heureka: In einem vor kurzem in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntags-Zeitung" erschienenen Artikel stellt Jürgen Kaube die Frage, warum die Friedensforschung so selten in der Öffentlichkeit zu Wort kommt. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
Gerald Mader: Weil die Friedensforschung im Widerspruch zum derzeit herrschenden neoliberalen und militaristischen Zeitgeist steht, der ja auch die Medien prägt. Kaube hat in seinem Text übrigens Unrecht, wenn er von "rechten" Sicherheitsexperten und "linken" Friedensforschern spricht. Das ist keine Frage von "links" oder "rechts".
Was verstehen Sie unter "militaristischem Zeitgeist"?
Wenn zum Beispiel ständig die Rede ist von einer gemeinsamen Sicherheitspolitik der EU, bevor eine gemeinsame Außenpolitik umgesetzt oder auch nur durchdacht worden ist ...
Könnte es sein, dass die jüngere Friedensforschung, die sich ja nicht nur auf die "Abwesenheit von Krieg", Rüstungsdynamik und -kontrolle konzentriert, sondern auf vielfältige Ursachen von Konflikten, den medialen Betrieb unserer Tage im "Normalfall" überfordert? Kann sie die gewünschten "einfachen" Antworten auf überschaubare Fragen nicht liefern? Provokant formuliert: Ist Friedensforschung zu "komplex"?
Es ist klar, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Friedensforschung nicht im gleichen Maße im medialen Rampenlicht stehen können wie die Friedensbewegung.
Wo sehen Sie den wesentlichen Unterschied zwischen Friedensforschung und -bewegung?
Die Friedensbewegung wird von der Friedensforschung sowohl analysiert als auch grundsätzlich unterstützt. Allerdings ist die Friedensbewegung ihrem Wesen nach sehr spontan, emotional und sicher teilweise auch einseitig in ihrer Ausrichtung und ihren Aussagen. Das darf eine wissenschaftliche Friedensforschung natürlich nicht sein. Ein wesentlicher Unterschied ist der zwischen reinem Pazifismus und aktiver Friedenspolitik: Die Friedensforschung lehnt Angriffskriege ab, ist aber nicht gegen jegliche militärische Aktion - nicht, wenn diese von der UNO gedeckt ist. Basis ist das Völkerrecht, wobei wir uns als Friedensforscher natürlich nicht mit der Aussage "völkerrechtswidrig" begnügen, sondern die Hintergründe beleuchten. Woran wir nach wie vor arbeiten, ist allerdings die Widerlegung von Stereotypen, denen sozusagen "ewige Gültigkeit" zugesprochen wird - also Aussagen wie "Kriege wird es immer geben". Es gibt kein Gen, das Politiker zur Kriegsführung zwingt!
Kommen wir wieder zu Schlaining und zur öffentlichen Wahrnehmung zurück: Was tut sich rund um das vor zwei Jahren etablierte Friedensmuseum?
Wir erwarten heuer etwa 10.000 Besucher. Das Land Burgenland trägt zum Erhalt des Friedensmuseums zweieinhalb Dienststellen und Betriebskosten in Höhe von 18.000 Euro bei, etwa doppelt so viel müssen wir selbst erwirtschaften. Neben der permanenten Ausstellung im Friedensmuseum zeigen wir heuer auch die Sonderausstellung "Felsenfest Frieden". Wir haben auch die Absicht, eine Art "Galerie des Friedens" einzurichten, in Anlehnung an die "Galerie der Forschung", die die Österreichische Akademie der Wissenschaften derzeit umsetzt. Wir haben vor einiger Zeit eine repräsentative Umfrage gemacht: Demnach kennen zwanzig Prozent der Österreicher Schlaining als Institution, zumindest dem Namen nach - das ist ein sehr guter Wert für ein wissenschaftliches Institut! Vor allem aber werden die Erkenntnisse der Friedensforschung auf politischer und diplomatischer Ebene wahrgenommen - und auch umgesetzt!
Können Sie konkrete Beispiele dafür nennen?
Seit mehr als zehn Jahren - mit Beginn des Zerfalls von Jugoslawien - kommt der Konfliktforschung neue Bedeutung zu. Neue didaktische Methoden sind entwickelt worden. Schlaining nahm und nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Aufgrund unserer Erfahrungen sind wir von der EU beauftragt worden, Trainingsmodule für Juristen und Diplomaten auszuarbeiten, die für einen Einsatz in Krisengebieten vorbereitet werden. Als Kontraktor der EU haben wir sowohl die wissenschaftlichen Grundlagen erarbeitet als auch das Monitoring für die Durchführung der Trainingsprogramme übernommen. Wir arbeiten auch eng mit Weltbank und OSZE zusammen, wobei wir uns die Möglichkeit der Kritik natürlich vorbehalten. Zur Kooperation mit der Weltbank kam es ab den Neunzigerjahren, als diese an uns mit dem Vorschlag herantrat, in Schlaining gemeinsame Kurse für bosnische, kroatische und serbische Manager anzubieten. Heute führen wir Kurse in Konflikt- und Krisenmanagement auch in Südafrika und Georgien durch.
Ist Friedensforschung heute also mit praxisorientierter didaktischer Arbeit gleichzusetzen?
Nicht nur. Es gibt vielfältige Ursachen für gewalttätige Konflikte, deshalb ist eine kontinuierliche Analyse auf wissenschaftlicher Basis unbedingt notwendig. Mit der zunehmenden Globalisierung wird die Analyse von Konflikten natürlich nicht einfacher, eine Vielzahl von Faktoren muss mitberücksichtigt werden. Trotzdem ist Verständlichkeit in der Lehre ein Muss. Diese Aufgabe ist eben schwieriger geworden und erfordert - wie immer in der Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen - ein gewisses Talent. In Schlaining übernimmt die ÖSFK die Aufgaben der Forschung, während sich das EPU (European University Center for Peace Studies, Anm. d. Red.) auf die Lehre konzentriert.
Wohin bewegt sich die internationale Friedensforschung? Gibt es so etwas wie "Trends" oder neue Fragestellungen?
Derzeit ist ein Generationenwechsel in der Friedensforschung im Gange. Neben der Entwicklung neuer Methoden für die konstruktive Konfliktbearbeitung geht es verstärkt darum, wie rechtsstaatliche Institutionen auf- und ausgebaut werden können. Fragen von "Global Governance" und vor allem Fragen, die mit der zunehmenden Globalisierung zu tun haben, rücken in den Vordergrund - und damit auch der Nord-Süd-Konflikt.
Der Politologe Herfried Münkler aus Berlin meint, die Friedensforschung hätte sich bisher zu wenig mit ökonomischen Aspekten beschäftigt. Teilen Sie diese Ansicht?
Wirtschaftliche Zusammenhänge werden natürlich immer wichtiger, vor allem in Hinblick auf die Globalisierung. Allerdings haben sich Forscher wie Dieter Senghaas und Johan Galtung schon in den Achtzigerjahren auch mit ökonomischen Fragen auseinander gesetzt. Es ist klar, dass wirtschaftliche Strukturveränderungen auch in politischer Hinsicht ihre Entsprechung finden müssten. Im UN-Sicherheitsrat sind nach wie vor nur vier Westmächte plus China permanent vertreten, nicht aber Indien oder Brasilien.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


