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heureka! - "Die Laus kommt wieder"

Gabriele Werner beschäftigt sich seit ihrer Dissertation über "Mathematik im Surrealismus" mit den Parallelen und Wechselwirkungen zwischen Kunst und Wissenschaft. In den letzten Jahren hat sie an der Berliner Humboldt-Universität die Forschungsdatenbank "Das Technische Bild" mitkonzipiert und geleitet. Dass sie die Analyse wissenschaftlicher Bilder in Forschung und Lehre vertritt, gab den Ausschlag für ihre Berufung auf eine Professur für Kunstgeschichte an die Wiener Hochschule für angewandte Kunst zum Wintersemester 2003/4. Hier ist die Langfassung ihres Gesprächs mit "Heureka" über Kunstgeschichte ohne Kunst, die historischen Wurzeln des wissenschaftlichen Blicks und den Streit um Zuständigkeiten.

Interview: Stefan Löffler

Heureka: Wann hat die Kunstgeschichte die Bilder aus der Wissenschaft als Forschungsgegenstand entdeckt?

Gabriele Werner: Meint man die Kunstgeschichte im Sinne von traditionellen, monographischen Großausstellungen, ist sie sicherlich noch weit davon entfernt, das wahrzunehmen. Im modernen Sinn von historischer Bildwissenschaft gehen wir über die tradierten Felder weit hinaus.

Kunstgeschichte ohne Kunst?

Es gibt durchaus historische Wurzeln: Der Nächstliegende, wenn man an Bildwelten außerhalb der Kunst denkt, ist Aby Warburg. Aber auch schon für Alois Riegl und Heinrich Wölfflin war es um 1900 keine Frage, dass sowohl so genannte Hochkunst als auch etwa die Form einer Schuhspitze etwas darüber aussagte, was eine Epoche auszeichnet. Im Projekt "Das Technische Bild" wollen wir zeigen, dass formale Analysen von Bildern der erste Schritt sind, um zu verstehen, mit welchen politischen und argumentativen Funktionen sie eingesetzt werden und was es bedeutet, über die formale Beschreibung zum Erkenntniswert von Bildern zu kommen. Einzelforschungen in diesem Bereich laufen ja seit langem.

Was unterscheidet Ihr Projekt von diesen Einzelstudien?

Hier haben wir eine Institution, sind erreichbar, und mit unserer Bilddatenbank können wir Bilder in bisher ungekanntem Umfang als Forschungsgegenstände zur Verfügung stellen. Wir sind weder ein weiteres Archiv noch eine Sammlung mehr, sondern wir versehen die Bilder mit Schlagworten und verknüpfen sie miteinander, um die Möglichkeit zum Vergleich zu schaffen.

Aber um in der Datenbank zu suchen, werde ich Worte brauchen?

Ja, Mustererkennung ist vorläufig noch nicht drin.

Wendet sich die Datenbank auch an Wissenschaftler, die schlicht ihre Veröffentlichungen oder Präsentationen bebildern wollen?

Sobald wir im Netz sind, wird es auch diese Dienstleistung geben, weil es ein offenes System ist, aus dem man sich Bilder runterladen kann. Mit unseren Umgang mit den Bildern möchten wir aber unseren anderen Forschungsansatz dokumentieren. Jetzt dienen Bilder in der Regel als Blickfang für einen Artikel. Man findet nichts darüber, wie sie zustande gekommen sind, was konkret zu sehen ist, eingesetzte Farbcodierungen werden nicht analysiert. Eine andere Sache ist, dass Mikroskopiebilder fast immer rund sind. Was also immer mitgeliefert wird, ist der Blick durch zumindest ein Okular. Bei Gunther von Hagens...

...der seit Jahren mit Schockerfolg seine "Körperwelten" ausstellt...

...dauerte es lange, bis man ihn insofern historisiert gekriegt hat, dass man in seinen präparierten Leichname im Grunde einen anatomischen Atlas aus dem 16.Jahrhundert gesehen hat.

Stehen wir vor einer Welle von Forschungsarbeiten über technische Bilder?

