Die meisten Wissenschaften haben ihre ganz andere, illegitime Seite: Was für die Psychologie die Parapsychologie ist, ist die Astrologie für die Astronomie. Was aber ist das Andere der Politikwissenschaft bzw. der Zeitgeschichte? Für Jodi Dean ist dieses "Andere" die Konspirologie bzw. das Verschwörungsdenken. Und damit beschäftigt sich die US-amerikanische Politologin eingehend in ihren Büchern "Aliens in America" (1998) und "Publicity's Secret" (2002).
Dabei analysiert sie nicht nur, wie das nicht autorisierte Wissen von Verschwörungstheoretikern die legitimen Wissenschaften und andere Autoritäten infrage stellt, sondern dass wir alle in gewisser Weise mit beteiligt sind, wie Dean auch im Interview meint: "Denn der Überfluss an Information durch das Internet und andere neue Kommunikationstechnologien macht uns alle zu potenziellen Verschwörungsdenkern", so die Politikwissenschaftlerin, die Professorin am Hobart-William Smith College in Geneva im Bundesstaat New York ist und Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien war.
Das Internet war auch Anfang Februar, nachdem brennende Teile der Weltraumfähre Columbia über Texas niedergegangen waren, Forum für abstruse Spekulationen rund um die Absturzursache: Die Theorien reichten vom Abschuss des Shuttles durch Aliens bis hin zum Attentat muslimischer Terroristen. Dass Teile des Raumschiffes ausgerechnet im texanischen Örtchen Palestine gefunden wurden und ein israelischer Raumfahrer mit an Bord war, musste natürlich ebenfalls seine Gründe haben. Oder sprengte die Regierung das Shuttle gar selbst, um NASA-Gelder für den Irakkrieg zu lukrieren?
Verschwörungstheorien sind für Jodi Dean Resultat des Vertrauensverlustes in verschiedene Instanzen wie Staat, Militär oder Wissenschaft: Man wolle diesen einfach nicht mehr die Fähigkeit zusprechen, über "wahr" und "falsch", "wirklich" und "unwirklich" zu urteilen. Scheint es bei den Verschwörungstheorien rund um das Columbia-Unglück noch vergleichsweise einfach, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, fällt es bei Erklärungen für die Vorfälle des 11. September 2001 schon nicht mehr so leicht - etwa nach der Lektüre von Mathias Bröckers' Buch "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9." (2002).
Für den deutschen Wissenschaftspublizisten sind die Ereignisse dieses Tages "Kristallisationspunkt bizarrer Ungereimtheiten, fantastischer Widersprüche, verschwiegener Hintergründe und strategischer Geheimaktionen." Bröckers stellt sich in seinem inzwischen bereits fast 100.000fach verkauften Buch unter anderem die Frage, warum die Daten des Funkverkehrs und der Flugrekorder nicht veröffentlicht werden. Oder: Warum gibt es keine Fotos oder Videos von der Absturzstelle im Pentagon, auf denen Wrackteile des Flugzeuges zu sehen wären? Die umstrittene, aber gerne gelesene Antwort des provokanten Deutschen: Hinter dem Anschlag am 11. September steht eine inneramerikanische Verschwörung von Rechtsextremen aus Industrie, Politik und Geheimdiensten.
Bröckers reiht sich mit seiner These, die selbstredend keine Verschwörungstheorie sein will, in die große amerikanische Konspiration ein. Die sieht in der Regierung - auch "The System" genannt - den Feind, der die USA und ihr Volk in die Hände fremder Mächte spielt. Die Verschwörung laufe dabei in Komplizenschaft mit Juden, Schwarzen, Linken und Arabern. Für Jodi Dean ist es kein Zufall, dass die Vereinigten Staaten an der Spitze stehen, was Mutmaßungen und Verdächtigungen anbelangt. "Das ist tief im amerikanischen Denken verankert", meint sie und nennt auch gleich eine historische Wurzel: "Schon die Unabhängigkeitserklärung geht für viele auf eine Verschwörung des englischen Königs gegen die amerikanischen Kolonisten zurück", so Dean.
Doch wer sind die Konspirologen, die hinter jeder Aktion abgekartete Spiele diverser Machthaber sehen wollen? Für den US-Journalisten Daniel Pipes ist die Antwort gleich einfach wie klar: Politisch Unzufriedene und soziale Randgruppen seien empfänglich für konspirative Umdeutungen der offiziellen Geschichtsschreibung, um so Schuldige für ihre Misere zu finden. In seiner Studie "Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen" (1998) geht er entsprechend auf die beliebtesten Verschwörungstheorien der afroamerikanischen US-Bevölkerung ein: So würden viele Schwarze glauben, dass die unverhältnismäßig hohe Rate an afroamerikanischen Aidsopfern und Drogenkonsumenten das Resultat einer gezielten Kampagne der US-Regierung sei, um die schwarze Bevölkerung zu dezimieren. Und angeblich sind für die Mehrheit der Schwarzen die politisch Mächtigen im Weißen Haus an den Morden an Malcom X und Martin Luther King beteiligt gewesen.
Für Jodi Dean ist diese einseitige Zuordnung des Verschwörungsdenkens nicht nur fragwürdig, sondern ein Ärgernis, wie sie gegenüber "heureka" meint: "Diese Sicht macht mich krank." Zwar sei erhöhte Bereitschaft für Verschwörungsdenken unter der schwarzen Bevölkerung gegeben und auch wissenschaftlich belegt. Doch wird Dean nicht müde zu betonen, dass auch gesellschaftlich herrschende Kräfte zu Verschwörungstheorien greifen, um ungeliebte Kritik ausschalten zu können. "Das beste Beispiel ist George W. Bush, der selbst konspirativ denkt und glaubt, Opfer einer Verschwörungsgruppe von Terroristen und dem Irak zu sein. Selbst der ganze Kalte Krieg hatte seine Wurzeln im Verschwörungsdenken!"
Das Verhalten der US-Regierung ist am grassierenden Verfolgungswahn und Misstrauen, ja selbst an der UFO-Gläubigkeit vieler US-Amerikaner nicht ganz unbeteiligt. Als beispielsweise im Jahr 1947 im US-amerikanischen Ort Roswell ein Spionageballon des Militärs abstürzte, hat die damalige US-Regierung geheime Untersuchungen über das unerklärliche Phänomen eingeleitet. Offiziell ist das unbekannte Flugobjekt als Wetterstation deklariert worden - und der Konspiration war Tür und Tor geöffnet.
Aber auch Manipulationen rund um den letzten Irakkrieg 1991 ließen die Regierung nicht gerade integer erscheinen: Die Nachricht, dass irakische Soldaten 300 kuwaitische Babys aus ihren Brutkästen genommen hätten und auf dem kalten Boden des Spitals hätten sterben lassen, stellte sich als Propaganda des US-Militärs heraus.
Bücher
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Jodi Dean: Aliens in America. Conspiracy Cultures from Outerspace to Cyberspace. Ithaca 1998 (Cornell University Press). 256 S., US-$ 18,95 |
| Jodi Dean: Publicitys Secret: How Technoculture Capitalizes on Democracy. Ithaca 2002 (Cornell University Press). 224 S., US-$ 17,95 |
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Daniel Pipes: Verschwörung. Faszination und Macht des Geheimen. München 1998 (Gerlin Akademie Verlag). 359 S., EUR 32,70 |
| Mathias Bröckers: Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11. September. Frankfurt a.M. 2002 (Zweitausendeins Verlag). 360 S., EUR 12,75 |
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Erika Müller ist promovierte Romanistin, freie Journalistin und Teilnehmerin des Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation.
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