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science@fiction

Von Daniel Kehlmann

Vor Jahren hatte ich das Vergnügen, eine Vorlesung von Umberto Eco an der Pariser Ecole Normale Supérieure zu hören. Eco sprach, ohne Notizen vor sich zu haben, über postmoderne Dichtung. Die Stimmung war gelöst, der Saal nicht voll, die Hörer waren gut vorbereitet: Wenn Eco von imaginären Orten wie der Baker Street oder der Eccles Street redete, merkte man, dass jeder wusste, wer diese Straßen in welchen Büchern bewohnte. In der Pause lehnte Eco an der Wand, rauchte eine Zigarre und plauderte mit Studenten. Am Ende der Vorlesung verabschiedete er sich mit einer ironischen Verbeugung, nahm seine Aktentasche und bestieg das Taxi zum Flughafen. Ich fuhr mit dem Nachtzug zurück, und der Zufall wollte es, dass ich am nächsten Tag die Vorlesung einer Wiener Germanistikprofessorin besuchte: eine ältliche Dame, die einige Minuten verspätet den Hörsaal betrat und die Vorlesung einige Minuten zu früh beendete, offenbar, damit kein Student die Möglichkeit habe, sie anzusprechen (auch ihre Prüfungen wurden, so erfuhr ich, nur schriftlich abgehalten; ich habe nie jemanden getroffen, der mit ihr einen Satz gewechselt hätte). In der Vorlesung ging es um Nobelpreisautoren. Mittels eines Projektors warf sie ein Foto an die Wand. Ob ihr jemand den Namen dieses Schriftstellers nennen könne? Nach einer halben Ewigkeit rief ein Schwächling, der das Schweigen nicht mehr aushielt, den Namen Thomas Mann. „Richtig, woher wissen Sie denn das?“ (Der Schwächling war ich, ich gebe es zu, und es ärgert mich immer noch.) Sie las eine Liste der Buchtitel Thomas Manns vor, dann kam sie zu Hermann Hesse. Zum Beweis, dass Hesse einer der Großen des Jahrhunderts sei, zitierte sie aus dem Suhrkamp-Prospekt: „einer der Größten“, stehe da, und gesagt habe es immerhin der Verleger Siegfried Unseld! Die Zuhörer notierten. Ich kam nie wieder. Natürlich hätte es genauso gut umgekehrt sein können: eine großartige Vorlesung in Wien, eine absurde in Paris. Ich behaupte auch nicht, dass diese Geschichte eine Lehre beinhalte. Aber wo immer es um die Konkurrenzfähigkeit österreichischer Universitäten geht, muss ich sie einfach erzählen.

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