Ich hoffe. Seit einigen Jahren entstehen Aufsätze, Magister- und Doktorarbeiten über Baumdiagramme, die Darstellung der Fieberkurve oder die Meervermessung durch Echolot. Das wird nicht alles aus der Disziplin Kunstgeschichte heraus geschrieben, aber auch hier mehren sich die Arbeiten zu den Bildwelten der Medizin, Physik, Chemie oder der Mathematik.

Muss man nicht ausführlich mit den Wissenschaftlern sprechen und sie beobachten, um zu wissen, was sie mit den Bildern tun?

Wir beschränken uns momentan auf publizierte Bilder und die mehr oder minder populistischen Erläuterungen, die mitgeliefert werden.

Das, was die Forscher ursprünglich gesehen haben, ignorieren Sie?

Teils, weil es gar nicht festzuhalten ist, teils aus arbeitsteiligen Gründen: Unser Partnerprojekt, wo die Bestände der Humboldt-Universität digitalisiert werden, erfasst sehr wohl Originalpräparate und etwa auch Originalmikrofotografien.

Die vorletzte Frage zielte eigentlich darauf ab, ob Sie sich als Kunsthistorikerin gewappnet fühlen, dichte Analysen wissenschaftlicher Bilder zu liefern?

Die tiefer gehenden Inhalte der Bilder müssen natürlich von Fachleuten erklärt werden. Bevor wir an die Öffentlichkeit gehen, lassen wir die Informationen, die wir zu den Bildern geben, überprüfen.

Wissenschaftshistoriker wie der Berliner Michael Hagner sind von der Zuständigkeit der Kunstgeschichte für das wissenschaftliche Bild gar nicht überzeugt.

Wir sind in eine politische Situation der Bestandssicherung und Zuständigkeiten hineingeraten. Aber diese Zuständigkeitsdebatte mache ich nicht mit. Ich freue mich auf das nächste Buch von Hans Jörg Rheinberger...

...ebenfalls Wissenschaftshistoriker und Leiter von Hagners Arbeitsgruppe am Max Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin...

...weil ich von ihm viel mehr lerne, was den Umgang mit Bildern und Theorien der Repräsentation anbelangt, als von so manchem Kunsthistoriker.

Und wo sind die überzeugenden kunsthistorischen Studien, die Hagner einfordert?

Horst Bredekamp zeigt, dass Charles Darwins Evolutionstheorie systematisch reduziert wurde auf hierarchisierte, selektierte Fortschrittsbäume. Dabei findet man in "The Origin of Species" durchaus andere Angebote, wie man sich Evolution vorstellen kann, etwa Illustrationen, die in Korallenstrukturen verlaufen. Da wächst nicht alles zielgerichtet noch oben, sondern da gibt es Verzweigungen nach links unten und ein viel größeres Ringen, doch diese Teile Darwins wurden von der Wissenschaftsgemeinde unterdrückt. Die Frage, wie darwinistisch Darwin ist, haben zwar auch Wissenschaftshistoriker gestellt, aber Bredekamp liefert die hierfür ebenso notwendige Bildanalyse. In diesem transdisziplinären Bereich können wir uns, glaube ich, mit Lauterkeit bewegen.

Was meinen Sie im ersten Band Ihrer Halbjahresschrift "Bildwelten des Wissens" damit, es fehle der Naturwissenschaft an Bildtheorie?

Steht das da wirklich? Wenn, dann ist gemeint, dass die Naturwissenschaften ihre Bildfindungen nicht selbst historisieren. Die Laus, die bei Bildern von der Nanotechnologie gerne als Blickfang verwandt wird, geht bis ins 16.Jahrhundert zurück, auch in der Mikroskopie und Mikrophotographie ist sie präsent als Ikone, die über die Jahrhunderte weitergetragen worden ist. Heute begegnet sie uns wieder als goldbestäubte Laus, die zwischen Schamhaaren sitzt, präpariert für die Nanotechnologie. Es geht darum, dass man diese Bilder rekontextualisiert in ihre aktuelle Zeitgeschichte, also mitberücksichtigt, von welchen anderen Bildern sie umgeben waren und sind. Wie werden Formen erstellt, welche disziplinären Selektionen finden statt? Welche wissenschaftspolitische Wirkungsmacht haben sie? Neuerdings werden wir von der Öffentlichkeit als Experten für wissenschaftliche Bilder betrachtet. Das fing an mit dem Aufsatz in "Nature" über die Bilder der Nanotechnologie...

