Am Tag, an dem Debora Weber-Wulff das Vertrauen in ihre Studierenden verlor, kam einiges zusammen. Auf ihrem Schreibtisch warteten Hausarbeiten darauf, gelesen zu werden. Daneben lagen Hausarbeiten, die sie schon durchhatte, verteilt auf zwei Stapel. Auf dem einen die schönsten Arbeiten, verdächtig schön, darum hatte die Informatikprofessorin sie zur Seite gelegt. Eigentlich sollte sie an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin-Karlshorst sein und unterrichten. Aber sie war krank geschrieben, weil ihre Stimme weg war. In dieser unfreiwilligen Mußestunde schlug sie die ach so guten Hausarbeiten noch einmal auf und googelte nach einzelnen Satzfetzen. Nach zwanzig Minuten wusste sie, wo ihre vermeintlich besten Studenten abgeschrieben hatten.
Zunächst ärgerte sie sich über die verschwendete Zeit: Warum hatte sie diese Arbeiten in den letzten Tagen überhaupt gelesen, wenn sie gar nicht von ihren Studierenden stammten? Dann kam ihr ein schrecklicher Verdacht: Was, wenn noch viel mehr dieser Hausarbeiten aus dem Internet abgekupfert waren? Mit Wut im Bauch erschien sie in der Woche darauf im Seminar: Wer ein Plagiat geliefert habe, könne es jetzt zurückziehen und eine neue Hausarbeit schreiben. Alle Arbeiten, die übrig bleiben, werde sie testen. Und wen sie erwische, der sei unwiderruflich durchgefallen.
Viele Lehrende an österreichischen Universitäten und Fachhochschulen können über ähnliche Erfahrungen berichten. Lehrkräfte in aller Welt haben den unter ihren Studierenden grassierenden Plagiarismus erkannt, aber nur wenige haben so radikale Konsequenzen daraus gezogen wie Debora Weber-Wulff vor drei Jahren. Sie führte heftige Diskussionen mit ihren Studierenden. Sprach Kollegen, die ihr gerade über den Weg liefen, auf deren Erfahrungen an. Schrieb Artikel, wie man Plagiate effizient entlarvt. Gab Interviews, hielt Vorträge, konzipierte ein Forschungsprojekt. Der Plagiarismus war ihr Thema geworden.
Niemand kann beziffern, wie verbreitet das Abkupfern an österreichischen Fachhochschulen und Universitäten tatsächlich ist. Aber es gibt einige Zahlen aus den USA. 38 Prozent der Studenten gaben in einer Umfrage zu, im zurückliegenden Jahr mit dem Copy-&-Paste-Verfahren eine Hausarbeit angefertigt zu haben. Neunzig Prozent der Studenten glauben, dass Betrüger in der Regel nicht erwischt und wenn doch, dann unzureichend bestraft werden. In den Ehrgerichten US-amerikanischer Colleges, in denen Studierende die Mehrheit haben, werden Betrüger oft strenger beurteilt als von den Verwaltungen.
Einige Firmen bieten an, digital vorgelegte Texte auf ihre "Originalität" zu prüfen. An vielen US-Hochschulen muss man Hausarbeiten mittlerweile elektronisch einreichen, damit sie getestet werden können, ehe die Lehrenden sie lesen und benoten. Der bekannteste Anbieter Turnitin (englisch zusammengeschrieben für "reich es ein") unterzieht täglich rund 10.000 Hausarbeiten einem automatisierten Abgleich mit dem Internet, mehreren digitalen Bibliotheken und nicht zuletzt der mittlerweile mehrere Millionen Hausarbeiten umfassenden eigenen Datenbank. Dabei werden dreißig Prozent der eingereichten Texte als Plagiate entlarvt. Fast immer handelt es sich dabei um Mixturen aus mehreren Originalen. Nicht einmal ein Prozent der überprüften Hausarbeiten basieren laut Turnitin auf einer einzigen Quelle.
Es gibt keinen Grund, warum die Plagiatsquote der österreichischen Seminararbeiten viel niedriger sein sollte als in den USA. Anders als dort drohen hiesigen Studenten auch keine systematischen Tests durch Firmen wie Turnitin und auch keine offiziellen Sanktionen, die an US-Unis bis zum Verweis von der Universität gehen können. Klare Richtlinien zum Umgang mit Plagiatoren gibt es hierzulande nicht. Es ist dem Ethos der Lehrenden überlassen, einem Betrugsverdacht nachzugehen und sich mit den Erwischten herumzuschlagen.
Als sie ihre Studenten erstmals mit dem Vorwurf des Abschreibens konfrontierte, stieß Debora Weber-Wulff auf Unverständnis. Viele wussten gar nicht, dass sie etwas Unrechtes getan haben. Viele glauben, dass alles, was im Internet ist, jedermann zur freien Verfügung stehe. Durch Hausarbeitentauschbörsen, die im Netz florieren, fühlen sie sich trotz Warnungen wie "Informieren, nicht kopieren" bestätigt. Schließlich übernimmt kaum jemand einen Text eins zu eins.
