Hürdenlauf. Eine der wichtigsten Prüfungen für Studierende wird man im offiziellen Curriculum vergeblich suchen. Das Fachgebiet heißt "Zeitmanagement und Stundenplangestaltung" und wird angesichts überfüllter Hörsäle, beschränkter Praktikumsplätze und kollidierender Vorlesungstermine oft zu einer echten Hürde. Das gilt besonders für Berufstätige: Studium und Job sind zeitlich oft nur schwer unter einen Hut zu bringen.
Einen Ausweg bietet das Fernstudium: An der 1974 gegründeten FernUniversität Hagen im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen sind 44.000 Studierende immatrikuliert – achtzig Prozent von ihnen sind berufstätig. Sie bestimmen ihren Studienrhythmus und Stundenplan individuell, persönliche Anwesenheit ist höchstens bei mündlichen Prüfungen gefordert – und auch die werden zusehends von Klausuren per Konferenzschaltung ersetzt. Fünf von sechs der Haupthörer wählen in Hagen das Studium nach dem Teilzeitmodus, bei dem die Mindeststudiendauer verdoppelt, die Zahl der abzulegenden Prüfungen entsprechend pro Semester halbiert ist.
Uwe Schimank, der in Hagen Soziologie lehrt, sieht zwei Hauptmotive, diesen besonderen Bildungsweg einzuschlagen. Viele der Hörer – 23 Prozent der Immatrikulierten sind bereits Akademiker – hätten sehr genaue Vorstellungen, welche Zusatzausbildung sie auf der Karriereleiter eine Sprosse nach oben bringe. Das spiegelt sich auch in der Statistik wider: Knapp die Hälfte aller Hörer entfallen auf die Wirtschaftswissenschaften, einem der insgesamt sechs Fachbereiche. Die zweite Gruppe bilden nach Schimank Studenten mit einem eher unspezifischen Interesse, die ihren Bildungshorizont erweitern wollen.
Gourmet-Studenten. Die dritte und kleinste Gruppe bilden Hörer, die aus reinem Interesse studieren, gewissermaßen eine akademische Kür absolvieren. Zu dieser Fraktion gehört etwa Markus Winter, ein promovierter Volkswirtschaftler aus Wien, der seit nunmehr zehn Semestern in Hagen Mathematik studiert. Winter schätzt neben der flexiblen Zeiteinteilung und der Anonymität vor allem die exzellente Betreuung: Die Lehrenden können bei fachlichen Problemen jederzeit angerufen werden, E-Mails werden meist noch am selben Tag beantwortet. "Die schriftliche Kommunikationsform eignet sich im Fall der Mathematik sogar besonders gut, da sie zu Präzision zwingt", so Winter.
Österreicher müssen in Hagen keine Studiengebühren berappen, dafür muss man für die Nutzung der Infrastruktur einen Beitrag von 85 Euro pro Semester leisten. Videoprüfungen kosten vierzig Euro, die Studienunterlagen – traditionell als "Studienbriefe" bezeichnet – werden zusätzlich verrechnet.
Auch wenn das Studium nach wie vor mit Unterlagen in Papierform absolviert werden kann – Internetzugang ist in Hagen kein Muss – sind elektronische Medien stark im Kommen. Es genüge allerdings nicht, die Studienunterlagen eins zu eins in elektronische Form zu "pdfisieren", betont Peter Baumgartner (siehe Interview), der in Hagen Bildungstechnologie lehrt: "Das Internet ist nicht nur ein Transport-, sondern auch ein Kommunikationsmedium", so der gebürtige Österreicher. Das heißt, es müsse auch als Plattform für Diskussionen und Fachbetreuung genutzt werden.
Die Hagener Hochschule ist nicht nur die größte Universität des Ruhrgebiets, sie ist auch die einzige staatliche Fernuniversität des deutschsprachigen Raums und damit auch die Fernuniversität Österreichs und der Schweiz. Kooperationen bestehen mit knapp siebzig Studienzentren, die von Bad Goisern bis Riga über halb Europa verteilt sind. Immerhin acht davon liegen in Österreich.
In Linz beginnt’s. Hierzulande bietet einzig die Universität Linz im Fachbereich Jus ein Fernstudium an.
Wie Andreas Riedler, der Vorstand des Instituts für Fernunterricht in den Rechtswissenschaften, ausführt, absolvieren die Hörer ihre Ausbildung mit dem so genannten Medienkoffer, der sämtliche Unterlagen in Form von DVDs beinhaltet. Arbeitsgemeinschaften und Übungen werden in Fernsehstudios abgehalten und per Livestreaming im Internet übertragen. Der Arbeitsaufwand sei zwar sehr hoch, so Riedler, komme dafür der Qualität der Betreuung zugute. Den Studierenden scheint diese Form der Wissensvermittlung jedenfalls zu gefallen: Die Zahl der Studienanfänger des Multimedia-Lehrgangs liegt bei 600 – das sind doppelt so viele wie beim klassischen Präsenzstudium.
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