...also im Februar 2003...

...woraufhin die "Süddeutsche Zeitung" bei uns angefragt hat, was wir davon halten, dass formale Bedingungen für die Veröffentlichung von Bildern der Nanotechnologie eingeführt werden. Danach hatten wir mehrere Fernsehteams hier. Eine Wissenschaftsredakteurin hat uns hinterher geschrieben, sie sei völlig von den Socken gewesen, dass man so über die Nanotechnologie und ihre Bilder sprechen kann. Die frühesten Bilder, die mit Rasterelektronenmikroskopie produziert wurden, waren im Gegensatz zu heute völlig unscharf oder verrauscht, wie wir heute sagen. Im Lauf der Zeit wurden Oberflächen daraus, wo Atome in Reih und Glied stehen. Das würde gegenüber den früheren Bildern aber auch eine Veränderung der dahinter stehenden Quantenmechanik bedeuten. Die frühen Bilder zeigten noch, dass es im Grunde nicht möglich ist, ein Atom zu lokalisieren, in dem Moment, wo auch seine energetischen Spuren aufgezeigt werden soll. Die neuen Bilder ignorieren die Unschärfetheorie und entsprechen ausschließlich der Technik, dass man Atome verschieben kann. Der Informationswert dieser Bilder geht also gegen null, aber sie haben eine enorme Wirkung, um die Technik stark zu machen. Das ist im Moment der Zustand: Viele Wissenschaften machen in "Nature" und "Science" ihre Fächer über Bilder populär. Vor allem in der Nanotechnologie und der Gentechnologie haben Bilder einen unglaublichen Stellenwert bekommen, aber der Umgang mit ihnen ist noch nicht geschult. Oft sind es entweder reine Illustrationen oder aber Fantasiegebilde wie die Nanoläuse.

Sind Kunsthistoriker nicht für gemachte Bilder zuständig, während als Experten für natürliche Bilder die Naturwissenschaftler gelten?

Wenn es wirklich die Auffassung der Naturwissenschaftler wäre, dass sie natürliche Bilder erstellen, ist unsere Arbeit erst recht notwendig. Jedes naturwissenschaftliche Bild ist auch hergestellt. Selbst wo wir, wie bei Präparaten, etwas Natürliches vor uns glauben, ist nicht entscheidbar, ob wir die Präpariertechnik vor uns haben oder einen Ausschnitt der Natur.

Eine andere Domäne der Kunstgeschichte ist die Ästhetik. Geht es Ihnen auch um eine Ästhetikkritik der Wissenschaftler?

Wenn man mit Ästhetik nicht Schönheit meint sondern Aisthesis, also Wahrnehmung, dann ja. Auf einer strukturellen Ebene gehen wir mit naturwissenschaftlichen Bildern genau so um wie mit Kunst.

Ein Künstler muss normalerweise nicht rechtfertigen, wie er seine Bilder produziert, ein Wissenschaftler im Prinzip schon.

Es würden aber auch nur wenige Künstler behaupten, dass sie die wahre Sicht der Dinge bieten. Wir erwarten von den Naturwissenschaftlern, dass sie sich damit auseinandersetzen, dass ihre Bilder nicht ein So-Sein sind, dass sie keine Tatsachen sind. Wir erwarten eine Analyse, mit welchen Mitteln und Zwecken sie die Bilder herstellen.

Was haben Sie sich für ihre Professur an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst vorgenommen?

Ich bringe aus Berlin ein zweisemestriges Seminar zur Geschichte des naturwissenschaftlichen Bildes mit und werde Seminare über technische Zeichnungen anbieten, also wie Zeichnungen ihren Wirklichkeitsstatus behaupten konnten und in der Naturwissenschaft nicht als irgendein genialer Entwurf gelten sondern als Werkzeug und Forschungsmittel. Außerdem will ich weiter zur Geschichte der medizinischen Visualisierung forschen.

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