Einer ihrer Studenten habe einmal eine Hausarbeit so akribisch aus zwei Aufsätzen zusammengestellt, dass immer wieder halbe Sätze zusammengefügt waren. Er sei überzeugt gewesen, damit eine eigene geistige Leistung vollbracht zu haben. Selbst unter denjenigen, denen bewusst war, dass sie abkupferten, erkannten nur wenige darin den von ihr beklagten Vertrauensbruch. Für die meisten war es ein Kavaliersdelikt.
Die Informatikerin hat zwei Hauptmotive ausgemacht: den Zeitmangel jener Studierenden, für die das Studium zur Nebenbeschäftigung geworden ist. Und den Ehrgeiz derer, die unbedingt einen Einser wollen. Aus deren Logik ist das Abkupfern sogar geboten. Denn wenn die anderen Seminarteilnehmer aus dem Vollen schöpfen, können sie selbst mit einer überdurchschnittlichen Eigenleistung nicht die beste Hausarbeit abliefern und sich auf ehrliche Weise die Bestnote sichern.
Schließlich kennt Weber-Wulff noch den Typ des ungewollten Plagiators. Das sind Leute, die nach einer Weile am Computer nicht mehr unterscheiden können, was sie selbst formuliert und was sie irgendwo übernommen haben. Wenn in einer Hausarbeit nur einzelne Sätze ohne Quellenangabe übernommen sind, steckt oft nur Schludrigkeit dahinter. Der Betreffende hat nicht sorgfältig exzerpiert und findet die Quellenangaben nicht mehr.
Wie machst du das nur, das Internet ist doch so groß! Wie oft hat Debora Weber-Wulff in den vergangenen Jahren diesen Satz gehört, wenn sie mit Kollegen über die Entlarvung der Abschreiber sprach. Wenn der Computer ins Spiel kommt, halten sich immer noch viele Lehrkräfte für machtlos und überfordert. Die Informatikerin setzte sich also hin und verfasste für das deutsche Computermagazin "c’t" einen Artikel, in dem sie aufzeigt, wie man mit einfachen Mitteln Plagiatoren entlarvt. Sie erhielt Leserbriefe ohne Ende, viele von dankbaren Lehrern und Dozenten.
Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, dass nichts einfacher ist als das Aufspüren von abgeschriebenen Seminararbeiten: Einfach eine verdächtige Wortsequenz suchen, in eine Suchmaschine eintippen, und Google wird fündig oder nicht. Für ihre eigene, ganz dem Plagiieren gewidmete Homepage hat Weber-Wulff in den letzten Monaten nicht nur die wichtigste Literatur zum Thema zusammengestellt, sondern unter dem Titel "Fremde Federn Finden" auch einen Test für Lehrende angefertigt, an denen man das Verdachtschöpfen und das Entlarven üben kann.
Obwohl sie ihren Ruf an ihrer Fachhochschule längst weg hat, werden Weber-Wulff immer noch Hausarbeiten vorgesetzt, die schon beim flüchtigen Durchblättern nach Plagiat riechen. Ein Student hatte drei verschiedene Arten von Zwischenüberschriften gesetzt: zwischen spitzen Klammern, in Fettschrift oder als rhetorische Fragen formuliert. Wenn eine Quelle oder ein zentraler Begriff einmal so und einmal so geschrieben ist, muss man Verdacht schöpfen. Formulierungen, die keinen Sinn machen, deuten auf den Einsatz eines Übersetzungsprogramms hin. Verräterisch sind auch uneinheitliche Zitierweisen. Abweichende Schrifttypen sowieso. Und natürlich Stilbrüche.
Knifflig wird es, wenn die Originale nicht im Internet stehen. Ein Student schrieb aus einem Buch ab, das er sicherheitshalber aus der Institutsbibliothek entwendete. Dumm nur, dass Weber-Wulff es auch zu Hause stehen hatte. Eine Kollegin stieß in einer Hausarbeit auf eine Datumsangabe, die nicht so recht zum Rest passen wollte. Es stellte sich heraus, dass das Original vor einiger Zeit aus dem Netz genommen war.
Sind Dozenten nicht mitschuldig, wenn sie die immergleichen Themen, die immergleichen Anforderungen stellen? Diesen Einwand lässt sie nicht gelten. Weber-Wulff interessiere nicht in erster Linie, was ihre Studenten zu sagen haben, sondern vor allem dafür, wie sie es tun. Als Ursachen der Plagiatsmisere nennt die Informatikprofessorin vielmehr, dass das Einübung des Recherchierens und Schreibens wissenschaftlicher Texte zu kurz kommt. Außerdem leben die Lehrenden Wissenschaft, bewusst oder unbewusst, als individuelle Leistung vor.
In ihren Programmierkursen versucht die Informatikerin das Gegenteil zu vermitteln: Teamwork und gegenseitige Anerkennung. In ihren Arbeitsberichten dokumentieren ihre Studenten Sätze wie "Diese Zeilen habe ich von Markus übernommen und mithilfe von Susanne angepasst". Und wer von den anderen viel Anerkennung kriegt, bekommt auch die bessere Note.
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