüssen isolierte Lokalgesellschaften gegeben hat, weil schon lange vor 1492 die großen Fernhandelssysteme existierten.

Ist es nicht so, dass durch die heutigen globalisierenden Einflüsse die Kultur- und Sozialanthropologie ihres eigentlichen "Forschungsgegenstands" nicht überhaupt beraubt wurde?

Nein, ganz gewiss nicht. Wie Kritiker der ethnologischen Klassiker gezeigt haben, hat es diese isolierten exotischen Lokalgesellschaften ja kaum jemals gegeben - nicht einmal vor der Expansion Europas. Zugleich wird es lokale Sozialformen, die in vielerlei Hinsicht von den europäischen differieren, weiterhin geben - trotz aller globalisierenden Einflüsse aus Europa, Japan oder den USA. Und genau darum geht es auch in unserem Forschungsprojekt "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse". Identität ist dabei nicht psychologisch gemeint, sondern meint bestimmte Arten von kollektiver, also religiöser, sozialer oder kultureller Identität. Wir versuchen also, für die Gegenwart, aber auch für bestimmte Phasen der Geschichte - etwa für das Spätmittelalter im Nahen Osten - herauszuarbeiten, welche Zwänge und Spielräume es gibt, wenn massivere überlokale Kräfte mit lokalen Identitäten interagieren.

Hat sich das Untersuchungsfeld für die Ethnologie dabei nicht selbst globalisiert? Und wird damit nicht etwa auch Europa bzw. das "Eigene" zu einem Gegenstand?

Ich sehe das ambivalent. Auf der einen Seite halte ich viel vom fremden Blick des außen stehenden Beobachters - bei allen Schwierigkeiten, die damit notwendigerweise verbunden sind. Doch das hat einen eigenständigen Erkenntniswert und ist eine wichtige Methode unseres Faches. Außerdem hat sich Europa mit Disziplinen wie der Soziologie, der Volkskunde oder der Geschichte ohnehin selbst erforscht. Auf der anderen Seite sollte die im deutschsprachigen Raum etablierte Trennung zwischen diesen Fächern, die das Nahe erforschen, und jenen, die das Ferne untersuchen - also etwa die Japanologie oder Sinologie oder Ethnologie - aufgelöst werden. Das hieße eben vor allem auch eine Kooperation zwischen den alten Disziplinen Volks- und Völkerkunde. Das alles sollte aber nicht unter Preisgabe des fremden Blicks geschehen. Vielmehr wäre daran zu denken, dass dann etwa ein chinesischer Anthropologe die österreichische Gesellschaft untersuchen würde und umgekehrt.

Gibt es in China überhaupt eine Ethnologie? Wie sieht es damit generell in den Ländern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas aus?

Es gibt vier oder fünf Regionen, wo sich die Sozialanthropologie gut etabliert hat: in Indonesien und Indien, bestimmten Ländern Mittel- und Südamerikas sowie im südlichen Afrika. Dort gibt es wirkliche Zentren für ethnologische Ausbildung und Forschung. Dort hat die Sozialanthropologie zumeist auch viele Aufgaben der traditionellen Soziologie und Geschichte übernommen, die oft allzu europäisch ausgerichtet waren. In der Anthropologie ist es - im Gegensatz zu vielen anderen Fächern - schon heute so, dass zunehmend Forscher tonangebend sind, die aus diesen Regionen stammen - wie etwa Arjun Appadurai, Stanley Tambiah oder Veena Das, die allerdings zumeist schon im "Westen" studiert haben und heute an renommierten US-Universitäten lehren. Im deutschsprachigen Raum hatten wir bisher leider nicht besonders viele Stellen für solche Personen. In unserem Projekt "Lokale Identitäten, überlokale Einflüsse" ist planmäßig vorgesehen, dass nicht nur wir anderswo tätig sind, sondern dass auch Kollegen aus dem tibetischen bzw. dem arabisch-nahöstlichen Raum mit uns zusammen Ethnographien durchführen. Das sind zugegebenermaßen aber nur erste Schritte.

Hat sich in den vergangenen Jahren auch die Forschungspraxis der Kultur- und Sozialanthropologie verändert - gerade auch mit dem Wissen über die kolonialen Verstrickungen des Faches?

Die ethnologische Feldforschung gibt es natürlich nach wie vor - aber unter sehr veränderten Rahmenbedingungen. So ist es heute nicht mehr üblich, sich lange Zeit ohne Unterbrechungen an einem einzigen Ort aufzuhalten und dort zu forschen. Denn das Leben der Menschen, über die man schreibt, ist nicht mehr nur aus dem örtlichen Dabeisein verstehbar, sondern erfordert beispielsweise, ihre nächsten Verwandten aufzusuchen, die ganz woanders hingezogen sind. Man sollte sich als Ethnologe aber auch darüber informieren, wie die wichtigsten Fernsehprogramme zustande kommen, die sich diese Leute anschauen und längst Teil ihrer Referenzsysteme und moralischen Wertvorstellungen geworden sind. Heute hat man sich einen Ethnologen nicht mehr als den abenteuerlustigen weißen europäischen Mann vorzustellen, der in einer fremden Gegend einsam und heldenhaft vor sich hin forscht. Seine Hautfarbe kann alle Schattierungen haben, er kann aus allen Teilen der Welt kommen - und der Forscher kann natürlich genauso gut eine Forscherin sein. Zudem sind Kleingruppen mittlerweile häufiger geworden als Einzelwissenschafter, auch in der Forschungspraxis vor Ort.

Und wie ist das mit dem Verhältnis zu den untersuchten Lokalgesellschaften? Hat sich auch das verändert?

Zweifellos. In den letzten Jahren haben sich auch die "Beforschten" verstärkt zu Wort gemeldet und wollen wissen, was bei diesen Forschungen herauskommt und welchem Zweck sie dienen. Es gibt immer wieder Fälle von unprofessionell arbeitenden Ethnologen, was dazu führen kann, dass keine weiteren Kollegen mehr akzeptiert werden. Das passierte zum Beispiel bei den Hopi in Nordamerika, die mittlerweile einfach genug davon haben, dass ständig neue Diplomanden oder Dissertanten von oft drittklassigen US-amerikanischen Provinzuniversitäten bei ihnen Feldforschung machen möchten. Das kann aber auch im Nahen Osten passieren, wenn jemand ohne Vorkenntnisse über den Islam hinkommt und die lokale Bevölkerung brüskiert, ohne es überhaupt zu bemerken.

Jüngste Publikation:

Andre Gingrich und Richard G. Fox (Hg.): Anthropology, by Comparison. London 2002 (Routledge). 261 S., £ 16,-

Homepage des Projekts "Lokale Identitäten und überlokale Einflüsse":

www.wittgenstein2000.at

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