Startseitefaltershop - Buch Musik FilmAbo ServiceTop-Storiesheureka WissenschaftsmagazinTier der WocheNewsletterMediadatenImpressum
Event ProgrammKino ProgrammLokalführer WienFeste feiernBest of Viennacreation/productionReparaturführer WienBio-Guide

Das dicke Ende

Von Gesetzes wegen braucht man dafür nur ein halbes Jahr. Tatsächlich aber wird die Diplomarbeit für viele Studierende zu einem oft über Jahre dauernden Kampf mit Krampf. Schuld an der tabuisierten Abschlussschwäche sind intransparente Anforderungen, schlechte Betreuungsverhältnisse, aber auch eine mangelnde Schreibausbildung während des Studiums.
Von Klaus Taschwer

Schreibkrisenbewältigung
Literaturtipps

Leserbrief

Das lange Warten. Ihr Pädagogik-Studium haben sie bis knapp vor dem Ende in Mindeststudiendauer absolviert. Jetzt fehlen den Betroffenen nur noch die Diplomarbeit und die Diplomprüfung. Die Abschlussarbeit aber erweist sich als schier unüberwindliche Hürde. Ein einziger nichthabilitierter Hochschullehrer kommt als Betreuer für das von ihnen ins Auge gefasste Spezialgebiet infrage. Der aber ist mit Diplomanden so überlastet, dass erst einmal eineinhalb Jahre Warten angesagt sind. Dann, noch bevor das Betreuungsverhältnis formal begonnen hat, geht der vermeintliche Betreuer in Pension. Obwohl zuvor anders vereinbart, wird ihm nicht mehr gestattet, weiterhin Diplomarbeiten zu betreuen.
So können in Österreich schon beim sinnlosen Warten auf einen Betreuer für die Diplomarbeit jene zwei Jahre vergehen, die man hierzulande im internationalen Vergleich im Durchschnitt länger studiert als anderswo. Insbesondere in überlaufenen Studienrichtungen wie Publizistik, Pädagogik oder Psychologie herrschen zum Teil untragbare Betreuungszustände – für die Diplomanden ebenso wie für manche ihrer Betreuer.
Am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien beispielsweise kommen auf einen Professor, der dafür ja auch bezahlt wird, mehrere Dutzend Diplomarbeiten gleichzeitig. Doch selbst das ist angesichts der Nachfrage zu wenig. So kommen externe Lehrbeauftragte des Instituts zum Handkuss, wie der habilitierte Medientheoretiker Frank Hartmann. Er betreut mittlerweile auch schon 27 Diplomanden – das allerdings einigermaßen selbstlos: Pro fertig gestellter Diplomarbeit erhält er 100 Euro, für die Diplomprüfung noch einmal acht Euro. Für sein Diplomandenseminar gibt es gar kein Geld.

Das verflixte halbe Jahr. Das Gesetz macht es den Studierenden eigentlich leicht. Unter Paragraf 61, Ziffer 2 des Universitäts-Studiengesetzes (UniStG) heißt es nämlich: "Die Aufgabenstellung der Diplomarbeit ist so zu wählen, dass für eine Studierende oder einen Studierenden die Bearbeitung innerhalb von sechs Monaten möglich und zumutbar ist." In der Realität sieht die Sache anders aus. Genaue Zahlen über die tatsächliche Dauer der Diplomphase fehlen. Wie bei diesem Thema überhaupt Intransparenz vorherrscht: In den bisherigen Lehrevaluierungen wurde die Diplomarbeitsbetreuung ausgespart. Auch was die Anforderungen angeht, ist man nicht überall so konsequent wie an der Wiener Wirtschaftsuniversität. Dort wird in der Regel nicht nur ein klar eingegrenztes Thema, sondern auch die maximale Seitenzahl vorgegeben: Mehr als 80 Seiten werden nicht akzeptiert.
An der WU sind so auch Diplomarbeiten in einem halben Jahr machbar. An jenen sozial- und humanwissenschaftlichen Massenstudienrichtungen, wo rechnerisch besonders viele Diplomanden auf einen Betreuer kommen, sind dagegen heillos überdimensionierte Diplomarbeitsprojekte keineswegs selten, wie die professionelle Schreibtrainerin Judith Huber (www.writersstudio.at, siehe Schreibkrisenbewältigung) aus Erfahrung weiß: "Die Studierenden haben die fragwürdige Freiheit, ihr Thema so vage und so breit anzulegen, wie sie möchten, und so lange daran zu arbeiten, bis sie eben fertig sind." Aus sechs Monaten können so schnell ein, zwei Jahre werden. Und aus der Diplomarbeit eine kleine Dissertation.

Reden übers Schreiben. Es sind aber nicht nur die oft unzumutbaren Betreuungsverhältnisse und die unklaren Vorgaben, die aus dem Ende eines Studiums eine oft unendliche Geschichte machen. Vielen Magistri und Magistrae in spe fehlen schlicht und einfach auch die Schreibfähigkeiten. Aber wo sollen sie es auch gelernt haben?
In vielen Studienrichtungen ist es entweder unüblich oder unmöglich, Seminar- oder Proseminararbeiten korrigiert und mit Anmerkungen versehen an die Studierenden zurückzugeben. Und anders als an britischen oder amerikanischen Universitäten sind Übungen in wissenschaftlichem Schreiben, in denen der Umgang mit Texten schon während des Studiums und nicht erst während der Abschlussarbeit reflektiert und vermittelt wird, hierzulande nicht Teil des Lehrplans.
An Österreichs Universitäten fehlt in der oft ausufernden Abschlussphase selbst für ein Gespräch zwischen Betreuer und Diplomand oft die Zeit. Als Frank Hartmann sich für eine verzweifelte Diplomandin zwanzig Minuten bei einem Kaffee nahm, um über ihre Arbeit zu sprechen, gestand ihm die Studentin hinterher, noch nie so lange mit jemandem darüber gesprochen zu haben. "Viele Diplomanden sind völlig blockiert", resümiert Hartmann seine mitunter therapeutischen Betreuungserlebnisse: "Ein längeres Gespräch wirkt oft Wunder. Und die Leute können plötzlich wieder schreiben."

Leserbrief:
Dipl.-Ing. Gerald Gangl (Oktober 2004)

2012 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: CP-Redaktion, Marketing
Impressum Kontakt